9punkt - Die Debattenrundschau

Einen besseren Start konnte es nicht geben

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2017. Die Kreuzdebatte greift zu kurz - das ganze Humboldtforum ist eine von political correctness und Neukolonialismus gelenkte  Fehlkonstruktion, meint Philipp Oswalt im Tagesspiegel. Der Belfaster Schriftsteller Paul McVeigh kann es in der Welt kaum fassen, dass Theresa May mit der Partei der Protestanten paktiert. Ein düsterer Fall von massivem Kindsmissbrauch erschüttert Argentinien - und bringt laut Le Monde auch den heutigen Papst in Bedrängnis. Vegetarier leben in einem Paradox, meinen die Kolumnisten.

Religion

Ein besonders düsterer Fall von Kindesmissbrauch durch Priester stört die argentinische Öffentlichkeit auf, berichtet  Christine Legrand in Le Monde. Er betrifft das Provolo-Institut, wo taubstumme Kinder ausgebildet werden. Der Fall hat ein besondere Tragweite, weil der heutige Papst Franziskus zur Zeit der Geschehnisse Erzbischof von Buenos Aires war, so dass sich die Frage stellt, ob er Informationen hatte: "Die finsteren, tragischen und verstörenden Berichte handeln von einer regelrechten Hölle, die von einigen Dutzend Mädchen und Jungen im Alter von 5 bis 12 Jahren durchlebt wurde. Zeugenaussagen sprechen von Vergewaltigungen durch Anal- und Oralsex, Auspeitschungen und Folter, die zuweilen in Gruppen begangen wurden. Eine Hölle, die noch weiter verdunkelt wurde durch den Umstand, dass die Kinder sich ihren Eltern, die nicht unbedingt die Zeichensprache verstehen, nicht immer verständlich machen konnten."

Viele Deutsche wissen gar nicht, dass die vielgepriesene Sozialarbeit der Kirchen in Institutionen wie Caritas und Diakonie nicht aus der Kirchensteuer bezahlt wird, sagen Helmut Kramer und sein Mitstreiter Wolf Merk, die in Hamburg ein "Säkulares Forum" gegründet haben, im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt: "Die sozialen Aufgaben, die die Kirchen erfüllen, werden doch etwa bei den Kitas zu 100 Prozent aus Steuergeldern - nicht Kirchensteuergeldern - bezahlt... der Eigenanteil ist sehr gering. Die Kirche macht Eigenwerbung mit Leistungen, die zum allergrößten Teil staatlich finanziert sind."

Im Tagesspiegel berichtet Amory Burchard über Probleme bei dem geplanten Islam-Institut an der Humboldt Universität: Liberale Muslime hatten protestiert, dass im Beirat ausschließlich Vertreter konservativer Islamverbände säßen. Der Gründungsbeauftragte des Instituts, Michael Borgolte, verteidigte diese Entscheidung: "Zwar müssten auch liberale Richtungen 'Gelegenheit bekommen, am künftigen Beirat mitzuwirken', sagte Borgolte. Solche Zuwahlen sollten im Vertrag zwischen Universität, Senat und Verbänden auch vorgesehen werden. Ein Entwurf gebe den großen Verbänden schon jetzt kein Vetorecht. Doch die fünf Verbände verträten nun einmal die größte Zahl der Muslime und die Absolventen sollten Anstellung in ihren Moscheegemeinden finden, sagte Borgolte."
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Überwachung

Außer dem Facebook-Zensurgesetz (Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder Netz DG) will die Bundesregierung noch in dieser Woche  "einen "netzpolitischen Kracher" verabschieden, nämlich den Staatstrojaner, mit dem Telefone und Computer auch bei eher geringfügigen Vergehen infiziert werden sollen, schreibt André Meister bei Netzpolitik: "Um die öffentliche Debatte klein zu halten und den Bundesrat zu umgehen, hat die Große Koalition einen Verfahrenstrick angewendet. Statt eines ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens haben SPD und CDU den Staatstrojaner in einem ganz anderen Gesetz über das Fahrverbot als Nebenstrafe versteckt. Erst kurz vor Verabschiedung dieses Gesetzes haben die Abgeordneten den Staatstrojaner darin untergebracht, per 'Formulierungshilfe' der Bundesregierung."
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Europa

"Ein europäischer Staatsakt für Helmut Kohl wäre eine protokollarische Revolution", meint Gustav Seibt in der SZ. Denn solche Zeremonien seien Gründungsakte: "Im zeremoniellen Sichtbarwerden beerbt der moderne Staat seine Vorläufer, die noch nicht wie er Anstaltsstaaten mit geschriebenen Verfassungen, mit Gesetzen, Behörden und Gerichten waren. Die Vorläufer des modernen Staats konstituierten sich erst einmal in Riten und Symbolen. Alles andere kam später."

John Crace erzählt im Guardian die erste Runde der Brexit-Gespräche zwischen dem EU-Unterhändler Michael Barnier und seinem britischen Pendant David Davis als klare Niederlage der Briten, die sich ganz und gar auf den Zeitplan der EU hätten einlassen müssen: erst der Status der EU-Bürger, dann das Geld, und dann können wir über die neue Beziehung nachdenken. Vor der Gesprächsrunde war Davis bester Laune, so Crace: "Einige Stunden später kam er zur Pressekonferenz heraus und sah einigermaßen aufgelöst aus. Sein Gesicht war heiß und verschwitzt, und sein Haar war durcheinander. Barnier sah dagegen unbesorgt aus. Die Gespräche waren konstruktiv. Er hatte den Zeitplan der EU auf den Tisch gelegt, und Britannien hatte in allen Punkten nachgegeben. Einen besseren Start konnte es nicht geben."

Der - katholische - Belfaster Schriftsteller Paul McVeigh kann es im Interview mit der Welt immer noch kaum fassen, dass Theresa May mit Ian Paisleys DUP regieren will, der Democratic Unionist Party, die die Interessen der probritischen Protestanten in Nordirland vertritt. Er weiß noch gut, wofür die DUP steht: "Als ich ein Kind war, in den siebziger Jahren, hatten Katholiken nicht einmal die Gewissheit, wählen zu können, weil das Wahlrecht mit Einkommen und Immobilienbesitz verknüpft war und Katholiken kaum Anstellung bei einem der drei großen Arbeitgeber in Nordirland fanden. Die Judikative war zu 99 Prozent protestantisch, die Polizei zu 98 Prozent. Die Troubles in Nordirland haben ursprünglich als Bürgerrechtsbewegung begonnen."

Bisher sitzen die meisten der verhafteten Journalisten in der Türkei ohne Anklage im Gefängnis. Nun wird zum ersten Mal gegen 17 von ihnen verhandelt, berichtet  Daniel-Dylan Böhmer in der Welt. Diese Verfahren, die theoretisch auch mit Freispruch enden können, sind auch für Deniz Yücel von Belang. "Zwei der 17 Publizisten, deren Fälle nun vor der 27. Istanbuler Strafkammer zur Verhandlung anstehen, werden auch von Yücels Anwalt Veysel Ok vertreten. Die Brüder Ahmet und Mehmet Altan gehören zu den prominentesten liberalen Intellektuellen der Türkei." In der SZ berichtet Yavuz Baydar von drei jüngsten Prozessen: gegen den Ombudsmann Güray Oz, die Zeichnerin Zehra Dogan und den Richter Aydin Sefa Akay.
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Kulturpolitik

Der Streit über das Kreuz auf dem Humboldt-Forum greift zu kurz, meint  Philipp Oswalt, ehemaliger  Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau, im Tagesspiegel. Das Schloss leide vor allem an einem politisch gewollten krassen Widerspruch von Form und Inhalt. Oswalt geißelt eine "Strategie der Political Correctness", die zugleich neokolonial sei: "Die außereuropäischen Sammlungen werden instrumentalisiert, um die Errichtung der Schlossfassaden opportun werden zu lassen. Um das Label 'außereuropäisch' zu erlangen, werden die europäischen Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum herausgelöst und ausgesperrt. Statt also einem Dialog auf Augenhöhe thront jetzt das christliche Abendland in Form eines Kreuzes über den außereuropäischen Sammlungen."

Ideen

Vegetarier leben in einem moralischen Paradox, schreibt Thilo Spahl bei den Kolumnisten unter Bezug auf einen Aufsatz von  Thomas M. Sittler-Adamczewski im Journal of Practical Ethics: Indem sie sich für Nutztiere einsetzen, setzen sie sich dafür ein, dass die meisten Tiere gar nicht existieren (weil sie ja möglichst nicht gegessen werden sollen), und im übrigen geht es den allermeisten Wildtieren viel übler als den Nutztieren: "Sittler-Adamczewski verweist darauf, dass die Mehrzahl der Tierarten der sogenannten r-Selektion unterliegen. Diese evolutionäre Strategie besteht darin, dass eine große Zahl an Nachwuchs zur Welt gebracht wird, von dem dann nur ein geringer Teil das fortpflanzungsfähige Alter erreicht (und so in die Lage kommt, die eigenen Gene wieder an eine weitere Generation zu vererben). Die meisten Tiere sterben also jung und damit eher auf leidvolle Art und Weise, ohne davor lange Zeit gehabt zu haben, sich ihres Daseins zu erfreuen."

Syran Ates, die gerade in Berlin eine liberale Moschee gründet, wendet sich im Interview mit Yasmina Banaszczuk von Broadly gegen die "Genderfraktion" unter den westlichen Feministinnen: "Während diese Frauen gegen die klassischen Rollenzuschreibungen innerhalb ihrer eigenen Community kämpfen und da keine Tradition und Religion gelten lassen, solidarisieren sie sich für das Kopftuch. Das ist für mich kolonialistisches, orientalistisches Denken und eine sehr arrogante Herangehensweise. 'Für uns in unserer Gesellschaft gelten die universellen Menschenrechte, aber die anderen haben eine andere Kultur und da sind ja Frauen, die das wollen, also unterstützen wir die.' Mit ganz komischen Argumenten wird da verbogen und verdreht."
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Medien

Christian Bartels ging im gestrigen Altpapier nochmal auf den deutsch-französischen Aspekt der Debatte um die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und Ausgegrenzt" ein, die zwar jetzt in der ARD aber nicht bei Arte zu sehen sein wird: "Die weiterhin vorherrschende Interpretation der 'Auserwählt und ausgegrenzt'-Affäre geht ja dahin, dass die französische Arte-Seite den Film verhindern wollte und es dem WDR bloß keiner Mühe wert war, sich dagegen zu stellen. Und in Frankreich scheint der Film weiterhin nicht gezeigt zu werden."

In der NZZ findet Ulrich Schmid den Film zwar ein Ärgernis, doch tue die ARD "recht daran, den Film doch noch öffentlich zu machen. Die Zuschauer können sich nun ihr eigenes Urteil bilden".
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Kulturmarkt

Der Schriftsteller Jan Koneffke beklagt in der NZZ "Kapitalisierung, Computerisierung und Beschleunigung", die auch die Verlagswelt nach der Wende eingeholt habe. "Was meine Vorgänger noch kannten, die lebenslange Betreuung des Werks durch einen Verleger, ist Vergangenheit. Ohnehin scheint das leitende Personal heute mehr Zeit in den Drehtüren als an seinem Schreibtisch zu verbringen - um es polemisch auszudrücken. Doch wie sich den epischen Atem bewahren, wenn Verlagsleuten ständig die Puste ausgeht?"
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Buchverlage, Jan Koneffke