9punkt - Die Debattenrundschau

Frech, deutsch, kalt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2016. Indonesien gerät immer mehr unter Einfluss des Islamismus, fürchtet die FAZ - die immer stärkere Diskriminierung von Homosexuellen ist hierfür ein Zeichen. Erst zerstören die Türken die Altstadt von Diyarbakir, dann verstaatlichen sie sie, berichtet die NZZ. Die Zeitungskrise ist längst auch eine Krise der Internetmedien, schreibt die New York Times. Dafür kriegen die öffentlich-rechtlichen Medien unbahängig von ihrer Legitimität mehr Geld, konstatiert die Welt. Über Jan Böhmermanns Humor kann man geteilter Meinung sein, zeigen Oliver Polak im Spiegel und Helge Malchow in der SZ.

Politik

In diesen Tagen ist der indonesische Präsident Joko Widodo auf Staatsbesuch in Deutschland. Marco Stahlhut erzählt in der FAZ über das Land, das einerseits anfängt, seine völkermordähnlichen Repressionen gegen angebliche oder tatsächliche Kommunisten in den sechziger Jahren aufzuarbeiten und und anderererseits immer stärker unter den Einfluss islamistischer Organisationen gerät - ein Attentat vor einiger Zeit zeigte die Aktivität des 'Islamischen Staats' im Land: "Im schlechtesten Fall könnten zukünftige Historiker einmal die Anschläge und das, was danach passierte, als den Moment verstehen, in dem eine religiöse Rechte in Indonesien kulturelle Hegemonie erlangte. Statt nämlich über Ursachen des Terrors zu reden, entwickelte sich Anfang dieses Jahres eine für das Land bis dato unerhörte Debatte über Homo- und Transsexuelle, die inhaltlich rückschrittlich und im Ton paranoid war." Ein Dossier über die ganz neue Diskriminierung indonesischer Homosexueller unter religiösen Vorzeichen kann man bei der Naumann-Stiftung auf dieser Seite downloaden.

In der NZZ erzählt Sonja Galler, wie das türkische Militär "Tod und Zerstörung über die Altstadt von Diyarbakir" brachte und dass diese Altstadt numehr glatt verstaatlicht werden soll. "Die Gasse, in der im November 2015 der Menschenrechtsanwalt Tahir Elçi ermordet wurde, der noch wenige Minuten vor seinem Tod vor der kulturellen Zerstörung der Altstadt gewarnt hatte, ist durch eine weiße Plane versiegelt. Wenn der Wind günstig steht, kann man einen Blick auf die dahinter liegende Trümmerlandschaft werfen."

Bernard Henri Lévy fordert in seiner jüngsten Kolumne (hier in der Welt) eine entscheidenere Auseinandersetzung mit dem Dschihadismus: "Wie lange werden wir auf die Panama Papers des Salafismus warten müssen? Was hält die großen Tageszeitungen zurück, die Mossack Fonsecas des globalen Dschihad und seine kriminellen Offshore-Unternehmen aus dem Dark Web zu heben?"
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Europa

Hat wirklich niemand Angst vor dem Brexit, wundert sich Peter Rásonyi in der NZZ? Wenn die Europäer am Morgen des 24. Juni aufwachen, könnte es sein, dass sie "ihre neben Frankreich stärkste Militärmacht, den führenden Finanzplatz, die zweitgrößte Volkswirtschaft, die drittgrößte Bevölkerung, eine Hochburg der europäischen Kultur, der universalen Menschenrechte, der Demokratie und der freien Marktwirtschaft verloren [haben]. Dieser europäische Albtraum ist keine kühne Phantasie. Er wird mit einiger Wahrscheinlichkeit in gut zwei Monaten Realität werden. Laut Wählerumfragen liegen Befürworter und Gegner des Brexit gleichauf, bei noch rund 15 Prozent Unentschlossenen."

In einem Essay über einen "grünen New Deal" macht Ralf Fücks von der Böll-Stiftung in der FAZ auf starke Parallelen zwischen rechts- und linkspopulistischen Parteien in Europa aufmerksam: "Auch außenpolitisch gibt es auffällige Berührungspunkte zwischen der nationalen Rechten und der souveränistischen Linken. Die Europäische Union gilt ihnen als bürokratisches Monster und Herrschaftsinstrument einer neoliberalen Elite. Man gibt sich europäisch, aber auf der Basis eines 'Europas der Völker' und der nationalen Selbstbestimmung. Der Ablehnung der Nato als Gehäuse der amerikanischen Hegemonie entspricht die Sympathie für Wladimir Putin und sein konservativ-autoritäres Projekt."

Sarah Wagenknecht von der Linkspartei scheint das im Gespräch mit Stefan Reinecke und Pascal Beucker von der taz glatt bestätigen zu wollen: "Wir fordern weniger Sozialdumping, weniger Steuerdumping und weniger Lohndumping. In Brüssel funktioniert die Demokratie nicht, weil sie viel zu weit von den Bürgern entfernt ist. Deshalb haben dort Lobbygruppen und Konzerne ein leichtes Spiel. Es ist falsch, noch mehr Kompetenzen auf die europäische Ebene zu verlagern."

Ayaan Hirsi Ali fragt in der FAZ, wie Europa sich der Flüchtlingsfrage stellen kann, ohne den rechtspopulistischen Partien das Feld zu überlassen: "Erstens müssen wir Einwanderung begrenzen und klüger handhaben. Vor allem müssen wir wegkommen von der künstlichen Einteilung in Asylbewerber, Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten. Angesichts der massenhaften Zuwanderung ist dieser ohnehin untaugliche Ansatz praktisch sinnlos. Besser wäre es, die Leute hinsichtlich ihrer Integrationsbereitschaft auszuwählen."
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Geschichte

In der SZ lobt Franziska Augstein die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald.
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Ideen

In der NZZ denkt Ulrich M. Schmid über die Inflation des Faschismusvorwurfs nach. Er wird gebraucht, egal, ob es nun gegen Putin oder Trump, Erdogan oder Orban, Xi oder Ab geht. Bis heute gibt es nicht einmal in der Geschichtswissenschaft eine verbindliche Definition dieses Begriffs, erklärt Schmid und gibt einen Überblick über den Stand der Forschung. "Wenn heute etwa rechtspopulistische Parteien von politischen Gegnern oder Medienschaffenden als 'faschistisch' bezeichnet werden, ist nichts gewonnen. Bezeichnenderweise kann der Faschismusvorwurf in der Regel kaum substanziiert werden - der Einsatz des Adjektivs 'faschistisch' bedeutet im 21. Jahrhundert eigentlich nur noch, dass ein politisches Lied mit Pedal gespielt wird."
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Stichwörter: Faschismus

Religion

Endlich: Zeit online bringt eine Serie über "Islam heute", die geeignet ist, die Nerven besorgter Bürger zu beruhigen. Denn der Koran ist nun doch mit der Moderne durchaus vereinbar, schreibt Mohammad Fazlhashemi. Der Islam kennt die Macht der Sexualität. Unterdrückt wird sie nur durch patriarchale Strukturen, schreibt Shereen El Feki. Der Koran lässt viele Lesarten zu, versichert Katajun Amirpur. Man müsste friedlichen Muslimen eine Stimme geben, schlägt Andrea Backhaus vor. Und Lamya Kaddor wendet sich gegen Islamfeindlichkeit.
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Gesellschaft

In der SZ singt Gustav Seibt ein kleines Loblied auf die deutsch-türkische Freundschaft seit dem frühen 19. Jahrhundert, die viel zu selten gewürdigt werde. "Berüchtigte 'Problemkieze' wie die Wrangelstraße in Kreuzberg sind inzwischen Gewinner der Gentrifizierung, denn die attraktiven türkischen Läden nehmen an der Verbürgerlichung und Internationalisierung der Umgebung teil. [...] Es gibt also - jenseits von NSU, Sarrazin-Debatte, Böhmermann und Erdoğan - eine deutsch-türkische Geschichte von säkularem Ausmaß und eine zivilgesellschaftlich-kulturelle Realität, deren Vielschichtigkeit und schiere Interessantheit oft nicht gegenwärtig sind. Diese Lieblosigkeit ist kaum zu begreifen, denn sie schwächt die Gesellschaft insgesamt."
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Medien

Die jüngste, von Adblockern und der zunehmenden Mobilnutzung ausgelöste Medienkrise betrifft längst nicht nur ehemalige Printmedien, schreibt John Herrman in der New York Times: "In diesem Monat musste Mashable, nachdem das Blog 15 Millionen an neuem Venture-Kapital eingesammelt hat, 30 Leute entlassen. Salon, ein Pionier des Web Publishing hat eine neue Runde von Budgetkürzungen und Entlassungen angekündigt. Und Buzzfeed, das als Erfolgsgeschichte gilt, antwortet ausweichend auf Fragen nach seinem Einkommen, während Gründer anderer Startup-Medien ängstliche Anrufe von Investoren bekommen." Und was die Werbegelder angeht: 85 Prozent der Werbegelder im Netz werden bei Google und Facebook ausgegeben, so Herrman.

Im Guardian fragt Tim Adams unterdessen, ob Dienste wie Blendle am Ende doch noch der Messias sind, der die Medien aus ihrer Krise reißt.

Für die Welt liest Christian Meier die jüngsten Berichte der "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten", kurz KEF, die erheblichen Mehrbedarf voraussagt: "Das Dilemma lässt sich auf eine Formel bringen. Die Sender brauchen die zahlenden Bürger mehr denn je, denn sie benötigen immer mehr Geld. Gleichzeitig aber hat so mancher Bürger den Eindruck, dass er ARD, ZDF und Deutschlandradio immer weniger braucht, um informiert zu sein."

Überhaupt kein Fan von Jan Böhmermanns Humor ist der Komikerkollege Oliver Polak, der die Affäre im Gespräch mit Georg Diez vom Spiegel so einordnet: "Böh­mer­mann steht in ei­ner spe­zi­el­len Tra­di­ti­on: frech, deutsch, kalt. Er legt sich in die iro­ni­sche Hän­ge­mat­te. Und er lässt die Hose nicht run­ter. Das ist die Tra­di­ti­on von Ha­rald Schmidt und sei­nen Po­len-Wit­zen. Böh­mer­mann teilt die Welt in 'ich' und 'die', und er sagt mir, wer die Gu­ten sind und wer die Bö­sen. Das ist Hu­mor von der Se­lek­ti­ons­ram­pe."

In der SZ meint dagegen Boehmermann-Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer und Witsch): "Diese Art von Kontext-Kommunikation ist doch das Wesen moderner Kunst. In unserer hochkomplexen Gesellschaft gibt oft kein eigentliches Sprechen mehr. Man muss immer den Kontext mitdenken. Zum Beispiel bei einem Kunstwerk, das auf ein anderes Kunstwerk reagiert. Oder das das Gegenteil meint von dem, was es sagt. Diese Ambivalenz wurde in westlichen Gesellschaften, seit es moderne Kunst gibt, eingeübt."
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