Efeu - Die Kulturrundschau

Dieser unnachahmliche Touch von Velours

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18.04.2016. Den Apero in der Hand amüsiert sich das Publikum bei der Münchner Uraufführung von Elfriede Jelineks "Wut" über den Anschlag auf Charlie Hebdo. Lacht man zu viel? Darf man das? Die Theaterkritiker sind verstört. Die Welt erliegt dem Rot, Gelb und Blau des Historienmalers Emmanuel Leutze. In der FR erklärt "Don Quijote"-Übersetzerin Susanne Lange, was ihre Übersetzung von anderen unterscheidet. Die FAZ lässt sich von der pubertären Unbedingtheit des Pianisten Lucas Debargue packen.

Bühne


Szene aus Elfriede Jelineks "Wut" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Thomas Aurin

Die Münchner Kammerspiele bringen die Uraufführung von Elfriede Jelineks "Wut" in der keinen Bildaufwand scheuenden Inszenierung von Nicolas Stemann auf die Bühne. Darin verarbeitet die österreichische Autorin den Anschlag auf Charlie Hebdo und die Folgen. "Die Jelinek-Maschine ist bestens geölt" und "der Abend (...) laut und leise, bunt und düster. Böhmermann kommt auch drin vor", erfahren wir von K. Erik Franzen in der FR. "Die wuchernden Grenzüberschreitungen der Autorin übersetzt Stemann in blühende Spielmutationen. Alles hier ist Transformation, ist: Darf man das?" Der Teil des Publikums, der bleibt, amüsiert sich prächtig, bringt nach der Pause sogar seinen Spritz mit in den Zuschauerraum, notiert in der NZZ Barbara Villiger Heilig, der immer unbehaglicher wird: "Lacht man zu viel an diesem Abend? Na, Jelinek selbst macht sich doch lustig über ihre Witze (oder äfft nach, wer es sonst tut); außerdem geht es hier, Stichwort Charlie Hebdo, um Satire. Und genau wie bei der Satire verbreitet sich Unbehagen: Noch lustig, schon doof oder schlicht daneben?

Sabine Leucht von der Nachtkritik hatte viel Spaß an dem Abend, geht aber mit wenig neuen Erkenntnissen nach Hause: Mitunter gibt es "gut gemachten Trash", doch insgesamt ist der Abend "ein eigenartiges Gewächs aus atmosphärisch dichten Szenen, mitreißend spielfreudigen Akteuren und schenkelklopfertauglichem Quatsch, bei dem man sich wünschte, er hätte einen anderen Anlass als den vielstimmigen Chor aus antiken Wütenden und Terroristen, IS-Kämpfern, Flüchtlingen von heute." In der FAZ prophezeit Hubert Spiegel, dass man von dem Abend "nicht viel im Gedächtnis behalten" wird. In der SZ findet Christine Dössel die Inszenierung "klug und ziemlich beeindruckend".

Bei der Voraufführung des Jelinek-Stücks in Wien gabs übrigens Krawall, berichtet Michael Fleischhacker in der NZZ. Rechte Aktivisten von der "Identitären Bewegung" stürmten die Bühne, attackierten Zuschauer und bespritzten sie mit Kunstblut. Stimmt gar nicht, behauten die Aktivisten jetzt: "Sie sprechen von einer 'Ästhetischen Intervention' und bieten auf ihrer Website 'Beweise' für die manipulative Berichterstattung der Medien an. Der Protest sei absolut gewaltfrei verlaufen, es seien im Gegenteil die Aktivisten der Identitären von 'Linken' aus dem Publikum attackiert worden, hätten diese Attacken nur blockiert, um die Fortsetzung der Störaktion zu ermöglichen." In der SZ erzählt Regisseurin Tina Leisch, wie sie den Abend erlebt hat.

Besprochen werden außerdem die Lausanner Aufführung der Händel-Oper "Ariodante" mit dem Countertenor Yuriy Mynenko in der Hauptrolle (NZZ), Hakan Savas Micans Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns "Meteoriten"am Maxim Gorki in Berlin (Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung), Rocko Schamonis Inszenierung seines Romans "Fünf Löcher im Himmel" in Oldenburg (Nachtkritik), Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" in Hamburg (Nachtkritik), Cordula Däupers Inszenierung von Cavallis "La Calisto" in Darmstadt (FR) und Andreas Kriegenburgs Frankfurter Inszenierung von Shakespeares "Sturm" (FR).
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Musik

Als der französische Pianist Lucas Debargue beim Moskauer Tschaikowksy-Wettbewerb der Begeisterung des Publikums zum Trotz von einer Jury, die zu keinem Konsens fand, lediglich mit dem vierten Platz ausgezeichnet wurde, bot dies Anlass zu erhitzten Diskussionen. In der FAZ stellt Jan Brachmann nun Debargues erstes Album und dessen körperlich fordernde Spielweise vor: "Einige der Sonaten von Domenico Scarlatti spielt er wie Schallbilder einer bipolaren Erkrankung. ... Das fesselt beim Zuhören sofort, zeigt aber auch das Problem des Interpreten: Mit einer fast noch pubertären Unbedingtheit zerrt er jedes Werk an sich, um den eigenen Ich-Schmerz als Weltschmerz zu nobilitieren." Mehr dazu auf br-Klassik, wo das Album zur "CD des Monats" gekürt wurde.

"The Hope Six Demolition Project", das neue Album von PJ Harvey, auf dem die Künstlerin vom Elend an der globalen Peripherie singt, "ist ein Triumph nicht nur auf lyrischer, auch auf musikalischer Ebene", schwärmt Arno Frank in der Zeit: "Jeder Schauplatz hat seine eigene Klangkulisse. Die Musik ist die Wand, an der Harvey ihre Schnappschüsse aufhängt. ... Manchmal klingt das Album stürmisch nach Velvet Underground, meistens aber völlig unerhört und zart. Als würde Patti Smith vor dem Spiegel heimlich Tanzschritte von Kate Bush üben." Weitere Besprechungen in unseren Kulturrundschauen der letzten Tage.

Weitere Artikel: Die musikalische Kollaboration von Jean Michel Jarre und Edward Snowden lässt Rabea Weihser von ZeitOnline eher peinlich berührt zurück: "Früher war Nett die kleine Schwester von Scheiße, heute heißt sie Gutgemeint." Die Zeit hat Stefan Hentz' Porträt über den Jazzmusiker Frank Woeste online nachgereicht. FAZlerin Isabel Herzfeld berichtet vom 15. Forum neuer Musik in Köln.

Besprochen werden ein Konzert des Berliner Rundfunkchors unter Gijs Leenaars (Tagesspiegel), ein Konzert von Xiu Xiu (taz), Patti Smiths neuer Memoir "M Train" (Tagesspiegel) und ein Konzert von Me And My Drummer (SZ).
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Literatur

Im FAZ-Gespräch mit Jan Wiele bestreitet Juli Zeh, dass es sich bei den Websites, Autorenpersönlichkeiten und Websites, die sie in ihrem Roman "Unterleuten" erwähnt und auf die man auch im echten Leben treffen kann, um lancierte Fakes handelt, wie Tobias Lehmkuhl in der SZ behauptet. Sonderlich viel Mühe gibt sich die Autorin dabei allerdings nicht: "Warum sollte [der Coach Manfred Gortz] nicht existieren? Ich dachte, alles, was im Internet steht, existiert auf alle Fälle."

In der FR erklärt "Don Quijote"-Übersetzerin Susanne Lange, was ihre Übersetzung von anderen unterscheidet: "Meiner Ansicht nach lag bei den bisherigen Übersetzungen der Akzent nicht so sehr auf der sprachlichen Dimension. Manche konzentrieren sich auf das Satirische, manche mehr auf das Idealistische, und wer weiß, ob in Zukunft jemand versuchen wird, Cervantes zu modernisieren. Alles legitime Ansätze, aber mein Bestreben war, ein sprachlich umfassendes Bild von dem Werk zu geben, damit man auch an die Übersetzung mit den verschiedensten Interpretationsansätzen herangehen kann."

Weiteres: Für die FAZ war Paul Ingendaay bei der Berliner Präsentation des Debütromans des Lyrikers Aleš Šteger. In der SZ spricht Peter Münch mit der Schriftstellerin Eva Menasse über deren Erfahrungen bei einer Recherchereise durch das Westjordanland. Die Zeit hat Alexander Cammanns Bericht von seinem Besuch beim österreichischen Schriftsteller Thomas Glavinic online gestellt.

Besprochen werden der Gesprächsband "BRD Noir" von Frank Witzel und Philipp Felsch (Tagesspiegel), Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" (Tagesspiegel), Neel Mukherjees "In anderen Herzen" (taz) und Peter Handkes "Vor der Baumschattenwand nachts" mit Texten von 2007 bis 2015 (SZ)

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt der Lyriker Hendrik Rost über sein Gedicht "Furor":

"Voller Wut ging ich das halbe Leben lang spazieren
und kam bis zu Friedrichs Gemälde vom Nebelmeer,
..."
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Kunst


Emanuel Leutze (1816-1868): Tizians Lagunenfahrt, 1857, Sammlungen Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd.

In der Welt porträtiert Tilman Krause den deutschen Historienmaler Emmanuel Leutze, der in Amerika so viel berühmter ist als hier. Sein Gemälde "Washington crossing the Delaware" ist "so etwas wie die Mona Lisa des Metropolitan Museums in New York", so Krause. Jetzt hat ihm das Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd eine Ausstellung zum 200. Geburtstag gewidmet. Und da kann man sehen: "Leutze war nicht nur ein genuiner Historienmaler [...] Er bewies auch ein unglaubliches malerisches Talent. Leutze kann als einer der großen Koloristen in der Malerei des 19. Jahrhunderts gelten. Sein Gelb springt einen an. Sein Rot betört so sehr, dass man es anfassen möchte. Aber erst sein Blau! Hin und wieder kommt es dermaßen schön daher, als sei es nicht von dieser Welt. Und alle Farben haben dank einer virtuosen Sfumato-Technik diesen unnachahmlichen Touch von Velours."

Weiteres: Annegret Erhard berichtet in der taz von der Art Cologne. In der SZ schreibt Jonathan Fischer zum Tod des Fotografen Malick Sidibé. Besprochen wird die Ausstellung "Cornelis Lieste - Maler des Lichts" im B.C. Koekkoek-Haus in Kleve (online nachgereicht von der Zeit).
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