9punkt - Die Debattenrundschau

Mangel an Steinen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2016. In der Affäre Böhmermann beruhigen sich die Gemüter wieder, in der Berliner Zeitung schlägt allerdings Serdar Somuncu Krach: Beim WDR werde zensiert wie im Politbüro.  Der New Yorker wirft der New York Times vor, sie habe aus Arroganz nicht an den Panama Papers mitgearbeitet. Der Freitag erkennt bei der Megarecherche aber auch die Kinderkrankheiten des digitalen Journalismus. Die NZZ erkennt die Trostlosigkeit einer multiplen Briefkasten-Identität. Und Slate.fr fragt, warum die Italiener eigentlich kein Brot backen können.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2016 finden Sie hier

Medien

In der SZ findet Heribert Prantl ganz in Ordnung, dass die Kanzlerin den Fall Böhmermann an die Gerichte weitergibt: "Das klingt spektakulär, das klingt so, als würde die Kanzlerin Böhmermann quasi ans Messer liefern. Aber das ist Unsinn. Die Übergabe der Causa an die Justiz ist kein Kotau vor Erdogan (wie dies auch die SPD meint), sondern der Gang der Dinge in einem Rechtsstaat. Der Fall kommt jetzt aus der Sphäre der Opportunität in die Sphäre der Legalität."

Weiteres: Claudia Tieschky fragt sich in der SZ, warum sich das ZDF so wenig für seinen Satiriker ins Zeug gelegt hat: "das ZDF sah dabei nicht sehr gut aus." All jene, die jetzt neidisch auf die Redefreiheit in den USA blicken, erinnert Hannes Stein in der Welt daran, dass Böhmermanns Ziegenfickergedicht dort nie und nimmer im Fernsehen ausgestrahlt worden wäre.

Im Interview mit Anne Burgmer in der Berliner Zeitung hat der Kabarettist Serdar Somuncu zum Thema Zensur etwas ganz anderes anzumerken: "Beim WDR etwa wird wie im Politbüro zensiert. Da werden eigene Befindlichkeiten zum Maßstab dessen gemacht, was später zu sehen ist. Das ist ein Unding. Da muss man als Künstler sagen: 'Ihr profitiert von uns. Ihr nehmt unsere Kunst und steckt sie euch in die Tasche. Und verdient an uns sogar Geld. Dann respektiert uns auch.' Und das tun viele Leute nicht. Man mutet den Künstlern zu viel zu. Und die Künstler sind leider oft zu ängstlich. Totalitäre Systeme funktionieren immer nur über Angst."

Nicht aus Hasenfüßigkeit, sondern aus Arroganz hat sich die New York Times nicht an den Panama Papers beteiligt, glaubt Nicholas Lehmann im New Yorker: "Dass sich die Times und andere Zeitungen nicht an der Geschichte beteiligt haben, kann reiner Zufall sein, aber das Fehlen führender Akteure des Establishments kann auch ein Zeichen dafür sein, dass sich der Hournalismus verändert. Das denkt Bill Buzenberg: 'Die Haltung Wir können das am besten und Wir machen das allein ist im digitalen Zeitalter antiquiert."

In einer überraschen Volte findet Hans Hütt im Freitag die Making-of-Story zu den Panama Papers am Ende doch ganz gut, vorher aber übt er harte Kritik an den Autoren Bastian Obermayer und Frederik Obermaier: "Es bedient antisemitische Muster, etwa wenn der Eindruck erweckt wird, der afrikanische Kontinent sei Opfer von zwei Superkapitalisten. Auf einer Metaebene illustriert das Buch die Kinderkrankheiten des Datenjournalismus; dem Goliath global operierender Vermögenstarnung ist mit dem Steinchen eines Laptops kaum beizukommen."

Dass sich die Zeitungen auf Facebooks Instant Article eingelassen haben, weil ihre Artikel dort in 300 Millisekunden geladen werden können, hält der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Tagesspiegel geradezu für selbstmörderisch: "Wie viel Zeit darf ein Artikel zur intellektuellen Verarbeitung beanspruchen, wenn er sich keine drei Sekunden zum Erscheinen erlauben kann? Schnell geladen heißt auch schnell erledigt zwischen all den aufregenden Status-Updates."
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