9punkt - Die Debattenrundschau

Der Ausschlag der Urteile

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2016. Heute ist Tag der Gemeinfreiheit. Wir feiern ihn mit Anton Weberns Variationen opus 27, gespielt von Glenn Gould. Und sonst geht's weiter in den großen Debatten: In der Welt sieht Ian Kershaw Europa vor den größten Herausforderungen seit 1945. In der Wiener Zeitung begüßt uns Isolde Charim im Post-Post. In der FAZ schreibt Hans Christoph Buch über die trübe Lage im neuerdings "islamischen" Staat Gambia. Trübe geht's laut SZ auch auf dem Berliner Zeitungsmarkt zu. Und das Internet lacht über ein Silvesterfoto aus Manchester.

Urheberrecht

Heute ist Tag der Gemeinfreiheit (laut Wikipedia muss man auch im Deutschen Public Domain Day sagen). Die Werke von Autoren, die 1945 gestorben sind, werden im Prinzip frei zugänglich. Dazu gehören bekanntlich Adolf Hitler, aber auch Anne Frank, um deren Tagebuch erbittert gestritten wird. Der französische Blogger Olivier Ertzscheid (unser Resümee über seinen Streit mit dem Anne-Frank-Fonds) hat das Tagebuch jetzt im Niederländischen online gestellt. Die Agentur AFP (hier im FAZ.Net) erläutert: "Nach Ansicht des Fonds, der von Annes Vater Otto Frank gegründet wurde, handelt es sich bei dem Tagebuch um ein posthum veröffentlichtes Werk, bei dem eine 50-jährige Schutzfrist vom Zeitpunkt der Veröffentlichung an gelte. Da der vollständige Text erst 1986 veröffentlicht worden sei, sei er noch bis 2037 urheberrechtlich geschützt."

Das "Center for The Study of the Public Domain" der Duke Law School zählt noch wesentlich mehr Künstler, Musiker und Autorinnen auf, deren Werke (im Prinzip) frei werden. Dazu gehört etwa Bela Bartok.

Der Text des Centers erläutert auch, warum in den USA in diesem Jahr überhaupt kein Werk frei wird. Und er zeigt, wie es noch vor ein paar Jahrzehnten gewesen wäre: "Da das Copyright in 28-Jahre-Fristen erneuert wurde und 85 Prozent der Autoren nicht erneuerten, würden heute 85 Prozent der Werke von 1987 in die Gemeinfreiheit eintreten! Stellen Sie sich vor, was die großen Bibliothken der Welt - oder Amateure im Internet - daraus hätten machen können: diese Schätze digitalisieren, sie für Bildung und Forschung, Vergnügen und kreative Auseiandersetzung zugänglich machen."

Auch Anton Weberns Variationen opus 27, hier gespielt von Glenn Gould, werden gemeinfrei:

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Politik

Trübe sind die Verhältnisse in Gambia, der englischsprachigen Republik an den Ufern des gleichnamigen Flusses, die völlig von Senegal umschlossen wird. Ihr Präsident hat sich nach reiflicher Überlegung zwar gegen die Verstümmelung von Mädchen ausgesprochen, aber gleichzeitig das Land zum "Islamischen Staat" erklärt, erzählt Hans Christoph Buch in der FAZ: "Die größte Moschee des Landes trägt den Namen ihres Sponsors, des saudischen Königs Fahd, auch Qatar und andere Golfstaaten haben hier Koranschulen und Moscheen errichtet, während der libanesische Geschäftsmann Hussein Tajudeen mit Profiten aus Gambia die schiitische Hizbullah-Miliz finanziert."
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Ideen

Das Ende des "Post" (nämlich der Postmoderne, der Postdemokratie, des Postkolonialismus, des Posthistoire) verkündet Isolde Charim in der Wiener Zeitung. Jetzt wird's wieder handfest, und Europa steht vor der Rückkehr zu einer Art Kolonialismus, meint sie: "nicht eines erobernden Kolonialismus - sondern ... einer Notwendigkeit, sich im Nahen Osten einzumischen, zu engagieren. Die Flüchtlinge haben den Nahen Osten zu einem Vorhof Europas gemacht - ein Vorhof, in dem Europa nun aus Eigeninteresse als ordnungsstiftende Kraft eingreifen muss."

Der Kybernetik-Pionier Yoshiyuki Sankai, der an Robotern für die Medizin arbeitet, überlegt im Interview mit der Welt, warum ausgerechnet Japan auf dem Gebiet der Robotik führend ist: "Lassen Sie es mich so sagen: Die japanische Gesellschaft ist nicht sehr durchlässig, was die Dynamik zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten angeht. So kapriziert man sich in Japan wohl eher darauf, technische als gesellschaftliche Grenzen zu überwinden."

Jetzt online steht das Zeit-Plädoyer Thomas Assheuers gegen die jetzigen Zeitläufte, die nur konservativen Kulturkritikern in die Hände spielten. Auch das Interview mit Claus Peymann ist online gestellt.
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Europa

In der Literarischen Welt unterhält sich Thomas Kielinger mit dem britischen Historiker Ian Kershaw, der gerade den ersten Band einer zweibändigen Geschichte Europas im 20. Jahrhundert fertiggestellt hat. Angesichts der aktuellen Krisen steht Europa vor den größten Herausforderungen seit 1945, meint Kershaw, aber befürchtet nicht, dass der Kontinent wieder in die Gewalt zurückfällt: "Wir haben heute einen Kontinent mit Demokratien, und auch wenn diese unter bestimmten Belastungen stehen, sind doch die liberalen Kräfte stark genug, sich durchzusetzen. Sie sehen schon jetzt, wie diese gegen neuen Nationalismus ankämpfen. Schauen Sie etwa auf das Ergebnis der Stichwahlen in den französischen Regionen kürzlich. Die Demokratie als Hort der Identität - das war nicht der Fall in den 30er-Jahren. Ein Riesenunterschied. Am deutlichsten in Deutschland: Das Land, in dem wir einst den Auslöser der finalen europäischen Katastrophe sahen, steht heute an vorderster Front verantwortlicher Politik gegenüber dem Flüchtlingsproblem. Ein erstaunlicher Wandel."

Deutschland ist im Gespräch, dank dieser verwirrenden Kanzlerin, ihrer Strenge mit Griechenland und Offenheit zu den Flüchtlingen. Gustav Seibt wirft in der SZ einen Blick auf die Reaktionen internationaler Autoren (Wie etwa Martin Amis' "Oktober"-Essay im New Yorker): "Wenn jetzt viele hierzulande sagen, besorgniserregend sei weniger die Flüchtlingskrise als die Spaltung der Gesellschaft darüber, dann darf man erwidern: Unseren Nachbarn geht es in Bezug auf Deutschland nicht anders. Selten war die Amplitude, der Ausschlag der Urteile so groß wie in diesem Moment."

Ralf Fücks von der grünen Böll-Stiftung denkt in der Welt noch einmal über Michel Houellebecqs Roman "Die Unterwerfung" nach und findet dort nicht so sehr die Kapitulation des Westens vor dem Islam als die Gemeinsamkeit radikal-identitärer Bewegungen im Westen und in muslimischen Ländern beschrieben: "Beide sind anfällig für Gemeinschaftsideologien, in denen das Individuum dem Großen & Ganzen untergeordnet wird. Insofern beschreibt Houellebecq den politischen Islam gerade nicht als etwas Fremdes, das Europa 'von außen' erobert, sondern als Zwilling antiliberaler Strömungen in Europa selbst."
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Internet

Ein nicht unbedingt lauschiges Foto aus der Silversternacht, aufgeschnappt von dem Fotografen Joel Goodman und zuerst veröffentlicht in den Manchester Evening News, hat es zu Twitter-Berühmtheit gebracht und ist nun Gegenstand kunsthistorischer Analysen, schreibt Matthew Champion in Buzzfeed. Man spricht von perfektem Goldenen Schnitt:


Es gibt auch weniger respektvolle Variationen:
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Stichwörter: Buzzfeed

Medien

Caspar Busse und David Denk nehmen für die SZ den Berliner Zeitungsmarkt unter die Lupe, die drei Qualitätszeitungen Tagesspiegel, Berliner Zeitung und Berliner Morgenpost prüfen angeblich eine Kooperation, vornehmlich wohl bei den Anzeigen, um so gemeinsam die Preise nicht allzusehr absinken zu lassen. Die Lage bleibt misslich. Die Zahlen sagen eigentlich alles: "So haben die drei großen Titel deutlich an verkaufter Auflage verloren: Der Tagesspiegel kommt auf etwa 113.000 Exemplare täglich, die Berliner Zeitung auf 108.000 und die Berliner Morgenpost auf 91.000 - zusammen 312.000 Exemplare in einer Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern. 2005 waren es noch 476.000 Exemplare."
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Stichwörter: Berlin, Zeitungskrise