Efeu - Die Kulturrundschau

Im Starrsinn boshafter

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02.01.2016. Frohes neues Jahr wünscht der Perlentaucher! Platz für Neues? Nicht im Klassiker-Himmel, der ist rammelvoll, diagnostiziert Eckhard Henscheid in der Welt. Die SZ staunt über eine dynamische Visualisierung des Broadway. Der Standard begutachtet den chemischen Fingerabdruck Picassos, den sechs neu entdeckte Bilder enthüllt haben. Welt und Zeit sehen die neue ZDF-Serie "Morgen hör ich auf", eine Art "Breaking Bad" auf Deutsch.

Kunst


Bild aus der Serie "On Broadway", ein Projekt von Daniel Goddemeyer, Moritz Stefaner, Dominikus Baur und Lev Manovich

Mit regem Interesse beobachtet Sandra Rendgen in der SZ, wie Big-Data-Künstler Daten und Informationen aus sozialen Medien absaugen und sich mit den so gewonnenen Informationen dem Thema "Stadt" nähern. So etwa in dem vom Medientheoretiker Lev Manovich mitbetreutem Projekt "On Broadway", das Instagram-Fotos vom Broadway zusammenstellt und aufbereitet: "Wenn gelingt, was sich hier andeutet, dann liefern uns dynamische Visualisierungen ein Mikroskop, mit dem wir auf den pulsierenden Organismus der Stadt schauen und das urbane Zusammenleben in seinen Ausprägungen beobachten können. ... In solchen Ansätzen [steckt] ein intellektuelles und künstlerisches Potenzial, das wir gerade erst beginnen zu verstehen."

In Barcelona haben Wissenschaftler sechs neue Bilder von Picasso entdeckt, berichtet Jan Marot im Standard: "Zwei der untersuchten Bilder aus dem Museumsbestand stammen aus der Zeit, als der junge Picasso, geboren im südspanischen Málaga, mit seiner Familie im nordspanischen Galicien lebte. Fast noch ein Kind war er etwa, als er 1895 'Viejo' (dt. Bildnis eines alten Mannes) anfertigte, es zählt zu den ersten bekannten Werken Picassos. Die übrigen vier stammen aus der für ihn prägenden frühen Phase in Barcelona, ehe er 1904 nach Paris übersiedelte." (Bild: "Viejo", 1895, gemalt von dem damals 14-jährigen Pablo Picasso)

Im Interview mit Marot erklärt der Chemiker José Francisco García Martínez, was diese Untersuchungen für die Picasso-Forschung genau bedeuten: "Wenn man so will, haben wir nun eine Art chemischen Fingerabdruck der Arbeitsweise des jungen Picasso vorliegen. [...] dieser chemische Fingerabdruck charakterisiert den Maler. Und erlaubt uns, diesen zu charakterisieren. Dabei geht es nicht einzig um die hauptsächlich verwendeten Elemente, sondern auch um Spuren - die uns etwa Hinweise darauf geben, wo Picasso beispielsweise seine Farbpigmente gekauft hat. Das ist eine solide wissenschaftliche Basis für die (kreative) Forschung."

Weitere Artikel: Lukas Hermsmeier porträtiert in der Welt die 32-jährige New Yorker Künstlerin und Aktivistin Molly Crabapple, die gerade eine Autobiografie veröffentlicht hat, in der die Occupy-Bewegung eine Hauptrolle spielt. Für die SZ berichtet Peter Richter von der "Sketch Night" der Society of Illustrators in New York, wo es Jazzmusik, Bourbon und Aktmodelle gibt: "Wer dienstags in New York ist: hierher kommen! Ein beglückenderer Ort lässt sich in der Stadt meistens sowieso nicht finden."

Besprochen werden eine Ausstellung zur Kunst der Neunziger "To expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer" im Mumok Wien (Welt) und eine Ausstellung über die Faszinationsgeschichte der Telepathie in der Kunst im Centre Pompidou-Metz (FAZ).
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Literatur

Warum eigentlich ist Martin Walsers Roman "Der Lebenslauf der Liebe" aus dem Jahr 2001 kein Klassiker vom Range einer "Anna Karenina", "Effie Briest" oder "Madame Bovary", fragt Eckhard Henscheid in der Literarischen Welt und gibt die Antwort gleich selbst: Weil der Himmel schon voll beziehungsweise der literarische Kanon längst definiert ist. "Dieser Himmel ist aber nicht nur ein für alle Zeit voller und rammelvoller, sondern es geht in ihm auch zu wie in Kraut und Rüben. Und das Ganze offenkundig in unumstößlicher Abwehr- und Verteidigungshaltung. Oder wüssten Sie, Leser, auch nur ein einziges Romanexempel, das, bleiben wir im Germanischen, nach Kafka und Thomas Mann noch wirklich nachhaltig in diesen Kanon-Eliteparnass vorgestoßen wäre und sich dort nachhaltig etabliert hätte? ... Und seit der Jahrtausendwende 1999 ff. ist, so der Eindruck, die Kanonbefestigung und -beschränkung und -beschränktheit noch einmal besinnungsloser, auch z. T. richtig im Starrsinn boshafter geworden. Und, nicht zu vergessen, für Heerscharen von Bibliotheksführern und Volkshochschulpflichtleselisten noch korrekter und bindender."

Bereits im Januar 1916 (und nicht, wie oft angenommen, im Jahr 1926) hat Hugo Gernsback den Begriff "Science Fiction" geprägt, erklärt Dietmar Dath im gelehrten historischen Rückblick auf das Genre und dessen Gegenwartsbefund, mit dem die FAZ heute das Feuilleton aufmacht. Demnach sei dem Genre der "sense of wonder", also das "Staunen, das ausgelöst wird, wenn sich das Hirn von einer einzigen großen verfremdenden Idee überwältigt sieht", heute gründlich abhanden gekommen. Dies auch deshalb, weil mit dem Ostblock auch die Idee zusammengebrochen ist, "das ein-und-einzige Substrat der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Grundlagen des Gesellschaftlichen, nämlich die Profitwirtschaft, ließe sich durch ein anderes, geplantes, SF-hafteres Substrat im Weltmaßstab ersetzen."

Weitere Artikel: In der NZZ erzählt Karl Corino von seinen Bildfunden zu Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Die FAZ dokumentiert Andreas Platthaus' Laudatio auf den Schriftsteller Robert Seethaler anlässlich der Verleihung des Grimmelshausen-Preises. In der FAZ gratuliert Sabine Berking der Autorin und Übersetzerin Ilma Rakusa zum Siebzigsten. Außerdem hat der Freitag eine Handvoll deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihren Zukunftsvorstellunge befragt.

Besprochen werden Polina Scherebzowas tschetschenisches Tagebuch (Standard), Atticus Lishs "Vorbereitung auf das nächste Leben" (Zeit, mehr), Max Goldts "Räusper" (FR), der Briefwechsel zwischen Stefan George und Karl Wolfskehl (Zeit, mehr), diverse Bücher von und über Henry James (SZ), neue Bücher von Peter Kurzeck (FAZ) und eine Ausstellung über internationale Kinderbücher im Klingspor-Museum in Offenbach (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Bühne

Für die taz spricht Katrin Bettina Müller mit dem Rapper Volkan T., der gemeinsam mit dem Rimini Protokoll "Mein Kampf" auf die Bühne bringt. Besprochen wird Simon McBurneys Adaption von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" an der Berliner Schaubühne (Standard).
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Musik

Die Jazzsängerin Natalie Cole ist gestorben, meldet unter anderem die Berliner Zeitung via dpa. In der Nordausgabe der taz erinnert Jan-Paul Koopmann an die Rolle des Radio Bremen beim Import von Jugendkultur und Popmusik nach Deutschland in den 60er Jahren. Fürs Logbuch Suhrkamp hat der Schriftsteller und Popmusiker Thomas Meinecke wieder zahlreiche Clips zusammengestellt. Der Bayerische Rundfunk verabschiedet sich von Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister mit einem fast einstündigen Nachruf - hier zum Nachhören. Und auch die Junge Welt hat jetzt den Nachruf von Metalexperte Frank Schäfer geliefert. Besprochen wird Fabian Wolbrings Studie zur "Poetik des deutschsprachigen Rap" (FAZ).
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Film


Bastian Pastewka in "Morgen hör ich auf"

An sich ist Bastian Pastewkas neue, lose an "Breaking Bad" orientierte ZDF-Serie "Morgen hör ich auf" qualitativ gar nicht mal so schlecht, meint Jan Freitag auf ZeitOnline. Dass sich die Serie an einem großen Vorbild abarbeitet, drängt jedoch auch Vergleiche auf - was unterm Strich eher schadet als nützt: "So belegt auch 'Morgen hör ich auf' am ehesten den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist. Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld." Wobei Hauptdarsteller Pastewka dennoch großes Lob erfährt. In der Welt lobt Elmar Krekeler die Serie.

Weiteres: Der Freitag bringt die gekürzte Version von Matthias Dells Beitrag zum Buch "Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum", in dem er über Gerhard Kleins 1965 verbotenen DEFA-Film "Berlin um die Ecke" schreibt. Besprochen wird David O. Russells "Joy" (Welt).
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