Michel Houellebecq

Unterwerfung

Roman
Cover: Unterwerfung
DuMont Verlag, Köln 2015
ISBN 9783832197957
Gebunden, 280 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Norma Cassau, Bernd Wilczek. Goncourt-Preisträger Michel Houellebecq erzählt in "Unterwerfung" die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.01.2015

Christopher Schmidt vermutet, dass Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" nach den Anschlägen von Paris anders gelesen wird, als er vielleicht gemeint war. Denn obwohl schon vor der Veröffentlichung in Frankreich - ausgerechnet am Tag des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo, verrät der Rezensent - schon eifrig über das "Gespenst der Selbstaufgabe" diskutiert wurde, das der Autor satirisch bedient, indem er ein zukünftiges Frankreich unter einer islamischen Regierung entwirft, erst jetzt dürfte der Roman als ernsthaftes politisches Statement aufgenommen werden, das er vielleicht nie sein sollte, erklärt Schmidt. Folgt man den Spuren, die Houellebecq quer durch den Roman verstreut hat, wird das Bild jedenfalls komplexer als bloß provokative Islamophobie.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.01.2015

Cornelia Geißler schiebt die politische Symbolkraft des Buches ein Stück beiseite und konzentriert sich auf den Plot in Michel Houellebecqs neuem Roman und auf den unsympathischen Helden, der das Leben in einem islamisierten Frankreich durchaus zu genießen scheint, wie Geißler bald feststellt. Das Buch, dem sie nicht ganz die literarische Größe seines Vorgängers attestiert, provoziert sie vor allem zum Nachdenken und fesselt sie durch die kalte Intelligenz, den unterkühlten Blick des Erzählers und nicht zuletzt durch seine laut Geißler unübersehbaren satirischen Qualitäten. Für die Rezensentin zeigt sich der Autor hier in seinen Gedanken so frei wie nie. Seine Vision, meint sie, ist allerdings böse.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 10.01.2015

Tilman Krause musste seine Besprechung von Michel Houellebecqs neuem Roman angesichts der aktuellen Ereignisse von Paris umschreiben und beschränkt sich, wie er erklärt, nunmehr auf die literarische Leistung. Die allerdings erscheint ihm extraordinär, aberwitzig, gelungen, ja, am gelungensten innerhalb des Houellebecqschen Werkes. Die im Buch ausgebreitete Zukunftsvision von einem moderaten Islam an der Spitze Frankreichs liest Krause als Satire; dass der Held diese Entwicklung in seinem Verlangen nach Erlösung und Unterwerfung glücklich annimmt, scheint ihm nur konsequent. So gesehen zielt die Skandalisierung des Romans als apokalyptische Angstvision für Krause auch daneben. Panik schüre der Autor nämlich mitnichten. Im Gegenteil, meint Krause, mit imaginativer Kraft nimmt er aktuelle Debatten auf und wirft sie durcheinander. Das eigentliche Zentrum aber sieht Krause in der Unterwerfungslehre. Befreit von der Intellektualität, von der Vereinzelung und Kälte, versorgt mit den Frauen, um die er immer kämpfen musste, erscheint der Held dem Rezensenten in dieser, wie er schreibt, regressiven, mit Scherz entworfenen Utopie als Hans im Glück.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2015

Es gibt in diesem Roman "keine Stelle", die einen Muslim in seinem Glauben beleidigen könnte, versichert FAZ-Rezensent Jürg Altwegg. Dafür könnten sich einige Franzosen in dem Roman wiedererkennen, meint er. So sei in Robert Rediger, dem Rektor der jetzt von den Saudis finanzierten Sorbonne im Roman leicht der Philosoph Robert Redeker zu erkennen, der sich 2006 öffentlich gegen die "islamischen Einschüchterungen" gewehrt hatte und daraufhin untertauchen musste. Vor allem aber ist der Roman für Altwegg eine Auseinandersetzung mit der wenig aufgearbeiteten Kollaboration der Franzosen mit den Nazis. Und Houellebcq beschreibt als "Sartre unserer Gegenwart" welche Faktoren damals wie heute eine Kollaboration mit den Feinden der Demokratie begünstigt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2015

Rezensent Jürgen Ritte findet den Skandal im "Hühnerhof der politschen Correctness", den Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" ausgelöst habe, neben der Sache. Erstens ist Houellebecqs Roman Literatur, kein politisches Programm, betont er. Und zweitens betätigt sich Houellebecq hier nicht als Demagoge, sondern als "Seismograph seiner Epoche", so der Rezensent. Ihn erinnert das im Roman beschriebene sanfte Gleiten der französischen Gesellschaft unter die autoritären Fittiche eines gemäßigten Islam an das Ende des 19. Jahrhunderts, als Frankreich schon einmal vor der Wahl zwischen Tod und Kreuz stand.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.01.2015

Eigentlich ist Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" nur ein mäßig getarntes Gedankenexperiment, verrät Jens Jessen, die Fiktion ein Alibi für die gewohnten politischen Tabuverletzungen des Autors. Im Frankreich des Jahres 2022 ist der Islam zur Leitreligion geworden, die den Laizismus ab- und das Patriarchat wieder eingesetzt hat, fasst der Rezensent zusammen. Auch die einzig nennenswerte Opposition, die neofaschistoiden Anhänger des Front National, scheinen sich damit abgefunden zu haben, schließlich sei die Wiederherstellung klarer Hierarchien immerhin besser als der elende Liberalismus, und ohne Muslime ließe sich ohnehin keine Politik mehr machen, so Jessen. Leider leidet Houellebecqs Buch an einer gewissen "Wurschtigkeit in der Durchführung der leitenden Idee", was seine Provokationen auf stilarmen Grund auflaufen lässt, bedauert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.01.2015

Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" erscheint auf Deutsch erst nächste Woche, doch die Diskussionen in Frankreich schlagen bereits so hohe Wellen, dass Thomas Steinfeld ihn schon im Aufmacher des Feuilletons bespricht - ob seiner Rezension das französische Original oder die deutsche Übersetzung zugrunde liegt, wird nicht spezifiziert. Wenn Houellebecq über Europa, Islam und Literatur schreibt, läuten natürlich auch beim Rezensenten zunächst alle Alarmglocken, doch sieht er in dem Buch weniger eine Provokation oder gar einen Aufruf zur Rettung des Abendlandes - im Jahr 2022 wird Frankreich einen islamistischen Präsidenten bekommen - als vielmehr ein kindliches "Spiel mit der literarischen Willkür": Der Roman sei weder Satire noch Utopie noch beides zugleich, meint Steinfeld und sieht darin durchaus eine Schwäche in der Konstruktion. Am Ende erkennt er in ihm ein "Buch des Trostes": wenn sich dank eines guten Islams alle Probleme und Konflikte, von der Arbeitslosigkeit bis zu Landwirtschaft in Luft auflösen. Und am Ende bekommt der Erzähler sogar noch drei junge Ehefrauen!
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