9punkt - Die Debattenrundschau

Die Frage wird konkret

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2015. Letzte Ausgabe im annus horribilis. Die Feuilletons blicken lieber nicht zurück. Immerhin: In der taz denkt Jan Feddersen über die Entwaffnung der Linken durch Angela Merkel nach. In der Welt erzählt Eva Quistorp, wie sie dem Flüchtlingsmädchen Modina vermittelte, was Weihnachten ist. Bei Tichys Einblick begründet Barbara Köster, warum das Koptuch alles andere als Mode ist. Und in Zeit online erklärt Leeloo, wie man den Durst nach Netz und den Durst der Bäume gleichzeitig löscht.

Internet

Für Zeit online unterhält sich Johannes Wendt mit der 13-Jährigen Hackerin Leeloo, die beim Kongress des Chaos Computer Clubs dabei war und bereits jetzt anfängt, in der Initiative "Jugend hackt" ein paar Weltprobleme anzupacken: "Treefi ist unser Projekt. Wir packen WLAN-Router auf Bäume. Damit der Router funktioniert, muss man auf einem Fahrrad strampeln. Das erzeugt per Dynamo Strom. Der Strom geht gleichzeitig zu einer Pumpe, die den Baum bewässert. Es ist also eine Sache, bei der alle gewinnen: Wir bekommen kostenfreies WLAN und treiben Sport, der Baum bekommt Wasser." Für die taz blickt Meike Laaf auf den Kongress zurück.
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Europa

"Die Überwindung der Nationalstaaten misslang ein weiteres Mal", schreibt die Politologin Ulrike Guérot in einem taz-Essay. Schuld daran ist Deutschland, das den Mauerfall und die Einbeziehung osteuropäischer Länder zuließ: "Die nationale Anormalität Deutschlands war jedoch die Bedingung europäischer Normalität vor 1989. Wo deutsche und europäische Einigung zwar zusammengedacht waren, dann aber doch aufeinanderprallten, musste die europäische Idee scheitern."

In der Welt erzählt Eva Quistorp (deren kleiner Perlentaucher-Essay über Deutsch für Flüchtlinge vor ein paar Monaten einschlug), wie sie sich mit dem afghanischen Flüchtlingsmädchen Modina anfreundete und ihr ein Gefühl dafür zu geben versuchte, was hier Weihnachten heißt: "Die Frage wird konkret und keine mehr der Politikerinnenerklärungen oder der Experten und der Wissenschaft, wie denn unser Land integriert, was denn die meisten unter Weihnachten und Advent verstehen und Chanukka und Ramadan und wie sie es leben, wie sie es einander zur Verbindungslinie, zu einer Geste der Menschwerdung statt zur Abgrenzung werden zu lassen."
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Gesellschaft

Die Islamwissenschaftlerin Barbara Köster begründet in Tichys Einblick, warum das islamische Kopftuch nicht Mode ist und also auch nicht mit Argumenten modischer Freiheit verfochten werden kann: "Mode wäre es, wenn das Kopftuch heute getragen würde und morgen nicht, dafür aber wieder übermorgen. So meinen es aber dessen Verfechter nicht. Wer das Kopftuch trägt, hat sich im Prinzip dafür entschieden, dies immer zu tun, so wie die Nonne mit der ewigen Profess immer ihr Habit tragen will. Das Kopftuch symbolisiert eine Ordnung, die auf Dauer angelegt ist. Das Kopftuch ist normativ und verpflichtend und somit das Gegenteil der spielerischen, ephemeren Mode."
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Medien

Interessant, wie die Feuilletons auf das annus horribilis zurückblicken - oder gerade nicht. Die FAZ entschließt sich angesichts der Anschläge auf Charlie Hebdo und den westlichen Hedonismus, des entfesselten Kriegs in Syrien, der Messer an den Halsschlagadern und der Flüchtlingskrise zu konsequentem Unernst: Vor 20 Jahren endete "Calvin und Hobbes" und vor 60 Jahren wurde das Hawaii-Toast erfunden.

In der taz denkt Jan Feddersen über die Idolisierung des Giannis Varoufakis durch eine denkfaule Linke und die so irritierende Bundeskanzlerin nach: "In Wahrheit hatte Merkel die, wenn man so will, linkere Politikmöglichkeit zu bieten. Die hieß: Solidarität mit Menschen, die sie nötig haben." In der NZZ lotet Martin Meyer (der heute als Feuilletonchef der Zeitung abtritt, mehr hier) "Aufklärung in einer multipolaren Welt" aus: "Mehr Licht bitte".

In der FR müht sich Arno Widmann mit einem anderen Idol der Linken ab, Slavoj Zizek. Die SZ liefert einen impressionistischen Rundblick auf "Ideen, die bleiben".

Und ausgerechnet das Feuilleton der Welt lässt einen weiteren Großdenker der Kapitalismuskritik, Byung-Chul Han, ran, der Fragen über Selfie-Sucht, Narzissmus und Terrorismus stellt: "Wäre das Pariser Selbstmordattentat gar ein perverser Versuch, sich selbst zu spüren, das zerstörte Selbstwertgefühl wiederherzustellen, die belastende Leere wegzubomben oder wegzuschießen? Ließe sich die Psychologie des Terrors mit der von Selfie und Selbstverletzung vergleichen, die auch gegen das leere Ich vorgehen?"

Charlie Hebdo wird am 6. Januar eine Sondernummer in doppeltem Umfang und in einer Auflage von einer Million herausbringen, meldet bfmtv.com: "Diese Nummer "wird einige Zeichnungen der am 7. Januar Emordeten - Charb, Honoré, Cabu, Wolinski, Tignous - und Zeichnungen der aktuellen Zeichner und Text prominenter Autoren bringen".
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