9punkt - Die Debattenrundschau

Moment der Machtlosigkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2015. Die NZZ zweifelt an der Politik der neuen Besen in den italienischen Museen. Geradezu euphorisch begrüßen Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit in der taz die durch die Flüchtlinge zu erwartenden Veränderungen. Irights.info wagt ein Gedankenexperiment zur Neuordnung des Urheberrechts. Im Freitag kritisiert Medienwissenschaftler Dietmar Kammerer die Idee der Gegenüberwachung.

Europa

Geradezu euphorisch begüßen Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit in der taz die durch die Flüchtlinge zu erwartenden Veränderungen in Deutschland: "Das bewundernswerte Improvisationstalent, das in verschiedensten Initiativen jetzt zum Vorschein kommt, muss enttäuschungsresistent werden. Einwanderungsgesellschaften heizen die soziale Konkurrenz an, sie lassen ethnische Nischen und Religionsgemeinschaften zu, die schwer in unser Staat-Kirchen-Verhältnis hineinpassen, und sie sind für native speaker irritierend vielsprachig." Welche Religionsgemeinschaften könnten denn da gemeint sein, und sollten wir unser (ohnehin unklares) Staat-Kirchen-Verhältnis gleich zur Disposition stellen?

Michael Freund schickt dem Standard Notizen aus Odessa. Und Tim Neshitov schickt für die SZ Notizen aus Lemberg. Beide finden in beiden Städten Anzeichen eines ukrainischen Nationalismus.
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Religion

Andreas Kilb kommentiert in der FAZ die Zerstörung des Baal-Tempels von Palmyra: "In den kulturellen Artefakten und Bauresten verbirgt sich die Einsicht, dass die religiöse Überlieferung nicht alles ist. Sie hat Vorgänger, einen Ursprung, eine Geschichte. Der klassische Islam ebenso wie das frühe Christentum haben diese Dimension des Religiösen respektiert. Deshalb wurden die Tempel, von Ausnahmen abgesehen, nicht zerstört, sondern weiter benutzt, zu Kirchen und Moscheen umgebaut. Der heutige Fundamentalismus aber kann Kulturgeschichte als Erkenntnisprinzip nicht zulassen, weil sie seinen Absolutheitsanspruch außer Kraft setzt."
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Überwachung

Der Medienwissenschaftler Dietmar Kammerer findet im Freitag die Idee, dass die Überwachten die Überwacher überwachen, problematisch und weiß sich dabei einig mit dem Soziologen Peter Ullrich: "Nicht nur Demonstranten, sondern auch Polizisten, sagt Ullrich, erlebten das Gefilmtwerden als Moment der Machtlosigkeit. In Interviews äußerten sie die Befürchtung, ihr Verhalten auf Videos könne falsch gedeutet werden. Der Soziologe sieht eine "strategische Adaption" beider Seiten am Werk. Die Polizei filmt, die sozialen Bewegungen filmen zurück, die Polizei kontrolliert daraufhin gezielt die Medienteams - und so weiter und so fort."
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Stichwörter: Gegenüberwachung

Geschichte

Endlich würdigt mal jemand die Frauen des Hauses Preußen, freut sich in der Welt Tilman Krause anlässliche einer Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg: "Denn auch Frauen haben Preußen gebaut. Nicht nur durch den territorialen Zuwachs, den sie oft genug als Mitgift oder Anwärterschaft in die Ehe brachten ... Die Frauen haben, etwa in Gestalt von Katharina von Brandenburg-Küstrin oder Sophie Charlotte von Hannover, beispielsweise die medizinische Forschung, die Wissenschaften und die Oper nach Berlin geholt. Sie wurden auch lange Zeit durchaus in Ehren gehalten. Erst mit dem ausgestellten Machismo des "Soldatenkönigs", der sich so kurios im homosexuell begründeten "Weiberhass" seines Sohnes Friedrich fortsetzte, zog jene Frauenfeindlichkeit in Preußen ein, die einzig von der Lichtgestalt der Königin Luise überwunden wurde." (Bild: Kronprinzessin Cecilie von Preußen, offizielles Porträt von Philip Alexius de László aus dem Jahre 1908)

Außerdem: Stefan Rebenich bespricht in der NZZ eine Geschichte Roms des britischen Althistorikers Greg Woolf.
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Gesellschaft

Michaela Maria Müller hat für die NZZ die Buchmesse in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland am Horn von Afrika besucht. Somaliland, das nach einem blutigen Bürgerkrieg 1991 seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt hatte, ist von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt. Dennoch erlebt Müller ein Land im Aufbruch: "Wegen der Heimkunft der Diaspora gibt es im Augenblick viel in der Gesellschaft zu verhandeln: Wie viel Einfluss hat die Religion? Wie viel die Clans? Welche Rechte haben Frauen? Gerade sorgten junge unverheiratete Männer für Aufsehen. Da eine Hochzeit und die Ausstattung der Braut nach lokaler Tradition noch immer eine kostspielige Angelegenheit sind, die so manche Heirat verhindern, posierten sie mit Plakaten, auf denen zu lesen war: "Still I am single" - Ich bin noch immer Single."

Die Betonung des Nutzens, den Flüchtlinge für Deutschland haben (Demografie, Renten etc.), findet Henryk M. Broder in der Welt ein kleines bisschen kolonialistisch: "Wären wir nicht "zur Sicherung unseres Wohlstandes und unserer Renten" auf Einwanderer "angewiesen", wie es Ex-Kanzler Gerhard Schröder gerade schrieb, würden wir keinen Gedanken darauf vergeuden, ob sie daheim bleiben oder zu uns kommen sollten. Ist das nicht eine Art von Kolonialismus mit menschlichem Antlitz?"
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Kulturpolitik

Zwanzig Museumsdirektoren hat Italiens Kulturminister Dario Franceschini abberufen und durch neue, darunter sieben Ausländer, ersetzt. Ziel ist es, das träge Museumssystem wachzurütteln, damit es eine größere valorizazzione seiner Kulturschätze produziere. Ob das gelingt? Gabriele Detterer hat in der NZZ ihre Zweifel und weist außerdem auf einen Widerspruch hin: "Die Welle der Neuberufungen ließ die Wogen hochgehen und lenkte von tiefgehenden Problemen ab. So von den durch massive staatliche Überschuldung dem Kultursektor auferlegten Budgetkürzungen, die es erschweren, Bau- und Sanierungsprojekte zügig voranzutreiben und ein vielfältiges Ausstellungsprogramm mit attraktiven Serviceangeboten für Museumsbesucher zu verbinden."
Stichwörter: Italien, Museumspolitik

Medien

Endlich ein Weg aus der Finanzierungskrise de Medien? Russland betreibt eine neue Kommunikationsagentur mit dem originellen Namen Sputniknews, die zur Zeit Briefe an Radiosender verschickt, berichtet Julian Hans bei sueddeutsche.de: "Sputniknews biete "alternative Nachrichteninhalte zum Weltgeschehen", heißt es darin. Man wolle "die Zuhörerschaft in Deutschland erweitern". Dazu folgt ein Angebot: "Wir sind daran interessiert, bei Ihnen eine Sendezeit von 1-2 Stunden pro Tag bzw. einige Nachrichtenblöcke von jeweils 20 Minuten zur Ausstrahlung unserer Inhalte auf Deutsch in Ihrem Radiosender zu erwerben". Um ein konkretes Angebot zu unterbreiten, erbittet der Absender Informationen: "Reichweite des Radiosenders, vorgeschlagene Sendezeit, Preis pro Stunde"."

Außerdem: In der Welt meldet Deniz Yücel die Verhaftung zweier Vice-Reporter in der türkisch-kurdischen Stadt Diyarbakir, weil sie sowohl die PKK als auch den Islamischen Staat unterstützt haben sollen: "Dass die PKK in Syrien wie im Irak erbittert gegen den IS kämpft, scheint sich nicht bis zum Gericht herumgesprochen zu haben." Die Presse und viele andere Medien melden, dass die aserbaidschanische Journalistin Khadija Ismailowa in einem fragwürdigen Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
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Ideen

Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad - alles Rassisten, wie sich in einem Vorabdruck aus Daniel Bax" Buch "Angst ums Abendland" in Telepolis herausstellt: "Rassismus will sich keiner nachsagen lassen - noch nicht einmal Rechtspopulisten. Er habe nichts gegen Muslime, sondern nur gegen den Islam, weil er den als eine faschistische Ideologie betrachte, beteuert Geert Wilders treuherzig, wann immer er ein Interview gibt. So ähnlich formulieren das auch andere "Islamkritiker" wie Ayaan Hirsi Ali, Alice Schwarzer, Necla Kelek und Hamed Abdel-Samad. Alice Schwarzer hält den Rassismusvorwurf ohnehin nur für einen "Trick gewisser Linker und Liberaler", um sie "einzuschüchtern". Und Necla Kelek findet, der Begriff werde von Muslimen "missbraucht", als Migrantin fühlt sie sich über diesen Vorwurf erhaben." Howgh! Gut, dass der weiße Mann das mal klarstellt.
Archiv: Ideen

Urheberrecht

Till Kreutzer von irights.info hat zusammen mit einer Gruppe von Experten ein "Gedankenexperiment zur Neuordnung des Urheberrechts" (hier als pdf-Dokument) erstellt, in dem Vorschläge zur Reform des Urheberrechts im digitalen Zeitalter gemacht werden. Unter anderem soll das Verhältnis zwischen Urhebern und Verwertern neu geregelt werden. Anders als heute sollen Verwertern nicht einfach unbefristete Nutzungsrechte zur Verfügung gestellt werden, sondern "der Autor kann dem Unternehmen nur für einen bestimmten Zeitraum (zum Beispiel fünf Jahre) ein Exklusivitätsversprechen einräumen. Während dieser Zeit kann das Unternehmen gegen Trittbrettfahrer aus seinem Verwerterrecht vorgehen. Seine Anfangsinvestition ist durch seine exklusive Befugnis geschützt. Im Anschluss kann der Urheber einem anderen Unternehmen die Nutzung gestatten oder es selbst verwerten. Der Konzern kann seine Produktionen weiterhin vertreiben, muss sich aber im Zweifel im Wettbewerb mit anderen Anbietern behaupten."
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Stichwörter: Urheberrecht