9punkt - Die Debattenrundschau

Zwei Züge auf zwei Gleisen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2015. Der Baal-Tempel in Palmyra existiert nicht mehr - Satellitenbilder in allen Medien machen es klar. Alan Posener spottet in der Welt über Daniel Barenboim, der so gern in Teheran gespielt hätte, bis die Iraner entdecken mussten, dass er Israeli ist. Politico.eu macht auf eine neue politische Kraft in London aufmerksam: die Women's Equality Party. In der Berliner Zeitung erklärt Götz Aly, wie Adolf Hitler seine innovative Sozialpolitik finanzierte. Nur der Säkularismus kann die arabischen Länder retten, sagt Sadiq al-Azm in der taz. Es wird allerdings noch dauern.

Kulturpolitik

Der berühmte Baal-Tempel in der antiken Wüstenstadt Palmyra ist dem Erdboden gleichgemacht, melden die Agenturen (hier im FAZ.Net), die sich auf Satellitenaufnahmen des Forschungs- und Ausbildungsinstituts der Vereinten Nationen (Unitar) beziehen. "Auf einer auf den 27. August datierten Satellitenaufnahmen ist eine rechteckige von Säulen umgebene Anlage zu sehen. Auf einer jüngeren Aufnahme vom Montag sind dagegen nur noch einige der Säulen erkennbar."

Bitteren Spott hat Alan Posener in der Welt für Daniel Barenboim, der mit seiner Staatskapelle und einem andächtig lauschenden Frank-Walter Steinmeier so gern in Teheran gespielt hätte - und den die Iraner nun wegen seines israelischen Passes nicht reinlassen. Darauf gekommen waren die Mullahs komischwerise erst, als rechte Israelis gegen Barenboims geplante Reise protestierten: "Die Süddeutsche entblödete sich nicht, kommentierend Israel und den Iran - die sich sonst "spinnefeind" seien - gleichzusetzen, weil beide gegen Barenboims Auftritt seien. Als ob Kritik gleichzusetzen wäre mit einem Auftrittsverbot. Nicht die israelische Kritik ist das Problem, sondern die in solchen Kommentaren zutage tretende deutsche Äquidistanz gegenüber Israel und dem Iran." (Posener spielt auf einen SZ-Artikel Sonja Zekris an, der nicht online steht.)

Ist es wirklich sinnvoll, ein paar tausend Euro Staatsgelder an in herkömmlichem Sinne "gute" Buchhandlungen zu verteilen, wie es gerade in Deutschland geschieht? Roman Bucheli hat in der NZZ seine Zweifel: "Es geht um Strukturerhaltung. Innovativ hingegen wäre eine Förderung, die den unaufhaltsamen Strukturwandel begleitet. Ein breites Sortiment ist noch kein schützenswertes Kulturgut. Bücher müssen auch unter veränderten Bedingungen den Weg zu den Leserinnen und Lesern finden. Hier gälte es einfallsreiche und fortschrittliche Modelle zu entdecken und zu fördern."

Europa

Michael Goldfarb porträtiert bei politico.eu die Journalistin Catherine Mayer, die in London eine Women"s Equality Party gegründet hat und zumindest in den Medien große Beachtung findet. Differenzen mit der klassischen Linken gibt es auch schon: "Am 26. August erklärte Jeremy Corbyn, der überraschende Favorit für die Labour-Fühhrung, dass er getrennte Frauenabteile in Zügen befürworte, um sie vor Belästigung zu schützen. Die BBC bat Sophie Walker (eine Mitgründerin der Frauenpartei, d. Red.) um einen Kommentar - nicht schlecht für eine kleine Partei ohne irgendwelche Abgeordnete. Walker sagte: "Reine Frauenabteile zu schaffen, hieße, den Frauen die Verantwortung für die Vermeidung von Belästigung zuzuschieben, statt daran zu arbeiten, dass die Männer die Frauen in Ruhe lassen."

Wolfgang Ischinger, der die Münchner Sicherheitskonferenz organisiert, antwortet auf Herfried Münklers in der FAZ veröffentlichte Aufforderung, dass Deutschland in Europa hegemonial agieren solle (unser Resümee): "In Europa gibt es, wie es Paul-Henri Spaak einmal formuliert hat, nur zwei Typen von Staaten: kleine Staaten und kleine Staaten, die noch nicht verstanden haben, dass sie klein sind. Von der zweiten Sorte gibt es leider immer noch zu viele. Aber zumindest hatte sich mit dem Vertrag von Lissabon die Erkenntnis durchgesetzt, dass Wohlstand und Sicherheit Europas in Zukunft maßgeblich davon abhängen würden, ob wir die Kleinstaaterei der Vergangenheit hinter uns lassen und im Interesse aller Europäer gemeinsam handeln."
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Ideen

Für die SZ unterhalten sich Jens-Christian Rabe und Johan Schloemann mit dem Soziologen und Spieltheoretiker Andreas Diekmann, der erklärt, warum Varoufakis versagte und auch Meinungsumfragen nicht immer stimmen.
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Geschichte

Adolf Hitler war nach innen ein beliebter Sozialpolitiker, erinnert Götz Aly in der Berliner Zeitung. Er führte heute noch geltende Regelungen wie die Abgabenfreiheit der Sonntagsarbeit und die Krankenversicherung für Rentner ein. "Als der Angriff gegen die Sowjetunion im Herbst 1941 zum Erliegen kam, meckerten die Alten: "Zweifrontenkrieg, Hunger, Niederlage. So wird es kommen!" Hat Hitler diese Nörgler ins KZ gesteckt? Nein. Er erhöhte die Renten mit einem Schlag um 15 Prozent! Und das, ohne die aktiv Werktätigen zu belasten. Die Kosten trugen die Zwangsarbeiter, für sie hatten die Unternehmen doppelte Sozialabgaben abzuführen."

Außerdem: In der Welt schreibt Hans Pleschinski ein nicht unbedingt vorteilhaftes Porträt des seit 300 Jahren toten Ludwigs XIV., der sich eine der größten Dummheiten des letzten Jahrtausends, die Widerrufung des Edikts von Nantes, hat zuschulden kommen lassen.
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Gesellschaft

Zehn Jahre nach "Katrina" reist Jonathan Fischer für die NZZ nach New Orleans und erlebt eine noch stärker nach arm und reich, schwarz und weiß geteilte Stadt als vor dem Hurrikan: ""Schau dich heute einmal um in New Orleans", sagt der Radiomoderator [Oliver Thomas], "nach Milliarden Dollar Hilfsgeldern ist der Graben zwischen Weißen und Schwarzen tiefer denn je. Über fünfzig Prozent der schwarzen Männer sind arbeitslos. Hier fahren zwei Züge auf zwei Gleisen: Da ist das wunderbare Touristen-New-Orleans, da reisen Besucher aus aller Welt her, um uns singen und tanzen zu sehen, da siedeln sich neue Firmen an, und das Kongresszentrum ist bis ins Jahr 2020 ausgebucht. Auf dem anderen Gleis fährt der Zug in eine andere Stadt: Hier haben die Menschen zehn Jahre nach "Katrina" noch kein Zuhause gefunden.""

Außerdem: Marc Zitzmann resümiert für die NZZ die Aufregung in Frankreich über die Romanbiografie zum Leben Eva Ionescos.
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Stichwörter: Eva Ionesco, New Orleans

Politik

Nur der Säkularismus kann die Probleme der arabischen Welt lösen, sagt der syrische Autor Sadiq al-Azm, der heute in Berliner Exil lebt und gerade die Goethe-Medaille der Stadt Weimar erhalten hat, im Gespräch mit Christopher Resch von der taz. Im Moment sind die Aussichten allerdings nicht so gut: "Die Rachegefühle und die Mobilmachung auf der Basis religiösen Sektierertums sind zurzeit so hoch, dass ich nichts Gutes erkennen kann. Das wird alles ziemlich hässlich werden, für eine ganze Weile. Selbst wenn Baschar morgen plötzlich abtreten oder sterben sollte. Meine Erwartung ist, dass nach seinem Ende Kämpfe zwischen verschiedenen Warlords ausbrechen werden und dass es zu Pogromen kommt."
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Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender scheinen fest damit zu rechnen, dass das zuviel bezahlte Geld aus der angeblich kostenneutralen Gebührenumstellung nun ihnen zugeschoben wird. "Rund 383 Mio Euro mehr braucht das ZDF für den Gebührenzeitraum von 2017 bis 2020", meldet etwa turi2. Das entspräche parktischerweise ziemlich denau dem ZDF-Anteil aus den Geldern der Gebührenumstellung. Die ARD will darüber hinaus knapp hundert Millionen Euro jährlich mehr (unser Resümee).

Die meisten Leser (auch des Perlentauchers) wird es nicht interessieren: Aber der Internetanzeigenmakt ist quasi zerstört. Einer der Gründe sind die Adblocker, die Werbung ausfiltern - außer Werbung von Google und anderen Großen, die sie dafür bezahlen. Nun installiert auch Apple in seinen Browsern einen Adblocker. Jean-Louis Gassée schreibt in der Mondaynote einen sehr informativen Hintergrundartikel zum Thema: "Die gute Nachricht daran ist, dass unsere Interneterfahrung flüssiger wird und wir nicht mehr an Anzeigenkunden verkauft werden. Die schlechte Nachricht: Knapp profitable Webseiten - und mehr können die meisten nicht von sich behaupten - werden Anzeigeneinnahmen verlieren und in die roten Zahlen rutschen. Die großen Player mit ihren Paywalls - Seiten wie die New York Times, Financial Times oder Le Monde - werden weniger angreifbar sein." (Letzteres dürfte für Le Monde wegen des zu kleinen franzöischsprachigen Markts nicht zutreffen.)

Drei Journalisten von Vice, die Zusammenstöße zwischen türkischen Sicherheitskräften und der PKK filmten, sind in der Türkei festgenomen worden. Amnesty international fordert ihre Freilassung.
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