Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Einfühlungscoupons

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02.09.2015. Die Welt ist erleuchtet und feiert Miley Cyrus' neues Popalbum. Die FAZ bewundert die provokante Leichtigkeit von Frederic Rzewskis Auschwitz-Oratorium "Der Triumph des Todes" in Weimar. Im Tagesspiegel bietet Shermin Langhoff der Volksbühnenbande an, ihr Ost-Schild am Gorki anzuschrauben. Wenig Freude haben die Filmkritiker mit Werner Herzogs "Königin der Wüste": Rosamunde Pilcher lässt grüßen, schnaubt die taz.

Bühne



Sehr bemerkenswert findet Jan Brachmann Frederic Rzewskis Auschwitz-Oratorium "Der Triumph des Todes" nach Peter Weiss" Theaterstück "Die Ermittlung", das Alexander Fahima beim Kunstfest Weimar inszeniert hat. Betroffenheitskult liegt diesem Stück denkbar fern, erklärt er in der FAZ: Hier gibt es "keine Einfühlungscoupons, die einem preiswert für zwei Stunden den Konsum des Schreckens aus der Opferperspektive ermöglichen. ... Diese provokante Leichtigkeit kann durchaus nötig sein, um die Rituale, bei denen man sich risikolos das Herz schwermacht, einmal als wohlfeile Entlastungsstrategie zu demaskieren."

Zum Saisonauftakt spricht Patrick Wildermann im Tagesspiegel mit Gorki-Intendantin Shermin Langhoff unter anderem über die Möglichkeiten des Theaters angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatten. Immerhin könne man mittels Visa-Anträge und eingeholten Arbeitserlaubnissen tatkräftige Unterstützung leisten, sagt sie. Auch höher privilegierten Kollegen stellt sie eine Behausung zur Verfügung: "Ich [bin] ein großer Fan der Arbeiten von Castorf, Pollesch und Fritsch, weil dieser utopische Ort mich überhaupt zum Theater gebracht hat. Weshalb ich René Pollesch und den Rest der Bande auch eingeladen habe, ans Gorki zu kommen und ihr Ost-Schild hier anzuschrauben."

Weiteres: Ulrich Seidler (Berliner Zeitung), Manuel Brug (Welt) und Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) schreiben zum Tod der Schauspielerin und Brecht-Rechteverwalterin Barbara Brecht-Schall. Irene Bazinger (FAZ) und Egbert Tholl (SZ) gratulieren dem langjährigen Intendanten Frank Baumbauer zum 70. Geburtstag. Besprochen wird die Düsseldorfer Bühnenadaption von Hans Pleschinskis Roman "Königsallee" (SZ).
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Musik

Neben einer Reihe schwindelerregender Kostüme hat Miley Cyrus bei den VMA auch ihr neues Album "Miley Cyrus and Her Dead Petz" vorgestellt. Welt-Kritiker Frédéric Schwilden ist hin und weg: Miley "muss eine Seherin sein", ruft er. Sie feiert Drogen, Alkohol, Sex, Yoga, Tierrechte, Nachhaltigkeit, asiatische Mythenstoffe und das Finden des eigenen Ichs, kurz: alles, was das moderne Leben ausmacht. "Und das ist ein Wahnsinn, weil die 22-jährige Miley, die anfangs nicht mehr versprach als eine verunglückte Disney-Filmkarriere, die bestenfalls auf den Borderline-Pop von Britney Spears zuzusteuern drohte, dass ausgerechnet diese Miley ein eineinhalbstündiges Pop-Werk episch wie eine Oper aus der Konfettikanone spuckt. In der Pop-Hochkultur angekommen ist. Ariel Pink, Flaming Lips auf ihrem Album vereint. Und dass sie dabei ein großes Anliegen hat: die ganzheitliche Emanzipation aller kosmischen Geschöpfe untereinander."



Weitere Artikel: Jens Uthoff unterhält sich für die taz mit dem Ambient- und Krautrockpionier Hans-Joachim Roedelius, mit dessen Schaffen sich das Berliner Haus der Kulturen der Welt in den kommenden Tagen eingehend beschäftigt. In der taz referiert Tim Caspar Boehme über die Musik Arnold Schönbergs, dem das Musikfest Berlin in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmet. Dazu passend erinnert Elisabeth Kappel im Blog der Berliner Festspiele an die in der Musikgeschichte oft übergangenen Schülerinnen Schönbergs, darunter etwa Vilma von Webenau, Natalie Prawossudowitsch und Dika Newlin. Andreas Müller spricht im Tagesspiegel mit dem Musiker Dan Auerbach. Ueli Bernays berichtet in der NZZ vom Jazzfestival Willisau.

Besprochen werden Konzerte mit Andris Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra beim Lucerne Festival (NZZ), eine Compilation über die Detroiter Bluesszene von 1948 bis 1960 (Pitchfork), diverse neue Electro-Releases (The Quietus) und Paul Kalkbrenners "7" (FAZ),

Außerdem präsentiert die Spex ein dreiviertelstündiges neues Video von Nils Frahm und Ólafur Arnalds:

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Kunst

In der NZZ stellt Philipp Meier den britischen Künstler Howard Hodgkin vor, der gerade in Zürich ausstellt. Für die SZ porträtiert Georg Imdahl den im Irak eingesetzten deutschen Bundeswehrveteranen Christian Bernhardt, der seine Erfahrungen und psychischen Verletzungen dem Performancekünstler Santiago Serra für dessen lebende Skulpturen zur Verfügung stellt.

Besprochen wird Rudi Meisels Fotoausstellung "Landsleute 1977-1987 - Two Germanys" im C/O Berlin (SZ).
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Literatur

Sylvia Staude unterhält sich in der FR mit der Autorin Emma Hooper über deren Erstlingsroman "Etta und Otto und Russell und James". In der Welt überlegt Hannes Stein, ob das Amerikanische eine eigene Sprache ist. Im Ullsteinblog Resonanzboden zieht Fabian Sixtus Körner durch Simbabwe.

Besprochen werden Jonathan Franzens "Unschuld" (Berliner Zeitung), Martin Amis" im Vorfeld umstrittener Auschwitz-Roman "Interessengebiet" (FAZ, FR), Michael Rutschkys Tagebücher (taz), Katharina Hackers "Skip" (Tagesspiegel), Christoph Peters" Prenzlauer-Berg-Krimi "Der Arm des Kraken" (Tagesspiegel), Shumona Sinhas "Erschlagt die Armen!" (ZeitOnline) und Johannes Bobrowskis "Levins Mühle" (FAZ).
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Film


Nicole Kidman als Werner Herzogs "Königin der Wüste"

Werner Herzogs "Die Königin der Wüste" mit Nicole Kidman in der Rolle der großen Gertrude Bell fällt bei der Kritik gründlich durch. In der taz mag Sven von Reden gar nicht glauben, wie oft dieser Film "in Rosamunde-Pilcher-Gebiet abdriftet". Noch eine Spur ätzender fällt Andreas Kilbs Besprechung in der FAZ aus: "Herzog wird zu dem Regisseur, der er nie sein wollte, zum Bilderfutterknecht der Medienindustrie." Unser Kritiker Thomas Groh hatte bei der Berlinale dagegen seine helle Freude am Herzog"schen Alters-Camp: Hier bleibe der "Schmus in seiner Schmusigkeit intakt".

In der taz stimmt Cristina Nord auf das Filmfestival in Venedig ein, in der NZZ stellt Susanne Ostwald die vielversprechendsten Filme vor. Auf dem Lido wird heute auch die vom Filmmuseum München restaurierte Fassung von Orson Welles" lange verschollen geglaubtem "Kaufmann von Venedig" gezeigt, die Fritz Göttler (SZ) bereits vorab sehen konnte: Dieser halbstündige Film "ist ein vielfach schillerndes Kinostück, das große Handlungsstränge einfach kappt, dennoch den ganzen Shakespeare in sich fasst. ... Der ganze Welles persönlich steckt in dieser Figur, in diesem Film."

Besprochen werden die superheldenlose Superheldenserie "Gotham" (ZeitOnline), der Dokumentarfilm "Treffpunkt Erasmus" über Werner Klemke (Tagesspiegel), Terrence Malicks "Knight of Cups" (NZZ) und die neue Netflix-Serie "Narcos" (FAZ).
Archiv: Film