9punkt - Die Debattenrundschau

In der Unordnung der Gedanken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2015. Mark Zuckerberg erzählt in einem Chat, wie sich die Medien Facebook anpassen sollen. Die taz erzählt, wie sich Facebook dem Kreml anpasst. Der Horror eines jeden Journalisten muss laut New York Times die Huffington Post sein. Die Feuilletons haben ihren Einfluss auf den Markt ganz von selbst preisgegeben, meint die Bloggerin Karla Paul bei WuV. Die österreichische Autorin Anna Kim fürchtet im Standard den Verlust der Privatsphäre. Die NZZ beschwört Schrecken und Zauber der toten Zeit an einem Sommernachmittag.

Ideen

Mit dem Heraufziehen der großen Ferien denkt Roman Bucheli in der NZZ an die Langeweile zurück, und wünschte sich, auch heute noch einmal von dem Mittagsdämon heimgesucht zu werden: "In der Unordnung der Gedanken, geradezu verloren in dem wild wuchernden Empfinden und Denken, wo alles weder Namen noch Gestalt hat und gleichermaßen sinn- wie zwecklos ist: Hier mag noch einmal von ferne ein Wetterleuchten aus der Kindheit Schrecken und Zauber der toten Zeit an einem Sommernachmittag heraufrufen. Vielleicht ahnte das Kind, dass die Schatten und Dämonen, die es bedrängten, Vorboten einer anderen Erfahrung waren, und ertrug darum die öden Stunden mit Gleichmut."

Dirk Pilz berichtet in der FR vom wieder aufgeflammten Theologen-Streit um das Alte Testament.
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Stichwörter: Langeweile, Testament

Überwachung

Die österreichische Autorin Anna Kim ("Der sichtbare Feind") fürchtet im Gespräch mit Isabella Pohl vom Standard den Verlust der Privatsphäre im Internet: "Mark Zuckerberg meinte ja bereits, dass Privatheit überholt sei. Das klang in meinen Ohren mehr wie eine Kampfansage und weniger wie eine Analyse der Gegenwart. Natürlich verdient Facebook besser, je weniger die Mitglieder um ihre Privatsphäre besorgt sind. Der Verdacht drängt sich auf, dass Privatheit in Zukunft ein Gut sein wird, das man sich erkaufen wird müssen, etwas, das sich vor allem vermögende Menschen leisten werden können."
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Medien

Die Feuilletons haben ihren Einfluss auf den Buchmarkt von selbst preisgegeben, meint die Verlegerin und Bloggerin Karla Paul im Gespräch mit Anja Janotta von Werben & Verkaufen: "Wenn ein Leser nach einem bestimmten Buch sucht und die Zeitungsinhalte sind oft online nicht auffindbar oder aber hinter einer Paywall versteckt, wenn viele Kulturredakteure nicht in den sozialen Netzwerken aktiv sind und ihre Abneigung vor dem Netz nur noch betonen - ist hier die Krise hausgemacht. Die Verlage richten sich nach den erfolgreichsten Multiplikatoren und das sind inzwischen Blogger, Booktuber sowie private Leser mit entsprechend beliebten Accounts." Auseinandersetzungen auf größerer Ebene schildert Mathew Ingram in Fortune, der Apples Rolle auf dem Buchmarkt und die Schwierigkeiten des Konzerns mit den amerikanischen Kartellbehörden schildert.

Der Horror eines jeden Journalisten muss die Huffington Post (natürlich die amerikanische) sein, wenn man David Segals langer Reportage im New York Times Magazine glaubt: "Bei der Huffington Post zu arbeiten, heißt ein Rennen ohne Ziellinie mitmachen, in stets schnellerem Tempo. Der Rhythmus ist für viele Angestellte stressig, im Newsroom soll die Fluktuation hoch sein. Ein frühers Redaktionsmitglied, der in seiner Arbeitszeit ein Magengeschwür bekam, nennt die Huffington Post eine "Chaosmaschine"."

In der taz ist Silke Burmester ganz erschrocken, mit wie wenig Worten sie die Entstehung von Medieninhalten erklären kann: "So wie neulich, als mir auf einer Demo jemand seine Theorie von der gleichgeschalteten Presse erörtern wollte und sagte, ich solle mir nur mal die ganzen Zeitungen anschauen, da stünde überall dasselbe drin. Wort für Wort. Worauf ich sagte, das käme schlicht daher, dass überall Redaktionen zusammengelegt würden und selbst ein Mantelteil für diverse Zeitungen herhalten müsse. Da war Ruhe im Karton. Und ich dachte, danke Verleger, das habt ihr super hinbekommen!"

Weiteres: Daniel Bouhs vermutet ebenfalls in der taz, dass hinter der Vergabe der Olympia-Rechte an Eurosport eine umfassendere Medienstrategie des IOC, die stärker das Nutzerverhalten während der Sendungen erfassen will. Die NZZ meldet, dass die Eigentümer von Le Monde nun doch ihren Kandidaten Jerôme Fenoglio als neuen Chefredakteur durchgesetzt haben.
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Gesellschaft

Mit verständlichem Interesse verfolgt man in Paris die Diskussionen über London, über die wir gestern berichteten (Cory Doctorow zieht weg, unser Resümee). Jean-Laurent Cassely verweist in Slate.fr auf einen weiteren Artikel über London in City Metrics, der zeigt, wie die Stadt "sich selbst auffrisst": "City Metrics zeigt, dass London noch im Jahr 2007 über 350 Konzertsäle verfügte und heute nur noch über 260: Auch hier ist die Attraktivität der Stadt, die gerade in ihrer "Kreativität" bestehen soll, bedroht."

Für die FAZ unterhält sich unterdessen Niklas Maak mit der Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, die bekannt gibt, dass Berlin dreißig Millionen Euro für "experimentellen Geschosswohnungsbau" ausgeben wird und nach neuen Konzepten des Zusammenwohnens sucht.




Paul Coombs erzählt bei Commentisfree im Guardian, wie er auf die Londoner Gay-Pride-Parade eine Variation der IS-Flagge mit Dildos, statt arabischen Schriftzeichen mitnahm, um zum "Dialog" einzuladen - und was dann passierte: "Einige Stunden vergingen, bis ich bemerkte, dass CNN über die Flagge berichtete, als sei sie eine reale ISIS-Flagge und nicht ein Stück Stoff mit Bildern von Sexspielzeug. Der Hashtag #DildoIsis wurde schnell zum Trend... Aber wie konnte so ein hysterischer und eindeutig falscher Bericht gesendet weren? Die CNN-Reporterin Lucy Pawle beschrieb meine Fahne als eine "sehr schlechte Nachahmung", aber die einzige schlechte Nachahmung, die ich entdecke, war die einer News-Organisation durch CNN."
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Internet

(Via turi2) Eine Tendenz, die seit einiger Zeit im Netz zu beobachten ist, bestätigt sich auch, wenn man einen im Niemanlab veröffentlichten Chat mit Mark Zuckerberg liest: Internetgiganten und traditionelle Medien rücken zusammen. Google stellt den Zeitungen 150 Millionen Dollar Spielgeld zur Verfügung, Zuckerberg lädt sie zu "Instant News" ein, und er fordert Formate, die am Ende nur große Medien liefern können: "Wir sehen online immer mehr Rich Content, immer mehr Videos statt bloß Texten und Fotos. Das wird in Zukunft so weitergehen, und es wird noch eindringlichere Formate wie Virtual Reality geben. Vorerst aber sollten Medien sicherstellen, dass sie ausreichend angereicherten Inhalt liefern, das ist wichtig, das wollen die Leute."

Immer wieder löscht Facebook nach erschwindelten Beschwerden die Accounts russischer Regierungskritiker, berichtet Sally McGrane in der taz. Laut Eva Galperin von der Electronic Frontier Foundation vertrauen die meisten Russen auf Facebook, weil das Netzwerk nicht der russischen Regierung gehört. Nicht ganz zu recht. "Letztes Jahr floh Pawel Durow, der "russische Mark Zuckerberg", aus dem Land, nachdem er sich geweigert hatte oppositionelle Seiten zu sperren und Informationen über ukrainische Aktivisten preiszugeben. Seitdem kontrollieren Kreml-freundliche Geschäftsmänner VKontakte, das Facebook-ähnliche soziale Netzwerk, das Durov aufgebaut hat. "Die Art der Anfragen, die die russische Regierung an VKontakte geschickt hat, sind wahrscheinlich dieselben, die sie an Facebook schicken", sagt Galperin. "Aber konkret wissen wir das nicht, weil Facebook das nicht offenlegt."
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Europa

Johan Schloemann kann es in der SZ nicht mehr hören, dieses ständige Beschwören der antiken Geister, von Platon, Xenophon und Thukydides, vor der Kulisse der Akropolis: "Die Saga von der "jahrtausendealten" Demokratie verschleiert nicht nur die großen Brüche der europäischen Geschichte, sondern auch, dass das heutige Griechenland nur auf eine kurze und ziemlich wackelige Demokratiegeschichte zurückblicken kann. Auf die Besatzung und Plünderung durch Italiener, Bulgaren und Deutsche im Zweiten Weltkrieg folgte ein Bürgerkrieg mit Zehntausenden Toten - eine Zerfleischung, die Alexis Tsipras und seine Partei Syriza immer noch in die heroische linke Widerstandserzählung zu integrieren versuchen. Und in der Nachkriegszeit setzten Klientelismus, wirtschaftliche Kartelle, ideologische Kämpfe und Militärdiktatur dem schönen, heißen Land am Mittelmeer zu."
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Politik

Für die SZ hat Tim Neshitov die Familie des tunesischen Attentäters Seifeddine Rezgui besucht: "Der Vater sagt, jemand habe seinem Sohn das Gehirn gewaschen, aber er wisse nicht, wer. "Er war ein guter Junge. Er war normal, einer von uns." Dann wird der Vater zornig. "Ich habe alles für ihn getan. Unser ganzes Geld haben wir ihm nach Kairouan geschickt. Fragen Sie doch die Regierung, wie wir nun überleben sollen!" Seifeddine war mehr als ein Sohn, er war eine Investition. Seit 2011 studierte er in Kairouan, 150 Kilometer südlich von Tunis, Luftfahrttechnik... Ein tunesischer Fernsehsender behauptete, die Familie Rezgui habe nach dem Anschlag 150 000 Dinar vom IS erhalten, eine Märtyrerrente. "Die sind doch wahnsinnig", sagt der Vater. "Die Journalisten.""

Lutz Wingert, Philosophieprofessor an der ETH Zürich, fragt in der SZ, warum bei TTIP Investorenschutz eigentlich nur für Konzerne und Hedgefonds gelten soll, aber nicht für die Arbeitnehmer oder die Bildungsinstitutionen.
Archiv: Politik
Stichwörter: Dschihadismus, TTIP, Tunesien