9punkt - Die Debattenrundschau

Beiträge zur Herzens- und Gewissensbildung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2015. Warum gibt es Demonstrationen gegen Karikaturen und keine Demonstrationen gegen die Massaker?, fragt Kamel Daoud im Quotidien d'Oran. Die Welt betrachtet die Welterberetter von der Unesco mit einiger Skepsis. Im Guardian erklärt Joseph Stiglitz, warum er beim griechischen Referendum mit "Nein" stimmen würde. Und Cory Doctorow packt in Boingboing ein und aus: bloß weg aus London.

Politik

Wie ein Verzweiflungsruf liest sich Kamel Daouds Kolumne im Quotidien d"Oran nach dem Massaker von Sousse - und er attackiert die Verharmlosung des "Islamischen Staats". "Andere treiben die Absurdität auf die Spitze und nehmen die Position der Schnecke ein: Daech, der "Islamische Staat", ist nicht der Islam und repräsentiert den Islam nicht. Einverstanden. Und wer repräsentiert diese Religion? Besteht das Repräsentieren dieser Religion darin sitzen zu bleiben und zuzuschauen, wie Daech die Menschheit eliminiert? Warum prangert man die Attacken Daechs auf den Islam nicht an? Warum gibt es Demonstrationen gegen Karikaturen und keine Demonstrationen gegen Massaker?"
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Kulturpolitik

In Bonn tagte das Unesco-Welterbekomitee, und man beschloss eine Erklärung gegen Kulturzerstörung durch Islamisten. Swantje Karich betrachtet die Arbeit der Organisation in der Welt aber eher skeptisch: "Die UN-Organisation wurde wiederholt kritisiert, dass sie sich zu sehr damit beschäftige, neue Stätten aufzunehmen, anstatt die alten wirklich zu schützen. "Heritage in Peace", ein Verbund lokal vernetzter Archäologen in Syrien, griff die Unesco an, weil er keinerlei Unterstützung von ihr erhielt, als er selbst erfolgreich Plünderungen verhinderte."
Stichwörter: Kulturzerstörung, Unesco

Geschichte

Der Osteuropahistoriker Philipp Ther blickt in der SZ auf die Währungsunion vor 25 Jahren zurück, die auch schon als alternativlos bezeichnet wurde, tatsächlich aber aus einer "merkwürdigen Mischung aus nationaler Selbstbezogenheit, Neoliberalismus und fehlenden gesellschaftlichen Visionen" bestand. Vor allem, meint Ther, ließ die Treuhand ausgerechnet den Unternehmern in Ostdeutschland keine Chance: "Zeitweilig unterstanden der Treuhand 13.000 Unternehmen mit mehr als vier Millionen Beschäftigten. Wenn derart viele Unternehmen auf einen Schlag zum Kauf angeboten wurden, musste deren Preis drastisch sinken. So kam es zum Treuhand-Verlust von 230 Milliarden D-Mark; pro DDR-Bürger waren das etwa 14.000 D-Mark. Hätte man diese Summen in die Gründung neuer Unternehmen gesteckt, hätte sich vielleicht ein Aufschwung von unten, aus der Gesellschaft heraus, ergeben."
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Europa

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärt im Guardian, wie er im griechischen Referendum stimmen würde. Mit Nein. "Ein Nein würde Griechenland mit seiner starken demokratischen Tradition zumindest die Chance eröffnen, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Die Griechen hätten die Chance sich eine, wenn auch weniger wohlhabende, Zukunft zu bauen, die sehr viel hoffnungsvoller wäre als die gegenwärtige Tortur."

Weiteres: In der taz erkennt Holm Friebe bei Wolfgang Schäubles Auftreten gegenüber dem "Herrn Professor" Varoufakis auf "philisterhaft-antiintellektuelle Selbstgerechtigkeit". Jürgen Kaube versucht in der FAZ, im Getümmel der Meinungen über Griechenland die Übersicht zu bewahren. Und das Blog der LRB hat vom Künstler Stefanos erfahren, dass Griechenland jetzt neue Euroscheine bekommt, weil eine Währung ja die Realitäten des Landes abbilden muss. So sieht der neue Zwanziger aus:


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Gesellschaft

Cory Doctorow, ein nach eigener Auskunft nicht so schlecht verdienender Autor und Blogger, hat die Nase voll: Er zieht von London, wo er sich mit seiner Familie gerade mal sechzig Quadratmeter leisten konnte, nach Los Angeles. Denn "London ist zu einer Stadt geworden, deren zwei Prioritäten darin liegen, zu einem Spielfeld für die korruptesten globalen Eliten zu werden, die die Stadtviertel in seelenlose Ansammlungen leerer Hochsicherheitsboxen verwandeln, und die ruchlose Kriminalität der Finanzindustrie zu ermutigen (und beide Tatsachen haben miteinander zu tun)." Doctorow empfiehlt Rowan Moores großes Hintergrundstück über die Vertreibung der Londoner Bevölkerung im Observer: "London - the City that Ate Itself."

Andreas Zielcke erklärt in der SZ die "epochale" Entscheidung des Obersten Gerichtshof der USA zur Ehe für alle unter anderem mit dem Grundsatz des due process, demzufolge niemandem willkürlich Freiheit oder Eigentum entzogen werden darf.
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Religion

Andreas Püttmann widerspricht bei Cicero Timo Stein, der neulich für eine Trennung von Staat und Kirche plädierte (unser Resümee) - ein seltener und origineller Standpunkt in der deutschen Debatte. Püttmann erinnert an Verdienste der Kirchen: "Nicht nur mit ihren großen institutionellen Werken der Caritas und der Diakonie, sondern auch durch ihre Beiträge zur Herzens- und Gewissensbildung im Sinne der Nächstenliebe und der Verantwortung vor Gott wirken die Kirchen segensreich in unserer Gesellschaft."
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Medien

Auf der Medienseite der NZZ sichtet Medienprofessor Stephan Russ-Mohl eine Reihe von Neuerscheinungen, die das sich verändernde Verhältnis von Journalismus und PR ausloten. Besonders der Datenjournalismus, lernt er dabei, mache den Journalismus anfällig für PR. Interessant aber auch die verzerrte Selbstwahrnehmung, über die Russ-Mohl in einer Studie Münchner Kommunikationsforscher liest: "So empfinden die Beziehung zu den PR-Profis nur rund ein Viertel der Journalisten als "eng" und knapp 40 Prozent von ihnen als "vertrauenswürdig", während jeweils fast doppelt so viele PR-Praktiker diese Prädikate vergeben. Knapp 50 Prozent der PR-Experten glauben wohl realistischerweise, dass sie großen Einfluss auf journalistische Arbeit haben, aber nur knapp 20 Prozent der Journalisten wollen das wahrhaben."

Zu ihrer großen Überraschung haben die öffentlich-rechtlichen Sender nicht die Rechte für die nächsten Olympischen Spiele bekommen. Das Altpapier liefert eine nützliche Presseschau zu dieser kleinen Sensation.
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