Efeu - Die Kulturrundschau

Humor im Tanz

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01.07.2015. Rigoletto als liebster Sparring-Partner Gildas, so kann sich Verdi sehen lassen, applaudiert die FR Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung des "Rigoletto". Im Perlentaucher antworten Nikola Richter, Jörg Sundermeier und Tilman Winterling auf Wolfram Schüttes Vorschlag zur Gründung eines Online-Literaturmagazins. Die taz fragt sich anlässlich einer Berliner Tagung, warum man die architektonische Moderne der 60er Jahre aufwerten soll.

Bühne


"Rigoletto" an der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Beschwingt verlässt Judith von Sternburg (FR) die Oper Stuttgart, wo gerade Jossi Wielers Inszenierung von Verdis "Rigoletto" gegeben wurde: "Jossi Wieler und Sergio Morabito wollen ein ungewohntes Licht auf Gilda werfen, zum Beispiel. Ihr Vater, der traurige Berufsnarr, hat sie burschikos erzogen. Im Garcon-Look tritt sie uns entgegen, Rigoletto ist ihr ein lieber Sparring-Partner. Die antrainierte Wehrhaftigkeit hat ihre Logik, weil Rigoletto am besten weiß, was jungen Frauen passieren kann." Auch Egbert Tholl von der SZ jauchzt auf: Dieser Abend war "stark, klug, fast zynisch, toll." Und Gerhard R. Koch von der FAZ beobachtet: "Krasser Genre-Realismus und surreale Groteske steigern sich wechselweise."

Ein bisschen theatralisch fand Sieglinde Geisel den in Berlin stattfindenden zweiten Teil des von Milo Rau initiierten Kongo-Tribunals am Anfang, aber das wurde schnell unwichtig, schreibt sie in der NZZ: "Es ging in einer Weise um Politik, wie man es in der Kunst selten erlebt: Das Theater-Tribunal erwies sich als ungemein effizientes Instrument für die Erschließung von Wirklichkeit. "

Weitere Artikel: Beim neuen Stuttgarter Tanzfestival "Colours" erlebte Sandra Luzina (Tagesspiegel) nicht nur viele, tolle Choreografien, sondern beobachtete mitunter auch "Ekstasen wie auf religiösen Gemälden". "In Berlin hat man noch Geld für Theaterfestivals", staunt Mounia Meiborg in der SZ angesichts des opulenten Auftakts des "Foreign Affairs"-Festivals. Sylvia Staude (FR) berichtet vom Internationalen Wettbewerb für Choreographen in Hannover: Platz 1 belegte das fünfminütige Tanzstück "www", mit dem Simone Wierod unter Beweis stellte, "dass Humor im Tanz zwar schwierig sein mag, aber nicht unmöglich." Auf Vimeo hat Wierod eine Aufnahme hochgeladen:




Besprochen werden Jan Fabres monumentale Berliner "Mount Olympus"-Aufführung (Welt, SZ, mehr hier und hier) und Christiane Pohles Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Opernfestspielen in München (Presse).
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Literatur

Im Perlentaucher geht die Debatte um Wolfram Schüttes Aufruf zur Gründung eines an Print-Magazine angelehnten Online-Literaturmagazins weiter.

Schüttes Neugier auf Unbekanntes ist Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter höchst sympathisch, aber Entdeckungsmöglickeiten gibt es nicht nur im Print. Finden ohne zu Suchen kann man auch online, versichert sie: "Es hat sich schon eine zweite Lesekulturtechnik herausgebildet. Und wer diese beherrscht, wird merken: Literaturkritik ist überall. Nicht nur in den dünner gewordenen Feuilletons. Das, was wir vor allem brauchen, ist daher eine neugierige kritische Haltung. Sowohl im Netz: Weniger "I like" als auch eine Auseinandersetzung mit den Inhalten. Als auch auf dem Papier: Weniger ein "Das hat schon mein Kollege besprochen, also müssen wir jetzt nachziehen", als ein "Ich finde das interessant, weil ... Und ich glaube, das interessiert die Leser, weil ... Und das ist wichtig, weil ...""

Verbrecher-Verleger Jörg Sundermaier fragt sich, ob die Literaturkritik das Vertrauen der Leser nicht bereits verspielt hat: "Manchmal fragt man sich angesichts des inflationären Gebrauchs der Adjektive "furios" und "fulminant" und der zugleich so oft so restlos fehlenden Beschreibung der Machart der Texte (wie Sieglinde Geisel zurecht moniert), ob die älteren Literaturkritiker den jüngeren überhaupt noch die technischen und taktischen Finessen erklären könnten. Ich bin mir kurzum nicht sicher, ob ein Literaturbetrieb, der sich über diese Fragen nicht streiten möchte, vielleicht sogar nicht streiten kann, da er in den Verhältnissen gefangen ist, sich ausgerechnet in dem "Findebuch", das Wolfram Schütte mit seiner Internetzeitung Fahrenheit 451 als Utopie entwirft, anders gerieren würde."

Und der Jurist und Literaturblogger Tilman Winterling bringt die Krautreporter als mögliches Vorbild für ein Literaturmagazin - vor allem, wenn man aus ihren Fehlern lernt: "Weniger getragen von den unterschiedlichen (Spezial-)Interessen der einzelnen Autoren, mehr bestimmt durch Themenschwerpunkte, die aus einer festen Redaktion entwickelt und produziert werden."

Weitere Artikel: Katzencontent - in der FR stellt Sabine Vogel Literatur einschlägigen Charakters vor. Die Neue Rundschau veröffentlicht in ihrem neuen Heft 14 bislang unbekannte Schriftstücke von Milena Jesenská aus der Zeit ihrer fünfjährigen Haft, berichtet Ronald Pohl im Standard. Und Michael Wurmitzer bereitet uns mit einem launigen Artikel auf den heute beginnenden Bachmann-Wettbewerb vor.

Besprochen werden unter anderem Alfred Bodenheimers Krimi "Das Ende vom Lied. Ein Fall für Rabbi Klein" (NZZ), Tex Rubinowitz" "Irma" (taz, mehr), Paula Hawkins" Thriller "Girl on The Train" (SZ, mehr) und Sjóns "Der Junge, den es nicht gab" (FAZ, mehr).

Und Wolfgang Tischer vom Literaturcafé bringt die zweite Episode seines Podcasts aus Klagenfurt:

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Kunst


Chuvashia. Photograph: Sergey Novikov/The Calvert Journal/Russia Research project

Im Guardian stellt Pavel Vardishvhili vom Calvert Journal eine Ausstellung vor, die derzeit durch Russland tourt, um - mit einer Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Ethnologie - der Bevölkerung die kulturellen und geografischen Unterschiede des Landes näher zu bringen. ""Our people"s idea of geography is an absolute mess. When the country"s main TV channel speaks of Altai being in the far north when it is one of Siberia"s southern-most republics, it is very hard to accept," says Sofia Gavrilova, one of the exhibition"s curators. Initiated by an organisation called Russia Research, the first project was an installation in the central Russian Udmurt Republic, followed by a focus on the village of Kalevala in Karelia, along the border with Finland, and another on Moscow"s satellite towns."

Weiteres: In der FR porträtiert Sebastian Borger den britischen Künstler James Bridle, der sich in seinen (unter anderem hier veröffentlichten) Arbeiten mit der Überwachung im britischen Alltag befasst.

Besprochen werden die Schau "Deutsche Kunst nach 1960" im Essl Museum (Presse) und die Ausstellung "Cranach der Jüngere - Entdeckung eines Meisters" im Augusteum Wittenberg (FAZ).
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Film

Im Tagesspiegel schreibt Jan Schulz-Ojala zum Auftakt der Ukrainischen Filmtage im Berliner Kino Babylon, die sich mit dem seit einem Jahr inhaftierten Regisseur Oleg Sentsov solidarisch erklären. Eine Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt geht den Wechselwirkungen zwischen Kinofilm und Videospiel nach, berichtet ein glucksend daddelnder Daniel Kothenschulte in der FR. Im Tagesspiegel würdigt Claudia Lenssen Werner Sudendorf, der 33 Jahre lang die Archive der Deutschen Kinemathek in Berlin leitete. Das Berliner Zeughauskino zeigt eine historische Reihe mit Hollywoodfilmen, die im "Dritten Reich" den Sprung nach Deutschland schafften, berichtet Silvia Hallensleben in der taz. Besprochen wird der Animationsfilm "Minions 3D" (Berliner Zeitung, FAZ, SZ).

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Stichwörter: Videospiele, Zeughauskino

Musik

Jan Wiele (FAZ) und Andrian Kreye (SZ) gratulieren Debbie Harry zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Neil Youngs neues Album "The Monsanto Years" (The Quietus, Pitchfork), das Album "From Kin­shasa" von Mbongwana Star (taz), Peter Sempels in Berlin gezeigter Dokumentarfilm "Rohschnitt Peter Brötzmann" (taz), das Berliner Konzert der Eagles of Death Metal (Tagesspiegel) und Janina Fialkowskas Konzert beim Klavierfestival Ruhr (FAZ).
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Design

In der SZ schreibt Renate Meinhof zum Tod von Dorothea Melis, die in der DDR das prägende Modemagazin Sibylle herausgegeben hat. Für die FAZ bespricht Arnold Bartetzky zwei aktuelle Ausstellungen der Stiftung Bauhaus Dessau über "kollektives Leben, Wohnen und Arbeiten".
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Stichwörter: Bauhaus

Architektur

Eine Berliner Tagung über die Architektur im Berlin der 60er Jahre blieb nach Ronald Bergs Ansicht (taz) eine Antwort auf die Frage schuldig, warum man die architektonische Moderne der 60er Jahre aufwerten sollte: ""Berlin bleibt doch Berlin", war der Slogan, mit dem das neugebaute Stadtbild an den Mythos der untergegangenen Vorkriegsmetropole angebunden werden sollte. Der Spruch prangte auch als Leuchtschrift auf dem Schimmelpfeng-Haus am Breitscheidplatz. Eines jener stilbildenden Gebäude der Nachkriegsmoderne, das mit Billigung der Politik 2009 abgerissen wurde. Der bestehende Denkmalschutz hatte den Bau auch nicht retten können. Offenbar gibt es immer noch Schwierigkeiten, den Wert solcher Bauten für die Öffentlichkeit zu vermitteln. Wittmann-Englert machte in ihrem Vortrag die Wertefrage zwar zu ihrem Thema und erläuterte die Anfälligkeit der minimalistischen Architekturgestaltung der Sechziger auch nur für kleinste Veränderungen, aber bei Aussagen über den "Kunstwert" solcher Bauwerke hielt sie sich zurück."
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