9punkt - Die Debattenrundschau

Die roten Teufel vom Proletenklub

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2014. Die taz hat Zweifel an der Geschichte von den angeblich geplanten Exekutionen des ISIS in Australien. In Frankreich möchte man die Terrorbande "Islamischer Staat" künftig umbenennen. Im Guardian entwickelt Chelsea Manning Ideen zur Bekämpfung der Terroristen. Ebenfalls im Guardian fühlt sich Michaeil Schischkin in Putins Angst ein. Die Schotten haben sich für die Abhängigkeit entschieden. Und auch die Ampelmännchen tanzen nun bei Rot.

Europa

Guter Verlierer:

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Stichwörter: Schottland

Politik

Chelsea Manning - ja, sie! - kommentiert im Guardian die Situation in Syrien und Irak, wo (damals noch) er als Analytiker arbeitete - und rät dem Westen zu einer indirekten Strategie, nicht zu direktem Angriff: "Nur eine sehr konzentrierte und durchdachte Strategie der Eingrenzung kann Wachstum und Effizienz von ISIS begrenzen... Ich glaube, dass ISIS sich gerade von den Schwächen und Fehlern und Verletzlichkeiten der westlichen Staaten nähren."

Michail Schischkin sieht Wladimir Putins Kriegspolitik in der Ukraine im Guardian als Ausdruck seiner Angst, von der Geschichte abserviert zu werden - entsetzt von Saddam Hussein und Co.: "Der Selbsterhaltungstrieb hat sofort eingesetzt. Die Formel, um eine Ditktatur zu retten ist universell: Schaffe einen Feind, fang einen Krieg an. Der Kriegszustand ist das Lebenselixir des Regimes. Eine Nation in patriotischer Ekstase wird eins mit ihrem "nationalen Führer", alle Andersdenkenden werden zu "Verrätern an der Nation" gestempelt."

In Frankreich gibt es eine Debatte darüber, ob man die Terrorbande "Islamischer Staat" tatsächlich so bezeichnen sollte. Immer mehr Politiker greifen zur arabischen Abkürzung "Daesh" (oder "Da"ech"), um die Gruppe zu bezeichnen, schreibt Andréa Fradin in Slate.fr: "Ein Ziel, das offenbar auch von Außenminister Laurent Fabius unterstützt wird. "Das ist eine Terrorbande, kein Staat", soll er vor Journalisten gesagt haben. "Ich empfehle, den Begriff "Islamischer Staat" nicht zu verwenden, denn er verwischt die Grenzen zwischen Islam, den Muslimen und den Islamisten." So sieht es auch die Agentur AFP, die sich in ihrem Blog dazu erklärt."

In der Welt schreibt Michael Pilz über den Dokumentarfilm "Istanbul United" von Farid Eslam, Oliver Waldhauer, der davon erzählt, wie sich Anhänger der drei verfeindeten Istanbuler Fußballvereine Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas während der Proteste im Taksim-Park gegen die Staatsgewalt verbündeten. Darin, dass vom Fußball Widerstand ausgeht, erkennt Pilz eine Konstante der Aufstände der letzten Jahre: "In Ägypten hatte es damit begonnen, dass die roten Teufel vom Proletenklub al-Ahly Kairo von der Polizei im Stadion angegriffen wurden und sich am Tahrir-Platz mit den bürgerlichen Fans von Zamalek verbündeten. Die Demonstranten in Tunesien trugen Trikots von al-Ahly Tripolis und steckten einen Esel ins Trikot von Saadi al-Gaddafi, dem als Stürmer dilettierenden Diktatorensohn. Die Brasilianer gingen auf die Straßen gegen die WM im eigenen Land, um sich gegen die Umverteilungspolitik zu wehren. Wenn sich Brasilianer schon nicht mehr durch Fußballspiele milde stimmen lassen, ist die Lage ernst."
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Religion



Information is Beautiful. Eine Grafik gengt, um sich die verschiedenen Spielarten des Islam zu merken. Dank David McCandless müssen Sie nie wieder fragen, was der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten ist, wo die Ismaeliten beheimatet sind und wie hoch der Anteil der Salafisten im Nahen Osten ist.
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Stichwörter: Salafisten, Sunniten

Gesellschaft

(via dezeen) Es ist eine Werbekampagne für Smart, aber trotzdem eine lustige Idee: tanzende rote Ampelmännchen, damit das Warten an der Kreuzung (wenn man sich denn überhaupt darauf einlässt) nicht so langweilig ist. Für die Bewegungsabläufe wurden Fußgänger gebeten, in einer Blackbox zu tanzen, die Bewegungen wurden dann mit motion capture technology auf das Ampelmännchen übertragen. Hier das Ergebnis:



Nirgends ist der Burger populärer als... ausgerechnet in Frankreich, berichtet Alexandra Bogaert, in Rue89. Inzwischen werden dort 900 Millionen Burger im Jahr verspeist, nebenbei eine äußerst klimaschädliche Vorliebe: "Man sollte eher für Burger mit Hähnchenfilet optieren. 1 Kilo Huhn verursacht 1,86 Kilogramm CO2, während dieselbe Menge Rindfleisch 8,52 Kilogramm CO2 in die Atmosphäre entlässt."

Geräte wie die Apple Watch rauben uns nun auch noch das letzte, den Schlaf, meint Konsum- und Kapitalismuskritiker Jonathan Crary im SZ-Gespräch mit David Hesse: "Schlaf ist unproduktiv - und deshalb ein echtes Ärgernis für die Dauerkonsumkultur des Spätkapitalismus. Wiewohl es auch hier Erosionserscheinungen gibt: Biomonitoring-Geräte etwa, mit denen im Schlaf Informationen über unsere Körper erhoben werden können: Atem, Herzrhythmus und so weiter. Dank solcher Gadgets komplettieren wir unser digitales Profil auch im Schlaf."
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Medien

Im relaunchten (und personell nach internem Streit runderneuerten) Blog Carta hat die Grünen-Politikerin Tabea Rößner vor einigen Tagen schon eine Reihe zum Reformbedarf der Öffentlich-Rechtlichen eröffnet. Bei aller Kritik kommt zuerst mal die Verteidigung der Institution: "Dabei wird schnell vergessen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Sachen Informationskompetenz immer noch an erster Stelle steht."

Die afghanische Journalistin Palwasha Tokhi, die in einem einst von der Bundeswehr unterstützten Sender gearbeitet hatte, ist ermordet worden, berichtet Friederike Böge in der FAZ: "Am Dienstagabend wurde sie am Eingang ihres Hauses in Mazar-i-Sharif im Norden des Landes erstochen, am helllichten Tag und in Sichtweite der berühmten Blauen Moschee im belebten Stadtzentrum. Der Täter lockte das Opfer unter dem Vorwand an die Tür, eine Hochzeitseinladung übergeben zu wollen." Mitarbeiter des Senders hatten darauf aufmerksam gemacht, dass sie ebenso bedroht seien wie die ehemaligen Übersetzer der Bundeswehr - ohne Erfolg.
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Internet

Koen Lenaerts, Vizepräsident des Europäischen Gerichtshofs, verwahrt sich gegenüber Christian Rath (taz) gegen das Missverständnis, der EuGH habe mit dem Urteil gegen Google ein generelles "Recht auf Vergessenwerden" erlassen: "Ein Gerichtshof ist ein Gerichtshof und kein Gesetzgeber. Wir machen nicht Aussagen zu allem, was Sie oder andere für wichtig halten. Wir entscheiden nicht alle Varianten eines Falles, damit es gleich eine schöne Erläuterung eines ganzen Rechtsgebietes gibt. Nein, wir entscheiden von einem Fall zum nächsten und nur das, was für den jeweiligen Fall erforderlich ist. Nur dann gehen wir methodologisch sauber vor."
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Ideen

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre waren auch das hohe Paar des Revolutionstourismus, das vielen Befreiern und deren Schergen ihren Segen gaben, so auch dem Che. Open Culture veröffentlicht einige Fotos, die der kubanische Fotograf Alberto Korda während ihres ersten Kuba-Besuchs direkt nach der Revolution machte. Die eigentliche Idee kam von der Website Critical Theory, die ganz unkritisch von "Incredible Candid Photos" spricht.
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Überwachung

Bislang konnte Apple von der Polizei gezwungen werden, Daten aus beschlagnahmten Geräten auszulesen. Mit einem vom Nutzer vergebenen Passwort wird diese Möglichkeit mit dem neuen Betriebssystem iOS8 nun abgeschafft, berichtet Patrick Beuth auf Zeit digital: "Ein ehemaliger leitender FBI-Beamter sagte der Washington Post, Apples Vorgehen sei "problematisch" und werde dazu führen, dass die Polizei weniger Verbrechen aufklären und verhindern wird. Andere loben das Unternehmen für die Geste... [Sie] sehen nun Google und Microsoft in der Pflicht, ähnliche Sicherheitsvorkehrungen in ihren Betriebssystemen Android und Windows Phone einzuführen."

Nach einer Anfrage der Berliner Piratenfraktion in Berlin klärt Matthias Monroy in Netzpolitik über die "personengebundenen Hinweise" (PHW) der Polizei auf: "Demnach sind in der von deutschen Bundes- und Länderpolizeien geführten Datensammlung INPOL derzeit rund 152.000 Menschen als "BTM-Konsument" (BTM=Betäubungsmittel) gekennzeichnet... Andere, im gesamten Bundesgebiet genutzte Kategorien sind "geisteskrank", "Ansteckungsgefahr", "Freitodgefahr", "Rocker" oder "Straftäter linksmotiviert"... Offiziell werden die PHW zur "Eigensicherung" von Polizeikräften vergeben."

Australische Sicherheitskräfte haben einen Terroranschlag der IS in Sydney verhindert, bei dem ein willkürlich ausgewählter Passant öffentlich enthauptet werden sollte, wurde gestern gemeldet (etwa von der FAZ). Bernd Pickert sieht die Nachricht in der taz skeptisch, weil sie beiden Parteien nützt - den Islamisten, deren Bedrohung plötzlich ganz nah an die westliche Welt herangerückt ist, und den Sicherheitsbehörden, die den Anschlag durch Überwachung vereiteln konnten: "Ob es den Plan wirklich so gab, ist derzeit nicht zu beurteilen. Sicher aber ist: Die Vorstellung löst Angst aus. Und daran, an der Verbreitung von Angst, haben beide ein Interesse: sowohl die Terrorgruppe des Islamischen Staats als auch die Sicherheitsbehörden... Wer redet noch über Edward Snowden, wenn unser aller Leben durch Bespitzelung geschützt werden kann? Lieber sollen sie meinen Facebook-Account überwachen, als dass ich mich plötzlich enthauptet am Alexanderplatz wiederfinde!."
Archiv: Überwachung