Efeu - Die Kulturrundschau

Ohrglühwürmer

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2014. In Lens Culture erzählt der chinesische Fotograf Hai Zhang, warum es unmöglich ist, das neue China zu fotografieren. In der FAZ erklärt Susanne Gaensheimer vom Frankfurter Museum für Moderne Kunst, warum das Bankenviertel das neue Industriegebiet ist. Qualitäten zwischen Kaschmir und Holzwolle bescheinigt die taz Jens Friebes neuem Album "Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus". Im Guardian findet es Michael Douglas völlig okay, dass sein Filmpartner was für seine Figur tut. Die NZZ berichtet von der Buchmesse in Lemberg. Und Dezeen stellt die Zukunft der Autoindustrie vor.

Kunst



Lens Culture stellt den chinesischen Fotografen Hai Zhang vor, der in China geboren und aufgewachsen und 2000 in die USA emigriert ist. 2008 konnte er mit einem Forschungsstipendium zurück nach China und eine Fotoserie aufnehmen. Eigentlich wollte er das neue China zeigen, aber die Arbeit wurde schnell frustrierend, erzählt er: "It has become impossible to take a shot of China today without capturing contrast. But what did it really mean? The apparent contrast in a photograph where a lone house stands in the midst of rubble and beneath the shadows of skyscrapers fails to tell the story that the building owner actually collected millions of dollars in compensation for the demolition of his home. With the money, he moved to overseas and began a new life. Meanwhile, the people who really became homeless were migrant workers, workers who could only afford to rent a tiny room in a tall building and thus remain invisible."

Die Berlin Art Week hält die Feuilletons auf Trab. Im Tagesspiegel schreibt Claudia Wahjudi über das Comeback der Performance, das in diesem Jahr den warenförmigen Charakter der präsentierten Kunst ganz besonders dringlich in Zweifel ziehe: "Auch darin liegt der aktuelle Reiz der Performance. Sie gibt Künstlern einen Handlungsspielraum zurück - nach all den Jahren, in denen der globalisierte Betrieb mit immer neuen Internetplattformen, Auktionen und Biennalen aus Kunstwerken schnell abbild- und umschlagbare Handelsobjekte gemacht hat. Bei der Performance dagegen führen die Künstler Regie."

Außerdem zur Art Week: Auf ZeitOnline unterhält sich Tobias Timm mit den beiden Direktoren Maike Cruse und Kristian Jarmuschek, die zu den Finanztransfers im Rahmen ihrer Veranstaltung naturgemäß ein entspannteres Verhältnis haben. Ingeborg Ruthe und Irmgard Berner flanieren für die Berliner Zeitung über die Areale der diversen Partnermessen. Simone Reber berichtet im Tagesspiegel von den brancheninternen Diskussionen am Rande der Messe über die Zukunft des Kunstmarkts. Zudem freut sich Nicola Kuhn vom Tagesspiegel über die Berlin Art Week als Wirtschaftsfaktor für die Stadt.

Keine Berührungsängste was Geld angeht, hat auch Susanne Gaensheimer vom Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, wie man im FAZ-Gespräch mit Julia Voss erfährt. Im Oktober eröffnet das Museum eine Zweigstelle in einem Hochhaus im Frankfurter Bankenviertel: Gaensheimer findet "es gerade spannend, mit dem Museum in ein Umfeld zu ziehen, das eher kunstfremd ist. Früher waren das ja eher die Industriegebiete, jetzt ist es eben das Geschäftsviertel."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Christiane Meixner mit Thomas Hirschhorns über dessen im Berliner Schinkel-Pavillon ausgestellte Skulptur "Höhere Gewalt." Und Tom Schoper berichtet in der NZZ von einem vorbildlichen Umgang mit alter Bautradition im graubündischen Dorf Valendas.

Besprochen werden die Pasolini-Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin (Welt), die Baselitz-Werkschau im Haus der Kunst in München (SZ) und die Austellung "Raubkunst?" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (SZ).
Archiv: Kunst

Musik

Begeisterung allerorten für Jens Friebes neues Album "Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus". Barbara Schulz etwa attestiert in der taz "einen großen Wurf, mal tröstet seine Musik und schmiegt sich an wie Kaschmir, mal kratzt die textliche Vorstellungswelt garstig wie Holzwolle." Von einem "kleinen Wunderwerk" und "elf fantastischen Ohrglühwürmern" schwärmt Jan Oberländer im Tagesspiegel. Der auffallenden Melancholie des Albums kann er einiges abgewinnen: "Das alles wirkt wohlgesetzt, souverän, reif - diese neue, dunklere Klangfarbe steht Jens Friebe sehr gut." Marcel Wicker vom CulturMag hat zwar ein paar Platzhalter identifizieren können, was ihn aber nicht davon abhält, von "einem der besten deutschen Pop-Alben des Jahres" zu sprechen. Hier das Video zum Titelstück:



Besprochen werden Y"akotos neues Album "Moody Blues" (taz) und Hector Berlioz" "Te Deum" in der Tonhalle Zürich (NZZ).
Archiv: Musik

Film

In einem kurzen Interview mit dem Guardian plaudert ein gut gelaunter Michael Douglas über seinen neuen Film "The Reach", in dem er einen bösen Tycoon spielt, der einen 19-jährigen Fremdenführer durch die Wüste jagt. Dass sein Filmpartner Jeremy Irvine für seine Rolle ordentlich Muskelpakete ansetzen musste, findet er überhaupt nicht sexistisch: "It"s not acceptable for women to be eye candy?! If your role in that picture is to be eye candy and the director looks at you and says: "You"re going to be in your bra and panties and you"re looking pretty soft around the middle." Absolutely you"d tell that person to kick ass. This guy is search and rescue. He"s a mountaineer. He"s in physical shape. Ignoring the fact that he happens to be a decent-looking guy, it would be wrong for him not to be in shape. If you wanted Seth Rogen running through the desert, that"s a different movie."

Für kino-zeit.de unterhält sich Sophie Charlotte Rieger mit der Regisseurin Sylke Enders über deren neuen Film "Schönefeld Boulevard". Der deutsche Filmpreis wird künftig im April, sondern Juni verliehen, meldet Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Besprochen werden Frantz Fanons antiimperialistischer Found-Footage-Film "Concerning Violence" (Filmgazette), Alain Badious Buch "Kino - Gesammelte Schriften zum Film" (Filmgazette), Mike Myers" Dokumentarfilm "Supemensch - Wer ist Shep Gordon?" (kritiken.de), Amat Escalantes "Heli" (taz, FAZ), Vanessa Lapas Dokumentarfilm "Der Anständige" über Heinrich Himmler (Tagesspiegel), Sebastian Dehnhardts Dokumentarfilm über Dirk Nowitzki (Tagesspiegel) und Gustav Deutschs experimentelle Edward-Hopper-Filmhommage "Shirley - Visionen der Realität" (taz).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Die Buchmesse in Lemberg fand trotz der Kämpfe in der Ostukraine auch in diesem Jahr statt, erzählt Claudia Dathe in der NZZ. Aber natürlich war der Krieg Hauptthema, dem viele Podien gewidmet waren. Am Ende stand eine große Hilflosigkeit: "Mitten in der Diskussion stand im Publikum eine Frau aus Donezk auf und sagte: "Ich habe gerade eine SMS aus Donezk bekommen. Dort ist die Universität besetzt worden. Die Lehrkräfte werden vertrieben, die Uni soll geschlossen werden. Was können", so wandte sie sich an das Podium, "die Intellektuellen denn hier tun?" "Was wir tun können?", fragte der Präsident des ukrainischen PEN-Klubs und ehemalige Dissident Myroslaw Marynowytsch, "nichts können wir tun. Es ist Krieg.""

Knapp vier Minuten dauert Thomas Manns Flirt mit dem Tonfilm aus dem Jahr 1929, den man sich bei der FAZ in voller Länge ansehen kann. Vor diesen "Worten zum Gedächtnis Lessings" hält Jochen Hieber im Print weihevoll Andacht und spekuliert zudem über historische Hintergründe und Provenienz des im Bundesfilmarchiv einlagernden Artefakts. Auch zu dessen Philologie bleiben ihm einige Fragen: Die DVD-Edition des Doku-Dramas "Die Manns - ein Jahrhundertroman" etwa berge ebenfalls einen Ausschnitt daraus, doch "ganz offensichtlich in einer anderen Fassung, einer Fassung, die nahelegt, dass das Ganze mindestens zweimal gedreht und aufgezeichnet wurde. Die Schnittliste (...) weist als Leihgeber auch dieser Fassung das Filmarchiv des Bundesarchivs aus. Nur: Dort gibt es diese Fassung nicht, zumindest nicht mehr. Wo ist sie?"

Weitere Artikel: Peter Glaser bricht einem Duft das Herz. Im Tagesspiegel porträtiert Gregor Dotzauer die chinesische Schriftstellerin Xiaolu Guo. In Norwegen ist ein Streit über den Ibsen-Preis für Peter Handke ausgebrochen, meldet kurz Aldo Keel in der NZZ.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Reisefotografien von Anton Tschechow im Literaturarchiv Marbach (FAZ), Esther Kinskys "Am Fluss" (Zeit, mehr), Sherko Fatahs "Der letzte Ort" (Tagesspiegel), Lukas Hartmanns "Mein Dschinn" (FAZ) und Giuseppe Catozzellas "Sag nicht, dass du Angst hast" (SZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Besprochen werden Tschaikowskys Oper "Die Zauberin" in der Inszenierung von Christof Loy am Theater an der Wien (Welt), Barbara Bürks Inszenierung von Philipp Löhles "Wir sind keine Barbaren" am Staatsschauspiel Dresden (Deutschlandfunk, SZ).
Archiv: Bühne

Design



In London findet bis Sonntag noch das London Design Festival statt. Dezeen stellt einige Designer vor, die sich mit der Zukunft des Autos und der Autoindustrie befasst haben. Alexandra Daisy Ginsberg etwa, Designerin und Forscherin im Bereich der synthetischen Biologie, schlägt vor, Fahrzeugteile aus Metall oder Plastik durch abbaubare biologische Materialien zu ersetzen: "Autohersteller würden dann nicht länger ganze Autos produzieren, sondern eine langlebige Chassis, über die abbaubare, lokal produzierte Bio-Hüllen gelegt werden." Sehr schön auch Dominic Wilcox" Schlafauto der Zukunft (Bild).
Archiv: Design