9punkt - Die Debattenrundschau

Verwirrt, zweifelnd, schweigend

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.09.2014. In Zeit online erledigt Schriftsteller Günter Hack das Internet mit den Mitteln des Marxismus. Die FAZ bedauert, dass der Onlinejournalismus nicht schon vor zwanzig Jahren zahlbar gemacht wurde. Kein Internet ist aber auch keine Lösung, meint die FR. Und die Medien waren im Ersten Weltkrieg auch nicht unbedingt Qualitätsgaranten, konstatieren Historiker bei Slate.fr. Michel Onfray twittert gegen Gender Studies, Rue89 wehrt sich. Leon de Winter graut's in der Welt vorm Islam.

Überwachung

Im NSA-Untersuchungsausschuss wächst der Unmut über die großflächigen Schwärzungen in den von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Dokumenten, berichtet Astrid Geisler in der taz: "Sogar der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg (CDU), beklagt einen "erheblichen" Anteil von Schwärzungen. Er habe mit dem Ausschusssekretariat in der Sommerpause angefangen, eine Liste mit den unlesbar gemachten Seiten anzulegen, die er für problematisch hält: "Es ist eine relativ große Tabelle geworden.""

Bereits vor einem Jahr hat Thomas Oppermann via Twitter auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht:

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Gesellschaft

Die Debatte um die Fahrvermittlungs-App Uber geht weiter. Der Tagesspiegel bringt einen Beitrag von globalist.com-Herausgeber Stephen Richter (hier im Original), der das Verbot der App durch das Landgericht Frankfurt (siehe unser 9punkt vom 3. September) als Sinnbild für das deutsch-amerikanische Spannungsverhältnis versteht: "Lange Zeit wurden die deutschen Führungsqualitäten auf dem internationalen Parkett angezweifelt. Doch bei immer mehr Themen - von den erneuerbaren Energien bis zum Datenschutz - lehnt sich Berlin inzwischen gegen Washington auf." In der Zeit streiten Dietmar H. Lamparter und Götz Hamann, ob das Verbot der App sinnvoll ist, und auf Zeit online macht sich Sabine Hockling Sorgen um die Sicherheit der Mitfahrer.

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons verteidigt Iris Radisch Valérie Trierweilers Buch über ihre Zeit als Mätresse des Staatspräsidenten Hollande: "Noch immer erwartet man von den Enttäuschten, dass sie den Mund halten, wie das für die Damen Mitterand und Kohl selbstverständlich war."

Der französische Philosoph Michel Onfray twittert. Und nun hat er getwittert: "Und was wäre, wenn man an der Schule statt Gender-Theorie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen würde?" Damit macht er sich die Kritik fundamentalistischer Katholiken zu eigen und erregt den Zorn Clément Guillous in Rue89: "Was die Gender-Fragen angeht, sei Onfray daran erinnert, dass das Erziehungsministerium kein Programm hat, um Mädchen mit Penissen auszustatten, und Jungen dieselben abzuschneiden, sondern ihnen nur die Gleichheit von Mann und Frau beizubringen und ihre traditionellen Rollen in Frage zu stellen. Dank der Desinformationskampagnen der Rechten ist dieser Plan mehr oder weniger beerdigt."
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Medien

(Via turi2) Wer wissen will, wie es in Regionalzeitungen so zugeht, muss Josef-Otto Freudenreichs Artikel über die Esslinger Zeitung in kontext lesen. Dort musste der Chefredakteur Alexander Marinos nach sehr kurzer Zeit gehen, weil er offenbar ein paar Strukturen in Frage stellte. Wenn er etwa den Esslinger Bürgermeister anging und damit eine jahrzehntelange Harmonie zwischen Zeitung und Stadt infragestellte, "dann dürfte dem Rheinländer unklar gewesen sein, wie ein Monopolblatt in einer Stadt wie Esslingen funktioniert. Rathaus und Zeitung bilden in aller Regel eine Doppelspitze bei der Deutungshoheit aller Belange, die den Bürger berühren. Namentlich dann, wenn die Verlegerin Christine Kobarg-Bechtle und der Oberbürgermeister Zieger den engen Schulterschluss suchen."

In der FAZ meldet Michael Hanfeld, dass zum Jahreswechsel nach dem Spiegel nun auch der Focus beabsichtigt, seinen Erscheinungstag vom Montag auf den Samstag vorzuverlegen.
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Archiv: Medien
Stichwörter: Focus, Regionalzeitungen

Geschichte

Der deutsche Historiker Arndt Weinrich und sein französischer Kollege Benjamin Gilles unterhalten sich in Slate.fr über die Rolle der Medien der beiden Länder im Ersten Weltkrieg. Zur Dämpfung des Furors haben sie nicht beigetragen - eher zur Verbreitung falscher Bilder, sagt Gilles: "Der patriotische Elan ist zu Beginn sehr stark. Alle Text- und Bildproduzenten betrachten sich als Kriegsteilnehmer in vollem Umfang. Dadurch tendiert der Krieg immer mehr zu einem Kulturkrieg. Die illustrierten Journale spielen zu Beginn der Feindseligkeiten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Da sie keine Bilder haben, greifen sie auf Gravuren zurück, um kollektive Fantasien zu bedienen und der Erwartung der öffentlichen Meinung zu entsprechen. Sie verbreiten eine Bilderwelt, die an die visuelle Kultur des 19. Jahrhunderts anknüpft. Der Heroismus der Soldaten, der schöne Tod, der Angriff mit Bajonetten, die Eroberung der feindlichen Flaggen, all diese Bilder kommen sowohl in französischen als auch in deutschen Publikationen immer wieder."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Erster Weltkrieg

Religion

Nix zu machen. Der Islam ist kriegerisch, und man muss es aussprechen, schreibt Leon de Winter in der Welt: Zwar ist es "eine unbestrittene Tatsache, dass die meisten Muslime auf der Welt friedlich sind, während eine winzige Minderheit von einigen Tausend jungen Leuten nach Syrien reist, um der Welt den Lebensstil Arabiens im siebten Jahrhundert aufzuzwingen. Und die weltweit 1,3 Milliarden Muslime bleiben zu Hause. Sie verharren verwirrt, zweifelnd, schweigend - sie gehen nicht auf die Straße, um gegen die islamischen Mörder des IS zu protestieren. Sie bleiben zu Hause, weil sie wissen, dass diese Mörder die Regeln des Propheten wörtlich nehmen - und sie selbst nicht."

Özlem Topcu fordert in der Zeit die Muslime auf, nicht zum Terror religiöser Fanatiker zu schweigen: "Warum fällt es so leicht, für ein totes Kind in Gaza zu Tausenden auf die Straße zu gehen - und so schwer, dasselbe für ein jesidisches oder christliches Kind zu tun? Geht nicht beides? ... Warum sind wir nicht erschüttert?"
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Europa

Den Russland-Verteidigern in der deutschen Öffentlichkeit ruft Heinrich August Winkler in der SZ ins Gewissen: "Gerade von Deutschland und den Deutschen, unter denen die Ukraine im Zweiten Weltkrieg nicht weniger, ja womöglich noch mehr gelitten hat als die Russen, wird... erwartet: ein Verzicht auf jede Beschönigung oder Relativierung der anhaltenden Verletzung des Völkerrechts durch Russland."
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Politik

Im Interview mit der Zeit erzählt Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin, dass die Terrorgruppe "Islamischer Staat" sich unter anderem mit dem Raub und Schmuggel syrischer Altertümer finanziert: "Auf einem Memorystick des IS soll der Hinweis gefunden worden sein, dass für eine Objektgruppe aus der Region Al-Nabuk 36 Millionen Dollar eingenommmen wurden. Kollegen sagen, dass der IS jetzt von Schmugglern eine Steuer eintreibt."

Etwas grundsätzlich Neues könnte bei den Landtagswahlen in Thüringen am Sonntag geschehen - 25 Jahre nach dem Mauerfall, schreibt Malte Lehming im Tagesspiegel: "Zum ersten Mal überhaupt könnte mit Bodo Ramelow (gläubiger Christ aus dem Westen) ein Linker Ministerpräsident werden, weil sich neben der SPD die Erben der Bürgerrechtler für ihn aussprechen. Das wäre, symbolisch gesprochen, in gewisser Weise das Ende der Wende, die endgültige Einebnung aller Traditionen und Ideale."
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Internet

"Das Internet, die technische Leitutopie unserer Zeit, ist von der Hoffnung zum Problem geworden", verkündet der Schriftsteller Günter Hack in einem kämpferischen Essay auf Zeit Online. Indem die mächtigen Netzkonzerne die Produktionsmittel des neuen Arbeitsmarkts in den Händen halten, versetzen sie ihre Nutzer in den Rang eines "Datenproletariats": "Das Bürgertum zeichnete sich schon zu Marx und Engels" Zeiten zunächst dadurch aus, dass es die Produktionsmittel besaß. Die Kontrolle über diese entgleitet den Resten des Bürgertums nun, sie konzentriert sich in den Händen einiger weniger Konzerne und ihrer Satellitenorganisationen. Alle Debatten über Datenschutz und Überwachung, Patentwahn und Urheberrecht sind Randerscheinungen dieses Verlusts der Kontrolle der Produktionsmittel, der in einen asynchronen Proletarisierungsprozess mündet."

Mit der weitgehenden Aufhebung der Beschränkungen für Gratisnutzer ruiniert der Streaming-Dienst Spotify den Wert von Musik endgültig, befürchtet Tobias Kreutzer in der FAZ: "Man ist auf dem besten Weg, den Fehler zu begehen, den vor beinahe zwanzig Jahren die ersten Online-Journalisten machten. Bis heute ist der Online-Journalismus ein Zuschussgeschäft. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, kaum jemand bezahlt mehr für Inhalte." (Hm, so langsam scheint die Netzkritik in der FAZ auf das Ante-Schirrmacher-Niveau zurückzukehren!)

Kein Internet ist allerdings auch keine Lösung, meint Inna Hartwich und erzählt in der FR, wie willkürliche Netzzensur in China das Leben erschwert: "Die "Great Firewall" ist darauf spezialisiert, Internetseiten regelrecht zu fressen. Solche wie die der New York Times, zu frech waren die Journalisten, als sie über das Vermögen der KP-Spitze schrieben, also weg damit! Solche wie Facebook, Twitter, Youtube. Wo käme man denn hin, wenn dieses westliche Zeug die Hirne von Chinesen verunreinigte, wenn sie sich austauschten, ja gar an Informationen gelangen könnten, die die KP so gar nicht für sie vorsieht? Weg!"

Weiteres: Anlässlich der absehbaren Abschaffung des Bargelds durch Apple Pay fragt Andreas Rosenfelder in der Welt: "Was heißt es, wenn der Bezahlvorgang kein besonderes Objekt mehr hat, in dem er sich verkörpert? Wenn er stattdessen als Zusatzfunktion in einem Kommunikationsgerät verschwindet." Dirk von Gehlen stellt in der SZ das Bezahlsystem LaterPay vor, das Medien ohne Paywall Geld bringen könnte.
Archiv: Internet