9punkt - Die Debattenrundschau

Das letzte Symptom einer sterbenden Ideologie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2014. Der "Islamische Staat" hat ein zweites Snuff Video von der Enthauptung eines Journalisten lanciert. The Daily Dish hofft dennoch, dass die Terrororganisation bald kollabiert. Bernard Henri Lévy fordert, dass Frankreich seine Auslieferung zweier Kriegsschiffe an Russland stoppt. Deutsche Zeitungen empören sich über Uber. In der Wirtschaftswoche beschreibt Bettina Röhl den Konstruktionsfehler, der den Spiegel ins Wanken bringt. Mit dem Politico-Gründer Frederick J. Ryan Jr. installiert Jeff Bezos einen Reagan-Anhänger in der Washington Post, berichtet die New York Times. Die SZ zeigt, wie die Konfuzius-Institute Sinologen auf der ganzen Welt korrumpieren.

Europa

Für Bernard Henri Lévy besteht kein Zweifel mehr, dass Russland direkt in der Ukraine Interveniert. Als Reaktion des Westens fordert er in seiner Kolumne mehr als Sanktionen, nämlich vor allem Waffenlieferungen an die Ukraine. "Und dann, last not least, müssen die famosen Verträge, in denen Frankreich sich verpflichtet, zwei Kriegsschiffe des Typs Mistral an Russland zu liefern (eines davon heißt "Sebastopol" und könnte im Fall der Lieferung demnächst auf Odessa zielen), fristlos gekündigt werden."
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Politik

Gerade hat der "Islamische Staat" ein zweites Snuff Video von der Enthauptung eines Journalisten lanciert (mehr bei Spiegel online). Da mag es umso wichtiger sein, Jonah Shepps Aufruf zur Vernunft in The Daily Dish zu lesen: "Der Islamische Staat ist keine Supermacht. Sein plötzlicher Aufstieg verdankt sich vor allem dem Umstand, dass Syrien und er Irak brüchige Staaten sind, und seine Grausamkeit hat die schlafwandelnden Staaten der arabischen Welt mehr als alles zuvor für die Bedrohung des Dschihadismus sensibilisert. Die Feinde, die er sich auf allen Seiten, vor allem unter Muslimen macht, könnten nahelegen, dass der Islamische Staat so schnell ausbrennt wie er sich entzündete. Ist sein Wahnsinn das letzte Symptom einer sterbenden Ideologie?"

In einem sehr interessanten taz-Artikel schildert Karim El-Gawhary, in welche Bedrängnis die arabischen Staaten durch die Terrorgruppe Islamischer Staat geraten. Viele unter ihnen haben jahrelang islamische Fundamentalisten unterstützt. Jetzt fordern sie ein Eingreifen Europas und der USA gegen den IS. Saudi-Arabien zum Beispiel, das sich noch ganz andere peinliche Fragen gefallen lassen muss: "Saudi-Arabien war letztes Jahr nach den USA, Russland und China das Land mit den vierthöchsten Militärausgaben weltweit. Zehn Prozent des Staatshaushalts wurden für moderne Waffensysteme ausgegeben, meist mit der Begründung, Saudi-Arabien müsse sich vor der iranischen Bedrohung schützen. Nun kommt die Bedrohung statt aus dem Iran aus dem eigenen sunnitischen Lager, und die ersten arabischen Kolumnisten fragen, wozu Saudi-Arabien all diese militärische Hardware besitzt, wenn sie in einer solchen Lage nicht gegen den IS zum Einsatz kommt und stattdessen der Westen um militärische Intervention angebettelt wird."
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Kulturpolitik

Die chinesischen Konfuzius-Institute entstehen in Kooperation mit Universitäten auf der ganzen Welt - und korrumpieren Sinologen auf der ganzen Welt, berichten Tim Neshitov und Kai Strittmatter auf Seite 3 der SZ: "Einzelne Universitäten - in Deutschland Göttingen - lassen sich schon direkt China-Professuren von Peking finanzieren. Als die Universität in Cambridge 2012 eine Professur für "Chinas Entwicklung" einrichtete, da schwor sie, die Spende von 3,7 Millionen Pfund komme von der privaten "Chong Hua"-Stiftung und diese habe keinerlei Verbindungen zur Regierung - bis Journalisten enthüllten, die auf den Bahamas registrierte Stiftung werde kontrolliert von Wen Ruchun, Tochter des chinesischen Ex-Premiers Wen Jiabao."
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Medien

(Via turi2) Nach längerer Abrechnung mit Rudolf Augstein kommt Bettina Röhl auf die Mitarbeiter KG des Spiegel zu sprechen und benennt in wünschenswerter Klarheit deren Konstruktionsfehler, der heute das Schiff ins Wanken bringt: "Statt etwa neue Abteilungen für TV oder online im Zuge einer allgemeinen Expansion aufzumachen und die Mitarbeiter der neuen Dienstleistungen ganz selbstverständlich in den Kreis der Kommanditisten aufzunehmen, gründete der Spiegel, durchaus marktüblich, für Sonderaufgaben gesonderte Tochterfirmen - zum Beispiel Spiegel TV oder Spiegel online. Deren Mitarbeiter schaffen für das marktübliche Lohnniveau ihrer Branchen, sehen am Jahresende aber keinen Kapitalistenertrag auf ihrem Konto."

Katharine Weymouth verlässt die Washington Post. Damit ist die letzte Verbindung der Graham Familie, die die Post 1933 kaufte, gekappt, berichtet die New York Times. Weymouth war noch Herausgeberin gewesen, nachdem Jeff Bezos die Zeitung im letzten Sommer für 250 Millionen Dollar gekauft hatte. Ihr Nachfolger wird Frederick J. Ryan Jr., ehemaliger Stabschef von Ronald Reagan und ein Mitbegründer des erfolgreichen Internetmagazins Politico: "Mr. Ryan used his connections with the Reagan family to help secure Politico"s involvement in presidential primary debates, an important milestone for the new site, said one former Politico staff member. But others who worked closely with him expressed surprise that Mr. Bezos, renowned as an innovative thinker, would appoint a publisher described by many as the quintessential, conventional Washington insider. At Politico, Mr. Ryan obsessed over the details of the annual White House Correspondents Dinner, a celebrity-driven black-tie event attended by the media and politicians, said one former colleague."
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Geschichte

Der Historiker Friedrich Kießling greift in der SZ in die Kriegsschulddebatte ein und positioniert sich vorsichtig gegen Heinrich August Winkler: "Sehen wir das Kaiserreich vor allem als militaristischen Obrigkeitsstaat, erklärt sich der Krieg gewissermaßen von selbst. Der Kriegsentschluss hat dann mit uns praktisch nichts mehr zu tun - er war das Werk einer anderen Welt. Begreifen wir aber, dass es sich um eine in vielen Bereichen moderne, uns sehr viel vertrautere Gesellschaft handelte, rückt 1914 der Gegenwart deutlich näher. Dass in einer solchen Welt ein solcher Krieg gemacht werden konnte, kann und sollte auch heute noch beunruhigen."
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Gesellschaft

Das Landgericht Frankfurt hat dem amerikanischen Fahrdienstleister Uber per einstweiliger Verfügung verboten, in Deutschland zu fahren. Prompt erklärte Uber, diese Entscheidung ignorieren zu wollen. Weder Dschihad noch Putin hat die Zeitungen so in Wallung versetzt, wie diese Erklärung. In der taz hofft Richard Rother, dass sich die Taxi-Genossenschaft nicht einschüchtern lässt. Für ihn ist der Dienst "nur ein Mittel, altbekannte Strukturen wie den Taximarkt zu zerschlagen - wenn die Gerichte und der Gesetzgeber das zulassen. Sie sollten es nicht tun, denn Ubers schöne neue Fahrdienstwelt ist alles andere als erstrebenswert - auch wenn die Kundschaft zunächst mit Dumpingpreisen geködert wird."

In der Berliner Zeitung nennt Thorsten Knuf Ubers Vorgehen "dreist": "Es hat schon seinen guten Grund, dass hierzulande nicht jedermann mit seinem Privatauto Taxi spielen darf. Es geht schließlich um die Sicherheit der Fahrgäste und der Fahrer. Dies ist ein hohes Gut - das weit mehr wert ist als irgendwelchen ominösen Wahlmöglichkeiten der Bevölkerung." In der FAZ empört sich Britta Beeger: "Frecher geht es kaum." In der SZ warnt Jan Heidtmann: "Das Prinzip Uber ist das Prinzip Überfall."

In der FAZ diagnostiziert Günter Hack den Wahlerfolg der AfD als Ausdruck einer neuen BRD-Nostalgie. Vielleicht haben wir uns zu lange auf die DDR-Vergangenheit konzentriert, meint er: "Die Selbstverständlichkeiten der ersten Bundesrepublik wurden nur gelegentlich in Frage gestellt, zu viele ihrer Leichen blieben im Keller, es bleibt das verklärte Bild eines D-Mark-Wirtschaftswunderlands, das sich selbst genug war und als perfekte Folie für die Träume von Parteien wie der AfD herhalten kann. Das rächt sich jetzt."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: AfD, BRD, Dschihad, Nostalgie, Uber, Jedermann