9punkt - Die Debattenrundschau

Lippenstiftglanz aus der Hollywood-Ära

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2014. In der Welt wirft der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz der Bundesregierung Sabotage des Parlaments vor. Atlantic rechnet mit amerikanischen Äpfeln ab - red, aber nicht delicious. Unter der Überschrift "Schafft den Online-Journalismus ab" feiert die FAZ zwanzig Jahre Zeitungen im Netz. In der Welt warnt Alan Posener vor europäischen Konsequenzen eines schottischen Ja. In faustkultur fürchtet Sadiq Al-Azm, dass es für einen zivilen Entwicklungsprozess in Syrien zu spät ist.

Überwachung

Schwere Vorwürfe macht der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz der Bundesregierung in Bezug auf ihren Aufklärungswillen in der NSA-Affäre - und das ausgerechnet in der Welt: "Die Aufklärung durch das Parlament stockt. Die politische Verantwortung hierfür trägt eine schwarz-rote Bundesregierung, die ihrer gesetzlichen Verpflichtung aus Artikel 44 des Grundgesetzes, dem Ausschuss Amtshilfe zu leisten, nicht nachkommt. Stattdessen sabotiert sie die Arbeit des Parlaments, wo es nur geht. Akten werden zu spät oder geschwärzt herausgegeben. Auskünfte darüber, welche Akten wann geschreddert wurden, verweigert sie."

Die amerikanische Regierung drohte Yahoo im Jahr 2008 mit 250.000 Dollar Strafe täglich, falls die Firma nicht Daten herausgibt, berichtet Josh Ong in The Next Web. "Wenn Sie Zeit zum Lesen haben - Yahoo hat 1.500 Seiten aus dem Verfahren veröffentlicht. Nicht alle Dokumente, aber Yahoo sagt, dass es für die Freigabe weiterer Dokumente kämpft."
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Medien

"Schafft den Online-Journalismus ab", fordert Mathias Müller von Blumencron in der FAZ, womit er jedoch nicht den Rückzug der Zeitungen aus dem Netz, sondern ein Ende der Debatte um Print- versus Onlinejournalismus meint. Darauf, wie diese künftig zusammenfallen könnten, geht er allerdings nicht konkret ein, sondern zieht eine Bilanz der ersten zwanzig Jahre Zeitungen im Netz und beschreibt die Herausforderung, vor der Redaktionen noch immer stehen: "Exzellenten Stoff hervorbringen, ihn in überwältigender Opulenz aufarbeiten, geschickt über alle sozialen und nicht-sozialen Kanäle vertreiben und obendrein einen nicht gekannten Austausch mit dem Leser pflegen. Kurzum, sie müssen ein Feuer anzünden, an dem keiner vorbeikommt."

Das Deutschlandradio kommt der Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach und startet eine "Transparenz-Offensive", berichtet Tatjana Kerschbaumer im Tagesspiegel. Dazu wurde eine erste öffentliche Sitzung des Hörfunkrats im Berliner Funkhaus abgehalten, in der ein engerer Kontakt zum Hörer und ein mehr an Transparenz beschworen - und sogleich wieder verhindert wurde: "Audio- und Video-Mitschnitte wurden unterbunden, Nachfragen der Gäste waren nicht eingeplant. Bei einem Zwischenruf wurde gar gleich mit dem Hausrecht gedroht."
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Gesellschaft


("They are, in fact, red" schreibt Stacy Spensley in der Unterschrift zu ihrem unter CC-Lizenz bei FLickr veröffentlichten Foto.)

(Via Boingboing) Ist Amerika ein Reich des Scheins? Sarah Yager erzählt im Atlantic die Geschichte des Red Delicious, eines knallroten Apfels, der in den USA alle Supermarktregale dominiert, obwohl er gar nicht schmeckt. Aber er sieht halt gut aus: "In den Vierzigern war der Red Delicious mit seinen breiten Schultern und Lippenstiftglanz aus der Hollywood-Ära zum populärsten Apfel des Landes geworden. Die kosmetischen Veränderungen waren ein Segen für die industrielle Landwirtschaft: Äpfel, die rot wurden, bevor sie reif waren, konnten früher gepflückt und länger gelagert werden. Schale mit roten Pigmenten ist dicker und verlängert die Präsentierbarkeit der Äpfel in den Supermarktregalen. Aber da die Schönheitsgene den Geschmacksgenen permanent vorgezogen wurden, ist die Schale hart und bitter und das Fleisch breiig und süßlich."
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Stichwörter: Äpfel

Religion

Claudia Mende berichtet in der NZZ vom Kongress "Horizonte islamischer Theologie" in Frankfurt, der im Schatten des islamistischen Terrors stand.
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Geschichte

Georg Renöckl besucht für die NZZ eine Sonderausstellung des Wiener Bezirksmuseums Alsergrund zum Leben des Friedensaktivisten Alfred H. Fried, der 1911 mit dem Nobelpreis geehrt worden war. Shirin Sojitrawalla bespricht für die taz die Frankfurter Ausstellung "Gefangene Bilder" über Kolonialsoldaten. Und Felix Müller war für die Welt in der großen Wikinger-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Andreas Kilb für die FAZ. (Bild: Rekonstruktion der Roskilde 6 aus dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen,ca. 1025 n. Chr. in der Ausstellung "Die Wikinger", Berlin © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker)

Weiteres: In der Leitkolumen des FAZ-Feuilletons wundert sich Lorenz Jäger doch sehr, wie eine Gschichte der arabischen Welt bei Fischer mit dem Stichwort "Sklaven" umgeht.
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Europa

Ein schottisches Ja hätte auch hässliche Konsequenzen für die Europäische Union, warnt Alan Posener in seiner Welt-Kolumne, denn das bleibende "Rest-Britannien, Groß-England oder wie man es auch immer nennen will, würde auf Jahrzehnte hinaus eine Wählermehrheit der rechten Mitte haben. Ohne die schottischen Abgeordneten nämlich dürfte es Labour schwerfallen, je eine Regierungsmehrheit zu bekommen." Und damit würden dort endgültig die Europa-Skeptiker dominieren.
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Politik

Sehr schwere Vorwürfe macht der syrische Philosoph Sadiq Al-Azm im Interview mit Andrea Pollmeier in faustkultur den westlichen Ländern, die die zivile Opposition in Syrien im Stich gelassen haben. Auf die Frage, was man tun kann, um den zivilen Entwicklungsprozess in Syrien zu unterstützen, antwortet er: "Ich denke, es ist bereits zu spät. Man hat zu lange zugelassen, dass sich der Aufstand und die Unterdrückung des Aufstands in Syrien verfestigen konnten." Der Westen, so Al-Azms Vorwurf, "hat die Kräfte, die sich für ein bürgerliches Gesellschaftskonzept und für die Menschenrechte eingesetzt haben, rundum verraten und sich in einem Moment abweisend und passiv verhalten, als Passivität schlimmere Folgen erzielte als direktes konkretes Handeln. Obama und die westlichen Regierungen haben sich geweigert, zu handeln und auf die Stimmen zu hören, die vorausgesagt hatten, dass Nichthandeln zu Radikalisierungen führen würde. In Syrien und im Irak sind diese Folgen jetzt Realität." Ähnlich äußerte sich Al-Azm kürzlich in der Boston Review - unser Resümee.

In der taz bringt Heiko Werning wenig Verständnis auf für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten, Katalanen und Ukrainer: "Mag es auch massenhaft Trottel geben, die unbedingt stolz auf ihr Land oder ihr Volk sein wollen. Aber all das, wofür heute gestritten, abgestimmt, gekämpft und am Ende getötet und gestorben wird, ist so oder so ein paar Generationen später wieder Makulatur. Weil es, was für ein Glück, keine statischen Völker gibt."

Parallel zum Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) verhandelt die EU seit Jahren mit Kanada über ein "Comprehensive Economic and Trade Agreement" (CETA). Netzpolitik.org hat die rund 1500 Seiten umfassenden geheimen Verhandlungsdokumente geleakt, die etwa in den Bereichen Datenschutz und Urheberrecht problematische Bestimmungen enthalten: "TTIP ist auf jeden Fall das Projekt mit mehr politischem Kapital, aber CETA kann durchaus als "Beta-Version" betrachtet werden. Was in CETA steht, lässt sich in TTIP schlecht verhindern. Leider scheint das nur wenige zu interessieren. Wir hoffen, dass wir mit der Veröffentlichung zur informierten Debatte beitragen können."

Außerdem: In der FAZ plädiert Kerstin Holm für eine Finnlandisierung der Ukraine.
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