Efeu - Die Kulturrundschau

Bläser in extremen Lagen

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11.09.2014. Der Tagesspiegel feiert den unwiderstehlichen Energiestrom der Musik von Iannis Xenakis' "Orestia". Die Shortlist des Deutschen Buchpreises findet proporzmäßig wenig Gefallen in den Feuilletons, die Autoren schon eher. Die Berliner Zeitung nimmt Judith Hermann vor den Übersprungshandlungen der Rezensenten in Schutz. Die SZ staunt über die bonohafte Bonohaftigkeit Bonos. Die FAZ besucht die Pasolini-Ausstellung in Berlin. Die taz bewundert die skulpturenhafte Inszenierung der Modelle von Horst P. Horst.

Bühne


Oresteia 2014, Foto: © Bernd Uhlig

Sybill Mahlke vom Tagesspiegel gratuliert der Deutschen Oper in Berlin zu einem "grandiosen Saisonauftakt" und einer "brillanten Premiere". Gegeben wurde Iannis Xenakis" "Orestia" in der Inszenierung von David Hermann, wegen Bauarbeiten an der Hauptbühne aufgeführt auf dem Parkdeck! "Unwiderstehlich ist der Energiestrom der Musik, der von Bläsern in extremen Lagen, einem Cello und gigantischem Schlagwerk entfacht wird", schwärmt die Kritikerin. "Alles ist Rhythmus, den Musiker der Deutschen Oper unter Moritz Gnann mit Impetus auf die Szene werfen."

Von einem "großen Wurf" spricht auch Jan Brachmann in der FAZ. Auch auf den ungewöhnlichen Spielort geht er lobend ein: "Die bullige Architektur des Parkdecks vereint Rationalismus und Gewalt. Diese Einheit ist durchaus ein Zeichen der Moderne. Georg Picht hatte vor vierzig Jahren in seinen Vorlesungen über "Kunst und Mythos" formuliert: "Der Begriff der "Modernität" ist auf die eine und einzigartige geschichtliche Krise bezogen, die Europa im Industriezeitalter durchläuft." Die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts wird ja gerade dort wieder mythisch, wo sie das Gewaltsame der Rationalisierung zur Darstellung bringt."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung erklärt Tim Sandweg, dass er mit seinem am Anhaltinischen Theater aufgeführten Stück "Leaving Dessau" die Bewohner von Sachsen-Anhalt zum Umzug bewegen will, "um hier einen Naturpark einzurichten. ... Es geht nicht darum, die Leute gegen ihren Willen rauszuschmeißen, sondern sie zu überzeugen, dass es schöner ist, woanders zu leben." In der Zeit porträtiert Thomas Assheuer auf zwei Seiten Rene Pollesch, der gerade die Theatersaison an der Berliner Volksbühne mit seinem neuen Stück "House for Sale" eröffnet hat. Nachrufe auf die Opernsängerin Magda Olivero schreiben Frederik Hanssen im Tagesspiegel und Reinhard J. Brembeck in der SZ.

Besprochen wird Falk Richters an der Berliner Schaubühne aufgeführtes Stück "Never Forever" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, SZ).
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Film

Für die taz hat Ulrich Gutmair eine filmwissenschaftliche Tagung über die filmische Darstellung des Konzentrationslagers in Theresienstadt besucht. In der FR unterhält sich Sandra Danicke mit dem Fotografen und Filmemacher Armin Linke über dessen Dokumentarfilm "Alpi". Im Freitag denkt Julian Augstein anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Arnold Schwarzeneggers "Terminator"-Franchise über Zeitreise-Philosophien nach.


Foto: Pier Paolo Pasolini © Federico Garolla / Archivi Farabola

Andreas Kilb besucht für die FAZ die Pasolini-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau und stellt fest, dass der "Feuerkopf" mit den ausgestellten Objekten nicht zu fassen ist: "Man muss sich ans Gedruckte und Gefilmte halten, um die Hitze dieses an beiden Enden brennenden Lebens zu spüren: fast vierhundert Prozesstermine, Vorladungen und Anzeigen in dreißig Jahren; Skandale, Solidaritätsbekundungen, Fernsehauftritte, Preise, Zusammenbrüche; dazu eine Springflut von Aufsätzen, Interviews, Zeitungstexten aller Art."

Besprochen werden weiter David Cronenbergs "Maps to the Stars" (Berliner Zeitung, Perlentaucher, Freitag, Tagesspiegel, Welt), Maria Speths "Töchter" (taz), Anton Corbijns "A Most Wanted Man" (taz, Welt, FR, FAZ), das Ehrenmord-Drama "Der Junge Siyar" (SZ) und die Komödie "Sex Tape" mit Cameron Diaz und Jason Segel (Perlentaucher).

Gerade noch entdeckt haben wir die Meldung, dass der Schauspieler Richard Kiel gestorben ist, der als "Beißer" noch jeden Bond-Film verschönert hat:


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Kunst

In der NZZ wünscht sich holl. dringend eine Überarbeitung des Masterplans 2014 "von fünf namhaften, aber leider erschreckend phantasielosen Architekturbüros" für das Hochschulquartier Zürich.

Besprochen werden eine Subodh-Gupta-Ausstellung im MMK Frankfurt (FR) und die dem DJ Ata Macias gewidmete Ausstellung "Give Love Back" im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt (FR).
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Stichwörter: MMK Frankfurt

Literatur

Die Jury des Deutschen Buchpreises hat ihre Shortlist (hier im Überblick) bekannt gegeben. In der Welt vermisst Richard Kämmerlings Gegenwart in den nominierten Büchern. Für Gerrit Bartels vom Tagesspiegel folgt die enge Auswahl konsequent den Vorgaben der "fragwürdigen und seltsamen" Longlist von vor einem Monat. "Der Verlagsproporz allerdings stimmt nicht, zweimal Suhrkamp, zweimal Kiepenheuer & Witsch, einmal Piper, einmal Rowohlt, das dürfte vor allem die kleinen Verlage ärgern, die immerhin viermal auf der Longlist standen."

Die Unausgegorenheit der Longlist sei auch der Shortlist erhalten geblieben, meint Sabine Vogel in der Berliner Zeitung und drückt ihrem Favoriten Lutz Seiler (hier unsere Leseprobe aus seinem nominierten Roman "Kruso") alle Daumen. Dem Lob für Seiler kann sich Helmut Böttiger von der Zeit nur anschließen: "Selten gab es einen solch starken Favoriten." Doch das könnte dem Roman zum Verhängnis werden, meint er: "Es ist zu erwarten, dass nach den ersten furiosen Artikeln über "Kruso" sich andere Kritiker zu Wort melden, die aus strategischen Erwägungen heraus an Seilers Roman herummäkeln, etwa in der Art, dass er stark überschätzt werde und seine Versprechungen nicht einlöse. Auch in der Buchpreis-Jury kann eine unerwartete Dynamik eintreten, die sich gegen einen vermeintlichen Druck der Öffentlichkeit wehrt und Eigensinn beansprucht." In der FR ärgert sich Judith von Sternburg, dass es Nino Haratischwilis Roman "Das achte Leben (Für Brilka)" nicht einmal auf die Longlist geschafft hat.

In der Debatte um Judith Hermanns Romandebüt "Aller Liebe Anfang" und Edo Reents" im Allgemeinen als paternalistisch eingeschätzte Rezension in der FAZ wechselt Harald Jaehner von der Berliner Zeitung auf die Meta-Ebene: Hier "tobt sich auch die Hysterie eines Betriebs aus, der gern mal zwischen Jubilieren und Vernichten schwankt, um sich damit von einem Alltag zu erholen, der in der Regel noch immer von der Mühe um ein differenziertes Urteil geprägt ist. Judith Hermann ist das Opfer einer Übersprungshandlung, eines rituellen Ausflippens, das sich im überzogenen Lob genauso ausagiert wie im Verreißen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Björn Bischoff mit den beiden Comickünstlern Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant, deren apokalyptischer Comic "Gung Ho" gerade erschienen ist. Lars von Törne stellt im Tagesspiegel den Comicautor Cyril Pedrosa vor. In der SZ berichtet Volker Breidecker vom Lyrikfestival "Meridian" in Lemberg und Czernowitz in der Ukraine.

Besprochen werden Angelika Overaths Roman "Sie dreht sich um" (NZZ), Philippe Djians Roman "Wie die wilden Tiere" (NZZ), Karine Tuils "Die Gierigen" (Freitag) und Volker Reinhardts Biografie des Marquis de Sade (FAZ).
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Musik

Dieser PR-Schlag sitzt gewaltig: U2 haben ihr erstes Album seit fünf Jahren überraschend veröffentlicht - ohne Ankündigungen, aber allen 500 Millionen iTunes-Kunden schlagartig kostenfrei zugänglich. Oder zumindest der Theorie nach, denn Kai Müller vom Tagesspiegel berichtet von argen Problemen, an die begehrte Musik zu kommen: ""Ein großer Moment in der Musikgeschichte. Und du bist dabei", verspricht Apple seinen Kunden. Man weiß nicht, welcher Aspekt daran wichtiger ist. Der, dabei zu sein. Oder der, es für einen historischen Moment zu halten." Jens-Christian Rabe hatte weniger Probleme und hat sich für die SZ bereits durch das Album durchgehört. Trotz einiger Hits darauf ging ihm Bonos Gejohle an manchen Stellen dann doch durch Mark und Bein: "Die bonohafte Bonohaftigkeit dieses Bono ist schon verblüffend. Noch mehr Beweise? "Iris (Hold Me Close)". Oooooooh-oooh-oh-ooooooh-ooh! Uh." In der Welt hört sich Frederic Schwilden durch das Album und bwundert die "fantastische Produktion" von Danger Mouse.

Weitere Artikel: Franz Welser-Möst ist genau zu Beginn der Spielzeit von seinem Posten als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper zurückgetreten, meldet Daniel Ender in der NZZ. Offenbar gab es Streit um die "künstlerische Ausrichtung des Hauses". Katja Schwemmers plaudert in der Berliner Zeitung mit der Band Kraftklub.

Besprochen werden ein Konzert des Gewandhausorchesters Leipzig unter Alan Gilbert mit Beethovens Neunter und Mahlers Dritter (NZZ), das neue Album von Esben and the Witch (ZeitOnline), Karen Os Debüt-Soloalbum "Crush Songs" (taz) und das neue Album der Retro-Bluesrocker Rival Sons (FAZ).
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Design


Foto: Muriel Maxwell, American Vogue, 1939 von Horst P. Horst

Für die taz hat Tania Martini die Ausstellung von Horst P. Horsts Modefotografien im Victoria & Albert Museum in London besucht: "Was über die Jahrzehnte hinweg seine Bilder prägt, ist die skulpturenhafte Inszenierung seiner Modelle, die Idee von absoluter Schönheit, der alle Körper entgegenzustreben scheinen. Diese Liebe zur klassizistischen Skulptur erinnert aber auch an Horsts Aufbruch aus einem Deutschland, in dem ein hellenistisches Körperideal seit dem 18. Jahrhundert einige künstlerische Ausdrucksformen geprägt hatte und nach dem Ersten Weltkrieg auf seinen Höhepunkt zusteuerte."
Archiv: Design