9punkt - Die Debattenrundschau

Die Leitern sind länger geworden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.08.2014. Ungarn driftet in die Putinisierung, Europa schaut weg, schimpft die Welt. Das Budapester Nationaltheater ist nur noch ein chauvinistisches Propagandainstrument, findet der Standard. Le Monde schildert die gespaltenen Reaktionen auf die neue Kulturministerin Fleur Pellerin. Die taz sucht eine Erklärung für desaströse Politik des Emirats Katar. Die SZ rechnet doch noch ein bisschen ab mit Klaus Wowereit. Und keine Angst vor Roboterjournalismus.

Europa

Europa nimmt nicht zur Kenntnis, dass Ungarn unter seinem Ministerpräsidenten Viktor Orban eine immer dezidierter antiwestliche Linie fährt, schreibt Jacques Schuster in der Welt und zitiert aus einer Rede Obans im Juli, in der Orban verspricht, sich an Gesellschaften zu orientieren, die "nicht westlich, nicht liberal, und keine liberalen Demokratien, vielleicht nicht einmal Demokratien sind". Schuster konstatiert eine Putinisierung Ungarns: "Überhaupt sind Staaten wie Russland, China und die Türkei Orbáns "Stars", wie er sie nennt. Sie scherten sich nicht um die "in Westeuropa akzeptierten Dogmen und Ideologien"." Aber dass Ungarn in den neunziger Jahren 25 Milliarden Euro von der EU erhalten hat, verschweigt Orban, so Schuster.

(Propagandadampfer: Das Budapester Nationaltheater. Foto unter CC-Lzenz bei Flickr von jaime.silva.)

Nicht wenige Kulturschaffende sind begeistert dabei, erzählt unterdessen Gregor Mayer im Standard mit Blick auf den willfährigen und mächtigen Regisseur Attila Vidnyánszky, einen Büttel Orbans, der das Nationaltheater in Budapest leitet und großen Einfluss auf Besetzung von Posten hat: "Am Nationaltheater inszeniert der Regisseur nun Regierungspropaganda. So etwa in seiner "Johanna auf dem Scheiterhaufen" von Paul Claudel und Arthur Honegger. Die Johanna von Orléans ist da ein Opfer der bösartigen, hinterhältigen europäischen Politik. Aber sie opfert sich auf "für die Nation, für die Heimat, im Namen Gottes", wie Vidnyánszky in den Medien erklärte."
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Stichwörter: Viktor Orban, Ungarn

Internet

Die Dämonisierung der Internetkonzerne durch die alten Medien verschüttet die eigentlichen Probleme, meint Sascha Lobo in Spiegel Online, etwa die Manipulation des Verhältnisses von Social media und alten Medien durch den Terrorismus: "Die Inszenierung eines ultrabrutalen Konflikts als Real-Life-Actionfilm, dargeboten in Hunderten medialer Mosaiksteinchen, Filmchen, Fotos, Tweets, Facebook-Diskussionen, relevanzgeadelt durch die Redaktionen der Welt. An dem IS ist ein Mediendilemma erkennbar: Es besteht aus der Instrumentalisierung der Medienöffentlichkeit via Social Media, durch die zielgerichtete Produktion und Netzverbreitung von Ereignissen, über die Medien einfach berichten müssen: social Terror-PR..."

Außerdem: In der Welt feiert Gideon Böss Facebook als Medium der Völkerverständigung. Und ebendort fragt sich Mara Delius, was Amazon mit der Spielefirma Twitch will. Ingo Arzt murrt in der taz zum Twitch-Erwerb: "Als ordentlicher Kulturpessimist kommt man überhaupt nicht mehr hinterher, all diese Volten des Netzzeitalters in adäquate Verfallsszenarien zu integrieren."
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Ideen

In der SZ plädiert der Soziologe Heinz Bude für eine gelassene Kapitalismuskritik: "Es ist nicht nötig, in den Ich-Streik zu treten, um sich vom Kapitalismus zu retten. Das Politische beginnt mit dem Impuls, zu einer als Macht empfundenen Zumutung Nein sagen zu können, und mit dem Bedürfnis, diese Empfindung mit anderen teilen zu wollen."

Außerdem: In der taz freut sich Robert Misik, dass sogar ein Moderater wie Wolfgang Streeck, Direktor des Max-Plank-Instituts für Gesellschaftsforschung, inzwischen fragt: "How Will Capitalism End?" In der Zeit kritisiert der israelische Philosophieprofessor Omri Boehm zwei Essays der linken Zionisten (so nennt er sie) Mosche Halbertal (hier) und Avischai Margalit, die keinen Zweifel daran haben, dass ein Staat, der sich als jüdischer definiert, dennoch eine liberale Demokratie sein kann.
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Kulturpolitik

Die Reaktionen auf die Installierung der neuen Kulturministerin Fleur Pellerin in Frankreich sind gespalten. Während Libération einen AFP-Ticker mit den überglücklichen Reaktionen von Film- und Musikfunktionären präsentiert, die sich einen Kampf Pellerins gegen "Piraten" und für die "Kulturelle Ausnahme" versprechen, sind die Vertreter der Kulturschaffenden eher zerknirscht. Die "Intermittents du spectacle" fürchten um ihren Status beim Arbeitsamt, das sie zwischen Engagements finanzierte, berichtet Aureliano Tonet in Le Monde: "Die ersten Reaktionen... zeigen das Misstrauen über die Neue: "Wir machen uns Sorgen über eine Regierung, die ihre Sparpolitik noch verschärft", betont Denis Gavrouil von der Gewerkschaft CGT-Spectacle und beklagt den unter Präsident Hollande gekürzten Kulturetat."

Etwas gar zu freundlich findet in der SZ Jens Bisky die Nachrufe auf Klaus Wowereit, der vorgestern als Regierender Bürgermeister von Berlin zurückgetreten ist: Sehr viele Projekte sind nichts geworden, von Kunsthalle bis Stadtbibliothek, zählt er auf, und das Amt des Kultursenators hat Wowereit auch noch abgeschafft. "Die Wirtschaftsdaten sind es, die für Wowereit sprechen, jedenfalls relativ gesehen. In der Kultur ist er an der wichtigsten Aufgabe gescheitert: Er hat es nicht verstanden, die städtischen Einrichtungen, die urbane Infrastruktur zu stärken und zu modernisieren."

In der NZZ stellt Bernd Brunner die Stadt Mardin vor, ein "Kleinod weit hinten in der Türkei", wie es in der Überschrift heißt, die auf Anerkennung als Unesco-Welterbe hofft: "Betont wird die ethnische und religiöse Vielfalt der Stadt, in der arabisch, kurdisch, türkisch und aramäisch gesprochen wird. "Die Weltstadt Mardin soll wie ein Stern strahlen", sagt Ahmet Cengiz, der Gouverneur von Mardin. Aber es gibt ein Problem: Neue Betonbauten beeinträchtigen das historische Stadtbild. 150 Neubauten aus Beton sind schon abgerissen worden, weitere 400 sollen folgen. Doch in manchen dieser Gebäude wohnen geflohene Syrer, die hier bei türkischen Verwandten untergekommen sind, wie ein Professor erklärt ... Die AKP, Erdogans Partei, die in der Stadt das Sagen hat, muss behutsam vorgehen, weil sie keine Wähler verlieren möchte."

Medien

Muss man Angst haben vor dem neuen Roboter-Journalismus? Ach was, meint Stefan Betschon in der NZZ: "Die Computerlinguistik hat seit SHRDLU Fortschritte gemacht, die Leitern sind länger geworden, doch der Weg zum Mond ist weit."
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Stichwörter: Roboter

Religion

Der irakisch-deutsche Autor Sherko Fatah spricht im Interview mit der Zeit über die Gründe für den militärischen Erfolg der Terrorgruppe Islamischer Staat und über ihre erfolgreiche Maskierung als religiöse Überzeugungstäter: "Die Brutalität legitimiert sich auch aus der Geschichte des Islams, aus Mohammeds imperialer Phase. Die Kriegführung des Propheten war durch Abscheulichkeiten gekennzeichnet. Er hat zum Beispiel erstmalig die Dattelpalmen gefällt, um die Leute auszuhungern. Das war nicht üblich bis dahin, das war eine besondere Perfidie gegen die Zivilbevölkerung. Er hat das in Kauf genommen. Das wissen die IS-Leute natürlich. Das ist Teil ihrer Mythologie, und sie können die Grausamkeiten bis zu einem gewissen Grad als Kriegshandlungen rechtfertigen."
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Politik

In der taz versucht Inga Rogg dankenswerterweise einmal zu erklären, warum sich in Katar immer wieder Unterstützung für muslimische Fundamentalisten wie die Muslimbrüder oder wohl auch den IS findet. Das habe weniger mit dem Kampf gegen den Westen zu tun (mit dem Katar ganz gute Beziehungen unterhält) als mit Konflikten innerhalb der arabischen Welt: "In Katar sitzt die Angst tief, von Saudi-Arabien geschluckt zu werden oder im Konflikt zwischen dem sunnitischen Schwergewicht und seinem schiitischen Rivalen Iran unter die Räder zu kommen."

Der jüngste Gaza-Konflikt war nur eine Episode in einem Krieg gegen israelische Zivilisten, der seit dem Scheitern der Verträge von Oslo 2000 andauert, schreibt Yossi Klein Halevi in der New Republic. Die Raketen der Hamas sind eine der Waffen in diesem Krieg: "Ihr Erfolg misst sich nicht nach Toten, sondern im psychologischen Effekt. Tote Israelis sind ein Bonus; der Zweck ist die Terrorisierung. Wie Yasser Arafat, der Meister des psycholgischen Kreigs, sagte: Terrorismus soll Verzweiflung in Israel auslösen, die am Ende im Weggang der Mittelklasse und dem Kollaps des jüdischen Staats kulminiert."

Im Iran will Präsident Rohani die Meinungsfreiheit stärken, das passt vielen seiner Kritikern nicht, berichtet in der NZZ Joseph Croitoru: "Bei Kampfrhetorik allein bleibt es in diesem Meinungsstreit nicht. Rohanis Rivalen aus dem konservativen Lager blockieren seine Initiativen durch harte Strafen, mit denen sie einheimische Journalisten und Internetaktivisten in zunehmendem Maße belegen. So hat unlängst ein Revolutionsgericht in Teheran gegen acht Personen, die verschiedene Facebook-Seiten erstellt hatten, insgesamt 127 Jahre Freiheitsstrafe verhängt."

In der taz setzt Mely Kiyak wenig Hoffnung in einen neu gegründeten Kurdenstaat: "Die Autonome Region Kurdistan im Nordirak funktioniert zu großen Teilen deshalb, weil die Amerikaner dieses Vorhaben unterstützten. Es sind die Shoppingmalls und der Wohlstand, das Erdöl, der Übergang von der Landwirtschaft in den modernen Kapitalismus, der für Ruhe sorgt, nicht die Bruderliebe. Das Einzige, was die Kurden eint, ist ihre Utopie Kurdistan. Doch wenn sie die erreicht haben, werden sie übereinander herfallen, so wie sie es taten, als noch nicht Staaten oder Islamisten über sie herfielen, sondern sie sich selbst zu Feinden erklärten. "
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