9punkt - Die Debattenrundschau

Der Beweis dafür, dass Gott uns liebt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2014. Wolfgang Sofsky analysiert in seinem Blog die Strategie des "Islamischen Staats". China kritisiert tanzende Frauen, berichtet die FAZ. Die Creative Review präsentiert schon mal Entwürfe für den Union Jack ohne das schottische Blau. In der SZ hält Heinrich August Winkler an seiner Kritik der "revisionistischen Literatur" über den Ersten Weltkrieg fest, weil sie Hitler nicht erklären könne. Und: "Angelina e Brad adesso davvero sposi!" Mit Foto.

Europa

Am 18. September findet das schottische Referendum statt, bei dem die Schotten wahrscheinlich für den Verbleib in der Union stimmen werden. Wenn aber nicht, fragen sich Quentin Newark und Kevin Denoual im Blog der Creative Review schon mal, wie der Union Jack ohne das schottische Element aussehen würde. Die einfachste Lsöung wäre so:



Das "Kauft nicht bei Israelis" der BDS-Kampagne wird immer raffinierter, berichten Willy Le Devin und Dominique Albertini in Libération. Zunächst versichern die Israelkritiker, nichts gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu haben, aber das hindert sie nicht, auch in Frankreich Listen aller Produkte aufzustellen, die man nicht kaufen soll (oder umgekehrt, wenn man diese Aktion ablehnt!) "Und sie beklagen mit Beweisfotos die angeblichen Schummeleien von Supermärkten: etwa jene Mangos, die als dominikanisch präsentiert werden, während ihr Etikett "Product of Israel" aussagt. Die BDS-Kampagne denkt sogar darüber nach, eine App zu lancieren, damit sich der Konsument im Supermarkt informieren kann."
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Politik

Der Soziologe Wolfgang Sofsky beschreibt in seinem Blog die Strategie des "Islamischen Staats" und benennt den wesentlichen Unterschied zu Al Qaida: "IS ist keine terroristische Netzorganisation von Einzelzellen, die weitgehend unabhängig voneinander operieren, sondern ein militärischer Verband. Inmitten einer chaotischen Umwelt geht er strategisch koordiniert, aber taktisch flexibel vor. Vor Ort handeln die Kommandos, Stoßtrupps und Sturmeinheiten mit hoher Selbständigkeit. Die weiträumigen Eroberungszüge sind jedoch ohne ein zentrales Kommando schwerlich denkbar, auch der systematische Wechsel der Taktiken deutet auf eine Befehlshierarchie hin."

Ein Staat, der versucht, seine Minderheiten auszulöschen, steht früher oder später wegen Völkermords am Pranger. Was aber, wenn es vor allem die Mehrheitsbevölkerung trifft? In Kambodscha gibt es ein Tribunal, vor dem ehemalige Rote Khmer des Völkermords angeklagt werden, berichtet Stéphanie Giry im Blog der NYRB. Aber niemals wegen des Völkermords an ihren eigenen Landsleuten, den Khmer. "Wenn die Außerordentliche Kammer des Gerichts in Kambodscha in einer zweiten Phase die Führer der Roten Khmer wegen Völkermords anklagt, dann wird sie dass nur im Zusammenhang mit zwei Minderheiten in Kambodscha tun: Den Vietnamesen und den Cham, einer muslimischen Gruppe. Das ist eine heikle Entwicklung. Man schätzt, dass etwa 20.000 Vietnamesen und 90.000 Cham unter Pol Pot starben, im Gegensatz zu - konservativ geschätzt - mehr als 1,3 Millionen Khmer. Eine Khmer-Frau, die im Exil lebt und für das Urteil nach Phnom Penh gereist war, erklärt, dass die Entscheidung des Gerichts, die Khmer nicht als Opfer eines Völkermords in Betracht zu ziehen, ihr das Gefühl gibt, man verwehre diesen Opfern "die korrekte Bezeichnung für das, was ihnen angetan wurde". Es sei, "als habe man die Geschichte nicht verstanden".

Außerdem: In der Welt macht Hannes Stein den Iran verantwortlich für alle Schandtaten im Nahen Osten.
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Medien

Die Funke-Gruppe prüft nach Informationen von newsroom.de eine Insolvenz für die Westfälische Rundschau, die ohnehin nur noch ein Mantel ist. Peter Turi erläutert: "Mitarbeiter sollen von der Insolvenz nicht betroffen sein, die Zeitung arbeitet seit Monaten ohne eigene Redakteure."

Sehr sauer ist Thomas Knüwer über einen Beitrag des ZDF zu den Geschäften der Samwer-Brüder (die etwa Zalando gegründet haben). In seinem Blog Indiskretion Ehrensache schreibt er: "Die Samwers sind nicht die guten. Doch trieft aus diesem Stück Fernsehen eine Voreingenommenheit und Wirtschaftsfeindlichkeit, die stellvertretend ist für vieles, was ich bei ARD und ZDF sehe."

Im Gespräch mit Stefan Winterbauer von Meedia meint Bernd Ziesemer, ehemals Chefredakteur des Handelsblatts zu den jüngsten Ereignissen beim Spiegel, Focus und Stern: "Ich glaube, dass man auf jeden Fall von Panik sprechen kann. Das ist auch erklärlich, weil die Anzeigensituation der Verlage wieder mal schlechter ist als erwartet. Diese Entwicklung geht nun schon seit vielen Jahren so. Panik ist aber nun mal ein schlechter Ratgeber."
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Gesellschaft

New Hampshire ist der beste amerikanische Bundesstaat für Weintrinker. Das behauptet die Washington Post und Charles Simic kann es im Blog der NYRB mit größtem Vergnügen bestätigen: "Ich weiß dass von unseren Mülltonnen. Die für Weinflaschen sind getrennt von den anderen, und immer, wenn ich meine eigenen entsorge, werfe ich einen Blick hinein. Über die Jahre wurde deutlich, dass nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der getrunkenen Weine gestiegen ist. Da ich Wein mit gutem Leben und Zivilisation verbinde. Wohl wissend, dass jeder, von den alten Griechen und Römern bis zu unseren Gründervätern ihn trank - Benjamin Franklin behauptete sogar, Wein sei der Beweis dafür, dass Gott uns liebt - finde ich diese Entwicklung ausgesprochen erfreulich."

(Via Ilpost.it) Und hier links die Seite 1 von La Stampa: "Angelina e Brad adesso davvero sposi!"

In China treffen sich Frauen zwischen 50 und 70 Jahren (die FAZ nennt sie "reif") abends auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen, um zu tanzen. Sie tun das schon seit vielen Jahren, aber jetzt sind sie erstmals in die Kritik geraten, berichtet Mark Siemons in der FAZ, weil sie den Verkehr behindern und die Musik andere stört: "Allen diesen Einlassungen gemeinsam ist, dass sie den Wunsch, den öffentlichen Raum zu besetzen, als ungebührliches, völlig aus der modernen Zeit gefallenes Begehren betrachten, das es durch geeignete Maßnahmen zu therapieren gilt. Dass ein von allen geteilter Ort der Vielfalt erstrebenswert sein könnte, kommt in diesen Wortmeldungen gar nicht vor."
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Geschichte

In der SZ erklärt Heinrich August Winkler, warum er an seiner Meinung über die "neuere revisionistische Literatur über 1914", die die deutsche Kriegsschuld an WK I kleinrede, festhält: "An das Wirken der radikalen und meist auch antisemitischen wilhelminischen Rechten vor und nach 1914 knüpften nach der Niederlage Deutschlands Hitlers Nationalsozialisten an. Deren Erfolg rückt ohne diese Vorgeschichte in den Bereich des Unerklärbaren. Zu dieser Verrätselung und Verinselung des Nationalsozialismus und damit zur Wiederbelebung der Legende vom "Betriebsunfall" Hitler trägt bei, wer meint, die Kriegspartei des kaiserlichen Deutschland mit dem Alldeutschen Verband und den konservativen Parteien an der Spitze ignorieren zu können."

Außerdem: In der NZZ bewundert Roman Bucheli die historischen Augsburger Wasserkanäle, die ins Weltkulturerbe aufgenommen werden sollen.
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