9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2024. In der FAZ betrachtet der Historiker Stephan Malinowski eine Urszene des Postkolonialismus: die Verteidigung des Nazi-Schlächters Klaus Barbie durch den linken französischen Anwalt Jacques Vergès: auch damals schon tobte die Manie des Vergleichs, stellt er fest. In der FR demonstriert Naomi Klein in der Spur Masha Gessens, wie das geht. Leander Scholz fürchtet in der NZZ, dass die von den "psychotischen Assassinen" in die Welt gesetzten Snuff Movies des 7. Oktober einen globalen Bürgerkrieg auslösen können. Einen Trost gibt es: Russland ist schwächer als es scheint, konstatieren taz und NZZ.
05.01.2024. In der Welt fragt Henryk Broder die Kontextualisierer: "Wie viele deutsche Menschen dürfte ein jüdisches Waisenkind umbringen, dessen Eltern oder Großeltern in einem deutschen Lager ermordet wurden?" In der FAZ erzählt der russische Schriftsteller Igor Saweljew, wie schon Schulkinder in die Kriegspropaganda eingespannt werden. Der Rücktritt der Harvard-Präsidentin Claudine Gay beschäftigt die Medien immer noch: Plagiat ist Plagiat, insistiert The Atlantic. Postkolonialismus ist differenziert, nur in den sozialen Medien nicht, beteuert der Postkolonialist Aram Ziai in der FR. Der Buchreport ist pleite, teilt er in seiner letzten Meldung mit.
04.01.2024. Die Historikerin Fania Oz-Salzberger erklärt in der Zeit, wie schwer es ist, eine linke Israelin zu sein - vor allem angesichts einer "westlichen Linken, die uns verraten hat". Der Völkermord an den Herero wurde von deutschen Siedlern nach Kräften unterstützt, sagt der Historiker Matthias Häussler der SZ. Der 7. Oktober muss auch in Deutschland ein Weckruf sein, fordert Ahmad Mansour im Focus: Schluss mit dem "Rassismus der niedrigen Erwartungen". Die Tage der Demokratie sind aber ohnehin gezählt, meint Emmanuel Carrère in der NZZ.
03.01.2024. Aktuell gilt es, den Fokus vor allem auf muslimischen Antisemitismus zu legen, sagt der Berliner Antisemitismus-Beauftragte Samuel Salzborn in der taz. Die SZ warnt vor den katastrophalen Folgen einer Wiederwahl Donald Trumps für das demokratische Europa: Es drohe eine Situation wie 1938. Auch Richard Herzinger malt in seinem Blog aus, was passiert, wenn Trump regiert und Putin die EU angreift. Auf ZeitOnline beerdigt Can Dündar letzte Reste der Demokratie in der Türkei. Und in der FAZ sieht die Klimaforscherin Ricarda Winkelmann keinen Spielraum mehr in Sachen Klimakrise.
02.01.2024. Zeitenwende? Hat die SPD offenbar schon wieder vergessen, meint der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ. Die SZ verneigt sich vor ihren neuen Ahnen im Grassi-Museum. Auf ZeitOnline sucht die Historikerin Juliane Fürst nach Analogien zwischen der Ukraine und Israel. Am Autoritarismus der arabischen Staaten ist der Konflikt mit Israel Schuld, glaubt der ägyptisch-australische Soziologe Amro Ali auf SpiegelOnline. Der Perlentaucher wünscht allen Leserinnen und Lesern ein Frohes neues Jahr!
30.12.2023. Der postkolonialen Linken, die Deutschland einen "Schuldkomplex" unterstellt, entgegnet der Historiker Frank Trentmann in der taz: Wir sollten "nicht vergessen, dass man in den heutigen Debatten zu Israel auch in anderen Ländern sehr viel um sich selbst kreist." Nicht Armut in den Herkunftsländern, sondern Arbeitskräftemangel im Westen bedingt Migration, schreibt der Soziologe Hein de Haas im Guardian. "Der Westen ist heute von innen noch mehr bedroht als von außen", glaubt Heinrich August Winkler in der FAS. Auf ZeitOnline skizziert die Soziologin Katharina Blum Russlands Abkehr vom Westen. Und die FAZ ploggt ins Jahr 2024.
29.12.2023. Klimakatastrophe, Ukraine-Krieg, Gaza, und nun auch noch dies: Nächstes Jahr droht die Wiederwahl Donald Trumps und die Verwandlung Amerikas in eine Diktatur. In der FAZ prüft Claudius Seidl entsprechende Szenarien. In der SZ gibt Alexander Estis Masha Gessen noch ein paar Nachhilfestunden in der Kunst des Vergleichens. Nehmen wir mal an, Israel verschwände von der Erdoberfläche, das wäre das Ende jeder deutschen Schuld, so Henryk Broder in der Welt, und sehnen sich danach nicht die Rechten und die Linken in Deutschland, fragt Peter Huth ebenfalls in der Welt.
28.12.2023. Die in Deutschland so beliebte Sünderpose ist oft nur eine Form des Paternalismus, kritisiert die Zeit. Es könnte schwieriger werden, den Wokeismus los zu werden als den Maoismus, warnt Alain Finkielkraut in der NZZ. Die FR hofft derweil auf eine Linke, die sowohl humanistisch als auch radikal ist. Im Tagesspiegel fragt der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle, warum die historischen Ursachen des Nahost-Konflikts hierzulande so wenig bekannt sind. In der SZ empfiehlt der Vorsitzende des Palästina-Forums Aref Hajjaj dem Nahen Osten für eine friedliche Zukunft das Schweizer Modell.
27.12.2023. "Demokratiefeindlichkeit ist kein Teil einer Kultur", betont Ahmad Mansour, der in der NZZ hofft, dass die Gefahren durch Islamismus nun endlich erkannt werden. Das Gefühl, benachteiligt zu sein, ist tief verwurzelt im Osten, meint der Theologe Richard Schröder, der den Ostdeutschen in der FAZ rät, sich nicht mit den Westdeutschen, sondern mit den etwa zwanzig anderen einst sozialistischen Diktaturen zu vergleichen. Millionen von Menschen leben unter Bedingungen, die schlimmer sind als die in Gaza und sie suchen nicht den Trost in Terrorismus, erwidert Henryk Broder in der Welt auf Christoph Heusgen.
23.12.2023. Wenn es je einen "deep state" gab, dann den der Hamas im Gazastreifen, sagt Herta Müller in der NZZ. Und die Hamas brauche das Elend der Palästinenser, um existieren zu können. Die New York Times kritisiert die israelische Kriegsführung mit massiven Bomben in Wohngebieten. Der Spiegel sieht mehr Zerstörung als in Deutschland im Zweiten Weltkrieg - nur die Ruhrbarone bestreiten das. Marcel Beyer protestiert in der FAS gegen die deutsche Empathielosigkeit mit Blick auf Ukraine und Israel.