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08.05.2025. Heute ist Tag der Befreiung. Oder doch nicht? Fühlen sich AfD-Wähler befreit, fragt Zeit online. Doch, die meisten Deutschen waren froh, glaubt der Historiker Peter Longerich in der FR. In der NZZ mahnt der Historiker Norbert Frei eine Änderung der deutschen Erinnerungskultur an. In der SZ sieht Herfried Münkler das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und Wohlstands. Wir müssen über die angeblich unvermeidliche Aufrüstung reden, forderten kürzlich sechs Autoren in der Zeit. Gern, aber nicht so, antworten ihnen heute ebendort Carlo Masala und Armin Nassehi.
Vor achtzig Jahren kapitulierten die Deutschen vor den alliierten Streitkräften. Für uns heute ist es ein Tag der Befreiung. Doch das galt weder damals noch heute für alle, meint Ann-Kristin Tlusty bei Zeit online angesichts einer wachsenden Zustimmung für die AfD. "Fördert die Rede von der Befreiung die Lebenslüge Hunderttausender Nachkriegsfamilien, von allem nichts gewusst, den Nationalsozialismus niemals gewollt, nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun gehabt zu haben - eine Lüge, die auch Generationen später noch fortgeschrieben wird? Oder gilt es, ganz im Gegenteil, am Begriff der Befreiung festzuhalten angesichts des Versuchs von Rechtsaußen, den 8. Mai wieder zum 'Tag der Niederlage' umzudeuten, wie die AfD-Vorsitzende Alice Weidel es vor zwei Jahren im ARD-Sommerinterview tat", fragt sie sich und sucht Rat bei Max Czollek und dem Philosophen Christoph Menke. (Wir haben ja jetzt die gesammelten Hervorbringungen der deutschen Presse zum 8. Mai gelesen: Zum Begriff der "Befreiung" empfehlen wir Hubertus Knabe, mehr hier, zum "Nie wieder" Simon Strauß, mehr hier.)
Auch wer in den KZs befreit wurde, war nicht zwangsläufig frei, erklärt in der FAZ der jüdische Historiker Michael Brenner: "Befreit wurden sie in Auschwitz und Bergen-Belsen, in Dachau und Flossenbürg. Frei zu sein, das war für die meisten Juden aber nur weit weg von Europa vorstellbar: in Australien und Südamerika, in den Vereinigten Staaten und vor allem im eigenen nun erst ausgerufenen jüdischen Staat." Doch nicht alle schafften es raus aus Deutschland. Brenners Vater, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden und der selbst in mehreren KZs gesessen hatte, schaffte es nicht, er blieb in Deutschland. "Wie viele Nachgeborenen erfuhr ich nicht viel von seinen Erlebnissen. Die Überlebenden wollten ihre Kinder 'normal' aufwachsen sehen und sie vor der grausamen Vergangenheit schützen. Zumindest tagsüber gelang dies ganz gut. Doch nachts hatten sie keine Kontrolle darüber, wenn die Vergangenheit sie im Traum einholte und wir alle im Haus gelegentlich von Schreien aufgeweckt wurden. Dann wussten wir, dass sie auch Jahrzehnte später zwar befreit, aber nicht frei waren."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt der Historiker Peter Longerich, warum die immer beschworene große Unterstützung für die Nazis innerhalb der deutschen Gesellschaft nur ein Ergebnis der NS-Propaganda und der Angst vor Repressionen war. Außerdem spricht er darüber, wie ein Neuanfang nach 1945 für diese Gesellschaft möglich war: "Viele Milieus, die dem NS fernstanden oder sich innerlich abgesetzt hatten, lebten, wenn auch zum Teil unter der Oberfläche weiter: die sozialdemokratisch geprägte Arbeiterschaft, ein bürgerlicher Protestantismus, katholische Milieus. Diese Gruppen bildeten nach 1945 das Rückgrat der neuen Demokratie. Die Herausbildung einer Demokratie ist eben alles andere als ein Wunder, sondern es zeigt, dass eine Gesellschaft, die eine solche Katastrophe überlebt hat, sich erneut wieder zurechtfinden kann auf der Grundlage einer früheren Vielfalt. Die NS-Anhänger hielten sich überwiegend zurück - aus Opportunismus, aus Angst oder weil sie tatsächlich verstummten."
Der 8. Mai 2025 lässt den PolitikwissenschaftlerHerfried Münkler in der SZ nicht nur an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor achtzig Jahren denken, sondern auch daran, dass der Westen aufgehört hat zu existieren. "Der transatlantische Westen ist inzwischen mehr eine Erinnerung als ein politischer Akteur. Sein Zerfall wäre das definitive Ende dessen, was man als das 'Lernergebnis' aus dem Zerfall der Demokratie im Europa der 1920er- und 1930er-Jahre, dem Krieg und den in dessen Schatten verübten Menschheitsverbrechen sowie der Zerstörung des alten Europa bezeichnet hat. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes steht darum - im Unterschied zum 40. Jahrestag - nicht als Anbeginn einer neuen Zeit da, sondern als das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und Wohlstands."
Der HistorikerNorbert Freizeichnet im NZZ-Interview mit Marc Tribelhorn nach, wie lang der Weg zum Gedenken an dieses ambivalente Datum für die Deutschen war. Für die nächsten Jahre stünde die deutsche Erinnerungskultur vor weiteren Herausforderungen. Da wäre zum Beispiel das Ende der Zeitgenossenschaft, das durch eine gute Dokumentation des Materials von Zeitgenossen aber erhalten bleibe. "Zum anderen halte ich es mit Jürgen Habermas, der im Zusammenhang mit der Debatte um eine stärkere Beachtung der Kolonialgeschichte zu Recht festgestellt hat, unsere politische Kultur müsse sich erweitern, damit sich Zuwanderer 'mit ihrem Erbe und gegebenenfalls auch ihrer Leidensgeschichte darin wiedererkennen können'. Und weiter sagt er: 'Mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft akzeptieren die neuen Bürger die politische Kultur und das geschichtliche Erbe unseres Landes; davon ist die Ächtung des Antisemitismus ein unverzichtbarer Kern.' Ich denke, damit ist die Aufgabe historisch-politischer Bildung präzise umrissen."
Laurent Joffrin, Chef der Pariser Online-Zeitschrift Lejournal.info, schreibt: "Dies ist die eigentliche Lehre bei diesen Gedenken an den 8. Mai: Die Werte, für die damals so viele Frauen und Männer ihr Leben ließen, sind erneut in Gefahr. Die Verteidiger der Demokratie sind tatsächlich in der Defensive, der freie Handel weicht einer egoistischen Abschottung, und die internationale Zusammenarbeit ist zerbrochen... Wer heute den Sieg feiert und an der Idee der Freiheit festhält, weiß, dass wir in eine neue Ära der Gefahren und des Widerstands eingetreten sind." Was übrigens beim virtuellen Durchblättern der Weltpresse auffällt: In einer Zeitung wie der New York Times gibt es Nullkommanix zum 8. Mai.
Außerdem zum 8. Mai 1945: Hubert Spiegel hat für die FAZ deutsche Archive durchforstet und Stimmen aus den Tagen danach zusammengestellt, von Staatschefs, Müttern, Kindern, Soldaten, Schriftstellern und Zivilisten.
Und noch ein Jahrestag: Vor sechzig Jahren haben Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. Aber wer will feiern, fragen in der ZeitShimon Stein und Moshe Zimmermann. Und müssen die Beziehungen nicht neu definiert werden? "In Bezug auf die historische Erinnerung hat sich gerade im vergangenen Jahrzehnt manches verändert: Spätestens seit dem Streit um die Documenta 15 im Jahr 2022 wird anders über Israel, Antisemitismus und die Schoah gesprochen. Laut der postkolonialen Historiografie, die stark an Popularität gewonnen hat, mindestens im Feuilleton, gehört Israel zu den Ausbeutern, die Schoah in die Kategorie kolonialistischer Massenmord, und der Zionismus wird als kolonialistisches Unternehmen bewertet. Israels Verhalten im Westjordanland gilt als 'Apartheid' und Israels Krieg in Gaza als 'Genozid' - nicht zuletzt wegen Israels Umgang mit der humanitären Versorgung, der schwer zu ertragen ist, selbst wenn man die Mitverantwortung der Hamas bedenkt. In einer Welt, die diese Sprache benutzt und verbreitet, ob zu Recht oder nicht, ist der Rahmen für die Diskussion um die deutsch-israelischen Beziehungen neu abgesteckt."
Zehntausende haben am Mittwoch in Istanbul erneut gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu protestiert, meldet Zeit online. Erdogan gelingt es nicht, die Stimmung in der Bevölkerung zu verändern, berichtet in der FAZBülent Mumay, obwohl er das Land langsam in eine Open-Air-Haftanstalt verwandelt. Erdogan liegt "in keiner einzigen Umfrage vorn. Nicht einmal die eigene Wählerschaft kann er davon überzeugen, dass die Operation gegen Imamoglu und sein Team rechtmäßig war. Laut Umfragen glauben drei von vier Wählern in der Türkei trotz entgegengesetzter Propaganda der von der Regierung kontrollierten Medien, Imamoglus Verhaftung sei politisch motiviert. Außerstande, diese Auffassung zu kippen, versucht Erdogan mit neuen juristischen Schritten Stimmung zu machen. Doch auch die zweite Welle der Operationen gegen Imamoglus Team führte zu keinem Wandel in der Öffentlichkeit."
Warum marschieren am 1. Mai in Berlin Linke, die für Arbeitnehmerrechte eintreten, und propalästinensische und israelfeindliche Aktivisten nebeneinander auf, fragt sich Ahmad Mansour in der Welt. Die Linke müsse diese identitätspolitische Melange dringend abschütteln, sonst gebe sie ihre eigenen Ziele auf: "Die Linke steht am Scheideweg. Entweder bleibt sie Hort der Aufklärung - oder sie lässt sich von Kräften kapern, die Aufklärung nur selektiv dulden. Die alten Genossen wussten: Religionskritik gilt für jede Kanzel. Wer Gleichberechtigung ernst meint, kritisiert das Patriarchat überall - auch in migrantischen Familien. Menschenrechte sind universal. Kulturrelativismus ist ihr Todfeind." Dazu gehöre auch: Hinter dem Existenzrecht Israels zu stehen.
Eigentlich ist dem russischen Journalisten Andrej Gurkow das Unbehagen vieler Deutscher an Aufrüstung und Wehrtüchtigkeitdurchaus sympathisch - vor allem, wenn er es mit der Kriegslust in Russland vergleicht. Die sollte man allerdings ernst nehmen, meint er: Angesichts der russischen "Bereitschaft zum Sterben kann die Antwort der Europäer eigentlich nur ein schnelles Aufrüsten ihrer Armeen zu hoch technologisierten Streitkräften sein, in denen modernste Waffensysteme die Gefahr für das Leben der eigenen Bevölkerungen auf ein Minimum reduzieren. Das könnte den Expansionsdrang Russlands dämpfen, wobei die russische Propaganda dies natürlich als Militarismus und Kriegstreiberei brandmarken würde. Sollte sich dagegen in Moskau der Eindruck verfestigen, dass die deutsche Gesellschaft nicht mal ihr eigenes Land, geschweige denn das Territorium ihrer Nato-Bündnispartner zu verteidigen gewillt ist, würde dies dem russischen Streben nach Dominanz in Europa weiteren Auftrieb geben."
In der Zeit antworten Carlo Masala und Armin Nassehi auf die sechs Autoren, die kürzlich in der Zeit behauptet hatten, eine Wiederaufrüstung werde zu wenig diskutiert und mit dem Schüren von Angst vorangetrieben (unser Resümee), man solle lieber noch einige Jahre lang darüber diskutieren. Reden gern, aber nicht so, rufen Masala und Nassehi ihnen jetzt zu. Die sechs sähen "in Strategien zur Aus- und Aufrüstung der Bundeswehr so etwas wie das Motiv, für die kriegerische Lösung von Konflikten zu optieren. Diese Unterstellung beinhaltet genau genommen das Ende allen Redens. Es ist nicht nur die allzu simplifizierende Problembeschreibung, die eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe erschwert, sondern diese letztlich den Diskurs geradezu korrumpierende Unterstellung, dem Gegenüber ein Optieren fürs Kriegerische zu unterstellen."
Der Politologe und PolitikberaterJoseph Nye ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Myles McCormick würdigt ihn in der Financial Times: "Er war es, der den Begriff 'Soft Power' prägte, um die Fähigkeit einer Nation zu beschreiben, ihre Ziele 'durch Anziehungskraft statt durch Zwang oder Geld' zu erreichen - eine Idee, die US-Präsident Donald Trump seiner Meinung nach nicht verstanden hat. ... Nyes Karriere schwankte zwischen theoretischen und politischen Funktionen, was ihm laut Kollegen einen einzigartigen Einblick in die Mechanismen der US-Außenpolitik verschaffte." Der Titel eines seiner älteren Bücher klingt so, als sollte man es mal wieder lesen: "Das Paradox der amerikanischen Macht - Warum die einzige Supermacht der Welt Verbündete braucht".
Nicht nur in Algerien, auch in Tunesien verschärft sich unter der Herrschaft des tunesischen Präsidenten Kais Saied die Repression. 37 Oppositionelle sind zu Haftstrafen von bis zu 66 Jahren verurteilt worden. Valentin Dreher unterhält sich für den Spiegel mit dem Autor Hatem Nafti. Und was er sagt, trifft auf beide Länder zu: "Die Straße ist heute apathisch. Das hat auch damit zu tun, dass die Angst nach Tunesien zurückgekehrt ist." Die EU, für die Saied sich heute gern als "Türsteher" betätige, hat einen Anteil an der jetzigen Situation, so Nafti: "Von der Leyen und europäische Regierungschefs sprechen häufig von einem 'pragmatischen Ansatz' in ihren Beziehungen zu Tunesien. Frau von der Leyen macht genauso Deals wie Herr Trump. Werte wie die Menschenrechte sind da vollkommen egal. Das konnten wir doch gerade wieder beobachten: Fast zeitgleich mit der Verurteilung der Oppositionellen erklärte die EU-Kommission, Tunesien sei ein sicheres Herkunftsland, um Tunesier bald schneller abschieben zu können."
FAZ, Bild-Zeitung und Jüdische Allgemeine melden, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den umstrittenen bisherigen Amtsleiter Andreas Görgen gekippt hat: "Görgen, der als Ministerialdirektor beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auch als 'Claudia Roths Gehirn' bezeichnet wurde, ist wegen seiner Haltung zur Israel-Boykott-Bewegung BDS, insbesondere in Zusammenhang mit der wegen Antisemitismus-Vorfällen belasteten Kunstausstellung documenta 15, immer wieder in die Kritik geraten. Görgen wurde vorgeworfen, der 'Mastermind' hinter einer Kulturpolitik zu sein, die sich von BDS-Befürwortern nicht ausreichend distanziert und das Problem verharmlost habe", schreibt die JA. Görgens Nachfolger wird der Jurist Konrad Schmidt-Werthern (CDU), der seit letztem Jahr Görgens Stellvertreter war, meldet Andreas Kilb in der FAZ. Görgen selbst wird weich fallen, er hat laut Bild "ein Rückkehrrecht ins Außenministerium".
Die mediale Hysterie über einen eigentlich normalen Vorgang spielt am Ende nur der AfD in die Hände, konstatiert Philipp Bovermann (SZ) in Bezug auf das Scheitern von Friedrich Merz im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt zu werden. "Journalisten wollen nicht wie Pressesprecher der Regierung klingen. Was daraus dieser Tage oft folgt: ein nicht kritischer, sondern oft nur noch defätistischer Ton, der hinter jeder Unregelmäßigkeit nicht weniger wittert als die finale Apokalypse. Umgekehrt macht dann ein relativ nüchterner Bundeskanzler am Dienstagabend die Arbeit der Journalisten, in dem er so unaufgeregt wie ihm möglich verschiedene Einordnungen eines möglichen Problems anbietet. Aber: Wenn es eine langweilige Erklärung gibt (18 Abgeordnete wollten noch mal eben ein Zeichen setzen im ersten Wahlgang), dann sollte die langweilige Erklärung auch Sendezeit bekommen, gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk."
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