9punkt - Die Debattenrundschau

BMW in dieser Form

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2019. In der Zeit erklärt Kevin Kühnert, wie er die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands lösen will: durch Kollektivierung von BMW und allen Immobilienbesitzes. Ebenfalls in der Zeit kritisiert Jens Jessen die identitäre Linke, die die Idee des Universalismus aufgibt. Atlantic erzählt, wie Studenten in Philadelphia die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia loswerden wollen. Die SZ berichtet, wie das Nationalmuseum Warschau gleichgeschaltet wird.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Selten wurden politische Meinungen so hysterisch in linke und rechte Lager eingeordnet wie heute, diagnostiziert Jens Jessen im Aufmacher des Zeit-Feuilletons. Der "herrische Ausschluss" von Positionen der Mitte erinnert dabei an Propaganda in Kriegszeiten und führt zu "dogmatischer Erstarrung", so Jessen weiter, der vor allem in der Abkehr vom Universalismus eine Nähe beider Lager erkennt. Denn auch die Linke begann, "Ungleiches ungleich behandeln zu wollen, wenn auch mit umgekehrter Absicht, zur Förderung der Unterdrückten und zum Abbau alter Privilegien. Das Ziel blieb aber die Gleichheit, bis der schreckliche Gedanke aufkam, dass die Gleichheit als Ideal selbst vielleicht ein heimliches Herrschaftsinstrument der Privilegierten sei. Es entstand, was heute Identitätspolitik genannt wird, die Stärkung und Bestärkung der Minderheiten und unterdrückten Bevölkerungsteile in ihrer Identität als Unterdrückte - also das ziemlich genaue Gegenteil des Universalismus, mit dem die Emanzipationsbewegungen angetreten waren."

Beispielhaft resümiert Martin Eimermacher ebenfalls in der Zeit denn auch die Debatte um die linke Studentengruppe an der Frankfurter Uni, die der Professorin Susanne Schröter unter dem Hashtag #schroeter_raus aufgrund ihres Kopftuch-Symposiums "antimuslimischen Rassismus" vorwerfen (unsere Resümees) - und dabei jede kritische Äußerung über den Islam rassistisch nennt: "Wer im Westen kritisch über den Islam spricht, so klingt es an, tue das aus der Position der Bevölkerungsmehrheit und stehe damit zwangsläufig gegen die unterprivilegierte Minderheit. Jedes Urteil über den Islam kann durch diese Brille nur noch als projektives Vorurteil wahrgenommen werden, das nichts über den Islam und umso mehr über den Sprecher aussagt. Wer trotzdem Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften thematisiert, siedelt so beinahe zwangsläufig in der Nähe westlichen Überlegenheitsdünkels."
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Religion

Mehr als hundert islamische Schulbücher aus dem Irak, Jordanien, dem Libanon, Palästina, Ägypten, dem Iran, der Türkei und Afghanistan hat sich Constantin Schreiber angesehen, der in der Zeit nach der Kritik an seinem Buch "Inside Islam" zwar immer wieder vorauseilend betont, es handele sich um keine repräsentative Studie, mit Blick auf frauenfeindliche, antiwestliche und antisemitische Passagen aber doch einen roten Faden erkennt: So werde die Verehrung Allahs in allen Lebensbereichen gefordert. "Jedoch werden alle 'anderen', also die Nichtmuslime, als Feinde dargestellt. So warnt das afghanische Buch ausdrücklich vor 'Ungläubigen' - wer nicht dem Islam folge, befinde sich im 'Irrtum' und verdiene es, 'gequält zu werden'. In vielen der von mir untersuchten Bücher wird zudem ein äußerst traditionelles Frauenbild gezeichnet. Ein iranisches Schulbuch etwa beweist pseudowissenschaftlich, warum Geschlechtertrennung notwendig sei, auch im Westen. Alle Frauen müssten sich bedecken, denn fehlende Verschleierung sei 'einer der tiefsten Abgründe', der 'unser Leben, unseren Glauben und unsere geistigen Fähigkeiten vernichtet'."
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Ideen

Conor Friedersdorf erzählt in einem ausufernden Artikel in Atlantic, dass Camille Paglia, die einst als Avantgardistin heute hipper Kulturwissenschaften galt, von Studenten an der University of the Arts in Philadelphia massiv bekämpft wird - unter anderem mit einer Petition bei change.org - weil sie den Gender-Sprech nicht hundertprozentig einhält. Von all dem würden ja doch wieder nur die schlimmsten profitieren, meint Friedersdorf: "Paglia verfügt über eine Menge Wissen, von dem jeder Student profitieren könnte. (Verstehen bedeutet ja nicht, zuzustimmen.) Die Vorstellung der Links-Identitären ist, dass Trans-Personen und Überlebende von sexuellen Übergriffen nicht von Paglia lernen können, weil sie verunsichere. Unterdessen sind weiße cis-Männer daran gewöhnt zu glauben, dass sie immer von jedem lernen können, sogar von Professoren, die ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität offen feindlich gesinnt sind." Auch der anti-israelische Aktivist Roger Waters soll an einer Universität mit Schneeflöckchen-Argument am Reden gehindert werden, meldet democracynow.org.

Jeremy Corbyn hat vor einigen Jahren ein begeistertes Vorwort zu einem wirtschaftshistorischen Klassiker, das 1902 zuerst publizierte Buch "Imperialism: A Study" von JA Hobson geschrieben. Das Dumme ist, dass dieses Buch auch ein Klassiker des britischen Antisemitismus ist. Nun kann man ja durchaus Äußerungen eines jenseits von seinen Vorurteilen verdienstvollen Mannes würdigen, schreibt Jonathan Freedland im Guardian. Aber Corbyn feierte genau die antisemitischen Passagen, ohne auch nur einmal deren Problem anzusprechen, so Freedland: "Was Corbyn als 'korrekt und vorausschauend' pries, war 'Hobsons Kritik an kommerziellen Interessen, die die Rolle der populären Presse anfeuern', was genau in jenem Abschnitt geschieht, wo Hobson 'jene kleine Gruppe finanzieller Könige' angreift, jene 'kosmopolitischen' Männer, die er schon als Juden identifiziert hat. (Das Kapitel ist 'Ökonomische Parasiten des Imperialismus' betitelt, ein häufig wiederkehrender Begriff in antisemitischer Propaganda). Dies ist nicht nur eine Randbemerkung Hobsons, die man übersehen kann. Es gibt viele Seiten davon."
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Kulturpolitik

Gegen in Polen geltendes Recht hat Polens Kulturminister Piotr Glinski den 65 Jahre alten, in moderner Kunst nicht bewanderten, dafür aber linientreuen Archäologen Jerzy Miziołek als neuen Direktor für das Nationale Museum ernannt, meldet Florian Hassel in der SZ. Und Miziolek ließ ihm besonders "anstößig" erscheinende Werke auch schon bald entfernen - zumindest bis massive Proteste einsetzten: "Ein Schmuckstück der Galerie für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ist die Fotoreihe und Videoinstallation 'Sztuka komsumpcyjna' ('Die Kunst des Verbrauchs'). In der nimmt sich eine junge Polin genüsslich einer Banane an. Das Werk von 1972 wurde seinerzeit als Kritik an der Mangelwirtschaft des kommunistischen Regimes interpretiert und gehört zu den zentralen Arbeiten der Breslauer Avantgardekünstlerin Natalia LL (Lach-Lachowicz). Die verquickte in ihren Performances, Videos, Grafiken und Bildern immer wieder auf provokante Art Sexualität und Politik und gehört zu den auch in Paris, in der Londoner Tate Gallery oder im Kölner Museum Ludwig gezeigten Pionierinnen des Feminismus in der polnischen Kunst."

In fünf Jahren soll Notre Dame wieder in neuem Glanz erstrahlen, Emmanuel Macron hat bereits einen Architekturwettbewerb ausgelobt und Monika Grütters hat vor Ort auch schon Hilfsangebote zugesagt, etwa in dem sie die Traditionshandwerker des Humboldt-Forums bei Bedarf nach Paris schicken will, meldet Joseph Haniman in der SZ. In einem vom Figaro veröffentlichten Aufruf ermahnen derweil mehr als tausend internationale Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Macron, nichts zu überstürzen, so Hanimann: "Tatkraft sei schön und gut, schreiben sie, doch sei die Agenda der Politik nicht die der Denkmalpflege. Diese müsse sich vor zahlreichen Generationen verantworten. Die Unterzeichner wollen sich nicht für eine bestimmte Lösung aussprechen, für einen originalgetreuen oder einen zeitgenössischen Wiederaufbau, sondern plädieren für eine sorgfältige Diagnose des Zustandes vor jeder Entscheidung. 'Sorgen wir dafür, dass das komplexe Hin und Her der Überlegungen nicht vom forschen Effizienzstreben überrollt wird', fordern sie in listiger Anspielung auf Macrons eigenen Anspruch auf 'komplexes Denken' gegenüber der herausfordernden Schnelllebigkeit unserer Zeit."

Europa

Politiker-Interviews sind als Genre in der Regel nicht sehr interessant. Aber was der Juso-Chef Kevin Kühnert im Gespräch mit Jochen Bittner und Tina Hildebrandt von der Zeit alles so sagt, klingt derart nach Stamokap, dass man es doch festhalten sollte. Er erklärt erstmal sein "Nichteinverständnis mit der Wirtschafts- und teilweise auch mit der Gesellschaftsordnung". Und dann die schon berühmte Passage zum Autobauer BMW, dessen Kollektivierung Kühnert fordert, wenn auch "auf demokratischem Wege, ja. Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW 'staatlicher Automobilbetrieb' steht oder 'genossenschaftlicher Automobilbetrieb' oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht. Die Verteilung der Profite muss demokratisch kontrolliert werden. Das schließt aus, dass es einen kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt." Auch gegen Immobilienbesitz ist Kühnert: "Da ist doch die sehr moderate Frage berechtigt, warum Leute Rendite erwirtschaften sollen mit etwas, das andere zum Leben brauchen?"
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Medien

Neuseeländische Medien haben sich darauf geeinigt, dem Täter von Christchurch bei der Prozessberichterstattung keine Plattform zu bieten. Allerdings hat dieser Ansatz seine Grenzen, schreibt Peter Weißenburger in der taz: "Rassistische Statements und Symbole aussieben kann man nur, solange diese nicht für den Verlauf des Prozesses relevant sind. Das Prinzip der 'Öffentlichen Rechtsprechung', auf das sich die neuseeländischen Journalisten in ihrer Erklärung stützen, ist in der englischsprachigen Juristerei ein hohes Gut. Es sieht vor, dass die Öffentlichkeit alle Indizien nachvollziehen kann, die den Prozess und das Urteil formen. Dazu gehört die Gedankenwelt des Täters. Die neuseeländischen Medien werden es also schwer haben, ihre Selbstverpflichtung umzusetzen."

Die New York Times hat eine Karikatur publiziert, in der Trump als Blinder einem Blindenhund mit dem Gesicht Netanjahus hinterherstolpert. In einem viel beachteten Editorial entschuldigt sich die Redaktion für die antisemitische Karikatur und stellt einen weltweit steigenden Antisemitismus fest: "Ein besonders beängstigender und aus der Geschichte bekannter Aspekt des Anstiegs in den letzten Jahren ist, dass er sowohl von der rechten wie von der linken Seite des politischen Spektrums kommt. Sowohl rechte als auch linke Politiker spielen mit gefährlichen Klischees wie dem dem, dass die Juden heimlich das Finanzsystem oder Politiker kontrollieren."

Der Guardian hat es tatsächlich geschafft, mit seiner offenen und Spenden-Strategie nach Jahren der Verluste einen kleinen Gewinn von 800.000 Pfund zu machen, freut sich Jim Waterson in einer Eigenmeldung der Zeitung. Vor allem aber ist der Guardian inzwischen zu einem wahrhaft globalen Medium geworden: "Die monatlichen Page Views sind von 790 Millionen im Januar 2016 auf 1,35 Millarden im März 2019 gestiegen."

Außerdem: In der Zeit unterhält sich Eva Schweitzer mit Arthur G. Sulzberger, Verleger der New York Times, der verspricht, Donald Trump nicht in Ruhe zu lassen. Und turi2 meldet, dass der Tagesspiegel online und für seinen bekannten Newsletter "Checkpoint" eine Zahlschranke einrichten will.
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