9punkt - Die Debattenrundschau

Gewisse Demut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2019. Die Stimmung wird in den britischen Medien angesichts des sich nähernden No-Deal-Brexit immer düsterer. In Le Monde bekennt der Autor William Boyd seine Scham über dieses "unnütze Schlamassel". Pascal Bruckner beschreibt in der NZZ die französische Mentalität. Angela Merkel bezweifelt in einem Zeit-Interview, dass die DDR-Frauen so emanzipiert waren, wie gern behauptet wird. Ebenfalls in Zeit online schreibt Olga Tokarczuk  über den ermordeten Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2019 finden Sie hier

Europa

Britannien driftet führungslos auf den Eisberg eines No Deal zu, konstatiert die Financial Times im heutigen Editorial. Das Parlament müsse jetzt die Initiative übernehmen: "Die Abgeordneten sollten gegen eine No-Deal-Perspektive stimmen und versuchen den Rückzug über Artikel 50 zu verlängern. Sie sollten dann mittels einer Reihe von Abstimmungen die Unterstüzung für andere Exit-Optionen prüfen. Gewinnt keine von ihnen eine Mehrheit und bleibt Mays Deal weiterhin versperrt, glaubt diese Zeitung, dass ein weiterer Schritt notwendig wird: Die Frage sollte dem britischen Volk in einem zweiten Referendum vorgelegt werden."

James Dyson, Produzent der superschicken Dyson-Staubsauger, war einer der wenigen dezidierten Brexit-Unterstützer in der britischen Wirtschaft. Nun verlegt er die Zentrale seiner Firma von Großbritannien nach Singapur, ohne  dazu zu sagen, dass Singapur, anders als ein No-Deal-Britannien, ein funktionierendes Handelsabkommen mit der EU hat: "Vielleicht fürchtete er, der Heuchelei bezichtigt zu werden, denn er hat einst einen No-Deal-Brexit gefordert mit dem Argument, dass 'die EU dann schon ankommen wird'", vermutet Jonathan Freedland im Guardian. "Aber der Vorwurf der Heuchelei träfe ihn nicht allein. Heuchelei erweist sich als der bestimmende Charakterzug der lautesten Brexiteers." Und auch seine kommenden Elektroautos wird er in Singapur produzieren, berichtet das Boulevard- und Brexit-Blatt Daily Mail, das auch Aufschluss über Dysons Vermögen gibt.

In Le Monde beschreibt der Schriftsteller William Boyd sein Entsetzen nach der Brexit-Abstimmung und seine heutigen Gefühle: "Heute, zweieinhalb Jahre danach, sind wir im finalen Fiasko angelangt, und was ich empfinde, ähnelt eher der Scham. Ich schäme mich, dass sich dieses Land in diesem so unnützen wie extremen Schlamassel befindet."

Der französische Philosoph Pascal Bruckner zeigt in der NZZ wenig Sympathie für die Gilets jaunes, deren Gewaltakte und Hassreden ihn verstören. Auch mit ihren Forderungen kann er wenig anfangen: "Von einem Anhänger des Nullwachstums hat man auch schon den folgenden Vorschlag gehört: Millionäre sollen die französische Staatsbürgerschaft verlieren - weil sie der Hybris nachgegeben hätten und nicht mehr Mitbürger wie alle anderen sein könnten. Solche Schmähreden hätten vielleicht Zug, wenn die Franzosen nicht zugleich auch von allen Vorzügen einer entwickelten Wirtschaft profitieren wollten; von schnellen Verkehrsmitteln, von gut funktionierenden und natürlich kostenfreien Gesundheitseinrichtungen, von sicheren Unterkünften und garantierten Einkommen. All das wollen die immer so marktskeptischen Franzosen, ohne mit dem verdammten 'Liberalismus' in Berührung zu kommen, ganz nach dem Motto: Lenin liefert die Doktrin, die Früchte nimmt man von Adam Smith."
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Ideen

In einem sehr schönen Essay in der Zeit ermuntert Stephan Wackwitz zum Vertrauen auf die liberalen Kräfte in Polen - auch wenn sie nicht immer so aussehen, wie westliche Linke sich das vorstellen. Er erinnert dabei an zwei Künstler, die in den vierziger Jahren, während der deutschen Besatzung, im Untergrund die Freiheit verteidigten: Karol Wojtyla, damals Dichter und Schauspieler, und Tadeusz Kantor. "Wojtyla war als Johannes Paul II. das Oberhaupt der katholischen Kirche. Und die Kunst Tadeusz Kantors ist mit ihrer Theorie der 'Realität des geringsten Ranges', mit ihrer Verwurzelung in der jüdischen und christlichen Mystik, mit ihrer Umkehr der weltlichen Machtverhältnisse in seinem 'Theater des Todes', mit ihrer Nähe zur Ikone und zum Ritual im Kern religiös. Wojtyla und Kantor brachten auf ihrer Lebensreise Ergebnisse hervor, die zum Kernbestand der Moderne gehören: politische Freiheit, revolutionäre Kunst, Ermächtigung des Individuums und seiner ästhetischen und spirituellen Autonomie. Sie kamen zu diesen Errungenschaften von Positionen aus, die Westintellektuelle instinktiv und reflexhaft für reaktionär halten und zu bekämpfen bereit sind, von Positionen aus, auf die sich allerdings, wenn auch mit weit weniger Recht, zugleich die reaktionären Regierungen in manchen osteuropäischen Staaten derzeit berufen. Diese Paradoxie sollte Intellektuelle im Westen zu einer gewissen Demut anhalten."

Auf Zeit online scheint die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk dem beizustimmen: Der ermordete Danziger Bürgermeister "Paweł Adamowicz, ein moderner Konservativer und ausgezeichneter Lokalpolitiker, stand für all das, wofür PiS nicht steht. Obwohl er ein Traditionalist war, setzte er engstirniger Kirchturmpolitik seine Aufgeschlossenheit und Großherzigkeit entgegen. Er besaß außerdem einen seltenen Mut und soziales Feingefühl. Zum Beispiel unterwanderte er zusammen mit einigen anderen Bürgermeistern die Regierungspolitik: Sie luden Geflüchtete in ihre Städte ein und sagten ihnen Unterstützung, Arbeit und Unterkunft zu. Der Anschlag auf diesen Mann ist auch ein Angriff auf die Vision von einem liberalen progressiven Polen." Tokarcuk macht für den Mord vor allem die hasserfüllte Sprache der regierenden PiS und ihrer Anhänger verantwortlich.
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Kulturpolitik

Richard Hüttel weist in der FAZ darauf hin, dass auch viel geraubte deutsche Kunst in Amerika liegt. So habe die in Meißen geborene Alice Tittel nach Kriegsende zahlreiche Gemälde entwendet, darunter Gemälde von Louis de Silvestre aus dem Dresdner Schloss entwendet und später in Amerika verkauft: Heute hängen die Bilder "im Museum of Fine Arts in Floridas 'Sunshine City' Saint Petersburg. Sie gehören zu den zahlreichen Beutestücken des großen Kunstraubes 1945."
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Gesellschaft

In einem ganz unaufgeregten, dafür um so schockierenderen Artikel berichtet Heike Schmoll in der FAZ von einem skandalösen neuen Befund der Bildungspolitik: "Die Anzahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist in der Hauptstadt noch einmal erheblich gestiegen. Mittlerweile schafft jeder zehnte Jugendliche nicht einmal den Abschluss der zehnten Klasse, also den Mittleren Schulabschluss (MSA) in Berlin. ... Berlin steht mit seinen schlechten Zahlen nicht allein da. Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist die Anzahl der Schulabgänger ohne Abschluss auf 9,2 Prozent gestiegen, und in Sachsen-Anhalt ist die Anzahl der Schüler ohne Abschluss sogar auf 11,4 Prozent geklettert." Was nun? Rückkehr zum Frontalunterricht? Gewiss nicht. Hannah Bethke holt im FAZ-Feuilleton einmal ganz tief Luft und empfiehlt dann, allen Skandalen zum Trotz doch noch mal die frühen Schriften Hartmut von Hentigs zur Reformpädagogik zu lesen: "Wäre es da nicht an der Zeit, zu einem Verständnis von Bildung zurückzukehren, das mehr als abfragbares Wissen erfasst?"

Jana Hensel interviewt für Zeit online Angela Merkel. Das Gespräch dreht sich dabei fast ausschließlich um ostdeutsche Befindlichkeiten. Europa kommt in den Fragen Hensels nicht mal am Rande vor. Recht kritisch ist Angela Merkel, was die Emanzipation in der DDR angeht: "Eine wirkliche Gleichberechtigung gab es auch in der DDR nicht. Dass nie ein Vollmitglied des Politbüros weiblich war, dass es keine Kombinatsleiterin gab, das zeigte doch, dass dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen wurden, Männer saßen. Sicherlich gab es eine pragmatischere Einstellung zu technischen Berufen, aber das hing auch mit der staatlichen Lenkung zusammen. Ob all die Frauen aus freien Stücken Ingenieurtechnik und Zerspaner studiert oder gelernt hätten? Da bin ich mir nicht sicher. Das lag doch eher am Fachkräftemangel und an der überhaupt mangelnden Effizienz der DDR-Wirtschaft."

Für morgen sind Demonstrationen gegen den Paragrafen 219a geplant, berichtet Patricia Hecht in der taz. Die Koalition konnte sich - unter anderem wegen der neokatholischen Tendenzen in der CDU unter Annegret Kramp-Karrenbauer - bisher nicht auf eine Neufassung für den Paragrafen einigen, der es Ärzten verbietet, darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrrüche durchführen. "Unangenehm dürfte der Aktionstag vor allem für die SPD werden. Die Partei hatte ursprünglich einen eigenen Entwurf für die Abschaffung des Paragrafen formuliert, diesen aber nach langem Herumlavieren kassiert, um den Koalitionsfrieden nicht zu gefährden."
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Urheberrecht

In der Welt stellt Christian Meier erwartungsgemäß keine kritischen Fragen an die Grünen-Politikerin Helga Trüpel, die im Streit um eine EU-Urheberrechtsreform die Position der Kulturindustrien unterstützt und den Kritikern eine "hysterische Kampagne" und "gezielte Propaganda" vorwirft.
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