9punkt - Die Debattenrundschau

Es ist auch viel Kluges und Anregendes dabei

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2019. Die größte Gefahr für die Demokratie geht von China aus, hat George Soros laut Guardian in Davos gesagt. Wer genau will eigentlich ein "House of One", wo Religionen, die sich nicht grün sind, in den Dialog treten sollen? Offenbar vor allem die subventionierende Politik, fürchtet hpd.de. Die SZ erinnert daran, dass das Internet nicht als Naturgewalt über uns hereingebrochen ist. In der Jüdischen Allgemeinen wird die Jerusalem-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin kritisiert. Und Timothy Garton Ash fordert die Briten im Guardian auf, "europäisch zu sprechen".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2019 finden Sie hier

Politik

George Soros hat in Davos China als den schlimmsten Feind der Demokratien attackiert, berichtet Larry Elliott, der ausführlich aus Soros' Rede zitiert, für den Guardian aus Davos. Nicht sei gefährlicher als Künstliche Intelligenz und neue Überwachungstechnik in der Hand diktatorischer Regimes: "Auf diesen Daten basierend werden die Menschen nach der Frage sortiert, ob sie eine Gefahr für den Einparteienstaat darstellen." Auch Donald Trump habe Soros erneut kritisiert, unter anderem, weil die USA Handelskriege gegen die ganze Welt führten, statt sich auf China zu fokussieren. "Statt Firmen wie ZTE und Huawei davonkommen zu lassen, sollten sie sie angreifen. Wenn diese Firmen den 5G-Markt dominieren, würden sie für den ganzen Rest der Welt ein untragbares Sicherheitsrisiko darstellen."

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Religion

In Berlin soll ein von niemand recht ersehntes "House of One" entstehen, wo Christen, Juden und Musilme beten sollen. Ersehnt wird es, so scheint es, allenfalls von der Politik, die seitens des Landes Berlin 10 Milionen Euro und seitens des Bundes nochmal 10 Millionen Euro hinzugeben will. Der Rest soll durch Spenden kommen, doch bisher sind erst 8 Milionen Euro zusammengekommen für einen Bau, der jetzt schon auf 43 Millionen Euro veranschlagt wird, schreibt Frank Nicolai bei hpd.de. Und als muslimischer Partner sei neben evangelischen und jüdischen Repräsentanten bisher nur das "Forum Dialog" gefunden worden, das der Gülen-Bewegung nahe stehe: ihr "wurde jüngst vom Auswärtigen Amt beschieden, 'dass die Bewegung des Islam-Predigers Fethullah Gülen seit Jahrzehnten eine 'gezielte Unterwanderung staatlicher Institutionen' in der Türkei betreibe.' Das 'House of One' entgegnete auf diese Vorwürfe nur lapidar, 'man habe keinen anderen gefunden, der mit Juden und Christen auf einem Podium sitzen wolle.' Das ist mit Sicherheit kein Statement, das für ein friedvollen Umgang der Religionsgemeinschaften untereinander spricht."
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Medien

Michael Bröcker, seit 2014 Chefredakteur der Rheinischen Post, widerspricht bei kress.de Mathias Döpfner, der neulich als Chef der Springer Verlags und Hauptlobbyist der Zeitungsverleger gefordert hatte, dass sich Journalisten aus sozialen Netzwerken zurückziehen sollten (unter anderem weil ihre Präsenz dort eher ihnen selbst als den Verlegern nutze, unser Resümee). "Abstinenz ist keine Lösung", meint dagegen Bröcker - schon weil das Leben nun mal in den Netzen tobt: "Die sozialen Netzwerke sind die Gartenpartys und Stammtische des 21. Jahrhunderts. Es wird geschimpft und gezetert, es wird gelogen, verleumdet und professionell desinformiert, aber es ist auch viel Kluges und Anregendes dabei. Wie im realen Leben auch. Und die Mitgliederzahlen wachsen. Es wäre Zukunftsverweigerung, wenn Redakteure sich dem verweigern.... Geprüfte Informationen sind eine kostbare, weil knappe Ware im Netz. Wir brauchen mehr davon."

Außerdem: Ann Marie Lipinski bespricht für die New York Times das neue Buch des ehemaligen Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger, der in "Breaking News - The Remaking of Journalism and Why It Matters Now" auf zwanzig Jahre Medienwandel und Zeitungskrise zurückblickt.
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Internet

Adrian Lobe stößt sich in der SZ an der "Naturmetaphorik", mit der das Internet gern beschrieben wird: Das Fatale daran sei, "dass sie ein Bild von einer 'natürlichen', sprich unabänderlichen Entwicklung zeichnet, als sei der Mensch gar nicht mehr die treibende Kraft, sondern der Getriebene, als gehorche die Datenproduktion Naturgesetzlichkeiten. Wenn der Datensturm über die Gesellschaft hereinbricht, dann ist das eben keine menschliche Fehlleistung, sondern die Laune einer datenförmigen Natur, die man schnell als Zeichen einer außerweltlichen Instanz deuten kann. Nach dem Motto: Das war eben der Furor technicus, der diejenigen ereilt, die sich nicht mit entsprechenden Schutzvorkehrungen und Frühwarnsystemen wappnen. Letztlich bedeutet dies einen Rückfall in den Mystizismus."
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Geschichte

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird immer zersplitterter, beobachtet Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Heute möchte jede Opfergruppe - Polen, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas - sein eigenes Denkmal. "Das war früher in der DDR und in den Jahren nach der Wende harmonischer", sagt Eschebach im Interview mit der FAZ. Einige Polen trugen am Jahrestag der Befreiung im vergangenen Jahr "Armbinden mit dem Abzeichen 'NSZ' (Narodowe Sily Zbrojne, Nationale Streitkräfte). Das ist eine antisemitische, rechte Untergrundorganisation in Polen, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges partiell auf der Seite der Deutschen gekämpft hat. Einige der anwesenden Frauen waren völlig entsetzt und sagten, es könne doch nicht sein, dass hier Faschisten rumlaufen. Die polnische Botschaft hat mir dann gesagt, dass weibliche Angehörige dieses Verbandes in Ravensbrück gefangen waren. Die waren also da, um ihre eigenen Opfer zu betrauern. Und das ist natürlich eine interessante Frage: Ist es überhaupt akzeptabel, dass Gäste mit den Abzeichen antisemitischer Verbände ihrer Toten in Ravensbrück gedenken?"
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Kulturpolitik

Streit um das Jüdische Museum Berlin in der Jüdischen Allgemeinen. Die Jerusalem-Austellung des Museums war schon von Alan Posener in der Welt kritisiert worden. Zugleich aber hatte Benjamin Netanjahu die Bundesregierung für diese Ausstellung angegrifffen - eine Dummheit so Michael Wuliger in der JA. Nur darf man auch nicht, wie Wuliger es dem Direktor des Museums, Peter Schäfer, vorwirft, jegliche weitere Kritik an der Ausstellung wegen ihrer angeblichen Nähe zur israelischen Regierung desavouieren: "Die Kritiker der Jerusalem-Ausstellung, allen voran Alan Posener in der Welt, fordern nicht, dass das Museum sich zum Propagandisten der israelischen Regierung macht. Was sie monieren, ist, dass in der Schau der israelischen Position - notabene: nicht nur die der Regierung, sondern der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung quer durch die politischen Lager - unverhältnismäßig wenig Raum gegeben wird, verglichen mit der dort vorherrschenden arabisch-muslimischen Sichtweise. Und dass Alan Posener Benjamin Netanjahu 'sehr nahesteht', wird alle überraschen, die ihn und seine Texte kennen."

Überwachung

Auch vor der Toilette macht Chinas Überwachung nicht halt, weiß Robert Simanowski in der NZZ. Auf öffentlichen Toiletten erfolgt die Papierzuteilung maschinell: "Sechzig Zentimeter pro Gesicht. Der Toilettenpapier-Ausgabeautomat basiert auf Gesichtserkennungssoftware und verhindert, dass sich Kunden, die weniger sparsam sind oder Durchfall haben, zweimal anstellen. Dieses drakonische Zuteilungsverfahren ist die Radikalreaktion auf den permanenten Diebstahl ganzer Toilettenpapierrollen in Chinas öffentlichen Einrichtungen. Die fortgeschrittene Technik in den WC ist Ausdruck sozialer Rückständigkeit in Chinas Gesellschaft: Nur wo es Menschen gibt, die sich kein Toilettenpapier leisten können, braucht es Technik, die dessen Diebstahl verhindert."
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Europa

Die BBC sucht für ihre internationalen Aktivitäten in Europa einen neuen Hauptsitz, möglicherweise in Belgien, berichtet der Brüssel-Korrespondent des Guardian, Daniel Boffey: "Es heißt, dass die BBC auch die Niederlande oder Irland als Standort für ihre neue Filiale in Erwägung zieht. Die BBC braucht EU-Lizenzen für ihre internationalen Kanäle wie BBC International, BBC World, BBC Entertainment, BBC First und BBC Earth, sofern sie nach dem 29. März, falls die UK ohne Deal ausscheidet, oder nach einer Übergangsperiode laut Theresa Mays Deal weiterhin in Europa ausstrahlen will."

Timothy Garton Ash legt ebenfalls im Guardian dar, vor welch einer schwierigen Lage die Remainer stehen - vor allem aber an die Adresse der Briten, wie schwierig die Lage für die EU ist: Die Briten bräuchten eigentlich ein weiteres Jahr für eine vernünftiige Abstimmung zum Brexit, so Ash, dieses Jahr würde der EU aber wegen der bevorstehenden Europawahlen größte Probleme bereiten. Ash will, dass die Briten "Europäisch sprechen lernen": "Selbst aus proeuropäischen britischen Mündern klingt der Satz 'remain and reform' allzu leicht nach 'ihr müsst euch reformieren, damit wir bleiben können'. Unser Lied sollte umgekehrt lauten: 'wir müssen bleiben, so dass wir die EU gemeinsam reformieren können, um ihr Überleben und ihren Wohlstand zu sichern.' Diese Melodie  hätte zumindest eine Chance auf offene Ohren u stoßen."
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