9punkt - Die Debattenrundschau

Über das Allerheiligste gelacht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2019. Parteien, auch rechte, vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen, ist Gift für die politische Freiheit aller, erinnern Claus Leggewie und Horst Meier in der FR an linke Überzeugungen. Im Guardian ahnt Fintan O'Toole: Der Brexit hat überhaupt nichts mit Europa zu tun. Auch bei der Moderne funktioniert die Rosinenpickerei nicht, weiß Kacem El Ghazzali in der NZZ. Und wenn Donald Trump als List der Vernunft herausstellte?, klammert sich Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt an die letzte Hoffnung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2019 finden Sie hier

Ideen

In der FR halten Claus Leggewie und Horst Meier gar nichts von dem Versuch, die AfD mit Hilfe des Verfassungsschutzes zu bekämpfen. Wissen wir nicht genug über diese Partei? "Die Delegation einer inhaltlichen Kontroverse an einen Geheimdienst ist Gift für die politische Freiheit aller und bleibt ein deutsches Kuriosum. Demokraten müssen strikt unterscheiden zwischen anstößigen, schädlichen, kurz: zu bekämpfenden Ansichten einerseits und dem unverbrüchlichen Recht des politischen Gegners andererseits, diese Ansichten frei äußern zu dürfen. Der Marktplatz der Ideen, der free flow of discussion, darf nicht unter geheimdienstliche Aufsicht gestellt werden. Wer die Meinungsfreiheit einzelner zur Disposition stellt, verletzt die Freiheit aller. Anstatt legale 'Extremisten' von einer Behörde prüfen zu lassen, sollte man die eigene Urteilskraft schärfen und den politischen Kampf mit ihnen führen, also energisch und kreativ dagegenhalten."

Die Annehmlichkeiten der Moderne wollen viele in Anspruch nehmen, weiß in der NZZ der in Marokko geborene Schweizer Schriftsteller Kacem El Ghazzali, anders sieht es bei ihren Grundsätzen aus, bei Säkularismus und persönlicher Freiheit: "Wer Neuankömmlinge zur Integration auffordert, will damit nicht kulturelle Unterschiede verleugnen. Die Aufforderung ist vielmehr eine Einladung, Citoyen zu sein, Europäer zu sein, Universalist zu sein. Die Citoyenneté ist das Sicherheitsventil gegen die Vertreter der Identitätspolitik, die versuchen, den Staat zum Eigentum einer bestimmten Religion, Rasse oder Klasse zu machen. Staatsbürger zu sein, bedeutet, Demokrat zu sein, die Freiheit seiner Tochter zu respektieren und die Redefreiheit anzuerkennen, auch wenn über das Allerheiligste gelacht wird."
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Europa

Man kann sich selbst nicht von einer eingebildeten Unterdrückung befreien, schreibt der irische Kolumnist Fintan O'Toole im Guardian den Briten ins Stammbuch: "Der Brexit war immer eine Wahl zwischen zwei Übeln: dem heroischen, aber katastrophalen Scheitern eines Ausstiegs ohne Abkommen, oder dem unheroischen, aber weniger nachteiligen Tausch einer EU-Mitgliedschaft erster Klasse mit einer der zweiten Klasse. Das ist das reale Nachleben eines geplatzten Traums. Wahrscheinlich haben sich die Briten die falsche Frage gestellt, wenn sie jetzt nur die Wahl haben, sich in den Fuß oder in den Kopf zu schießen. Es wird immer klarer, dass es beim Brexit nicht um Britanniens Verhältnis zur EU geht. Das Wort sagt schon alles. Europa kommt darin nicht vor. Wichtig ist, dass Britannien aussteigt, nicht wovon."

Im Guardian grämt sich Jonathan Freedland über die all die Energie, die der Brexit auffrisst: "Denken Sie nur daran, was wir mit aller der Zeit und dem Geld hätten machen können, inklusive der vier Milliarden Pfund, die wir dafür aufbringen, um uns für die völlig vermeidbare und selbstzugefügte Kalamität vozubereiten, dass wir ohne Abkommen aus der EU herauskrachen. Mühen, die wir auf mehr Jobs und Wohnungen hätten verwenden können oder auf die Reparatur der Austeritätsschäden; Arbeit, die wir darauf hätten verwenden können, das Leben derer zu verbessern, die seit drei Jahrzehnten durch Globalisierung, Automatisierung und anderem Wandel abgehängt werden. Aber Whitehall hat diese Bandbreite nicht." Ganz zu schweigen von den Medien.

In der taz erinnert Ralf Sotschek darank, dass der Brexit nicht von den Briten gewollt wurde, sondern von den Engländern. Und: "Nur 8 Prozent der Schotten und 7 Prozent der Waliser finden, dass die EU großen Einfluss auf ihr Leben habe. Ähnlich sieht es in den anderen EU-Ländern aus. Doch in England waren es 31 Prozent - Folge eines langen Propagandakriegs, der besonders von Medienmogul Rupert Murdoch geführt wird."

Stefan Kornelius weiß in der SZ, dass die Briten schon immer recht wankelmütig waren, wenn es um Europa ging. Selbst Winston Churchill konnte sich nicht entscheiden, ob Britannien mit Europa "verbunden, aber nicht umfasst" sein oder die Vereinigten Staaten von Europa führen solle: "Die Fixierung auf Churchill führt freilich zum Grundübel der britischen Europa-Obsession: einer Geschichtsbesessenheit, die gerade heute blind macht für die Realität. Geschichte fließt, aber offenbar nicht für eine einflussreiche Gruppierung der britischen Führungsschicht, die Geschichte gerne instrumentalisiert - zum Machterhalt, zur Agitation der Wähler, um sich darin zu suhlen und wohlzufühlen."

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Stichwörter: Brexit, Automatisierung

Religion

In der FAZ nimmt jetzt auch Jürgen Kaube mit Genugtuung das Urteil zur Kenntnis, das Lamya Kaddor untersagt, weiterhin zu behaupten, Necla Kelek habe muslimischen Männern realiter einen Hang zur Sodomie unterstellt: "Das war in zweifacher Weise infam. Keleks durchaus diskutierbare Behauptung war, der Islam unterstelle den Menschen und besonders den Männern eine geringe sexuelle Selbstkontrolle. Von der Sexualität 'muslimischer Männer' war überhaupt nicht die Rede."
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Archiv: Religion

Medien

Ziemlich abgestoßen schildert Boris Reitschuster in der FAZ, wie russische Medien den Mord an Oppositionspolitiker Boris Nemzow ausschlachten und vor allem seine letzte Begleiterin verunglimpfen.
Archiv: Medien

Kulturpolitik

Während in Europa noch über die Restitution von Kolonialkunst diskutiert wird, geht China ganz eigene Wege in der Repatriierung von Raub- und Kolonialkunstwerken, schreibt Minh An Szabó de Bucs in der SZ. Laut Unesco sollen sich noch etwa 1,67 Millionen chinesische Kulturschätze in mehr als 200 Museen in 47 Ländern befinden, immer wieder ersteigerten chinesische Milliardäre auch Artefakte zu gigantischen Preisen, so Szabo de Bucs weiter. Sie verweist dabei auch auf einen GQ-Artikel des Journalisten Alex Palmer, der von zahlreichen Einbrüchen in die ostasiatischen Sammlungen europäischer Museen berichtet. Kompromisse will China in jedem Fall nicht eingehen: "Die Handels- und aufstrebende Weltmacht hat mittlerweile die nötigen Mittel, um die versprengten Schätze 'heim ins Reich zu holen', so die wörtliche Übersetzung der chinesischen Zeichen für Repatriierung. Schon vor zehn Jahren wurde die Repatriierung des chinesischen Kulturerbes zur Staatssache erklärt und seitdem massiv vorangetrieben. Denn nur so kann aus chinesischer Sicht die damals von westlichen Mächten zugeführte Demütigung wieder rückgängig gemacht werden. Nur so wird China als Weltmacht auf Augenhöhe respektiert werden."
Stichwörter: Kolonialkunst, Restitution

Politik

In der Welt versucht Hans Ulrich Gumbrecht, Donald Trump etwas Positives abzugewinnen. Vielleicht erweist er sich ja als List der Vernunft? Immerhin verhindert seine irrlichternde Politik, dass sich ein Mike Pence mit ganz anderer ideologischer Kohärenz durchsetzt. Außerdem: "Die mittlerweile weltweit - und gerade auch in Mitteleuropa - aufscheinenden Varianten eines resonanzorientierten Populismus (über dessen Anlässe und Gründe längst global spekuliert wird) geben Trumps Präsidentschaft und ihrem Stil den Stellenwert eines Vorgriffs auf die Zukunft. Und für uns treue Anhänger der von den bürgerlichen Revolutionen ererbten politischen Form steht dieser Vorgriff natürlich unter dem Vorzeichen einer Bedrohung. Aber könnte die von einem großen Teil der Weltbevölkerung als Horrorvision erlebte Trump-Wirklichkeit aus dieser Perspektive nicht zu einer Warnung werden - und auch zu einem Ausgangspunkt für gezielte Eingriffe an den bestehenden institutionellen Gestalten der Politik?"

Die Kulturredaktion der Welt versucht zu ermessen, welche Schäden zwei Jahre Donald Trump bisher hinterlassen haben.
Archiv: Politik