9punkt - Die Debattenrundschau

Nachträgliches Stockholm-Syndrom

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2018. Gesucht war zwar mal jemand, "der nicht alt, nicht weiß, kein Mann, kein Deutscher, am liebsten auch kein Europäer ist". Aber Hartmut Dorgerloh, so finden fast alle Medien, ist ein guter Mann zur Leitung des Humboldt-Forums und hat auch schon mal eine schöne Parkordnung formuliert.  Die Zeit bringt ein ganzes Dossier über die neue Fraktion bürgerlicher Reaktionäre, die sich in der "Erklärung 2018" manifestiert.  Mark Zuckerberg versucht sich durch zahlreiche Interviews aus der Bredouille zu winden, findet aber keine Gnade vor der deutschen Presse.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2018 finden Sie hier

Europa

So. Endlich wieder Große Koalition. tazlerin Anna Lehmann vermisste bei der Regierungserklärung der Kanzlerin zwar eine überzeugende Vision, aber beeindruckt war sie doch: "Sie verurteilte das Vorgehen der Türkei in Afrin, drohte dem amerikanischen Präsidenten im Zollstreit mit Gegenmaßnahmen und - Höhepunkt ihrer Antrittsrede - widersprach den Jungs von der CSU, Innenminister Horst Seehofer und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, auf offener Bühne: Der Islam sei inzwischen ein Teil Deutschlands. Das saß. Aber es genügte nicht." Immerhin: Robert Roßmann fand Merkels Rede in der SZ "furios" und begüßt zumal den "beeindruckenden Appell der Kanzlerin für ein weltoffenes Deutschland".

Die Deutschen lieben Russland, vertrauen Putin laut einer Umfrage mehr als Trump und wünschen sich mehrheitlich eine Annäherung an das Land, konstatiert Richard Herzinger mit einem Anflug von Verzweiflung in der Welt: "Dabei ist die Sehnsucht nach engeren Banden mit dieser neoimperialen Macht bei den Ostdeutschen, die jahrzehntelang von deren sowjetischem Vorläufer um ihre Freiheit gebracht wurden, deutlich höher als bei den westlichen Landsleuten. Sollte es sich bei diesem seltsamen Phänomen um so etwas wie ein nachträgliches Stockholm-Syndrom handeln? Bemerkenswert auch, dass die 'Annäherung an Russland' bei den Wählern der offiziell so freiheitsliebenden FDP mit 62 Prozent direkt nach denen von AfD und Linkspartei mit Abstand am populärsten ist."

Geschichte

Italien gedenkt seiner Bleiernen Zeit und der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden, die auch der harten Haltung des Moro-Rivalen Giulio Andreotti geschuldet ist, schreibt Matthias Rüb in der FAZ: "Vierzig Jahre nach der Entführung Moros ist die Debatte über den Terror der Roten Brigaden noch lange nicht abgeschlossen. In den Buchhandlungen liegen stapelweise neue Bücher zur 'Affäre Moro', daneben die wiederaufgelegten Standardwerke zu dem Fall. Theaterstücke werden aufgeführt, Fernsehdokumentationen gezeigt, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen organisiert." Und warum bekommt man hier so wenig davon mit?

Besprochen werden zwei Ausstellungen zu Oberösterreichs Geschichte zwischen 1918 und 1938 im Schlossmuseum Linz und in der Linzer Landesgalerie (Presse) sowie eine Schau über Byzanz und den Westen auf der niederösterreichischen Schallaburg (Standard).
Stichwörter: Moro, Aldo

Kulturpolitik

Geplant war mal jemand, "der nicht alt, nicht weiß, kein Mann, kein Deutscher, am liebsten auch kein Europäer ist. Jemand also, der dem Humboldt-Forum kurz vor der Eröffnung noch eine Idee geben könnte", seufzt Jörg Häntzschel in der SZ. Nun nimmt sich dank Monika Grütters' einsam getroffener Entscheidung mit Hartmut Dorgerloh also ein Denkmalpfleger dieses "ethnologischen Kindergartens für Erwachsene", an, fährt Häntzschel fort: "Mit ihrer Personalentscheidung hat sie offenbar auch das inhaltliche Konzept bereits angepasst. Von einem neuen Niveau des kulturellen Dialogs, von Globalisierung, Migration und den Menschheitsthemen, um die es hier einmal gehen sollte, war bei ihr keine Rede mehr."

"Dorgerloh hat bereits eine Institution von höchster, ja von deutscher Komplexität geleitet", sagt Neil MacGregor -  der sich mit deutscher Bürokratie inzwischen selbst bestens auskennt, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anmerkt: "Ein bemerkenswerter Satz von MacGregor. Man kann ihn auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeit aus den märkischen Untiefen und Abgründen vielleicht sogar besser geeignet ist, das Humboldt-Forum aus der ewigen Legitimationsklemme zu führen, als ein Wundermann oder eine Wunderfrau von außerhalb." In der Berliner Zeitung ist Harry Nutt zufrieden mit der Wahl. Wir sind auf die Verbotsliste des Humboldt-Forums gespannt.
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Internet

Er sei offen, sich in einer Anhörung des Kongresses zu äußern, sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nach dem sich immer mehr verdichtenden Skandal um Cambridge Analytica und die Beeinflussung der amerikanischen Wahlen durch illegal abgezockte Nutzerdaten der Plattform. Zuckerberg äußert sich in einem Interview mit Recode.net. Der Anhörung wird er wohl kaum ausweichen können, meinen seine Interviewer Kara Swisher and Kurt Wagner, denn ganz nebenbei gibt es auch eine Reaktion des Marktes, die Zuckerberg Sorgen machen sollte: "Das schlimmste denkbare Szenario für Facebook wäre eine stärkere Regulierung der Daten, die das Anzeigengeschäft des Konzerns beschädigen würde... Der Börsenwert von Facebook ist bereits 50 Milliarden Dollar gesunken." Auch in der New York Times (hier) und bei CNN (hier) hat Zuckerberg Stellung genommen.

In der Welt sieht Clemens Wergin mit Blick auf den Facebook-Skandal durch die Geschäftspraktiken der Internetkonzerne vor allem die Demokratie bedroht: "In den USA muss bei politischer Werbung und Beeinflussung in den sozialen Netzwerken nicht einmal der Auftraggeber genannt werden, anders als in traditionellen Medien wie Fernsehen oder Print. Eine Gesetzeslücke, die sich Moskau zunutze gemacht hat. Facebook und andere wurden nicht einmal hellhörig, wenn ihre Kunden bar und mit Rubeln bezahlten."

Wurden von der Stasi gezielt persönliche Informationen von missliebigen Bürgern gesammelt, um sie psychologisch zu "zersetzen", wird der "Feind" heute mit seinen selbst geteilten Inhalten im Netz zersetzt, meint der Psychologe Allan Guggenbühl in der NZZ: Es drohe "die Gefahr, dass man wegen Details der eigenen Biografie, eines speziellen Interesses, eines angeblichen Vorfalls oder Delikts ins Visier einer empörten Öffentlichkeit gerät. Gesellschaften identifizieren periodisch Täter und Feinde, um Ängste abzubauen, sich kollektiv aufzuregen oder ihr Bedürfnis nach Drama zu stillen. Oft handelt es sich dabei um versteckte moralische Diskurse, die geführt werden, um von sich selber abzulenken."

Nicht der Missbrauch von Facebook ist der Skandal - der liege schon in der Logik von Facebook selbst, meint Internetkritiker Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne zum Thema. Ähnlich sieht es Michael Hanfeld in der FAZ.

Gesellschaft

Eine Fraktion bürgerlicher Reaktionäre, die mit wenigen Ausnahmen stets auf der Sonnenseite der Bundesrepublik lebten, hat sich zu einem rechten Salon zusammengeschlossen, aus dem die "Erklärung2018" hervorgegangen ist, ein knappes Papier, in dem man die Solidarität mit Demonstrationen gegen Flüchtlinge erklärt. Die Unterzeichner haben bei ihrer Annäherung an die AfD (es haben auch AfDler und Junge-Freiheit-Redakteure signiert) einen gewissen Eiertanz aufgeführt, weiß der Leipzig-Korrespondent der Zeit, Martin Machowecz: "Die frühere Spiegel-Redakteurin Cora Stephan stand zunächst auf der Unterschriftenliste, ließ sich aber wieder streichen. Sie teilt mit, dass sie sich öffentlich lieber 'mit mehr als einer bloßen Unterschrift' äußere. Aber dann ist da noch das kuriose Verschwinden der Unterschrift von Ellen Kositza: Sie, eine - nach eigener Auskunft - 'knallrechte' Autorin, überdies die Ehefrau des neurechten Verlegers Götz Kubitschek, war ebenfalls Erstunterzeichnerin des Aufrufs. Nach wenigen Stunden wurde sie wieder getilgt - offenbar, weil sich andere Unterzeichner beschwert hatten."

Der Artikel ist Teil eines ganzen Dossiers im Zeit-Feuilleton zu den neuen Rechten aus dem eigenen Milieu. Jens Jessen erklärt die subtilen Unterschiede zwischen Konservativen, Radikalen, und Reaktionären (auch von links). Der Zeit-Konservative Ulrich Greiner sieht keinen Anlass, Uwe Tellkamp "in die rechte Ecke zu stellen". Adam Soboczynski erklärt, warum Ostdeutsche, aber auch Polen und Ungarn sich wundern, wenn sie im Westen als "rechts" angesehen werden.

Und Mariam Lau sucht in der CDU Jens Spahns nach einem Konservatismus als einer Doktrin, die zwar keine sein will, sich aber trotzdem in ihre Widersprüche verstrickt: "Als ihn ein konservativer Oberpfälzer damit konfrontierte, Schwulsein sei 'widernatürlich', entgegnete er: 'Wenn Gott die Homosexualität nicht gewollt hätte, dann gäbe es sie auch nicht.' Das gilt für Typhus oder die Atombombe auch. Welch ein Argument!"

Laut einer von Bertelsmann alle zwei Jahre in Auftrag gegebenen Studie entfernen sich immer mehr Länder von demokratischen Werten, darunter auch Polen, Ungarn und die Türkei, meldet Michael Bauchmüller in der SZ: "Insgesamt 58 der 129 Staaten zählt der Index zu den Autokratien, davon 40 als Diktaturen im engeren Sinn. Insgesamt leben in diesen Staaten 3,3 Milliarden Menschen. Schon durch das Bevölkerungswachstum der jüngsten Dekaden lässt das einen dramatischen Schluss zu: Nie zuvor in der Geschichte lebten so viele unter der Herrschaft eines Autokraten." Zahlen und Hintergründe liefert Max Holscher auf Spiegelonline.

Rassistische Artikel, Postings und Kommentare haben in Österreich stark zugenommen, meldet Zeit online unter Berufung auf den Rassismus-Report des Vereins "Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit" (Zara): "Auch offline werde die Agitation härter, besonders gegenüber Muslimen. Frauen mit Kopftuch würden 'in nahezu allen Lebensbereichen diskriminiert', durch Beschimpfungen und tätliche Angriffe im öffentlichen Raum bis hin zur Verwehrung von Leistungen, Arbeitsplätzen oder Diensten, schreibt Zara."

#MeToo hatte in Japan - Platz 114 der weltweiten Statistik für Geschlechtergleichheit - keine Chance, berichtet Michaela Vieser im Deutschlandfunkkultur. Im Gespräch mit der Journalistin und Autorin Shiori Ito, die ein Buch über ihre Vergewaltigung durch den Biografen von Shinzo Abe, Noriyuki Yamaguchi, schrieb, erfährt Vieser, dass es im Japanischen kein Wort für ein eindeutiges "Nein" gibt und wie Frauen nach sexuellen Übergriffen zum Schweigen gebracht werden: "Sie müssen unmittelbar nach dem Vorfall für die zuständigen, meist männlichen Polizisten die Vergewaltigung mit Puppen nachspielen und vielen ermüdenden Befragungen Stand halten. Aber selbst auf einem ganz praktischen Level gestaltete sich die Hilfesuche als schwierig: 2015 gab es für den Großraum Tokio mit seinen 30 Millionen Einwohnern nur eine einzige Rape-Hotline. Trotzdem entschied Ito sich für eine Anzeige bei der Polizei, wo sie vor den Konsequenzen einer Anzeige gewarnt wurde. 'Natürlich sagte die Polizei mir das, wovor ich am meisten Angst hatte: Dass ich danach wahrscheinlich nie mehr in Japan arbeiten könne, dass mein Leben hier vorbei sei.'"