9punkt - Die Debattenrundschau

Aus der Welt der Zuhandenheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2018. Es lässt sich nichts machen, fürchtet die taz: An der Humboldt-Uni werden die konservativen Islamverbände über das Institut für Islamische Theologie bestimmen dürfen. Die taz bringt auch ein großes Dossier über die Lage der Kurden. Facebook ist laut Zeit und Guardian ganz schön heftig in der Bredouille. In der FAZ erklärt Monika Grütters, warum sich der bisherige Chef der Preußischen Schlösser und Gärten prima als Intendant des Humboldt-Forums eignet.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2018 finden Sie hier

Überwachung

Die Tagung des Nationalen Volkskongresses in Peking kulminierte nicht nur in der Entscheidung, den chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf Lebenszeit zu installieren, sondern schuf auch neue Überwachungsmaßnahmen. So werden alle Beamten des Landes einer Kontrollbehörde der Kommunistischen Partei unterworfen, schreibt Marie Bröckling  bei Netzpolitik: "Die am Sonntag formell geschaffene Nationale Aufsichtskommission soll nicht wie bisher nur Parteikader, sondern alle Beamten überwachen, also auch Lehrerinnen und Professoren. Damit hebt China die bisher geltende formale Trennung zwischen Staat und Partei auf. Bei Korruptionsverdacht können Staatsbedienstete künftig bis zu sechs Monate ohne Anwalt festgehalten werden. Die investigativ arbeitende Aufsichtskommission arbeitet parallel zu regulären Strafverfolgungsbehörden und wird von keinem Gericht kontrolliert."
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Gesellschaft

In der Berliner Zeitung versteht Arno Widmann den Sinn der "Erklärung 2018", die sich gegen die Einwanderung richtet und u.a. von Vera Lengsfeld, Jörg Friedrich, Matthias Mattussek und Uwe Tellkamp unterschrieben wurde, nicht: "Die Damen und Herren scheinen die letzten Jahre verschlafen zu haben. Die Einwanderung - legal und illegal - ist rückläufig. Den Unterzeichnern mag sie noch nicht rückläufig genug sein, aber sie tun so, als habe sich nichts verändert seit 2015. Soll Deutschland die EU-Freizügigkeit aufgeben und die eigenen Grenzzäune wieder schließen? Meinen sie das? Warum sagen sie es nicht?"

Franz Sommerfeld fordert mehr Respekt im Umgang mit Uwe Tellkamp, der seine Lesereisen abgesagt hat: "Natürlich ist es die freie Entscheidung von Tellkamp, zu schweigen und die Lesungen abzusagen. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder charakterisiert diese 'Freiheit' als eine 'technische': 'Es heißt immer, in Deutschland könne man alles sagen. Das stimmt, allerdings nur in einem technischen Sinne. Eine offene Debatte erfordert mehr als das, nämlich Respekt für die Meinung des anderen, auch und gerade, wenn sie mir nicht gefällt.' Diesen Respekt erhielt Tellkamp nicht. Darum ist der Sieg der empörten Feuilletonisten eine Niederlage der offenen Gesellschaft, weil er ihre Offenheit einschränkt."

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt der britische Historiker David Feldman, warum er Antisemitismus und Islamfeindlichkeit heute für gleichermaßen problematisch hält. Und warum es falsch ist, Antisemitismus vor allem den Muslimen zuzusprechen: "Es ist richtig, dass antijüdische Einstellungen bei Muslimen häufiger sind als in der Gesamtbevölkerung. Aber weil Muslime eine so kleine Minderheit sind - etwa fünf Prozent in Deutschland und Großbritannien - kann es nicht sein, dass sie für den größten Teil des Antisemitismus verantwortlich sind. Obwohl Muslime größere Vorurteile gegenüber Juden aufweisen, ist der Antisemitismus ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes. Es sollte nicht auf Minderheiten in ihr projiziert werden."
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Internet

Facebook steht seit der Affäre um Cambridge Analytica immer mehr unter Druck, berichtet Thorsten Schröder auf Zeit online: "Eine Anhörung Zuckerbergs, so schrieben die demokratische Senatorin Amy Klobuchar und ihr republikanischer Kollege John Kennedy in einem gemeinsamen Brief am Montag, würde es leichter machen, zu verstehen, 'was getan wird, um die Daten von Amerikanern zu schützen und Missbrauch zu minimieren'. Und das EU-Parlament lud Zuckerberg ein, persönlich 'klarzustellen, dass persönliche Daten nicht dazu benutzt werden, um Demokratie zu manipulieren'." Derweil "verlor die Aktie an der New Yorker Börse fast sieben Prozent. Es war der größte Verlust seit drei Jahren - und am Dienstag fiel der Kurs noch weiter", so Schröder.

Im Gespräch mit dem Guardian erklärt der ehemalige Facebook-Mitarbeiter Sandy Parakilas, er habe seine Vorgesetzten gewarnt, dass Daten, die an externe Firmen weitergegeben wurden, missbraucht werden könnten. Doch niemand habe sich dafür interessiert: "Asked what kind of control Facebook had over the data given to outside developers, he replied: 'Zero. Absolutely none. Once the data left Facebook servers there was not any control, and there was no insight into what was going on.' Parakilas said he 'always assumed there was something of a black market' for Facebook data that had been passed to external developers. However, he said that when he told other executives the company should proactively 'audit developers directly and see what's going on with the data' he was discouraged from the approach. He said one Facebook executive advised him against looking too deeply at how the data was being used, warning him: 'Do you really want to see what you'll find?'"

Drei Jahre bevor er Trumps Chefstratege wurde, half Steve Bannon, Cambridge Analytica auf die Beine zu stellen, berichtet die Washington Post, die sich mit Chris Wylie, einem ehemaligen Mitarbeiter der Firma unterhalten hat. "In an interview Tuesday with The Washington Post at his lawyer's London office, Wylie said that Bannon - while he was a top executive at Cambridge Analytica and head of Breitbart News - was deeply involved in the company's strategy and approved spending nearly $1 million to acquire data, including Facebook profiles, in 2014. 'We had to get Bannon to approve everything at this point. Bannon was Alexander Nix's boss,' said Wylie, who was Cambridge Analytica's research director. 'Alexander Nix didn't have the authority to spend that much money without approval.'"
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Wissenschaft

NZZ-Feuilletonchef René Scheu hat ein paar Vorlesungen in Stanford besucht und zwei Interviews mitgebracht. Mit dem zwanzigjährigen Philosophie-, und Computerstudenten und Entrepreneur Sam Ginn, der an einem Code bastelt, "der es Computern ermöglichen soll, die menschliche Sprache in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen", unterhält er sich über künstliche Intelligenz. Bei deren Programmierung ist ihm Heidegger immer wieder eine Hilfe, sagt Ginn: "Ich gebe Ihnen ein alltägliches Beispiel aus der Welt der Zuhandenheit, das von Heidegger stammen könnte: das Öffnen oder Schließen einer Tür. Der Mensch braucht de facto nicht tausend Türen zu analysieren, um eine Tür als solche zu erkennen. Und er braucht auch nicht tausend Geräusche zu memorieren, bevor er intuitiv begreift, dass sich in seinem Rücken gerade eine Tür schließt. Er setzt weder Geometrien noch einzelne Geräusche in seinem Kopf zusammen. Die Bedeutung kommt zuerst, ist sozusagen immer schon da - schon ein Baby erkennt eine Tür unmittelbar. Ich arbeite an einem Code, der das beherrscht, was Heidegger das In-der-Welt-Sein nennt."

Der Romanist Robert Pogue Harrison ist von diesem ganzen Erfindungswahn eher genervt und hebt für ein Interview kurz den Kopf aus seiner Dante-Ausgabe: "Wir sind endliche Wesen, werden geboren und sterben, dazwischen spielt sich unser Leben ab. Das Leben ist voller Unwägbarkeiten und unbeständig. Genau deswegen bedürfen wir eines Kontexts der Beständigkeit, und das ist nach Hannah Arendt der 'mundus', die vertraute Welt. Wenn diese Welt nicht mehr gegeben ist, dann ist die Welt nicht mehr für den Menschen gemacht. Wir werden traurig, wir werden ängstlich, wir werden verrückt."
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Religion

An der Humboldt-Uni wird ein Institut für Islamische Theologie eingerichtet, und da wie bei den Kirchen nicht die Unis (zumindest nicht allein) über die Besetzung der Lehrstühle entscheiden, unterrichtete nach dem taz-Bericht von Daniél Kretschmar "das Präsidium der HU den Akademischen Senat der Universität über die Kooperationsvereinbarung zwischen mehreren Islamverbänden und der Hochschule. In der Vereinbarung werden den Verbänden sehr weitgehende Mitbestimmungsrechte bei der Auswahl der Lehrenden eingeräumt. Dazu zählt eine prinzipielle Zustimmungsklausel bei der Berufung von ProfessorInnen und der Einstellung wissenschaftlicher MitarbeiterInnen." Zu den Verbänden gehört auch die direkt der türkischen Regierung unterstehende Ditib.
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Kulturpolitik

Eines ist jetzt schon klar. Im Humboldt-Forum wird fotografieren schwierig. Denn Monika Grütters schlägt Hartmut Dorgerloh, bislang Generaldirektor der Potsdamer Schlösserstiftung, als Generaldirektor vor - Dorgerloh fiel unter anderem dadurch auf, dass er über viele Instanzen das Eigentum an den Panoramen für seine preußischen Schlössern und Gärten erstritt und nun bestimmen kann, wer dort fotografieren darf (mehr hier). Im Gespräch mit Andreas Kilb von der FAZ sagt Grütters: "Hartmut Dorgerloh ist auch deshalb hervorragend geeignet, weil er es versteht, anspruchsvolle Inhalte einem breiten Publikum zu vermitteln. Über das Humboldt-Forum ist jahrelang in sehr akademischer Weise geredet worden. Dabei wurde manchmal vergessen, dass dieses Haus ein Ort der Begegnung für die Bevölkerung sein muss."

Politik

Pünktlich zu Newroz, dem kurdischen Neujahrsfest, bringt die taz ein mehrseitiges Dossier zur Lage der Kurden. Wie problematisch die Beziehung der kurdischen Truppe YPG zur PKK sein mag, sie war "der verlässlichste Partner der USA im Kampf gegen den IS", schreibt Elisabeth Kimmerle in der taz: "Nachdem Kobani mit Unterstützung der US-Luftwaffe im Februar 2015 befreit wurde, schien inmitten der Wirren des syrischen Bürgerkriegs die Utopie eines autonomen kurdischen Gebiets endlich in greifbare Nähe gerückt zu sein. Doch als die Türkei am 20. Januar die Militäroffensive auf Afrin startete, schauten die Bündnispartner weg. Die USA griffen nicht ein, Russland gab den Luftraum frei. Währenddessen setzte die türkische Armee in Afrin deutsche Leopard-Panzer ein - und Sigmar Gabriel stellte der Türkei weitere Rüstungsexporte in Aussicht." In einem zweiten Text schildert  Wolf Wittenfeld den "Traum vom kurdischen Staat".

Und die in Basel lehrende Soziologien Bilgin Ayata beklagt im Interview mit  Canset Icpınar (in dem die Rolle der PKK nicht einmal angsprochen wird) die Doppelzüngigkeit der europäischen Öffentlichkeit: "Immer wieder wird der Zerfall der Türkei in einen Autoritarismus kritisiert, aber wenn die Türkei offensichtlich das Völkerrecht verletzt, wird geschwiegen."
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