9punkt - Die Debattenrundschau

Wie es nie gewesen ist

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2018. Uwe Tellkamp mag von einem "halbvergessenen Gestern" träumen, einen besonderen Schutz verdienen seine Argumente dennoch nicht, findet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung. Die taz porträtiert die Breslauer Unternehmerin Marta Lempart, die den polnischen Protest gegen eine weitere Verschärfung des Abtreibungsrechts anführt. Die NZZ fragt: Und wenn der Einfluss von Facebook gar nicht so groß ist, wie er geschrieben wird? Bei Emma schreibt Seyran Ates über Hasskommentare und Morddohungen - und die mangelnde Hilfe von Facebook und der Polizei.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Nein, Uwe Tellkamp verdient in der Debatte keinen besonderen Schutz, antwortet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung auf ein Argument Ulrich Greiners in der Zeit, der mangelnden Respekt für Tellkamp beklagte: Tellkamp habe falsche Zahlen in die Debatte geworfen, die keine Basis für Respekt abgeben könnten. Nebenbei benennt Pilz das Dilemma aller Konservativen: "Sie betreiben das gefährliche Spiel einer rückwendigen Utopie, die Zygmunt Bauman 'Retrotopia' nennt: gesellschaftliche Verbesserung in einem 'halbvergessenen Gestern' zu suchen, einer Vergangenheit, die nie stattgefunden hat. Man sieht es am deutlichsten beim Streit um den Begriff Heimat: Es ist der Streit um eine Idealvorstellung, die keine materiale Grundlage hat. Endlich soll es wieder werden, wie es nie gewesen ist."

In der Welt will Hannah Lühmann es zunächst nicht wahrhaben: Rüdiger Safranski - ein neurechter Denker? Dann aber spricht Safranski im Spiegel-Interview von Kulturen als "Brutsystemen", die man nur "bis zu einem gewissen Grad" mischen könne - und sucht damit nicht nur bewusst den Schulterschluss mit der rechten Ideologie, sondern scheint das Denken ganz aufzugeben, meint Lühmann:  "die Vorstellung eines kurz vor der Mutation stehenden 'Brutsystems' ist antiintellektuell. Sie lässt keinen Möglichkeitsraum des Denkens, keinen Zweifel offen. Wer aus ihr politische Konsequenzen zieht, müsste etwa Menschen ausweisen, deren Integration nicht geglückt ist - auch wenn sie schon lang hier leben. Wer damit einfach nur beschreiben möchte, was eine Kultur ist, verliert sich in Unterkomplexität."

Judith Sevinc Basad bezweifelt bei den SalonkolumnistInnen, dass allein patriarchale Strukturen für den "Gender Pay Gap" verantwortlich seien - oft steckten auch persönliche Entscheidungen der Frauen dahinter: "Frauen suchen sich nicht nur Berufsbranchen aus, die schlechter entlohnt werden, wie die Pflege und den Einzelhandel. Sie sind auch mehrheitlich in geisteswissenschaftlichen Studiengänge mit schlechteren Berufschancen vertreten, während Männer eher technische Studiengänge mit hohen Einstiegsgehältern wählen. Auch sind es Frauen, die häufiger die Care-Arbeit übernehmen, wodurch sie in die Teilzeitfalle tappen und ihnen besser bezahlte Führungspositionen verwehrt bleiben. Rechnet man all diese Faktoren aus den 21 Prozent heraus, bleibt die 'bereinigte' Lohnlücke von sechs Prozent übrig."
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Medien

Ein weiterer Schlag für die "vierte Gewalt" in der Türkei. Der Medienunternehmer Aydin Dogan muss sein Medienunternehmen an einen Erdogan-nahen Konkurrenten verkaufen, berichtet Wolf Wittenfeld in der taz. Dazu gehört die Hürriyet, die wichtigste Zeitung des Landes neben der republikanischen Cumhuriyet. Sie hatte sich zwar bereits dem Erdogan-Kurs angenähert, so Wittenfeld. "Dennoch blieb Hürriyet die meistverkaufte Zeitung der Türkei, die immer noch, wenn auch sehr vorsichtig, Kritik an Erdogan zuließ und Geschichten druckte, die der Regierung nicht passten. Anders als Cumhuriyet oder Birgün, erreichte Hürriyet auch Leser aus dem AKP-Lager, weshalb die Zeitung bis zuletzt ein Ärgernis für den Präsidenten blieb." In der FAZ kommentiert Bülent Mümay.

Der Jurist Leonhard Dobusch ist ein Verfechter der öffentlich-rechtlichen Anstalten und Mitglied im ZDF-Fernsehrat. Bei Netzpolitik berichtet er über die Arbeit dieses Gremiums und klärt über die zuweilen recht exotisch wirkenden Praktiken auf - etwa heute die "Freundeskreise", die sich zusammentun, um bestimmte Positionen zu verfechten: "Gemein ist den Freundeskreisen in ARD und ZDF ihr schlechter Leumund. Und das ist auch kein Wunder. Fernsehratsvorsitzende Marlene Thieme bezeichnet sie im Interview als 'informelle Treffen' und gibt sich unwissend über deren Zusammensetzung und Entscheidungsverfahren. Dabei werden die Einladungen zu den Vorberatungen zumindest im ZDF durch das Gremienbüro verschickt, finden die Treffen in den Räumlichkeiten des ZDF statt und nehmen regelmäßig hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der Anstalten von Intendant Thomas Bellut abwärts an den Freundeskreissitzungen teil."
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Europa

Gabriele Lesser porträtiert für die taz die Breslauer Bauunternehmerin  Marta Lempart, die den Protest polnischer Feministinnen gegen eine erneute Verschärfung des Abtreibungsrechts anführt: "Dieses Mal geht es um ein Gesetzesprojekt, das die Bürgerinitiative 'Stoppt Abtreibungen' gemeinsam mit dem erzkatholischen Thinktank Ordo Iuris in den Sejm eingebracht hat. Das ohnehin restriktive polnische Abtreibungsrecht, das einen Schwangerschaftsabbruch nur bei einer Vergewaltigung oder Inzest erlaubt, bei Gefahr für die Gesundheit der Mutter oder bei schweren Missbildungen des Fötus, soll jetzt weiter verschärft werden. Demnach müssten Frauen künftig schwerstbehinderte Kinder auch dann austragen, wenn das Baby mit offenem Schädel oder Rückgrat die Geburt nur um wenige Tage überleben würde." In der FAZ resümiert Kim Björn Becker die von der Frauenärztin Kristina Hänel in Deutschland angestoßene Debatte um den Paragraphen 219a,

Laut der Nachrichtenagentur Ria Nowosti werde in russischen Regierungskreisen erwogen, die Kooperation mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu beenden, schreibt die Autorin und Journalistin Sonja Margolina in der NZZ und sieht das westliche Demokratisierungsprojekt gescheitert: "Russlands Mitgliedschaft im Europarat steht zunehmend im Widerspruch sowohl zu seiner Innenpolitik, für die Menschenrechte nur ein Störfaktor sind, als auch zu seinen militärischen Abenteuern und Ansprüchen auf Einflusssphären im postsowjetischen Raum, von Syrien ganz zu schweigen. Da die Atom-und Vetomacht Russland sich nun wieder als Global Player sieht, hat sie es satt, von 'eingebildeten' Europäern erzogen, ermahnt und an den Pranger gestellt zu werden für das, was sie als Verteidigung ihrer Souveränität versteht."
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Religion

Seyran Ates berichtet auf den Online-Seiten der Emma über wutentbrannte Reaktionen konservativer muslimischer Kreise (jedweder Färbung) auf die von ihr gegründete liberale Ibn-Rushd-Goethe Moschee. Von Facebook, wo die Hasskommentare und Morddrohungen gepostet wurden, aber auch von der Berliner Polizei, an die sie sich mit Anzeigen wandte, hat sie keine Hilfe bekommen: "Auch wenn es uns gegen den Strich geht: Wir machen uns inzwischen kaum noch die Mühe, gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen. Auf der Facebookseite der Moschee löschen wir entsprechende Kommentare oder blockieren die Nutzer auf unserer Seite. Die Hoffnung auf die Hilfe von Facebook oder der Staatsanwaltschaft haben wir inzwischen begraben."
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Internet

Tief durchatmen, rät Felix Simon in der NZZ mit Blick auf den amerikanischen Wahlkampf allen Apokalyptikern, die mit Cambridge Analytica und Facebook das Ende der Demokratie eingeläutet sehen: Noch immer sei das Fernsehen für viele Amerikaner die Hauptnachrichtenquelle, das psychografische Targeting durch Likes längst nicht so ausgefeilt wie angenommen; zudem sei ein Großteil der amerikanischen Wählerschaft nach wie vor bereits in politische Lager eingeteilt: "Wie Menschen ihre Stimme abgeben, hängt zum Beispiel auch entscheidend davon ab, wie sie die Lage der Wirtschaft sehen oder welche Ausbildung sie genossen haben. Politische Werbung hat in diesem Kontext, wie verschiedene Studien gezeigt haben, vergleichsweise wenig Einfluss."

Einen "Technologischen Totalitarismus" befürchtet indes der Informationstechnologe Dirk Helbing in der SZ und fordert eine "digitale Aufklärung": "Social Bots kennen uns besser als unsere Eltern und Freunde. Algorithmen sorgen für Zensur und Propaganda. Telefonate können sofort in Text übertragen und ausgewertet werden. Mit einem Stimmprofil kann die NSA ermitteln, wo jemand ist, mit wem er sich unterhält und was er sagt. Videos können in Echtzeit manipuliert werden. Das Gesagte lässt sich genauso ändern wie die Mimik, und alles sieht ganz real aus. Mit einigen Fotos ist es sogar möglich, ungefragt einen Fake-Porno von jemandem zu produzieren - dank Gesichtserkennungssoftware."

Facebooks Vorgehen war ohne jeden Zweifel illegal und muss bestraft werden, meint der grüne Datenschutzexperte Jan Philipp Albrecht im Interview auf Zeitonline: Bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes könnten "als Sanktion verhängt werden. Das kann existenzbedrohend für Facebook werden."
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