9punkt - Die Debattenrundschau

In Code eingebettete Meinungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2017. Nach über acht Jahren wird Liu Xiaobo aus dem Gefängnis ins Krankenhaus entlassen - aber nur weil er Leberkrebs hat. Noch ist nicht einmal klar, ob seine Frau Liu Xia, die im Hausarrest lebt, ihn zum Abschied besuchen darf, berichtet der Guardian. Westliche Länder werden sich kaum für die beiden einsetzen, denn sie haben Angst vor Strafen der Chinesen, erklärt politico.eu. Die SZ fordert, dass ausgerechnet Theologen das Problem mit den Religionen lösen.

Politik

Nach über acht Jahren wird Liu Xiaobo aus dem Gefängnis entlassen - aber nur weil er Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium hat, berichtet unter anderem Felix Lee in der taz: "Liu sei 'Bewährung aus medizinischen Gründen' gewährt worden, teilte sein Anwalt Mo Xiaoping mit. Über diese Diagnose sind die Anwälte zwar seit mehr als einem Monat informiert, doch laut Hongkonger Medien warnten die chinesischen Behörden sie davor, sich für ihren Mandanten einzusetzen. Dass die Behörden ihn nun zur Behandlung aus dem Gefängnis lassen, weist auf die Schwere seiner Krankheit hin. Derzeit wird Liu in einem Krankenhaus in der nordostchinesischen Stadt Shenyang behandelt."

Tania Branigan, einstige China-Korrespondentin des Guardian, hat mehr Informationen über die niederträchtigen Bedingungen, in denen der Autor und seine Frau Liu Xia  gehalten werden: "Seine Entlassung in ein Krankenhaus aus medizinischen Gründen bewahrt China vor der Peinlichkeit, die ein hinter Gittern sterbender Nobelpreisträger bedeuten würde. Aber es ist fast sicher, dass der Zugang zu ihm scharf begrenzt sein wird. Es ist noch nicht einmal garantiert, dass seine Frau Gelegenheit erhalten wird, sich von ihm zu verabschieden. Liu Xia wurde einige Monate nach der Gefangennahme ihres Ehemanns unter strengsten Bedingungen in Hausarrest genommen. Das Leben dieser einst heiteren und widerständskräftigen Frau ist ruiniert worden. Freunde sagen, dass sie unter Depressionen und Herzproblemen leidet."

Auf Solidarität von westlichen Regierungen werden Liu Xiaobo und Liu Xia nicht rechnen können. Denn die Politiker haben Angst vor chinesischen Strafen, wenn sie Menschenrechtsverstöße kritisieren. So erging es Spanien, das 2013 die Tibet-Politik Chinas aufgepießt hatte, schreibt Diego Torres bei politico.eu. Die chinesische Regierung brach alle Gespräche ab. Und es drohte mehr: "China hatte spanische Anleihen gekauft, als das Land mit steigenden Zinsen zu kämpfen hatte. Die Zahlen sind nicht öffentlich, aber einige Berichte sagen, dass China im Jahr 2014 20 Prozent der Spanischen Anleihen hielt. Die spanische Regierung fürchtete, dass Peking einen neuen Zinsanstieg verursachen könnte, indem es plötzlich seine Papiere verkaufte, sagt ein spanischer Offizieller, der seinerzeit in China arbeitete."

Während Seymour Hersh in der Welt Zweifel über die syrische Giftgasattacke von Chan Scheichun streut (unser Resümee) bringt das Weiße Haus eine scharfe Warnung über einen angeblich geplanten neuen Angriff heraus und droht mit Gegenattacken, berichten Rebecca Morin und Annie Karni politico.eu: "Die öffentliche Warnung wird als höchst ungewöhnlich angesehen. Sie drückt sowohl Vertrauen in die Geheimdienstinformationen über eine unmittelbar bevorstehende neue Attacke wie auch einen Willen zu militärischer Aktion aus, sollte die Warnung nicht befolgt werden."
Archiv: Politik

Ideen

Technik ist nie neutral, auch Algorithmen nicht, erklären die Philosphin Anna-Verena Nosthoff und der Wirtschaftswissenschaftler Felix Maschewski in der NZZ und berufen sich dabei auf den Technikphilosophen Günther Anders, für den Technik "immer in Kontexte und Zwecke eingebunden" war: "Wie aktuell Anders' Kritik ist, unterstreicht eine These von Cathy O'Neil: Algorithmen, so die Mathematikerin, seien 'in Code eingebettete Meinungen'. Sie repräsentierten die Werte ihrer Programmierer, operierten per se nicht neutral, würden daher häufig Vorurteile reproduzieren - schließlich werden die 'Problemlöser' selbst zum Problem. So mutiere etwa die Facebook-Chronik zur personalisierten Werbeoberfläche und 'gefährlichen Echokammer', die ein Mehr des Gleichen erzeuge, sich dem Austausch entziehe und dadurch der Demokratie schade."

In der New York Times plädiert Bhaskar Sunkara, Vizevorsitzender der Democratic Socialists of America, für einen neuen Sozialismus. Nicht den sowjetischer Art, sondern mehr finnisch: "Dieses Mal sollen die Leute wählen. Auf seine Essenz gebracht, ist Sozialismus eine Ideologie der radikalen Demokratie. In einem Zeitalter, in dem Freiheitsrechte angegriffen werden, will er die Zivilgesellschaft ermächtigen, an allen Entscheidungen teilzuhaben, die unser Leben betreffen. Eine riesige Staatsbürokratie kann natürlich genauso befremdlich und undemokratisch sein wie ein Aufsichtsrat, darum müssen wir über neue Formen sozialen Eigentums nachdenken. Einige Grundformen sollten klar sein: Kooperativen, die Arbeitern gehören, sich aber in einem regulierten Markt dem Wettbewerb stellen müssen. Staatliche Leistungen, die mit Hilfe von Bürgern geplant werden. Die Bereitstellung der Basis für ein gutes Leben (Erziehung, Wohnen und Krankenversicherung) als soziales Recht. Mit anderen Worten, eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft frei sind, ihre Potenziale auszuschöpfen."

Außerdem: In der NZZ schreibt Slavoj Zizek zum Siebzigsten Peter Sloterdijks, in der FR schreibt Dirk Pilz. In der SZ versucht sich Julia Kristeva im Gespräch mit Alex Rühle an einer Art Psychopathologie der politischen Gegenwart. Und der Philosoph Emmanuel Alloa macht sich ebenfalls in der SZ über die im Internet drohende "Transparenz als Zensur" Gedanken.
Archiv: Ideen

Europa

Eine Gruppe von 33 Frauen versucht, die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die sich gegen Frauendiskriminierung auch in nicht-westlichen Kulturen, aber auch gegen Prostitution einsetzt, durch einen Offenen Brief und Voten bei der Mitgliederversammlung zu "unterwandern" schreibt Alexandra Eul bei emma.de. "Bei der Kontroverse geht es um Punkte, die zur Zeit allgemein in der feministischen Szene strittig sind: um das Kopftuchverbot ('Rassismus'), die Bekämpfung des Systems Prostitution durch die Bestrafung von Freiern ('Diskriminierung von Sexarbeiterinnen') und die Political Correctness in der Sprache ('Diskriminierung von Transmenschen' et cetera."

Außerdem: Im FAZ-Feuilleton-Aufmacher führt Martin Eich ein Gespräch mit Generalmajor a.D. Christian Trull "über die Bundeswehr und über das Wesen des Soldaten".
Anzeige
Archiv: Europa

Geschichte

Markus Roth, der gerade eine Biografie über den einst berühmten Journalisten und kritischen Hitler-Biografen Konrad Heiden schreibt, liest für die taz Stefan Austs Buch, das gerade zum Thema erschienen ist. Das Problem mit Heiden, sagt Roth, ist dass kaum persönliche Dokumente vorliegen. Er kann darum verstehen, dass Aust Heiden sehr viel im O-Ton zitiert. Allerdings ist das nicht alles: "Was Aust seinen Lesern .. verschweigt, ist, dass er sich Heidens Text sehr viel umfassender zu eigen macht, als es durch Anführungszeichen ausgewiesen ist. Austs Buch ist voll von Heiden-Zitaten, die als Text von Stefan Aust erscheinen, von wörtlichen Übernahmen, die nicht kenntlich gemacht wurden - von Verschleierungen der wahren Autorschaft. Der einzige Unterschied ist mitunter das Tempus. Wo Heiden im Präsens schrieb, hat Aust den Text ins Präteritum gesetzt. Schreibt Heiden in alter Rechtschreibung, ändert Aust dies in die neue; hinzu kommen manchmal kleine stilistische Eingriffe - das Semikolon aber, Heidens Marotte, blieb."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Stefan Aust, Konrad Heiden

Gesellschaft

Antisemitismus ist kein linkes Problem, meint  der israelische Moshe Zimmermann im Gespräch mit  Susanne Knaul von der taz und erklärt, warum er den Film "Auserwählt und ausgegrenzt" als Propaganda ablehnt: "Hier wird der Versuch unternommen, für den Antisemitismus die Linken, die Araber und die Muslime verantwortlich zu machen. Man identifiziert Antisemitismus weitgehend mit Israelkritik. Das ist nicht nur einseitig, sondern im Prinzip falsch. Die Hauptgefahr, wenn es um Antisemitismus geht und um Rassismus, kommt noch immer aus dem rechten Flügel und nicht von Randgruppen wie Flüchtlinge, Einwanderer und Linke."
Archiv: Gesellschaft

Religion

Ausgerechnet an der Universität soll das Problem mit den Religionen gelöst werden, aber nicht von Wissenschaftlern, sondern von Theologen, fordert der katholische Theologe Lukas Wiesenhütter in der SZ: "Der Religionsdialog müsste heute genauso Teil der Ausbildung sein, wie es dazugehört, Augustinus oder Luther zu lesen. Deshalb sind die Lehrstühle für Islamische Theologie eine so große Chance; deswegen könnten die Pläne der Humboldt-Universität zukunftsweisend sein, eine 'Fakultät der Theologien' zu etablieren. Es muss der Normalfall werden, dass der angehende Pfarrer der muslimischen Lehramtsstudentin begegnet. Die beiden sind die Idealbesetzung, um dort rhetorisch ab- und inhaltlich aufzurüsten, wo ein 'christliches Abendland' gegen 'den Islam' ins Feld geführt wird."
Archiv: Religion