9punkt - Die Debattenrundschau

Irgendwie gelblich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2017. Zadie Smith betrachtet für Harper's Dana Schutz' Gemälde "Open Casket" und fragt sich, ob ihre Kinder schwarz genug sind. In der Berliner Zeitung sucht Dirk Baecker einen Weg aus der Krise der Demokratien. Heute wird sich nach der Rede der Königin vor dem britischen Parlament zeigen, ob Theresa May regieren kann - die Brexit-Entscheidung erscheint der FAZ als Höhepunkt einer langen Krise.  Und es läuft die Doku "Ausgegrenzt und auserwählt" in der ARD. Seit sechs Monaten hat die Anstalt nicht mit ihm geredet, beklagt der Filmemacher Joachim Schröder in der FAZ.

Europa

Es sind historische Momente für Britannien, schreibt FAZ-Korrespondent Jochen Buchsteiner vor der heutigen Rede der Königin vor dem Parlament, die angesichts von Theresa Mays schwacher Mehrheit vom britischen Parlament niedergestimmt werden könnte (Mays Rücktritt könnte laut politico.eu die Folge sein). "Das Referendum, das vor genau einem Jahr abgehalten wurde, war weniger der Beginn der Krise als deren Beschleuniger. Es ging 'verloren', weil es viele Briten als Chance nutzten, ihre lange aufgestaute Unzufriedenheit mit dem 'Establishment' auszudrücken. Diese gründet in Entwicklungen, die Jahrzehnte vorher angestoßen wurden, mit dem 'Big Bang' der Londoner Finanzwelt von 1986, vielleicht schon 1979, als Margaret Thatcher ins Amt kam."

Im Guardian wird (für den Fall einer Abstimmungsniederlage Mays?) ein Papier von Labour-Abgeordneten veröffentlicht, die einen "weichen Brexit" und einen Verbleib im Gemeinsamen Markt fordern.

Benas Gerdziunas and Georgia Littlechild stellen in einer Fotoreportage für politico.eu die NGO "Addiopizzo" vor, die Palermo und Sizilien mafiafrei machen will, indem sie Geschäfte und Restaurants unterstützt, die kein Schutzgeld ("Pizzo") an die Mafiosi zahlen: "Die Arbeit voin Addiopizzo ist ein Schlag für die Schattenwirtschaft des Landes, die nach einem Bericht von 2008 der Mafia etwa 15 Milliarden Euro im Jahr bringt. Di Giacomo, einer der Bosse von Coasa Nostra, der im Gefängnis sitzt, hat sich öffentlich über Addiopizzo beschwert... Mit EU-Geld eröffnete die Organisation auch ein Reisebüro, das schutzgeldfreie Führungen durch sizileien anbietet."
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Ideen

Zadie Smith bespricht für Harper's Jordan Peeles Film "Get Out", eine Horrorkomödie über schwarze Identität und die Ängste der Schwarzen vor Weißen, und sie stellt sich mit ihren Kindern vor Dana Schutz' Gemälde "Open Casket", das angegriffen wurde, weil sich daran eine weiße Künstlerin das Leid eines Schwarzen "kulturell aneignete" (unsere Resümees). "Ich drehe mich von dem Gemälde zu den Kindern. Ihr geliebter Vater ist weiß, ich bin gemischt, darum sind sie nach den alten rassischen Kriterien Amerikas 'Quadroons'. Dürften sie schwarzes Leid zum Gegenstand ihrer Kunst machen, falls sie jemals zu Künstlern werden? Ihre Großmutter ist 'schwarz wie Pik As', wie die Briten sagten, ihre Mutter ist, was die Franzosen Café au lait nennen. Sie selbst sind irgendwie gelblich. Wann genau hört schwarzes Leid auf, sie zu betreffen? Ihre Großmutter - die auf einer postkolonialen Insel in extremer Armut aufwuchs und Nachfahrin von Sklaven war - kannte schwarzes Leid genau. Aber ihre Enkel sehen weiß aus. Sind sie es?"

In der FAZ unterhält sich Kolja Reichert mit dem amerikanischen Künstler Sam Durant, der schuldbewusst der Verbrennung seiner eigenen Skulptur zustimmte, nachdem ihm die Dakota kulturelle Aneignung vorgeworfen hatte: "Ich habe durch die Erfahrung ein besseres Verständnis für weiße Privilegien gewonnen."

Der Ausweg aus der Krise der Demokratien verläuft weder links noch rechts, sondern zwischen beiden Positionen hindurch, meint der Soziologe Dirk Baecker im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Helfen, diesen Weg zu finden, könne die Bürokratie: "Wir haben es uns in den vergangenen Jahrzehnten geleistet, ökonomischen Prozesse bei der Durchsetzung neuer Technologien die Führung zu überlassen. Das müssen wir jetzt korrigieren. Die Bürokratie ist mindestens so fehlerfreundlich wie der Markt. Es macht daher keinen Sinn, Fragen eines eGovernment unter Gesichtspunkten eines Abbaus von Bürokratie zu diskutieren. Sinnvoller wäre es, die schriftliche und damit tendenziell kompetente und kontrollierbare Aktenführung, von der Max Weber sprach, unter den Bedingungen der elektronischen Medien neu zu erfinden. Wie gesagt, wir müssen die Mitte stark machen, damit oben und unten dem Wähler gute Themen zur Entscheidung vorgelegt werden können."

Tja, gäbe es eine "tendenziell kompetente" Bürokratie, könnte man sich mit Baecker anfreunden, aber die Reaktion von SPD und CDU auf den Cum-Ex-Skandal - Banken, Börsenhändler und Anwälte konnten sich ungehindert illegal über Jahrzehnte mit Milliarden des deutschen Steuerzahlers mästen - lassen einen an der Kompetenz zweifeln. Mehr zum Freispruch der Bundesregierung für sich selbst bei FR und Zeit online.

Außerdem: In der NZZ denkt Rainer Paris über die Metapher "abgehängt" nach. Götz Aly verteidigt in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung den Historiker Jörg Baberowski, dem inzwischen sogar rechtsextreme Gesinnung unterstellt wird.
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Gesellschaft

Daniel Dettling vom Berliner Büro des Zukunftsinstituts fasst in der NZZ die Ergebnisse seiner Studie "Next Germany: Aufbruch in die neue Wir-Gesellschaft" zusammen. Sein Fazit: "Deutschland fehlt ein einigendes positives Zukunftsbild. Die Polarisierung der Wertewelten ist weit fortgeschritten. Auf der einen Seite steht die linke Erzählung von der offenen, multikulturellen, solidarischen Weltgesellschaft, auf der anderen Seite die rechte Erzählung vom geschlossenen, identitären Nationalstaat. Beide Modelle scheitern an der Komplexität der heutigen Gesellschaft."
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Internet

Heiko Maas wird sich wohl doch noch mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) aus der Legioslaturperiode verabschieden können, vermutet Peter Weissenburger in der taz. Das Gesetz werde aber nächste Woche nur in arg abgeschwächter Form abgestimmt werden: "In einer Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestags am Montag hatte sich jedoch mit acht von zehn geladenen Experten eine übergroße Mehrheit gegen das Gesetz ausgesprochen." Auf Zeit online trägt Dietmar Neuerer noch einmal die Argumente gegen das Gesetz zusammen.
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Überwachung

Außer dem "Netzwerksdurchsetzungsgesetz" will der Bundestag noch diese Woche das "krasseste Überwachungsgesetz der Legislaturperiode" beschließen, warnt Andre Meister in Netzpolitik: "den massenhaften Einsatz von Staatstrojanern. Bei einer langen Liste an Straftaten, wo bisher ein Telefon abgehört werden darf, soll die Polizei in Zukunft Smartphones und andere Geräte mit Schadsoftware infizieren können. ... Da das Dokument noch nicht öffentlich verfügbar ist, veröffentlichen wir es im Volltext. Zur besseren Visualisierung der Unterschiede haben wir ein farbliches Diff erstellt. Demnach hat das Parlament den Vorschlag der Regierung fast eins-zu-eins übernommen. Neben kosmetischen Änderungen gibt es ein paar neue Absätze, um die per Quellen-TKÜ abgehörten Nachrichten zeitlich zu begrenzen. Die grundsätzlichen Probleme bleiben unangetastet".
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Medien

Nach einigem Hin und Her (unsere Resümees) läuft die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" von Joachim Schröder und Sophie Hafner heute Abend um 22.15 Uhr in der ARD. Arte hat sich der Ausstrahlung angeschlossen. Nach dem Film soll bei "Maischberger" diskutiert werden - Schröder fürchtet im FAZ-Interview mit Michael Hanfeld ein "Schautribunal" gegen seinen Film: "Seit sechs Monaten sprechen weder der WDR noch Arte mit uns. Stattdessen verbreitet sich der WDR seit zwei Wochen über angebliche Mängel des Films. Einen Fünfzehn-Fragen-Katalog des WDR zum Film mussten wir vergangene Woche binnen drei Tagen beantworten. Auch das blieb unbeantwortet. Ich überlege, den Katalog mit unseren Antworten offenzulegen. Wir haben nichts zu verbergen."

Die Sendung "Maischberger" hat inzwischen die Gästeliste der Diskussion bekanntgegeben, die erst um 23.45 Uhr startet. Eingeladen sind  Michael Wolffsohn, Historiker, Norbert Blüm, CDU-Politiker,  Ahmad Mansour, Psychologe,  Gemma Pörzgen, Journalistin, Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied  des "Zentralrats der Juden in Deutschland" und Jörg Schönenborn, WDR-Fernsehdirektor. Die Filmemacher dürfen sich offenbar nicht äußern - und obwohl Arte wohl auch die Diskussion sendet, wird der französische Aspekt in der Gästeliste überhaupt nicht widergespiegelt - übrigens beginnt die Ausstrahlung des Films bei Arte zeitversetzt erst um 23 Uhr.

Dass sich Arte jetzt doch der Ausstrahlung des Films anschließt, berichtete unter anderem Télérama. Arte-Chef Alain le Diberder, der in dem Artikel zitiert wird, sei keine andere Wahl geblieben. Aber er bleibt bei seinem Vorwurf gegen den Film und weist zugleich die Kritik der Zensur zurück: "Es handelt sich nur um Standfestigkeit: Wenn das Werk, das uns geliefert wird und selbst wenn es von Arte produziert und finanziert wurde, nicht der Bestellung entspricht, dann senden wir es nicht. Auch und besonders dann, wenn wir das Gefühl haben, dass man uns die Hände binden wollte, indem man uns vor vollendete Tatsachen stellt."
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Religion

Am Freitag eröffnete Seyran Ates in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Seitdem hetzen nicht nur radikale Muslime sondern auch türkische Medien gegen die Moschee, berichten auf Spon Maximilian Popp und Anna Reimann. Ihr absurder Vorwurf: das Gebetshaus sei ein Gülen-Projekt. In die Welt gesetzt habe diese Behauptung der Privatsender AHaber, "regierungsnahe türkische Medien griffen den Beitrag auf: Sabah, eine der größten Zeitungen, titelte: 'In der Fetö-Kirche beten Männer und Frauen'. Das Boulevardblatt Takvim berichtete unter der Überschrift 'Gülen Ketzerei, Applaus aus Israel'. Die Gülenisten in Deutschland verzerrten den Islam nach ihren 'eigenen, perversen Ansichten', schrieb die Tageszeitung Star. ... Ates vermutet, dass es der türkischen Seite darum gehe, die in der Moschee praktizierte liberale Auslegung des Islam zu bekämpfen. 'Aber auf der Schiene bekommen sie uns nicht. Deshalb werden uns Gülen-Verbindungen unterstellt, um uns zu Terroristen zu erklären, die zum Abschuss freigegeben sind', so Ates."

Auf Zeit online ist  Canan Topçu zwar irgendwie enttäuscht, dass zur Antiterrordemo der Muslime, zu der Lamya Kaddor aufgerufen hatte, nur so wenig Menschen kamen. Sie selbst wollte aber auch nicht mitmachen, erklärt sie verschnupft: "Wir als Muslime sollten sichtbar und hörbar der Erwartung der Mehrheitsgesellschaft nachkommen. Ich will mich als Muslima aber nicht rechtfertigen. Weil es für mich als Mensch selbstverständlich ist, Gewalt und Mord abzulehnen. Wenn Muslime sich nicht von Gewalt im Namen Allahs distanzieren, dann bedeutet das keineswegs, dass sie islamistische Terroraktivitäten gutheißen. Das müssen wir den Menschen in diesem Land und anderswo vermitteln." Auf einer Demo vielleicht?

In der Welt kann Dirk Schümer diese Distanzierungsversuche nicht mehr hören: "Auch die meisten nach Europa zugewanderten Menschen aus China und Vietnam, Südamerika oder Indien hängen einer Form von Religion an, doch gibt es da mit ostentativem Fasten oder autistischen Kleiderordnungen allermeistens keinerlei Probleme. Die Frage, ob der Sikhismus, der Buddhismus, der Konfuzianismus oder der Voodookult zu Deutschland gehören, stellt sich deshalb auch nicht annähernd so schmerzlich wie beim Islam, weil deren Anhänger, ob in der Schule oder bei der Arbeit, ihre jeweiligen Religionen sehr viel reibungsloser mit den Erfordernissen einer aufgeklärten Gesellschaft in Einklang bringen."
Archiv: Religion