9punkt - Die Debattenrundschau

Elefanten-Massenansturm

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2017. Schon wieder! Heute wählen die Briten. Ian Dunt wundert sich bei politics.co.uk, warum der Brexit im Wahlkampf auf so kleiner Flamme gekocht wurde. Brendan O'Neill zupft in der NZZ an der britischen stiff upper lipp. Und Nick Cohen attackiert im Spectator Seumas Milne, den wichtigsten Berater Jeremy Corbyns und Verteidiger der DDR. Die taz bestaunt eine irre Debatte über Straßenbenennungen im Berliner Kolonialviertel. Und die Zeit-Geschäftsführer müssen eine Anzeige im eigenen Blatt schalten, um die Enteignung der freien Presse anzuprangern.

Europa

Viel retweetet wird ein Post von Ian Dunt auf politics.co.uk, der versucht, die Kosten des Brexit zu beziffern und mit Erstaunen feststellt, dass das Thema im britischen Wahlkampf auf kleiner Flamme gekocht wurde - von beiden Seiten: "Nichts davon ist während der Wahl diskutiert worden. Das ist nicht ein Elefant im Raum. Es ist ein Elefanten-Massenansturm, der sich mit Tempo nähert, und wir haben zugesehen, genickt und mit unserer kleinen Tea Party weitergemacht. Wenn Historiker einst ermessen wollen, was bei dieser Wahl geschah, werden sie bestürzt sein über unsere Leichtfertigkeit."

Nick Cohen nimmt im Spectator Seumas Milne aufs Korn, einen ehmaligen Guardian-Kolumnisten aus allerbesten Kreisen, aber mit superlinken Ansichten. Heute ist er Jeremy Corbyns wichtigster Berater und wird es bleiben, falls Corbyn die heutige britische Wahl gewinnt. Cohen zitiert Milnes Vorwort zu dem DDR-apolegetischen Buch "Stasi State or Socialist Paradise? - The German Democratic Republic and What Became of It", in dem die Autoren John Green und Bruni de la Motte zum Beispiel behaupten, dass die Stasi ein recht korrekter Geheimdienst gewesen sei, der Dissidenten "mild" bestraft habe. "Milne stimmte zu. Das kommunistische Ostdeutschland sei von Angela Merkels vereintem Deutschland dämonisiert worden, sagt er. Den Stasi-Staat zu denunzieren, sei so etwas wie ein 'Loyalitätstest für moderne Deutsche' geworden. Aber Milne durchschaut diese Spiel. Merkel und andere Verteidiger des Westens wollen uns vergessen machen, dass die Kommunisten 'lange vor allen anderen soziale und Frauengleichheit schufen und den Arbeitern größere Freiheiten an ihrem Arbeitsplatz gaben als die meisten Angestellten im heutigen Deutschland genießen'."

Nach den Terrorattentaten feiern britische Medien die "stiff upper lipp", die Rückkehr zur Normalität, als sei nichts gewesen. Brendan O'Neill sieht darin in der NZZ gewiss eine Qualität, aber auch eine Gefahr, "nämlich dass wir, indem wir die Normalität nach dem Terror zelebrieren, auch den Terror selbst normalisieren. Dass wir mit unserem 'Das bringt mich nicht aus der Ruhe' auch Greueltaten akzeptabel machen. Zu einem akzeptablen Teil unseres Lebens - wie Zugverspätungen."

Außerdem zu den britischen Wahlen: Jenny Anderson erzählt auf quartz.com "wie Theresa May vor der UK-Wahl ihren 20-Punkte-Vorsprung verspielte".
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Kulturpolitik

In der Nachtkritik graut es Esther Slevogt vor dem Einheitsdenkmal in Form der "Einheitswippe" vor der bekreuzten und bezweifelten Stadtschlossattrappe: "Seine einfältige Metaphorik macht es eher zum unfreiwilligen Symbol unserer postdemokratischen Bewegungsgesellschaft, in der oft postfaktische Stimmungsmache politische Meinungsbildung ersetzt hat. 'Wir sind das Volk' skandieren die Menschen mittlerweile auf Pegida-Demos. Gut möglich also, dass die Wippe am Ende eher als Metapher gelesen wird für den schwankenden Boden unserer fragil gewordenen Demokratie denn als Symbol für friedliche Umbrüche."

Außerdem: In der FAZ kündigt Hubert Spiegel nach Veröffentlichung einer Studie für die Sanierung von Frankfurts Schauspiel und Oper Kosten von bis zu 900 Millionen Euro an.
Stichwörter: Einheitswippe, Sanierungen

Überwachung

Großbritannien hat bereits eine Vorratsdatenspeicherung, die für alle Internetnutzer zwölf Monate zurückreicht. Nun will Theresa May das Internet - und besonders die großen Plattformen - noch stärker regulieren, schreibt Eike Kühl bei Zeit online: "In einem erst vor wenigen Wochen geleakten Entwurf etwa werden mögliche Hintertüren für Verschlüsselung erwähnt. Unternehmen mit mehr als 10.000 britischen Nutzern müssten demnach die Möglichkeit haben, den Behörden die Kommunikation in lesbarer Form zu überreichen und gegebenenfalls 'elektronischen Schutz' zu entfernen. Anders gesagt: Ein Messenger wie WhatsApp müsste dann für britische Nutzer die Verschlüsselung aufheben."

Ebenfalls auf Zeit online wendet sich Adrian Lobe gegen Heiko Maas' Idee, den Hass gewissermaßen per Algorithmus aus Plattformen wie Facebook zu vertreiben, und erinnert daran, dass der Hass "virulent war, bevor es soziale Netzwerke gab, die lediglich ein Ventil für Ressentiments und Rassismus sind. Wenn künftig unerträgliche, fremdenfeindliche und volksverhetzende Sätze mit einem algorithmischen Kniff von der Benutzeroberfläche verbannt werden, werden sie zwar für den öffentlichen Diskurs unsichtbar gemacht, aber die Aggression und das Ressentiment spuken weiter in den Köpfen der Mensche."
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Gesellschaft

Im Berliner Stadtteil Wedding gibt es ein Viertel mit afrikanischen und kolonialistischen Straßennamen. Einige Straße sollen umbenannt werden - dafür hat sich eine sehr umstrittene Jury gebildet. Einer ihrer Vorschläge ist, eine Straße nach der angolischen Königin Ana Nzinga zu benennen. Das Dumme ist nur, wie die Berliner Zeitung herausfand, dass sie mit Sklaven handelte. Die Bezirksstadträtin Sabine Weißler (Grüne) sei seitdem zurückgerudert, schreibt Susanne Memarnia in der taz: "Über Königin Nzinga (1583 bis 1663) und den Sklavenhandel habe man 'natürlich' diskutiert, so Weißler. Aber am Ende habe die Jury mehrheitlich 'akzeptiert, dass sie auf der afrikanischen Seite als Heldin rezipiert wird. Das ist eine Frage des Respekts vor anderen Perspektiven', findet die Stadträtin." Respekt war schon immer eine dumme Idee!
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Internet

Sascha Lobo beschreibt in seiner Spiegel online-Kolumne, wie Künstliche Intelligenz uns schon bald manipulieren könnte: "Mitte Mai 2017 wird bekannt, dass die Ridesharing-Plattform Uber per KI vorhersagen will, wie viel ein Fahrgast für eine Fahrt maximal bezahlen würde. Dabei werden Daten wie die Tageszeit und die Route berücksichtigt, aber eben auch persönliche Daten des Kunden. Selbst wenn der Kunde das weiß - kann er kaum etwas dagegen tun, wenn er das Produkt nutzen möchte."
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Medien

In einer ganzseitigen Anzeige in der Zeit fordern die Geschäftsführer des Holtzbrinck Verlags und des Zeitverlags Gerd Bucerius die "geehrten Mitglieder des Deutschen Bundestages" auf, dem neuen Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz nicht zuzustimmen, weil es eine "Teilenteignung der freien Presse" bedeute.
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Ideen

In der Zeit warnt der französische Schriftsteller und Philosoph Éric Sadin vor der Künstlichen Intelligenz - nicht weil er mordlüsterne Computer fürchtet, sondern weil er die Gestaltungsmacht des Menschen durch angeblich perfekte Maschinen gefährdet sieht: "Der Mensch wird zweifach neu positioniert. Zum einen in ontologischer Hinsicht, da die Vorstellung des Menschen von seinesgleichen neu definiert wird: Er gilt nicht mehr als das einzige mit Urteilsfähigkeit begabte Wesen, sondern wird durch eine neue, als überlegen angesehene Wahrheitsinstanz verdrängt. Zum anderen an­thropologisch, denn nicht mehr der Mensch übt mithilfe seines Geistes, seiner Sinne und seines Wissens Gestal­tungsmacht aus, sondern eine als leistungsfähiger angesehe­ne Interpretations- und Ent­scheidungsgewalt, die ihn aus immer weiteren Lebensberei­chen ausschließen soll, nicht zuletzt aus dem Arbeitsleben."
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