9punkt - Die Debattenrundschau

Belastende Aussagen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.06.2017. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen vermutet Ahmad Mansour Gründe der politischen Korrektheit hinter der Weigerung von Arte und WDR, die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" zu senden. In Frankreich hat die Debatte um den Film bisher überhaupt kein Echo - trotz des Mords an einer jüdischen Ärztin, der die Frage aufwirft, ob Antisemitismus in dem Land massiv verdrängt wird. In der New York Times hält Kenan Malik ein deutliches Plädyoer für "Kulturelle Aneignung".

Medien

Ahmad Mansour, der ursprünglich bei der Antisemitismus-Dokumentation Film "Auserwählt und ausgegrenzt" mitmachen sollte (und dann aus privaten Gründen absagen musste)  vermutet im Gespräch mit Ayala Goldmann von der Jüdischen Allgemeinen politische Hintergründe hinter der Absage an den Film durch Arte und WDR: "Es ist nicht das erste Mal, dass es Schwierigkeiten gibt, wenn wir Islamismus und Antisemitismus im Fernsehen zeigen wollen. Dann kommen immer die Relativierer und Verharmloser und sagen, das sollte man nicht zeigen, weil es ein gefundenes Fressen für die Rechten sei, und weil es den gesellschaftlichen Frieden gefährde. Aber man muss über Probleme berichten, das ist Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks."

Nicht jeder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten findet gut, dass nun jeder jenen Film sehen durfte, den die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht senden wollten, zum Beispiel Anja Reschke von der NDR-Mediensendung "Zapp":


Spätestens als auch die Jüdische Gemeinde sich für die Ausstrahlung der ursprünglich für Arte gedrehten Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" einsetzte, schreibt Richard Volkmann bei den Salonkolumnisten, hätte irgendjemandem bei den Sendern "diesseits oder jenseits des Rheins auffallen müssen, dass eine derart wichtige Debatte sich nicht einfach würde aussitzen lassen und man sich darüberhinaus durch eine fortgesetzte, schwindelerregend schlecht begründete Verweigerungshaltung in der Öffentlichkeit dem Verdacht aussetzte, den Film aus politischen Gründen zurückzuhalten. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht, war dabei irrelevant, zur Rufschädigung genügte es völlig, dass die Annahme glaubhaft im Raum stand (und noch immer steht)."

Auf Zeit online findet Mirna Funk den Film "propagandistisch und manipulativ", auch wenn er in vielem Recht habe: "Er lässt dem Zuschauer keinen Raum, sich ein Bild von Antisemitismus zu machen. Er will die Deutschen belehren. Er will ihnen sagen, Leute, wenn es um Israel und das Leid der Palästinenser geht, dann habt ihr völlig einen an der Waffel. Das ist das Ziel des Films. Und ohne Frage hat der Deutsche einen an der Waffel, wenn diese Themen diskutiert werden. ... Aber man kann in einem Film zu Antisemitismus in Europa nicht ununterbrochen den Vorwurf der Besatzung delegitimieren, indem man keinen einzigen Israeli zu Wort kommen lässt, der diese für beide Seiten furchtbare Situation anspricht, sondern lediglich rechtsorientierte Stimmen. Eine Situation, die im Übrigen von einem Großteil der Israelis auch als furchtbarer Zustand wahrgenommen wird."
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Europa

Obwohl die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und Ausgegrenzt" zuerst von dem französischen Arte-Chef Alain Le Diberder abgelehnt wurde, hat die Geschichte um den Film in Frankreich bisher überhaupt kein Medienecho.

Dabei wirft ein aktueller Mordfall die Frage auf, ob Antisemitismus in Frankreich tatsächlich geleugnet wird.

Cnaan Liphshiz spricht im jüdischen Informationsdienst jforum.fr vom "Dossier Halimi 2" und beklagt das Schweigen der französischen Politik und der großen Medien in der Mordsache Sarah Halimi, einer jüdischen Ärztin, die von dem Attentäter Kobili Traoré am 4. April brutal geschlagen und dann, angeblich unter "Allhu Akbar"-Rufen, aus dem Fenster geworfen wurde (unser Resümee) - "Halimi 2", weil es bereits im Jahr 2006 einen antisemtischen Mord an dem jungen Mann Ilan Halimi (nicht verwandt) in der französischen Banlieue gegeben hatte (unsere Resümees). Der Mord wird zum Testfall für die neue Regierung Macron, meint Liphshiz. Für ihn liegen die antisemitischen Aspekte der Tat auf der Hand: "Jahre vor dem Angriff hatte Traoré die Tochter seines 65-jährigen Opfers als 'dreckige Jüdin' beschimpft, wie diese aussagt. Trotz dieser belastenden Aussagen ist Traoré, der keine bekannte psychiatrische Vorgeschichte hat, nach seiner Behauptung eines 'Wahnsinnsschubs' in psychiatrische Begutachtung geschickt worden. Die Staatsanwälte beschuldigen ihn der vorsätzlichen Tötung, ohne den erschwerenden Umstand des (antisemitischen) Hassverbrechens anzufügen." Auch der französische Radiosender France Culture beschäftigte sich jüngst mit der Frage: "Gibt es eine Leugnung des Antisemitismus in Frankreich?"

Klaus-Helge Donath unterhält sich für die taz mit dem Blogger Felix Gljukman über die Schwulenverfolgung in Tschetschenien. Der Westen reagiert abwartend, so  Gljukman: "Die Empörung im Ausland ist groß, aber es fehlt an schneller und unbürokratischer Hilfe. Viele westliche Länder beschleunigen auch bei lebensbedrohlichen Situationen die Visaausgabe nicht. Die USA und die Niederlande lehnten sogar ab, diesem Personenkreis Visa auszustellen. Eine Ausnahme macht Litauen, das schnell und unkompliziert zwei Betroffene aufnahm. Einige sind inzwischen auf dem Weg nach Argentinien."

Der Soziologe Ruud Koopmans erzählt auf den Wirtschaftsseiten der FAZ, wie er im Laufe der Jahre vom Glauben an den Multikulturalismus abkam  - er musste einsehen, dass die starke Förderung der Minderheiten bei schwachen Anforderungen an den Integrationswillen in den Niederlanden noch schlechter funktionierte als das deutsche Modell  und er beklagt, dass sich diese Idee dennoch hält: "Noch immer ist die Idee in Deutschland weitverbreitet, bedingungslose Erteilung von dauerhaften Bleiberechten, leichtere Einbürgerung, doppelte Staatsangehörigkeit, Kommunalwahlrecht für Ausländer und staatliche Anerkennung und Unterstützung für die Sprachen, Kulturen und Reund Großvaterligion der Zuwanderer seien wegweisend für eine gelungene Integration. Umgekehrt gelten Integrationsanforderungen, Sprachtests, und Bedingungen für die Heiratsmigration für viele als 'Integrationsbarrieren'."

In seiner jüngsten Kolumne für die Berliner Zeitung protestiert Götz Aly gegen das kommende, besonders von Martin Schulz vertretene Haupt- und Staatsthema des kommenden Wahlkampfs: Rentenerhöhung: "Neben den erhöhten Beiträgen zur Rentenkasse möchte Schulz der 'hart arbeitenden Mitte', die er angeblich entlasten will, noch eine zweite Bürde aufhalsen und den aus allgemeinen Steuereinnahmen finanzierten Zuschuss zur Rentenkasse kräftig anheben: von jetzt 98 auf 118 Milliarden Euro. Das sind satte 20 Prozent. Diese Mittel würden dann für Schulen und Kindergärten und so weiter fehlen. Als Bezieher einer Durchschnittsrente und Großvater sage ich: Nein danke! Auf derartige Ekelgeschenke zu Lasten der Kinder und Enkel  verzichte ich liebend gerne."
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Ideen

Kenan Malik gibt in seiner New York Times-Kolumne einen sehr nützlichen Überblick über jüngste Debatten zum Thema "Kulturelle Aneignung" - jüngst mussten in Kanada drei Redakteure unterschiedlicher Medien gehen, weil sie "Kulturelle Aneignung" guthießen -, um am Ende selbst ein Plädoyer gegen diese vermeintlich antirassistische Identitätspolitik zu halten. Es seien nicht diese Gruppen selbst, sondern "Torwächter" mit mangelnder Legitimation, die bestimmen wollen, was Kunst darf oder nicht: "Sie maßen sich selbst die Autorität an, bestimmte Formen kulturellen Engagements zuzulassen und schanzen sich damit Macht zu. Die machtvollste Form dieses Torwächtertums ist Religion. Wenn Glaubensinhalte als heilig verteidigt werden, dürfen sie nicht mehr in Frage gestellt werden. Der Vorwurf kultureller Aneignung ist eine weltliche Version der Anklage wegen Gotteslästerung. Es ist die Behauptung, dass einige Glaubensinhalte und Bilder so wichtig für bestimmte Kulturen seien, dass andere sie sich nicht aneignen dürfen."

Der Schweizer Philosoph Georg Kohler beobachtet in der NZZ eine Wiederkehr eines positiv verstandenen Republikanismus - zumal in der Gestalt Emmanuel Macrons - und definiert: "Republikanische Politik setzt auf freiwilliges Engagement, nicht auf Zwang, auf (Selbst-)Verantwortung für das Ganze einer politischen Gemeinschaft. Sie glaubt nicht an doktrinäre Bewusstseinskontrollen und auch nicht an die administrative Gewalt bürokratischer Herrschaft. Wenn sie für demokratischen Egalitarismus und gegen die Dominanz rein marktmäßig-monetaristisch operierender Betrachtungsweisen eintritt, dann, weil sie beides für erkennbar vernünftig hält."
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