9punkt - Die Debattenrundschau

Dynamik des Widerspruchs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2017. Zum Jahrestag des Brexit-Referendums schwankt der Guardian zwischen Hoffnung und Resignation. Die FAZ erinnert daran, dass die vom IS zerstörte Al-Nuri-Moschee in Mossul einst eine Kirche verdrängte und schon im 12. Jahrhundert zum Dschihad aufrief. Der Bundestag fordert die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten, freut sich der Tagesspiegel. Und die NZZ erklärt, warum Jörg Baberowski als rechtsradikaler Rassist bezeichnet werden darf, ohne einer zu sein.

Europa

Zum Jahrestag des Brexit-Referendums mag Jonathan Freedland im Guardian die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Entscheidung doch noch rückgängig gemacht werden könnte: "One upside of the current volatility in world affairs is that nothing is fixed, nothing is preordained. We are not shackled to the verdict of 12 months ago, not if we want to break free of it. If time and circumstance lead us to conclude that we are at the precipice, staring into an abyss, we can always step back. We are not passive; our fate is not sealed. We can take back control."

"My overwhelming feeling now is to wish that politicians would just bloody get on with it", schreibt, ebenfalls im Guardian, Josh Salisbury, der sich in der Remain-Kampagne engagierte und nach einem Jahr der Brexit-Debatten völlig demoralisiert ist: "Endless commentary over the past year about soft Brexit, hard Brexit, any-adjective-you-like Brexit doesn't get to the heart of the matter. The most important question isn't what kind of Brexit we want, but what kind of society we want to live in. Naturally, Brexit will play a part of that, but it's not the complete answer. Young voters realise this: we're not fighting against Brexit, but for a better future."
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Stichwörter: Brexit

Medien

Der deutsche Bundestag hat als erstes nationales Parlament überhaupt die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten gefordert, meldet Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel hocherfreut: "Aber es ist ja auch schlicht wahr, was die Regierungskoalition in ihren Entschließungsantrag hineingeschrieben hat: 'Unabhängiger und kritischer Journalismus ist ein Grundpfeiler jeder demokratischen Gesellschaft.' Und Presse- und Meinungsfreiheit sind seit dem Hambacher Fest 1832 beste journalistische Tradition in Deutschland. Sie wahrzunehmen und zu verteidigen ist Pflicht. Der Kampf gegen zum Teil erhebliche Einschränkungen beginnt vor der Haustür. Schon in der EU steht es nicht zum Besten."

In der FAZ informiert Matthias Rüb, dass in Mexiko offenbar Dutzende Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Gesundheitsexperten mit dem vom israelischen Cyberunternehmen NSO entwickelten Spähprogramm Pegasus überwacht wurden: "Pegasus soll in der Lage sein, nicht nur Telefonie, Textmitteilungen und Mails aufzuzeichnen sowie den Aufenthaltsort des Geräts - und von dessen Nutzer - zu registrieren, sondern auch das Mikrofon und die Kamera des Smartphones zum Aufzeichnen von Tönen und Bildern zu nutzen."
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Ideen

Der Berliner Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski darf von Bremer Studenten und dem Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano als "rechtsradikal" und "rassistisch" bezeichnet werden, das hat das Kölner Oberlandesgericht entschieden. Allerdings nicht, weil Baberowski rechtsradikal und rassistisch wäre - darüber hat das Gericht gar nicht geurteilt -, sondern weil diese Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, schreiben Martin Beglinger und Peer Teuwsen in der NZZ: "Was in der flüchtigen Erinnerung hängenbleibt, ist Halbwissen. So wird möglich, dass die Spur im Netz, ursprünglich von einer trotzkistischen Sekte gelegt, zum Selbstläufer - weil immer und immer wieder verlinkt und vertwittert - wird (sogar von angesehenen Journalisten wie etwa dem Leiter des ARD-Auslandstudios in Moskau): Baberowski = rechtsradikal. So kann aus einer kruden Unterstellung eine salonfähige Meinung werden. Das ist ärgerlich, um das Mindeste zu sagen. Doch in einer mehr oder weniger liberalen Gesellschaft wird es nicht anders gehen, als die Meinung von Andreas Fischer-Lescano neben jener von Jörg Baberowski stehen und wirken zu lassen."
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Kulturpolitik

Vor dem Hintergrund der resolut abgewürgten Debatte um das Kuppelkreuz auf dem Berliner Stadtschloss klingen die Beteuerungen in Neil MacGregors (im Tagesspiegel abgedruckter) Festrede zum 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt nicht so recht überzeugend: "Die Dissonanz zwischen Form und Inhalt soll provozieren, soll zu einer Dynamik des Widerspruchs führen und Debatten aller Arten ans Haus ziehen... Die Tatsache, dass es im Humboldt Forum um drei rekonstruierte Fassaden und eine moderne geht, soll den Blick der Besucher und die öffentlichen Debatten schärfen. Die Mischung aus Neubau und historischer Rekonstruktion zeugt von der Zerbrechlichkeit einer Kultur und einer Gesellschaft."

Religion

Mit der Zerstörung der Al-Nuri-Moschee in Mossul durch den IS schließt sich ein Kreis - nicht nur für die Terrormiliz, deren Anführer Abu Bakr al Bagdadi vor drei Jahren ebendort das "Kalifat" ausgerufen hat, sondern auch für das Gebäude selbst, informiert Joseph Croitoru in der FAZ. Errichtet wurde es im 12. Jahrhundert von Nur al Din Zengi anstelle einer Kirche: "Die Verdrängung des christlichen Bauerbes war fester Bestandteil von al Dins Baupolitik, und Mossuls Christen litten auch während seiner Herrschaft unter Repressionen... Wenn etwas Klarheit über den ursprünglichen Bau herrscht, so betrifft sie die Beschriftung der vielen Bündelsäulen, die seine zentrale Halle dominierten und mit unterschiedlichen Koranversen versehen waren: Meist mit unspektakulären Verweisen auf den Einheitsglauben und das Gebot des Gebets, aber auch mit der Betonung der Pflicht, Krieg 'um Gottes willen zu führen' - eine Aufforderung zum Dschihad."

Die SZ befasst sich in einer dreiseitigen Beilage mit dem Kölner Dom: Harald Eggebrecht erzählt die jahrhundertelange Baugeschichte, Bärbel Brockmann würdigt die Arbeit des Zentral-Dombau-Vereins, Gottfried Knapp unternimmt eine architekturhistorische Einordnung, Michael Rohlmann gerät über die prunkvolle Ausstattung ins Schwärmen, Catrin Lorch blickt auf Gerhard Richters Fenster, Ira Mazzoni informiert über Vorkehrungen zum Erhalt des Doms, nocheinmal Bärbel Brockmann nimmt seine Bedeutung für den Tourismus unter die Lupe und Sandra Danicke schreibt ein "kleines Dom-Glossar" von A wie Apsis bis W wie Wimperg.
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Internet

Mit dem deutschen Internet-Milliardär Peter Thiel gehört eine der kontroversesten Figuren des Silicon Valley zu den engsten Beratern Donald Trumps, schreibt Adrian Lobe in der FAZ. Einem Bericht von Buzzfeed zufolge sei Thiel in Trumps Übergangsteam gar für die Besetzung der Kartellbehörde FTC zuständig gewesen: "Mit dem Milliardär, der Monopolen das Wort redet und erklärte, Wettbewerb sei für Verlierer, wurde der Bock zum Gärtner gemacht. Thiel, der auch in Facebook investiert hat, könnte an einer laxen Regulierung der Kartellbehörde gelegen sein. Wie weit sein Einfluss reicht und ob er aktiv an der politischen Planung teilhat, ist unklar, doch im Presidio in San Francisco, wo Thiels Investmentfirmen ihren Sitz haben, nennen ihn die Angestellten schon den 'Schattenpräsidenten'."
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