9punkt - Die Debattenrundschau

ZWEIFEL

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2017. Im Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum machen Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger in der FAZ den Zweifel zum Gestaltungsprinzip. Welt und Guardian erklären uns die Zukunft, wie der Akzelerationismus sie sieht. Intercept veröffentlicht NSA-Dokumente, die zeigen, dass die Russen sehr wohl den amerikanischen Wahlkampf manipuliert haben. Libération erinnert daran, dass Feminismus auch etwas mit Solidarität zu tun hat. Und es hat sich gelohnt: Trumps Klimapolitik nützt - neben amerikanischen Ölmultis - vor allem den Russen, meint die SZ.

Politik

In den USA ist eine Whistleblowerin verhaftet worden, die Glenn Greenwalds Platform The Intercept NSA-Dokumente über die russische Einmischungen in den amerikanischen Wahlkampf zugespielt hat: Die New York Times berichtet ausführlich: "Das Justizministerium eröffnete das Verfahren gegen die NSA-Mitarbeiterin Reality Leigh Winner, 25, eine Stunde nachdem die auf Sicherheitsfragen spezialisierte Seite The Intercept das Dokument veröffentlicht hatte, einen Geheimdienstbericht der NSA vom 5. Mai. Der Bericht beschreibt zwei Hacker-Angriffe von Russlands Militärgeheimdienst GRU - einen im August gegen eine Firma, die Software zur Wählerregistrierung verkauft hat und einen anderen wenige Tage vor der Wahl auf 122 lokale Wahlbeamte."

Auf The Intercept betont Matthew Cole: "Die Einschätzung der NSA in diesem Bericht steht in scharfem Gegensatz zur Behauptung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, dass Russland sich nicht in die Wahlen anderer Länder einmische: 'Wir haben das niemals auf staatlicher Ebene getan und auch nicht die Absicht.'" Auf dem Blog Erratasec fürchtet Robert Graham allerdings, dass The Intercept die Ermittler auf die Spur der Quelle geführt haben: Sie haben offenbar eine kleine, kaum sichtbare Markierung nicht unkenntlich gemacht, das zeigt, wer die Dokumente ausgedruckt hat.

Donald Trumps Kehrtwendung in der Klimapolitik nützt vor allem Russland, meinen Daniel Pelletier und Maximilian Probst in der SZ: "Eine globale Umstellung auf erneuerbare Energien, die den Ölpreis kollabieren lassen würde, ist für Russland bedrohlicher als jede Nato-Osterweiterung. Bereits 2014 führte der Rückgang des Ölpreises das Land an den Rand einer Finanzkrise. Der Rubel verlor damals um mehr als 50 Prozent gegen den Dollar an Wert, seine Auslandsreserven halbierten sich. Der staatliche Ölkonzern Rosneft musste mit 44 Milliarden Dollar vom Kreml unterstützt werden, das ist fast so viel, wie Russland jährlich für sein Militär ausgibt. ... Damit wird Russlands Aggression verständlich, bis hin zur Manipulation der US-Präsidentschaftswahl. Hilary Clinton als Präsidentin zu verhindern, war für Russland nicht nur deshalb wichtig, weil die Demokratin im Syrienkrieg gegen Putin arbeitete; sie hatte zudem angekündigt, die Klimapolitik Obamas fortzusetzen."
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Kulturpolitik

Bloß keine Geschichtsfälschung wie in der DDR! Im Streit um das Kreuz auf dem zukünfigen Humboldt-Forum plädiert der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Interview mit dem Tagesspiegel eindeutig für das Kreuz. Den Streit darum hält er "für das große Vergehen eines sich selbst wohlgefälligen Zeitgeistes, der überall dort aufblitzt, wo er Schuld sieht, und die Alternativen in der Historie ausblendet. Der Konflikt ging ja sogar durch den Architekten hindurch, Friedrich August Stüler, dessen Kuppel mit ihren Eisenverstrebungen von kühner Modernität war. Und gleichzeitig plante er das Neue Museum. Hier die technisch avantgardistische Eosanderkapelle, dort ein Museum neuen Zuschnitts, das die germanischen Altertümer erstmals gegen die Norm der Antike setzte, amerikanische und ägyptische Figuren auf derselben Niveauhöhe zeigte und im obersten Stockwerk die gesamte Kunstkammer aus dem Schloss beherbergte. Das Kreuz und diesen Universalismus nicht zusammenzudenken, das ist, als wäre Stüler zwei Personen gewesen, die sich nicht gekannt haben."


Lars Rambergs "Zweifel" auf dem Palast der Republik. Foto: Andreas Praefcke, unter cc-Lizenz auf der Wikipedia

In der FAZ erklären die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger den Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum für konstitutiv: "Von Anfang an hat die Inkonsistenz von Fassade und Inhalt die Dynamik des Hauses mitbestimmt - die Welt zu verstehen, ohne die Geschichte zu leugnen." Um dieses Selbstverständnis nach außen zu tragen, schlagen die drei vor, nicht nur das Kreuz zu errichten, sondern außerdem an der Ostseite des Daches den acht mal vierzig Meter große, neonfarbenen Schriftzug "ZWEIFEL" einzufügen, den der norwegische Künstler Lars Ramberg 2005 am Palast der Republik angebracht hatte, um den Streit über Abriss versus Erhalt zu verdeutlichen: "Sie wären eine Reminiszenz an den zerstörten Palast der Republik und stünden umfassend für den Antrieb, die widerstreitende Geschichte des Ortes mit diesen beiden Elementen leitmotivisch zu begreifen. Auf dem Dach des Humboldt Forums ständen somit zwei Grundprinzipien des kulturellen und geistigen Lebens der Stadt nebeneinander."

Europa

In Russland herrscht angesichts des 100-jährigen Jubiläums der Oktoberrevolution eine Art "neurotische Anspannung", erklärt die Schriftstellerin Elena Chizhova in der NZZ. Wie nervös die Staatsmacht ist, merkte man etwa in den Reaktionen auf die landesweiten, von Alexander Nawalny organisierten Demonstrationen gegen Korruption: "Als Putin die Ereignisse kommentierte, begann er unvermittelt und ohne die wahre Ursache der Unzufriedenheit der Bürger - den unvorstellbaren, geradezu 'kosmischen' Diebstahl in den höheren Etagen der Macht bei zunehmender Verarmung der prekären Schichten - auch nur zu erwähnen, über die Revolution in Ägypten zu sprechen, in deren Folge die Muslimbrüder die Macht im Lande ergriffen. Nicht nur mir schien dieser Verweis auf die ägyptischen 'destruktiven Kräfte' in dem beinahe infernalischen Entsetzen begründet, das den russischen Präsidenten - ungeachtet seiner Ratings in Telefonumfragen - beim Gedanken an irgendwelche 'neuen Bolschewiken' befällt."
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Geschichte

In der taz erinnert Susanne Kaul mit einer Reportage über zwei Familien an den Sechstagekrieg vor fünfzig Jahren.
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Stichwörter: Sechstagekrieg

Ideen

Seit einigen Tagen tobt in Frankreich eine Debatte um das Afrofeministische Festival Nyansapo, bei dem schwarze Frauen einen "geschützten Raum" für sich reklamierten, zu dem weiße Frauen keinen Zutritt haben sollen, Männer sowieso nicht. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo wollte schon solche "segregierten Räume" verbieten lassen, machte aber einen Rückzieher. In Libération erinnert die Feministin Martine Storti dass die weißen Feministinnen in den siebziger Jahren sehr wohl solidarisch mit schwarzen Frauen waren, auch wenn es nicht zum postkolonialen Narrativ passe: Und die Abgrenzungen findet sie eh völlig verrückt: "Der Hauptfeind: Das rassistische, heteropatriachale, kapitalistische, neokolonialistische System. Der Nebenfeind, wenn ich das so sagen darf: Der weiße Feminismus, oder mehr noch: die weißen Feministinnen. Aber kein Wort über das Patriarchat mit und ohne Farbe, dem schwarze Frauen, französische Frauen oder Frauen in Frankreich zum Opfer fallen können. Kein Wort, zumindest nicht auf den Seiten des Kollektiv Mwasi, über Polygamie, Zwangsheiraten, Beschneidung."

Der Akzelerationismus will den technischen Fortschritt noch weiter beschleunigen. Als Zukunftsvision möchte Hannes Stein in der Welt lieber nicht darauf setzen: "Mittlerweile ist der Akzelerationismus in einen rechten und einen linken Flügel zerfallen, ganz wie der Hegelianismus des 19. Jahrhunderts. Für den linken Flügel stehen Alex Williams und Nick Srnicek, die in einem Manifest, das sie vor drei Jahren im Internet veröffentlichten, versuchten, eine linke Utopie zu formulieren, die nicht nostalgisch ist und sich auf kleine, lokale Gruppen zurückzieht wie die antikapitalistische 'Occupy'-Bewegung... Für den rechten Flügel des Akzelerationismus steht Nick Land selber. Er ist heute Mitte fünfzig, lebt schon lange in Shanghai und schickt von dort aus gelegentlich Reportagen, die sich wie chinesische Regierungspropaganda lesen." Der Guardian hatte kürzlich einen höchst ausführlichen Hintergrundtext zum Akzelerationismus.
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