9punkt - Die Debattenrundschau

Dämonisches Doppelspiel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2017. Großes Thema Sufismus. Auf Zeit online  plädiert der pakistanische Wissenschaftler Syed Qamar Afzal Rizwi für den Sufismus als Gegenpol zum islamistischen Extremismus. In Guardian und FAZ schreiben William Dalrymple und Ilija Trojanow über das Attentat auf den Sufi-Tempel in Sehwan Sharif, Pakistan. In Russland wird die "Beleidigung religiöser Gefühle" drakonisch verfolgt, berichtet politico.eu. In der taz kritisiert Mark Terkessidis die "kritische Weißseinforschung". Und der Tagesspiegel berichtet über eine spektakuläre Revolte der Technischen Universität Berlin gegen die Wissenschaftsverlage.

Religion

Auf Zeit online plädiert der pakistanischer Wissenschaftler Syed Qamar Afzal Rizwi für den Sufismus als Gegenpol zum islamistischen Extremismus: "Die große Stärke des Sufismus liegt darin, dass er einen nachhaltigen Dialog zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen anstoßen kann. Zudem verkörpert er den Geist des säkularen Islams, dessen Ausbreitung in diesen Zeiten wichtiger ist denn je. Weil der Sufismus jede Form von Gewalt ablehnt, kann er als Gegenpol zum gewaltorientierten Extremismus wirken. Seine Konzepte sollten in die Bildungsprogramme der westlichen und arabischen Welt einbezogen werden. So kann der negative Einfluss von Fundamentalisten eingedämmt werden, die den wahren Geist des Islams zerstören."

Unterdessen wächst in der islamischen Welt eine "radikale Anti-Sufi-Bewegung", die kürzlich in einem Selbstmordattentat bei einem großen Fest im Sufi-Tempel Sehwan im pakistanischen Lahore gipfelte und 90 Menschenleben kostete, schreibt William Dalrymple im Guardian. Er hatte den Tempel vor einigen Jahren besucht und dabei auch mit Saleemullah gesprochen, dem Leiter einer Madrassa ganz in der Nähe, der aus der Ablehnung des Sufismus keinen Hehl machte: "He saw his role as bringing 'the idol and grave-worshippers from kufr [infidelity] back to the true path of the sharia'. He said: 'Mark my words, a more extreme form of the Taliban is coming to Pakistan.' Saleemullah claimed most people wanted a return to the caliphate and said Pakistan's intelligence agencies were on his side. And when the caliphate comes, he said: 'It will be our duty to destroy all the mazars [mausoleums] and the dargahs [shrines] - starting with the one here in Sehwan.'"

In der FAZ schreibt Ilija Trojanow zum Thema, der gerade in Sehwan Sharif war und sich dem Sufismus nahe fühlt. Dieser tolerante Islam verschwindet: "Der wachsende Einfluss der Medresas verdankt sich der Ausbreitung tribaler Haltungen und dem Import saudi-arabischer Ideologie, vor allem aber - darin sind sich alle Vertreter der Zivilgesellschaft einig - dem dämonischen Doppelspiel der Armee, die eine Million Mann stark und wohl die professionellste Institution des Landes ist."
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Politik

In Japan werden die Nationalisten der "Japan Konferenz" (Nippon Kaigi) immer einflussreicher, schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Auch Premierminister Shinzo Abe gehört dieser Einflussgruppe an. Ihr Ziel ist eine von oben gesteuerte Rückkehr zu einstiger Größe: "Auf der Internetseite der 'Japan Konferenz' listet die Organisation ihre Ziele auf: Die kaiserliche Familie soll wieder Zentrum des japanischen Lebens werden. Ein nationales Recht auf Verteidigung, die Familie als Kern des Staates und die Lockerung der Trennung von Staat und Religion gehören dazu. Das verbindet sich mit aggressivem Nationalismus in historischen Debatten. Geschlechtsneutrale Erziehung und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sollen verschwinden."
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Stichwörter: Japan, Staat und Religion

Internet

Julia Krüger liest bei Netzpolitik noch einmal gründlich Mark Zuckerbergs Manifest über die Rolle von Facebook in einer globalisierten Gesellschaft (unser Resümee). Sie begrüßt, dass er Zensur ablehnt und liest seine Vorschläge für eine soziale Community mit Interesse, hat aber einen Haupteinwand: "Kämen die Vorschläge zur Einordnung von Inhalten in einer Art Weltbilder-Matrix aus den Händen einer transparenten, dem Gemeinwohl verpflichteten Institution, könnten sie wohl Wesentliches leisten zur politischen Bildung und Medienkompetenz. Doch Facebook trug bislang eindeutig zur Verstärkung von Echokammern und zur Verbreitung von Fake News bei, ein Aspekt, den Zuckerberg vollständig verschweigt. Die systematische und intransparente Reduktion der Varianz von Inhalten im Newsfeed, kombiniert mit manipulativem Targeting der Nutzer, verschärfte die Polarisierung der Diskursräume entscheidend."
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Wissenschaft

Die Technische Universität in Berlin denkt darüber nach, alle Fachzeitschriften des Elsevier Verlags abzubestellen, berichtet Astrid Herbold im Tagesspiegel und zitiert den TU-Präsidenten Christian Thomsen, der über die exorbitanten Preise und Margen der Wissenschaftsverlage klagt. Ein Ausstieg der TU hätte enorme symbolische Bedeutung, so Herbold: "Die TU hat keinen Einzelvertrag mit Elsevier abgeschlossen, sondern verhandelt als regionales Konsortium gemeinsam mit der Humboldt-Universität, der Freien Universität und der Charité ihre Journalpakete. Gut möglich also, dass die anderen drei Berliner Schwergewichte es in den kommenden Monaten der TU gleichtun. Das würde - auch auf der internationalen Bühne - seine Wirkung nicht verfehlen."
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Ideen

Nachdem sich gefühlt schon ein ganzes postkoloniales Seminar in der Rassismus-Debatte der taz geäußert hat, ist nun der Veteran Mark Terkessidis dran, der die theoretischen Leistungen deutscher Rassismusforschung nicht ausreichend gewürdigt sieht und die "kritische Weißseinforschung" nach amerikanischem Modell ablehnt: "Nun weiß ich nicht, was die Verwandten von Theodoros Boulgaridis, dem siebten NSU-Opfer, damit anfangen könnten, dass er sterben musste, weil er ein 'migratisierter_Weißer' war, wie Alyosxa Tudor sagt. Sie schreibt, 'dass weiße Privilegien als solche reflektiert werden müssen. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiß'. Historisch ist das kaum zu halten. Irland und Zypern waren Kolonien. Die Nazi-Pläne für Ost- und Südosteuropa basierte auf dem Konzept des 'Untermenschen'. Und was außer Rassismus hätte legitimiert, dass die Wehrmacht zwei Millionen russische Kriegsgefangene einfach verhungern ließ?"

"Vertraut der Globalisierung", ruft in der Welt der ehemalige schwedische Außenminister Carl Bildt und erinnert daran, wie die Welt vor 25 Jahren aussah: "Auch wenn es zwischen den Ländern immer noch große Unterschiede gibt, hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit von 48 auf 71 Jahre erhöht. Und das allgemeine Pro-Kopf-Einkommen ist um 500 Prozent gestiegen. Wenn man die letzten 25 Jahre betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen, sie seien für die Menschheit das beste Vierteljahrhundert der Geschichte gewesen. Seit 1990 ist der Anteil der Menschen in den Entwicklungsländern, die in extremer Armut leben, von 47 Prozent auf 14 Prozent gefallen und die Kindersterblichkeit - ein entscheidender Indikator - konnte halbiert werden. Nie zuvor hat die Welt so etwas erleben dürfen."
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Überwachung

Nur eine kleine Meldung aus der schönen neuen Welt, versteckt auf den Berlin-Seiten der taz: "Der Bahnhof Südkreuz soll in diesem Jahr mit neuester Überwachungstechnik ausgerüstet werden. Die intelligenten Kameras sollen in der Lage sein, Gefahrensituationen wie das typische Verhalten von Taschendieben zu erkennen. Sie können abgestellte und länger nicht bewegte Gegenstände oder Graffiti registrieren. Durch Gesichtserkennung sollen zudem Menschen herausgefiltert werden, die als Verdächtige bekannt sind. Bei Auffälligkeiten lösen die Kameras einen Alarm aus, sodass Polizisten einschreiten können." Mehr im Tagesspiegel.
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Europa

Nach dem Prozess gegen Pussy Riot hat das putinistische Russland ein Gesetz erlassen, dass die "Beleidigung religiöser Gefühle" unter Strafe stellt. Nach diesem Gesetz sind neulich Dutzende von Wohnungen von Bürgern durchsucht worden, die gegen den Bau neuer Kirchen in Moskauer Parks protestiert hatten, berichtet Marc Bennetts in politico.eu. Und dann ist da der Fall Viktor Krasnow, der in einem Blog behauptet hatte, dass es keinen Gott gebe und dass die Bibel eine "Sammlung jüdischer Märchen" sei. "Im März 2016 wurde Krasnows Wohnung von der Polizei durchsucht. Ein Richter ordnete eine vierwöchige Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung an um herauszufinden, ob er einem Prozess folgen könne. Dies wurde dann bejaht - trotz der Behauptung des Richters, dass 'niemand bei Verstand irgendetwas gegen das orthodoxe Christentum und die russisch-orthodoxe Kirche schreiben' würde. Der Prozess dauert an."

In Ungarn sind Universalismus und Individualismus "Angstbegriffe", erklärt die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky im Interview mit der SZ, lieber denkt man ethnisch-national. Und großungarisch: "Orbán hat allen sogenannten Auslandsmagyaren in der Ukraine, in Rumänien, Serbien, Kroatien und der Slowakei Pässe angeboten, rund 500.000 Menschen erhielten dadurch die ungarische Staatsbürgerschaft. Und er hat mit dem Begriff der 'heiligen ungarischen Krone' die kulturelle Version des großungarischen Lebensgebietes in die Präambel des Grundgesetzes aufgenommen. ... Seither steht der 'Schutz der völkischen Nation' über dem Schutz der Menschenwürde. Dadurch ist die Ausgrenzung von Menschengruppen nicht nur verfassungskonform, sondern fast notwendig."
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