9punkt - Die Debattenrundschau

Im Interesse der erzählten Geschichten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2017. Wer ein Versagen der Aufklärung kritisieren will, kommt ohne ihre Instrumente nicht aus, sagt Kenan Malik im Observer an die Adresse postkolonialer Studenten und ihrer Kritik an der "Whiteness" von Kant und Platon. FR und SZ  sind fassungslos über die Jubelstimmung der Erdogan-Anhänger beim Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim in Oberhausen.  In Zeit online untersuchen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre das Bündnis von Kunst und Luxus.  Die New York Times sucht nach Wegen, Donald Trump abzusetzen.

Ideen

In einem großartigen Essay  für den Observer befasst sich Kenan Malik mit den angeblichen Bestrebungen von Studenten der Londoner School for Oriental and African Studies, weiße Denker aus dem Curriculum zu entfernen. Ganz so radikal, wie es Boulevardblätter behaupteten sind die Forderungen der Studenten nicht, wie Malik bei einer Recherche an der SOAS und im Gespräch mit der Studentin Sian Hawthorne herausgefunden hat - ihre Kritik an der "Whiteness" aufklärerischen Denkens mag er dennoch nicht teilen (und hat für seine Recherche theoretischen Rückhalt bei Kwame Anthony Appiah und Jonathan Israel gesucht):  "Hawthorne hat recht, Lockes fehlende Kritik der Sklaverei und Kants Rassenanthropologie zu kritisieren. Solche Ansichten erscheinen heute als schockierend. Aber sie schockieren durch einen Wandel des Bewusstseins, der großteils von der Aufklärung selbst herbeigeführt wurde. In den meisten Gesellschaften und Traditionen - ob europäisch oder nicht - war  der von vielen Aufklärungsdenkern formulierte Ethnozentrismus die Norm. Erst die Aufklärung half, dies zu verändern. 'Ich weiß nicht, woher wir starke Instrumente für die Kritik des europäischen Kolonialismus herbekommen sollen, wenn nicht aus der Aufklärung', sagt Appiah. 'Die moderne die Idee der Gleichheit, die moderne Kritik an Ungleichheit kommen aus dieser Epoche.'"

Integration ist eine gute Sache, aber man sollte es auch nicht übertreiben mit den leitkulturelle Anpassungsforderungen, meint der österreichische Philosoph Peter Strasser in der NZZ. Wo berechtigte Integrations- in bevormundende Assimilationsforderung umschlägt, sagt er allerdings nicht: "Kein Minarett, kein Kopftuch, kein . . .! Rechtspopulistische Slogans suggerieren, dass wir zentrale Symbole der muslimischen Identität nicht zu respektieren brauchten, falls sie sich gegen eine 'Assimilation' sperrten. Ähnlich unsensibel verhalten sich militante Säkularisten, die ein Verbot der religiösen Beschneidung von Knaben - Zirkumzision - fordern: Im Namen eines vermeintlichen Jugendschutzes will man eine Lebensform kriminalisieren, wobei sich der westlich 'Aufgeklärte' anmaßt, er allein sei kraft seiner Vernunft kompetent, über rituelle Angelegenheiten zu entscheiden."

Wie kommt es, dass vorhandenes Vermögen heute immer wertvoller wird? Mit dieser Frage haben sich der französische Soziologe Luc Boltanski und sein Kollegen Arnaud Esquerre in ihrem neuen Buch "Enrichissement" (Gallimard) beschäftigt. Im online nachgereichten Interview mit der Zeit erklären die beiden, wie die Welt des Luxus mit ihren Traditionsmarken mit Kultur, Design, Mode und Kunst eine Art ökonomisches Konglomerat bildet, in dem sie sich gegenseitig bestärken: "Kunstmuseen und Galerien arbeiten mit Hotels zusammen, mit Mode- oder Parfum-Marken, doch die Kunst muss weiterhin so aussehen, als ginge es ihr nicht um den Profit. Dass es sich um ein Ganzes handelt, darf gerade im Interesse der erzählten Geschichten nicht zugegeben werden."
Archiv: Ideen

Europa

Arno Frank erzählt in der taz, dass sich rechtextremistische Jugendbewegungen in Europa (die "Identitären") neue Symbole suchen. Das von den Frankofonen bevorzugte schwarze Wildschwein à la Asterix hat allerdings nicht so viele Anhänger gefunden: "Europaweit durchgesetzt hat sich ein abstrakteres Zeichen, der gelbe griechische Buchstabe Lambda auf schwarzem Grund (oder umgekehrt). Er schließt ein ganzes Bündel an Interpretationen auf, bezieht er sich doch auf den Schild der spartanischen Hopliten. In der Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr. hielten gemäß der Überlieferung 300 Spartaner um ihren König Leonidas die Stellung und damit eine bedeutende persische Übermacht lange genug auf, um eine Reorganisation der griechischen Streitkräfte zu ermöglichen. Die Truppe blieb an ihrem Platz, so wie es sich die Identitären für jedes Volk wünschen."

In der FR beschreibt Barbara A. Cepielik leicht fassungslos den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim vor 9.500 jubelnden Deutsch-Türken in der Arena in Oberhausen, wo er für Erdogans Verfassungsreform warb: "Es baue sie auf, sagen vor allem die jüngeren, hier geborenen AKP-Anhänger, wenn sie 'Wertschätzung, Stolz und Zukunftswillen' erleben, dafür reisen sie auch von weither an. Notstandsdekrete, Verhaftungen, die massenhaften Entlassungen von Juristen und Lehrern in der Türkei? Für sie kein Thema. Dass deutsche Politiker fast jeder Couleur es kritisch sehen, wenn der türkische Wahlkampf so in Deutschland geführt wird, während in der Türkei die Meinungsfreiheit brutal unterdrückt wird - seit Dienstag ist gar der Welt-Korrespondent Denis Yücel im Polizeigewahrsam? Kein Wort davon in der Halle."

"Die Bundesregierung wird lernen müssen, dass man der Indoktrinierung ganzer Bevölkerungsgruppen von außen nicht staunend und unbeteiligt zuschauen kann", meint Harry Nutt dazu in einem kurzen Kommentar.

"Der Jubel der Deutsch-Türken in Oberhausen war ein befremdlicher Jubel zu Lasten Dritter", meint auch Heribert Prantl in der SZ und erinnert daran, dass Yıldırım vermutlich die Spitzeleien türkischer Imame in deutschen Moschee-Gemeinden (mehr hier) zu verantworten hat: "Hätte das nicht wenigstens Anlaß für seine Befragung durch die Bundesanwaltschaft sein müssen? Er war nicht als Staatsgast hier. Man schützt das Recht nicht, indem man sich taub und blind stellt. Yıldırım mag den Stolz auf die Türkei plakatieren. Hierzulande wäre man gern stolz auf einen entschlossenen Rechtsstaat."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Die Schriftstellerin Nora Bossong hat für einen Reportageband ein Jahr lang in Bordellen recherchiert. In der FAZ berichtet sie über ihre Ergebnisse: "Ich habe eine Branche kennengelernt, die auf absurde Weise altmodisch ist. In der sich Geschlechterbilder und Lustvorstellungen gehalten haben, die anderswo längst hinterm Horizont verschwunden sind. In einem ähneln sich alle Orte, an denen ich war: dass hier nämlich Demütigung als legitim empfunden wird, dass Macht für etliche Männer die Lust steigert und dass fast immer noch nur Frauen für Männer in die Knie gehen. So viel zur Gleichberechtigung."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Medien

Der Computerlinguist Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz versucht in Zeit online Journalisten die Angst vor Künstlicher Intelligenz zu nehmen. Im Journalismus könne "KI lediglich die Kernkompetenzen unterstützen, aber nicht kreativ ersetzen. Recherchieren, analysieren, schreiben, redigieren gehören dazu. KI liefert Komponenten und Wissenswerkzeuge, unterstützt bei Datenauswertung und Datenaufbereitung. Stichwort digitale Kuratierung... Das Zusammenfassen von Texten hilft, die Relevanz von Inhalten schneller beurteilen zu können. Das automatische Glossar hilft, die Verwendung von Begriffen für sich, aber auch in der Redaktion zu harmonisieren. Das automatische Hyperlinking verbindet Texte mit Quellen und Begriffe mit Beispielen."
Archiv: Medien

Religion

Imamin Sherin Khankan hat in Dänemark eine Art Reformislam begründet: Frauen müssen in ihrer Moschee kein Kopftuch tragen, sie können geschieden werden und dürfen predigen. Mit Verweis auf den Historiker Ibn Sa'd, der im 8. Jahrhundert in Bagdad lebte, erklärt Khankan im Interview mit Zeit online, dass die Gleichberechtigung der Frauen durchaus vom Koran gestützt werde: "Da gibt es eine Sammlung von Hadithen, die klar unterstreichen, dass die Frauen sehr viele und unterschiedliche Rollen hatten. Darin steht auch, dass Mohammeds Frauen Aisha und Umm Salama die Gebete für die Frauen einführten. Mein Punkt ist: Wenn einige Muslime heute darüber diskutieren, ob eine Frau die Gebete, auch die Freitagsgebete, durchführen kann, gibt es eine klare Antwort: Ja, und das wird durch die islamische Tradition bestätigt."
Archiv: Religion

Politik

Zwei eher dubiose Geschäftspartner Donald Trumps, darunter der ukrainische Geschäftmann und Politiker Andrii V. Artemenko, haben Trumps geschasstem Sicherheitsberater Michael T. Flynn, bevor er das Amt verließ, einen versiegelten Umschlag mit einem "alternativen" Friedensplan für die Ukraine übergeben, berichten Megan Twohey und Scott Shane in der New York Times: "Der Vorschlag enthält mehr als nur einen Friedensplan. Artemenko, der sich selbst als einen Trump-ähnlichen Führer für eine künftige Ukraine sieht, behauptet, Beweise zu haben..., die die Korruption des ukrainischen Präsidenten Poroschenko belegen und für seinen Rücktritt sorgen könnten. Und Artemenko sagt, das er von Top-Gewährsleuten Putins ermutigt worden sei." Wir ernst das Weiße Haus diese Vorschläge nehme, sei nicht klar, so die Autoren. Klar ist aber bereits, dass die Ukraine recht verärgert ist.

Der New-York-Times-Kolumnist Nicholas Kristof macht sich schon mal Gedanken, wie man Trump loswerden könnte: "Der sauberste und einfachste Weg, einen Präsidenten loszuwerden, ergibt sich aus Sektion 5 des 25. Verfassungszusatzes und ist noch nie ausprobiert worden. Sie sieht vor, dass das Kabinett durch einen einfachen Mehrheitsentscheid den Präsidenten von seinen Befugnissen entheben und diese dem Vizepräsidenten übergeben kann. Der Haken ist, dass der geschasste Präsident Einspruch erheben kann und dass der Kongress das Votum in diesem Fall mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern bestätigen muss."
Archiv: Politik
Stichwörter: Donald Trump, Ukraine