Efeu - Die Kulturrundschau

Der Rockzipfel des Helden

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06.12.2016. Der Guardian gratuliert Helen Marten zum Turner Preis. Im Tagesspiegel denkt die griechischen Schriftstellerin Amanda Michalopoulou an die Schiffbrüchigen in der Literatur. Der Filmdienst diagnostiziert eine Rückkehr zum Irrationalismus im amerikanischen Film. Die NZZ hört in Stuttgart Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt": die Inszenierung von Armin Petras ist ihr zu klamaukig, aber in der Musik grinst Offenbachs Spott subtil.

Kunst


Helen Marten, Limpet Apology (traffic tenses), 2015. Photograph: Annik Wetter

Die Künstlerin Helen Marten hat den Turner Preis 2016 gewonnen, meldet Mark Browns im Guardian. Die Medienaufmerksamkeit, die sie in jüngster Zeit erhalten hat, gefiel ihr nicht, zitiert sie Brown. "Aber dass so viele Menschen ihre Arbeit gesehen haben, sei sehr interessant und erzieherisch gewesen. Es könnte sogar das Vokabular ihrer Arbeit verändern, sagt Marten. 'Es lehrt einen, dass die Kunstwelt als ganzes in einer sehr hermetischen Blase von Zeichensprache agiert. Das ist nicht sehr publikumsfreundlich, viele verstehen diese Art von Sprache oder visueller Information gar nicht. Wenn man etwas ausstellt und dann die Publikumsreaktionen sieht, macht einen das sehr demütig. Man lernt, dass die eigene Arbeit vielleicht nicht universal ist.'"

Die geplante Ausstellung mit Werken aus der Sammlung des Teheraner Museums für zeitgenössische Kunst (TMOCA) in der Berliner Gemäldegalerie ist vom Iran verschoben worden. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, macht im Interview mit der FAZ den Wechsel im Amt des iranischen Kulturministers dafür verantwortlich, hofft aber, dass eine deutsche Delegation im Iran die Ausstellung wenigstens für Januar sichern kann. Die Kritik iranischer Künstler, die sich ignoriert fühlen, mag er nicht stehen lassen: "... weil wir in Berlin natürlich darüber reden werden, wie Kunst entsteht und was es bedeutet, andere Meinungen und Sehweisen zuzulassen. Im Begleitprogramm des Goethe-Instituts werden Künstler, Schriftsteller und Filmemacher auch darüber diskutieren."

Besprochen werden die große Cy-Twombly-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou (Welt), eine Ausstellung des Sprayers Adam Pendleton in Zürich (NZZ), eine Georgia-O'Keefe-Austellung im BA Kunstforum Wien (Presse), Candida Höfers Ausstellung "Nach Berlin" im Neuen Berliner Kunstverein (Berliner Zeitung), eine Ausstellung Lawrence Weiners im Kunsthaus Bregenz (Standard), Mark Petersons Bildband "Political Theatre" (taz), ein Berlin-Bildband des Fotografen Alexander Steffen (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Július Koller: One Man Anti Schau" im Mumok in Wien (FAZ).
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Literatur

Der Tagesspiegel dokumentiert eine beim Literaturfestival in Odessa gehaltene Rede der griechischen Schriftstellerin Amanda Michalopoulou, die ein Loblied auf die Literatur sang, die dem Leser helfe, Empathie zu entwickeln - was auch von politischer Relevanz ist: "Wenn wir den Umgang mit dem Flüchtlingsproblem den Massenmedien überlassen, wenn wir die Schiffbrüchigen in der Literatur vergessen, bleiben wir in die Stereotypen eingezwängt, nach denen Flüchtlinge ein homogenisierter Menschenbrei sind, der kommt, um den Westen zu peinigen. Die Literatur verwandelt den Brei der Nachrichtenagenturen, den organisierten Schrecken und das organisierte Mitleid in Individuen. Sie sagt: Der Andere ist nicht, was er zu sein scheint."

Weiteres: Bob Dylan kommt zwar nicht nach Stockholm, aber eine Rede hat er schon geschrieben: die wird dann Patti Smith vor dem erlauchten Publikum singen, meldet Christian Schröder im Tagesspiegel. Mit Felicitas Hoppe könnte keine bessere Literatin auf die Kölner Translit-Dozentur berufen worden sein, freut sich Oliver Jungen in der FAZ.

Besprochen werden Margriet de Moors Novelle "Schlaflose Nacht" (Tagesspiegel), Frédéric Pajaks Comic-Biografie "Ungewisses Manifest" über den Philosophen Walter Benjamin (Tagesspiegel), Philipp Bloms "Bei Sturm am Meer" (FAZ) und Abbas Maroufis "Fereydun hatte drei Söhne" (NZZ). Außerdem räumt Arno Widmann im Perlentaucher wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch. Mehr aus dem literarischen Leben auf lit21, dem literarischen Metablog.
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Design

In der NZZ schreibt Daniel Robert Hunziker den Nachruf auf den Swatch-Designer Jean Robert.
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Film



"Vom Joker zu Trump - Eine psychologische Geschichte des amerikanischen Films" könnte man Rüdiger Suchslands aktuellen Filmdienst-Essay in Anlehnung an Siegfried Kracauers berühmte Studie überschreiben. Suchsland tastet das amerikanische Kino der letzten Jahre auf Spuren und Vorahnungen des nahenden Triumphs des President-Elect ab und attestiert im Zuge "eine Rückkehr zum Irrationalismus". Diese offenbart sich ihm im immens erfolgreichen Superheldenkino: So bedeute die Erzählung vom "superheroischen Übermenschen die Regression des Normalmenschen, der sich zu klein und machtlos fühlt, um heldenhaft in den Gang der Dinge einzugreifen, der lernt, sich besser zu bescheiden, statt verantwortlich zu entscheiden, sich an den Rockzipfel des Helden zu flüchten, statt ein Risiko einzugehen."

In epdFilm zeichnet Gerhard Midding ein Bild der Lage des französischen Gegenwartskinos, das sich mit seinen vitalen und divers besetzten Filmen bester Gesundheit erfreut: "Das französische Kino, so scheint es, braucht keine Quoten, um die Vielfalt abzubilden. Es vertraut auf die Durchsetzungskraft künstlerischer Temperamente und setzt auf seine ständige Erneuerung durch junge Talente."

Das türkische Publikum labt sich derzeit an dem nationalistischen Soldatenfilm "Dag 2", berichtet Emine Yildirim im Filmdienst: "Der Film ist schizophren darin, wie er zwischen rigidem Nationalismus und umfassendem Altruismus oszilliert; als Sieger geht daraus am Ende vor allem eine Verklärung des Militarismus hervor."

Weiteres: Für den Standard unterhält sich Bert Rebhandl mit dem Schauspieler Frederick Lau über dessen neuen Film, die Märchenadapation "Kaltes Herz". Für die taz berichtet Fabian Tietke vom Filmfestival in Turin. Im Film Comment spricht Eric Hynes mit der Filmemacherin Mia Hansen-Løve. Wired-Autor Robert Capps porträtiert VisualFX-Mastermind John Knoll, der nicht nur für den Look, sondern tatsächlich auch für die Story des kommenden "Star Wars"-Films "Rogue One" verantwortlich ist. In der SZ fragt sich Alexander Menden, ob James Bond als Geheimagent des Brexit-Großbritanniens künftig nicht mit enormen Arbeitserschwernissen zu kämpfen hat. Im Podcast von critic.de sprechen Lukas Foerster, Friederike Horstmann, Frédéric Jaeger und Ekkehard Knörer über Werner Herzogs "Salt & Fire" und Hong Sang-soos "Right Now, Wrong Then". Und im Filmforum Bremen bietet Marco Koch wieder Updates aus der Film-Blogosphäre.

Besprochen werden Maya McKechneays Essayfilm "Sühnhaus" über den Wiener Ringtheaterbrand von 1881 (Standard), der von Filmkritiker Daniel Kothenschulte herausgegebene Edelband "The Disney Archive" ("Ein Trumm von einem Buch. Und klug dazu", schreibt Arno Widmann im Perlentaucher) und Henry-Jean Servats Buch über Brigitte Bardot (Perlentaucher).
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Architektur


Kloster Beta in der Ruinenstadt Kočo, Xinjiang, China im Jahr 2015 © Foto: Lilla Russell-Smith

Hundert Jahre lang lagerten die "sensationellen Holzfunde" aus der Klosterstadt Kocho (heute Gaochang) im Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Jetzt werden die Funde, die Forscher des Museums zwischen 1903 und 1914 auf vier sogenannten "Turfan-Expeditionen" sichergestellt hatten, erstmals einem Publikum präsentiert und bieten einen Einblick in die Architektur an der Seidenstraße, berichtet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel. Sie kommen aus "einer Region, in der sich schon im 8. Jahrhundert Araber, Chinesen und Uiguren begegneten und auch bekämpften. Wegen des extrem trockenen Klimas konnten die deutschen Forscher unter dem Indologen Albert Grünwedel und dem Turkologen Albert von Le Coq damals einzigartige Textdokumente auf Papier und Seide sowie Holzobjekte, Skulpturen und Wandmalereien bergen. Denn schon damals war die gigantische Ruinenstadt vom Verfall bedroht. ... Besonders reizvoll ist die Gegenüberstellung der Fotos von damals mit denen von heute. Das Ergebnis ist zum Teil niederschmetternd: Viele der monumentalen Bauten, die die Turfan-Expedition noch dokumentiert hatte, sind verschwunden."

Weiteres: In der Welt schreibt der israelische Architekturkritiker Oren Eldar über das Haus des BND in Berlin. Im Guardian stellt Oliver Wainwright seine Architektur-Highlights des Jahres 2016 vor. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung über Schweizer Architektur heute im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel (NZZ).
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Bühne


Szene aus "Orpheus in der Unterwelt" in Stuttgart. Foto: © Martin Sigmund

Na, diese Offenbach-Operette passt ja gut in die heutige Zeit: In "Orpheus in der Unterwelt" von 1858, von Armin Petras an der Staatsoper Stuttgart in Szene gesetzt,  wird "nicht nur die Dekadenz der 'oberen Fünftausend' entlarvt, sondern es taumelt" das Frankreich unter Napoleon III. in den Untergang, erklärt Marco Frei in der NZZ. Petras bleibt ganz im historischen Kontext, aber der aktuelle Bezug stellt sich für den Kritiker nicht von selbst her, er sieht nur Klamauk: "So mutiert der berühmte 'Höllengalopp', tatsächlich ein Cancan, zu einer schrillen Party, auf der Bacchus den Ton angibt. Mit der abgründigen, bitterbösen Groteske, die von Offenbach klar gemeint ist, hat das freilich wenig zu tun. Dafür aber erwuchs unter der Leitung von Sylvain Cambreling im Cancan ein ganz eigenes, klangliches Profil. Statt auf viel Gepolter und Trara zu setzen, seziert Cambreling die Orchesterfarben überaus feinsinnig. Offenbachs Spott grinst mehr subtil, in Gestalt eines breiten, charmanten Lächelns, was das hintergründige Grauen noch unerträglicher macht - im allerbesten Sinn."

Auch Verena Großkreutz senkt in der nachtkritik den Daumen: "Wäre da nicht diese mitreißende Musik von Offenbach, man wäre längst eingeschlafen. Aber die heizt dann doch immer wieder ein".

Besprochen werden außerdem Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung von Puccinis "Tosca" am Staatstheater Darmstadt (FR), Jürgen Flimms Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" an der Staatsoper Berlin (Berliner Zeitung), David McVicars Neuinszenierung von Verdis "Falstaff" an der Wiener Staatsoper (Presse, Standard), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Wagners "Lohengrin" in Essen ("eine wunderbar facettenreiche Arbeit", lobt Malte Hemmerich in der FAZ), Mozarts "Idomeneo" in Salzburg mit Mirga Gražinytė-Tyla am Pult ("ein Wunder an Durchsichtigkeit, an intimem Miteinander", rühmt Michael Stallknecht in der SZ), Robert Wilsons Inszenierung von Samuel Becketts "Endspiel" am Berliner Ensemble (taz) und Christoph Marthalers "Die Wehleider" am Schauspielhaus Hamburg (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Beim 38. Festival Rencontres Transmusicales hat Tazler Julian Weber vor allem die Sängerin Laura Cahen beeindruckt: "Cahens Stimme klingt tough und verletzlich zugleich, abgeklärt bewegt sie sich auf der Bühne, suchend und dabei Sehnsucht erzeugend." Hier dazu eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Im Tagesspiegel porträtiert Andreas Müller den hochbegabten Schlagzeuger Christian Lillinger, der schon im jungen Alter Jazz-Professoren tief beeindruckt hat (hier ein vor kurzem ausgestrahlter 3sat-Porträtfilm). Für den Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem Dirigenten Alexander Sladkovsky. In der Zeit plaudert Christoph Dallach mit Lars Ulrich, dem Schlagzeuger von Metallica.
   
Besprochen werden eine Compilation mit südafrikanischer Discomusik aus den frühen Achtzigern (Popmatters), das Live-Album "Before the Dawn" von Kate Bush ("höchst genießbar", schwärmt Maximilian Pahl in der NZZ), Neil Youngs neues Album "Peace Trail" (Standard), ein Konzert des Jerusalem Quartet und von András Schiff (Standard), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Alan Gilbert (Tagesspiegel), ein Auftritt von Joan As Police Woman und Benjamin Lazar Davis (Tagesspiegel), das neue Album von Genetikk (Spex) und eine aufwändige Neuausgabe des Abschiedskonzerts von The Band (SZ) und Christiane Tewinkels Studie "Muss ich das Programmheft lesen?" zur populärwissenschaftlichen Darstellung von Musik (FAZ).
Archiv: Musik