9punkt - Die Debattenrundschau

Ernste Themen ernsthaft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.06.2016. Im Guardian erklärt der Mann von Jo CoxBrendan Cox, wie er die Arbeit seiner Frau fortsetzen will: mit eine internationalen Netzwerk gegen den Rechtspopulismus. In der SZ polemisiert A.L. Kennedy scharf gegen die Brexit-Eliten, aber auch die Medien. Die Trump-Anhänger denken nicht politisch, sie sind nur auf den Mann fixiert, meint Dave Eggers im Guardian. Die New York Times bringt eine faszinierende Handybild- und -videoreportage über Syrien. Warum gedenken die Deutschen der jüdischen, aber nicht der sowjetischen Opfer des Nationalsozialismus, fragt die taz.

Europa

Brendan Cox, der Mann der jüngst ermordeten Labour-Poltiikerin Jo Cox, will eine Organisation gründen, die ihre Arbeit fortsetzt, und ein internationales Netzwerk schaffen, das Rechtspopulismus bekämpft. Patrick Wintour zitiert im Guardian aus einem Papier, das Brendan Cox schon vor einigen Wochen zu dieser Frage verfasst hat: Mainstream-Politiker, so schreibt er, "sind meistens ratlos in der Frage, wie sie mit der öffentlichen Debatte umgehen sollen. Versteinert durch den Aufstieg der Populisten versuchen sie sie zu neutralisieren, indem sie sich auf ihr Terrain begeben und ihre Rhetorik nachäffen. Statt die Debatten zu beenden, legitimieren sie die Ansichten der Populisten, stärken sie noch und ziehen die Debatte in immer weitere Extreme (Sarkozy und der Front national sind ein Beispiel hierfür)."

Die Schrifstellerin A.L. Kennedy polemisiert in der SZ scharf gegen die britischen Eliten, die die Brexit-Kampagne betreiben, kritisiert aber auch die Medien: "Das Referendum hätte uns Gelegenheit bieten sollen, ernste Themen ernsthaft anzusprechen. Stattdessen ist das Versagen unserer Medien zur vorherrschenden Botschaft des Referendums geworden. Die Kampagne hat neue Tiefpunkte in Sachen Verzerrung, schlampiger Recherche, Hetze und gedankenloser Verunglimpfung gesetzt." In der FAZ sprechen die beiden in England lebenden Kinderbuchautoren Judith Kerr und Axel Scheffler über die Brexit-Debatte: "Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf."
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Medien

In Zeiten schwächelnder Medien ist es ein Leichtes für Milliardäre, sie zu kontrollieren. Der Streit zwischen Gawker und Peter Thiel (unsere Resümees) ist nur die Spitze des Eisbergs, meint Damaris Colhoun in der Columbia Journalism Review: "Wenn Blue Chip-Firmen wie Chevron oder General Electric schon anfangen, 'Newsrooms' mit echten Reportern zu besetzen - ein Phänomen, das die Financial Times als 'corporate invasion of news' beschreibt - dann wundert es auch nicht, wenn Manager anfangen, Medien gleich ganz zu umgehen. Sie haben von schlechter Presse eine Menge zu befürchten, von fallenden Aktienkursen bis zu kartellrechtlichen Untersuchungen, und eine Menge zu gewinnen, wenn sie die Presse kontrollieren."

Nicht sehr präzise findet in der NZZ Joachim Güntner das Urteil des Hamburger Landgerichtgs gegen Jan Böhmermann, der danach Teile seines "Schmähgedichts" gegen Erdogan nicht mehr vortragen darf: "Es beanstandet den fast durchgehenden 'sexuellen Bezug' der Verse. Erschwerend sei, wie das Gedicht als rassistisch zu verstehende Vorurteile gegen die Türken aufnehme. Wieso rassistische Stereotypen, die Kollektive betreffen, die Persönlichkeitsrechte des Individuums Erdogan tangieren, machen die Richter allerdings nicht klar. Hier fehlt es der nur drei Seiten umfassenden Begründung des Entscheids an Präzision. Das Gericht beansprucht, kein Geschmacksurteil zu fällen. Aber an entscheidenden Stellen flicht es statt Begründungen wiederholt die Wendung ein, 'zweifelsohne' verhalte sich die Sache so und so."
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Ideen

Claire-Lise Tull porträtiert für Zeit online die französische Autorin Hélène Cixous, die gerade in Berlin ist und einen Briefwechsel mit Cécile Wajsbrot veröffentlicht, der auch von Deutschland handelt, wo ein Teil ihrer jüdisch-deutschen Familie herkommt. Der andere Teil ist jüdisch-algerisch, und in Algerien ist sie auch aufgewachsen: "Als ich klein war, war ich von Rassismus umgeben. Dann bin ich nach Paris gezogen, ich war 18. Es war nicht mehr die Jagd auf Araber oder Juden, wie ich sie in Algerien erlebt hatte, sondern auf Frauen. Ich dachte, was für eine verrückte Welt! Ich habe die Benachteiligung der Frau als weltweites, archaisches Phänomen wahrgenommen."

In der NZZ betrachtet Roman Bucheli in einem Essay die heute so kunstvoll wirkenden, nüchternen Fotografien, die der Polizist Arnold Odermatt in den Fünfziger und Sechzigern von Verkehrsunfällen aufnahm. Die "beruhigende, fast idyllische Übersichtlichkeit" der Welt auf diesen Fotos löst ein Gefühl der Nostalgie aus, das ihm mit der Apokalypse verwandt scheint, die fundamentalistische Attentäter herbeisehnen: "Die Nostalgie zeigt sich hier als die kleine Schwester der Apokalypse. Beide löschen sie die Gegenwart aus. Vielleicht nur dem Nostalgiker und nur dem Apokalyptiker kann verborgen bleiben, dass sie beide rücklings aneinandergekettet sind. Die Wehmut verbündet sich mit der Untergangslust: Ordnung und Übersicht verschaffen sich beide, hier die Tabula rasa, dort der geordnete Raum als Abbild des Gartens Eden. Und den Stillstand führen beide auf je eigene Weise herbei."

"Nur das Denken" hat ihn zum Vegetarier gemacht, erzählt Peter Singer im Gespräch mit Anne-Catherine Simon in der Presse: "Ich wuchs in Australien auf, mit drei Fleischmahlzeiten pro Tag. In England wurde ich dann von einem vegetarischen Studenten gefragt, wie ich das rechtfertigen könne. Ich habe also nachgedacht, kam darauf, dass er recht haben könnte, las dann einiges darüber und entschied, dass ich kein Fleisch mehr essen würde. Meine Frau konnte es auch nicht rechtfertigen, so wurden wir beide Vegetarier."
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Gesellschaft

Westliche Kleidungsfirmen fangen an, das Kopftuch zu propagieren - zmindest für islamische Frauen! -, weil sie scharf auf diesen Markt sind. In Werbeclips wie "Close the Loop" von H & M, für den sich Iggy Pop hergegeben hat, taucht auch eine schicke Kopftuchträgerein auf, als wäre das eine von vielen Optionen auf dem ach so vielfältigen Markt. Brigitte Wernebrug will's in der taz nicht mitmachen: "Die Wette auf den Hidschab als gleichermaßen züchtigen wie modischen Kleidungsklassiker wird nicht aufgehen. Dagegen steht die Geburt der Mode aus dem Geist der Moderne. Mode, das heißt mit Tracht und Tradition brechen, mit Stand und Rang und mit dem christlichen Gebot, dass die Frau ihre Beine nicht zeigen darf. Mode bestreitet die Geltung religiöser, gesellschaftlicher und politischer Kleidervorschriften."

Patrick Spät schildert bei Zeit online die Lage der Freien in allen möglichen, besonders aber den sogenannten kreativen Branchen und den Medien. Der Politik sind die Freien eher suspekt - sie ist auf Angestellte und Rentner fixiert: "Auch Frank Werneke, stellvertretender ver.di-Vorsitzender, kritisiert, dass die wachsende Selbstständigkeit oft 'als Dumpinginstrument durch Auftraggeber missbraucht wird'. Doch Arbeitsministerin Andrea Nahles sieht derzeit 'keinen Grund, das 'Phänomen Crowdworking' zu dramatisieren'."

Im Interview mit Andrea Backhaus von Zeit online erzählt der homosexuelle syrische Flüchtling Mahmoud Hassino, wie das Assad-Regime Schwule als Sündenböcke benutzte, um etw die relativ freie Szene in Damaskus einzuschüchtern: "Das Regime versuchte, die Verbreitung des Internets in Syrien so weit es ging zu verzögern. Damit hoffte es, dass sich Gruppen wie unsere nicht vernetzen konnten. Aber natürlich hat sich das Internet durchgesetzt, und damit ist vieles für uns leichter geworden. Das Regime musste neue Wege finden, um uns einzuschüchtern. Homosexuelle wurden verfolgt und erpresst. Die Geheimpolizei war überall."

Toleranz - also bloße Duldung - reicht nicht aus, schreibt Gustav Seibt nach Orlando in der SZ: "Das klassische anti-schwule Hassverbrechen findet bis heute, beispielsweise in Russland, vor der Tür des Nachtclubs statt. Und an diesem Ort hat der Attentäter von Orlando sein Massaker ja auch ins Werk gesetzt. Es war immer klar, dass der nächste Schritt die Anerkennung sein musste, also die rechtliche Gleichstellung vor allem der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften."

Wachsende Schwulenfeindlichkeit, aber auch einen wachsenden Selbsthass der Schwulen befürchtet Tilman Krause in der Welt mit dem Aufkommen von AfD, Trump und der Zunahme islamistischer Anschläge im Westen.
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Politik

Screenshot aus der New York Times
Screenshot aus der New York Times

Ziemlich faszinierend liest und hört sich die Bild- und Handyvideoreportage "What I Saw in Syria", die Debclan Walsh auf der Website der New York Times veröffentlicht. viele Videos sind aus dem Auto heraus gefilmt, dazu hört man die Stimme des Reporters.

Sind die Trump-Unterstützer alle Rassisten? Das kann Autor Dave Eggers, der sich ein paar Stunden unter die Leute bei einer Trump-Kundgebung gemischt hat, im Guardian nicht bestätigen. Die meisten waren ganz nett. Einige hatten sogar recht vernünftige Ansichten, fand er. Die gehen da nicht hin, um die weiße Rasse zu feiern, oder so was. Es gehe um etwas anderes: "Es gibt kein Versprechen, auf das es ankommt. Keinen Bösen, keinen Sündenbock. Wenn er mogen sagen würde, dass die Kanadier und nicht die Mexikaner Vergewaltiger und Drogendealer seien, dass die die Mauer im Norden gebaut werden musss, würde niemand sich die Augen reiben. Seine Umfragewerte würden nicht schwanken. Denn es gibt keine Positionen und Statements, die ihnen am Herzen liegen. Es gibt nur den Mann, den Namen, die Marke, die Person, die sie im Fernsehen gesehen haben."
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Geschichte

Warum gedenken die Deutschen nicht der ungeheuren Verbrechen, die sie in der ehemaligen Sowjetunion begangen haben?, fragt Stefan Reinecke in der taz und kommt zu dem Ergebnis, dass unser Geschichtsbild rassistisch sei: "Der Feind stand nach 1949 ja noch immer im Osten. Die Grenzen zwischen dem demokratischen Antikommunismus von Konrad Adenauer und postfaschistischem Rassismus war fließend. Wer in den fünfziger und sechziger Jahren offen antisemitisch auftrat, riskierte damit seine Karriere. Wer, wie Paul Schmidt, den antislawischen NS-Rassismus nutzte, brachte es zum Erfolgsautor. Die Teilung in jüdische Opfer, die das schlechte Gewissen der Deutschen symbolisieren, und sowjetische Opfer, die nicht der Rede wert sind, gilt im Kern bis heute."

Außerdem: Berliner Forscher haben für eine Ausstellung der Humboldt Uni die Akustik des Forum Romanum rekonstruiert, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Bei einem Probeversuch mit dem Schauspieler Boris Freytag - er las, unterlegt vom Gemurmel des Volkes, Ciceros dritte Rede gegen Catilina - mussten die Experten feststellen: Die konnten was, die Römer. Etwa 12.000 Menschen konnten den Redner gut verstehen.
Archiv: Geschichte