9punkt - Die Debattenrundschau

Das ganze Ding

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2016. Der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die sich für Flüchtlinge einsetzte, steht symbolisch für einen Moment, in dem die Brexit-Kampagne vollends fremdenfeindliche Züge annahm, meinen Spectator und Guardian. In der NZZ erklärt Boualem Sansal, warum er eine islamistische Diktatur fürchtet, in der Welt kritisiert Marko Martin die Islamkritik. Laut heise.de machen Medien Druck auf die Politik, um Adblocker zu verbieten. Der Tages-Anzeiger fragt: Was verdienen denn die Fürsten in den Kulturinstitutionen so?

Europa

Peter Pomerantsev erhofft sich in politico.eu einen proeuropäischen psychologischen Effekt von der Fußball-Europameisterschaft: "Sie ist voller europäischer Spieler, die die Engländer ins Herz geschlossen haben: Die Fans sehen Dimitri Payet von West Ham für Frankreich spielen und Mezut Özil von Arsenal für Deutschland. Der Franzose und ehemalige Arsenal-Star Thierry Henry und der frühere Chelsea-Spieler und -Manager Gianluca Vialli aus Italien sitzen als Experten in den TV-Studios. Hinter ihnen sieht man durchs Studiofenster den Eiffelturm, auf den die Farben aller europäische Flaggen projiziert werden."

Der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox dominiert die britische Presse. Der Täter soll geistig verwirrt sein und angeblich "Britain first" gerufen haben. Nein, Nigel Farage, der Rechtspopulist, "ist nicht verantwortlich für den Mord an Jo Cox", schreibt Alex Massie im Spectator. "Und auch die Leave-Kampagne ist es nicht. Aber sie sind verantwortlich dafür, wie sie ihre Argumente vorbringen. Sie wussten nicht, was geschehen würde und werden ebenso schockiert sein wie alle anderen. Aber trotzdem: Wenn Du Wut säst, dann kannst du nicht überrascht tun, wenn die Leute wütend werden."

Jo Cox hatte sich für Flüchtlinge eingesetzt. Sie wurde just in dem Moment ermordet, als die Brexit-Kampagne deutlich fremdenfeindliche Züge anzunehmen begann, heißt es im Guardian-Editorial: "Nigel Farage enthüllte am Donnerstag ein Plakat von nicht mehr zu übertreffender Widerlichkeit. Der Hintergrund zeigt eine lange und drängende Menge von Menschen auf der Flucht. Die Message: 'Die EU hat an uns allen versagt.' Die Überschrift: 'Breaking Point'."

Dass der Attentäter von Orlando Muslim war, ist für Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, eher Zufall. Denn alle rückwärts gewandten religiösen Gruppen sind homosexuellenfeindlich, meint er im Interview mit der FR. Diese Art von religiösem Fanatismus könne man nur mit Antiklerikalismus bekämpfen: "Die Amerikaner verstehen den französischen Laizismus oft falsch. Für sie hat sich der Staat nicht in die religiösen Angelegenheiten der Bürger einzumischen. Für die Franzosen hat sich hingegen die Religion nicht in die Politik einzumischen. Das ändert alles! Ein Teil der französischen Linken tritt in die Falle der Fundamentalisten, indem sie das Problem für religiös hält. Das lähmt sie völlig, denn natürlich will niemand die religiösen Gefühle einzelner verletzen. Bloß geht es nicht darum. Schließlich sind die meisten Opfer des IS-Terrors Muslime. Nein, die Frage ist rein politisch, es geht um eine totalitäre Machtstruktur."

Weiteres: In der FAZ glaubt Andreas Maier nicht, dass die Frankfurter überaus scharf darauf sind, nach einem Brexit zur Finanzmetropole Nummer 1 in Europa zu werden. Und Klaus von Dohnanyi erzählt auf einer ganzen FAZ-Seite die Geschichte der EU und ihres Verhältnisses zu Britannien und den USA als Vorgeschichte der Brexit-Diskussion.
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Gesellschaft

Die SZ startet eine neue Serie über die "Mittelschicht". Der Soziologe Stephan Lessenich erklärt im Gespräch mit Sonja Zekri die deutsche Fixierung auf diesen Begriff: "Sie ist eine Folge der unvollständigen Demokratisierung. Bei uns ließ man ja nicht die Republik hochleben, sondern eher das Volk. Nach 1945 konnte man das Volk aber nicht mehr als Integrationsfaktor nutzen. Da wurde es dann die Mitte. Sie muss mechanisch das ganze Ding zusammenhalten. Und sie muss natürlich die Mehrheit sein, das Gravitationszentrum."
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Medien

Zur Zeit tagt die "Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz". Und dort wird auf Druck der Medien reagiert, berichtet Torsten Kleinz bei heise.de: "So empfiehlt die Arbeitsgruppe gesetzliche Maßnahmen gegen Adblocker zu prüfen, um die Medienvielfalt zu erhalten. In dem heise online vorliegenden Papier ist dem Thema Adblocker ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem die vorwiegend von Verbänden der Medienindustrie vorgetragenen Beschwerden zusammengefasst werden. 'Die vertretenen Stakeholder sahen einen rechts- und medienpolitischen Bedarf für ein gesetzliches Verbot von Ad-Blockern', heißt es darin."
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Kulturpolitik

Guido Kalberer vom Zürcher Tages-Anzeiger stellt eine Frage, die sicherlich auch in Deutschland nicht ganz uninteressant wäre: "Wir wissen, was die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch verdient. Wir wissen, was Andreas Meyer bei den SBB verdient. Und wir wissen sogar von vielen Managern in der Privatindustrie, was sie verdienen. Kann jemand erklären, warum die Saläre der Chefs kultureller Institutionen nicht kommuniziert werden? Warum ausgerechnet jene Manager, deren Arbeit bis zu 80 Prozent mit Steuergeldern vergütet wird, eine Mauer des Schweigens um ihre sicherlich nicht geringen Einkünfte errichten?" Der einzige Unterschied in Deutschland: Es sind zu hundert Prozent Steuergelder!
Stichwörter: Kulturbetrieb

Ideen

In der NZZ spricht Franziska Meier mit Boualem Sansal über Islamismus, George Orwell, das allgemeine Interesse an Sansals Roman "2084" und über die darin verhandelte Frage, ob die religiöse Diktatur das politische System der Zukunft ist. "Ich habe mich gefragt, welche Religion sich für eine solche Diktatur eignen könnte. Das Judentum? Nein, es missioniert nicht. Das Christentum? Nein, das ist allzu verbraucht. Irgendwelche Lebensphilosophien? Die missionieren nicht und heiligen nicht Gewalt. Was bleibt? Der Islam: Allahu Akbar . . . das ist stark. Damit ist die Anwendung von Gewalt keine Schuld mehr, es wird nur das Gesetz Gottes erfüllt. Das meinen, akzeptieren sogar die Opfer dieser Gewalt."

Für Marko Martin haben Islamkritiker und Islamversteher einen ähnlich reduzierten - politsch gefärbten - Islambegriff. Ohne seine Diskurs-Gegner namhaft zu machen (meint er Hamed Abdel-Samad?) wendet sich Martin in der Welt dabei auch gegen "jene Islamkritiker und überklugen Koranexegeten, die mit geradezu Hegelscher Geschichtsarroganz vom Text auf die Realität schließen. Ohne Zweifel: Der Koran kennt - im Unterschied zur Bibel - kaum Passagen der Selbst- und Herrschaftskritik. Weshalb aber nimmt dann die überwältigende Mehrheit der (nicht nur) im Westen lebenden Muslime die blutigen, zum Glaubenskampf aufrufenden Suren dennoch nicht auf und begibt sich nicht in den Dschihad?"
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