Efeu - Die Kulturrundschau

Wer leben oder sterben soll

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18.06.2016. Auf der Manifesta erinnert Teresa Margolles an die in Ciudad erschlagene transsexuelle Prostituierte Karla. In Berlin will das Zentrum für politische Schönheit Flüchtlinge den Tigern vorwerfen. Die Serie "Orange Is The New Black" lügt nicht: Auch im Gefängnis ist sexuelle Gewalt gegen Frauen üblich, lernt das Mic Magazin. Mehr Respekt für Rudolf Borchardt und eine Veröffentlichung seines kürzlich entdeckten freizügigen Romans, fordert in der FAZ Gerhard Schuster vom Rudolf Borchardt Archiv. Die Welt erinnert an den stürmischen Gespenstersommer von 1816.

Kunst

Eigentlich hatte die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles während der Manifesta am Rand Zürichs, Hotel Rothaus, eine Pokerrunde mit Schweizer und mexikanischen transsexuellen Prostituierten inszenieren wollen, erzählt Brigitte Hürlimann in der NZZ. Doch dann wurde eine von ihnen, Karla, eine 64-jährige transsexuelle Prostituierte, in Ciudad erschlagen. "Im Hotel Rothaus, im Zimmer Nr. 104, dort, wo jetzt keine Pokerrunde gezeigt wird, sondern ein raumhohes Schwarz-Weiß-Porträt der ermordeten Karla sowie ein Steinbrocken (dem Besucher schwant, was das zu bedeuten hat), legt die Stimme von Ivon Zeugnis ab, vier Minuten und siebenundvierzig Sekunden lang. Sie habe gearbeitet, berichtet Ivon. Junge Männer hätten sie drannehmen wollen. Sie sei mit einem von ihnen spazieren gegangen. Man habe Leim geschnüffelt. Er habe sie in ein leerstehendes Haus gezerrt. Sie erschlagen. Man wisse nicht, warum."


Koji Taki, Foto aus Provoke 3, 1969, Copyright: Yosuke Taki.

Die Fotografien der Provoke-Gruppe zeigen, dass Kunst zugleich unpolitisch und Protest sein kann, schreibt Perlentaucher Thierry Chervel in seiner Fotobuch-Kolumne Fotolot über den Katalog der zur Zeit in Winterhur gezeigten Ausstellung der Gruppe: "Provoke, heute ein Monument der Fotografiegeschichte, hatte von 1968 bis 1970 ein gleichnamiges Magazin herausgebracht, das nur drei Nummern veröffentlichte. Sie handeln in Fotostrecken der einzelnen Fotografen vom Tokioter Nachtleben, vom Fahren im Zug, von Sex oder auch von Fotos - denn Daido Moriyama hat auch Fotos, besonders Pressefotos fotografiert und ihr Korn vergröbert. Sie bringen eine totale Verweigerung des Einzelbilds, die von Nakahira in seinem Essay übrigens mit einer Kritik an Henri Cartier-Bresson und Robert Frank begründet wird. Protest sind sie: gegen Komposition und technische Beherrschung, früher fotografischer Punk. "

Was genau die neue Aktion des Zentrums für politische Schönheit jetzt ist, weiß niemand. Die Rede ist von hundert syrischen Flüchtlingen, die ohne Einreiseerlaubnis nach Berlin geflogen werden sollen und, wenn sie nicht einreisen dürfen beziehungsweise die die Einreise verhindernde EU-Richtlinie nicht abgeschafft wird, sich freiwillig Tigern zum Fraß vorwerfen wollen. Fake oder nicht, fragt sich in der Welt eine unbehaglich gestimmte Franziska Wunderlich nach der Pressekonferenz im Berliner Gorki Theater: "Gibt es das Flugzeug, das die hundert Flüchtlinge nach Deutschland bringen soll? Mit Crowdfunding wird Geld gesammelt, um den Flug zu finanzieren. Es gibt Videos über die Flüchtlinge, die angeblich kommen sollen. Man kann abstimmen, wer kommen darf und wer nicht, wer 'leben oder sterben soll'. Das Vorhaben sei zynisch und geschmacklos, sagt Theresia Braus vom ZPS, denn 'wir spielen nach, wie von oberster Stelle mit Schicksalen gespielt wird. Das müssen wir, damit wir anfangen können, Schicksal mit der Politik zu spielen.'"

Cristine Wahl vom Tagesspiegel erinnert das von Ferne an Christoph Schlingensiefs "Ausländer raus!"-Aktion vor 16 Jahren, aber sei's drum: "Die künstlerische Aktion an sich ist vorrangig - und um die bewährten Reiz-Reaktions-Schemata zu aktivieren eben gern auch kalkuliert schiefes Mittel zum Zweck öffentlicher Diskurs-Erregung. Die dann eben, wie in der Böhmermann-Causa, zur Veröffentlichung (unser aller) moralischer beziehungsweise politischer Paradoxien und im Idealfall zu entsprechenden Handlungszwängen führt. Man kann das natürlich platt finden. Aber Fakt ist, dass die Plattheit der Reaktionen diejenige der künstlerischen Konzepte bis dato leider noch immer um ein paar sehr erhellende Grade überstiegen hat."

Besprochen wird eine Ausstellung in der Berliner Galerie Hilaneh von Kories mit Neal McQueens Fotos von Flüchtlingen (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Film

Im Mic Magazin hat sich Leigh Cuen die (auf ZeitOnline von Anke Sterneborg besprochene) Veröffentlichung der vierte Staffel von Orange Is The New Black am Freitag zum Anlass genommen, um mit den Insassinnen verschiedener Frauengefängnisse in den USA über Sexualität im Gefängnis zu sprechen, wobei sich herausstellte, dass einige, nicht alle (!), der in der Serie gezeigten Aspekte schockierend realistisch dargestellt sind: "Obwohl verschiedene Einrichtungen variieren, was die sexuellen Aktivitäten angeht, gab es doch immer eine gefährliche Tendenz, die alle Gefängnisaufenthalte Sallys gemeinsam hatten: sexuell übergriffige Wärter. 'Ich habe Frauen Beziehungen mit Wärtern anfangen sehen, Wärter heiraten sehen, gesehen, wie Wärter Frauen zwingen, mit ihnen Sex zu haben', erzählte Sally. 'Das war überhaupt keine Ausnahme. Das passierte in jedem einzelnen Kreisgefängnis, in dem ich war. In. Jedem. Einzelnen.'"

Ludwigshafen hat zwar ein Festival des deutschen Films, doch wirklich aufregenden Entdeckungen sieht man auf anderen Festivals, stellt Dunja Bialas auf Artechock fest: "Vergeb­lich sucht man im Programm unge­zähmtes deutsches Kino ... Wir behaupten, mit einem Blick auf das Programm des Münchner Filmfests, das neunzehn deutsche Filme als Welt­pre­miere zeigt, darunter 'Unter­wä­schelügen' von Klaus Lemke oder das Regiedebüt '5 Frauen' des Dreh­buch­au­tors Olaf Kraemer, dass es Filme gibt aus Deutsch­land, die viel­leicht nicht die große Kasse machen, jedoch Diskus­sionen befördern können, die Ludwigs­hafen doch so gerne will."

Weitere Artikel: Auf critic.de stellt Lukas Foerster vier Filme aus einer großen Wiener Schau zum Thema Terrorismus im Kino vor Außerdem schreiben auf critic.de Till Kadritzke (hier) über "Der Weidenbaum" und Fabian Tietke (hier) über "Hans - Ein Junge aus Deutschland", die das Berliner Zeughauskino an diesem Wochenende in seiner großen Werkschau Sohrab Shahid Saless zeigt. Für die SZ trifft sich Alex Rühle mit dem isländischen Punk-Komiker Jón Gnarr, der vier Jahre lang Bürgermeister von Reykjavík war und nun für eine isländischen Fernsehserie einen korrupten isländischen Bürgermeister spielt - und das sogar in seinem alten Büro. Hans-Jörg Rother resümiert in der FAZ das Jüdische Filmfestival in Berlin. New Filmkritik bringt eine neue Lieferung von Rainer Knepperges' Bild/Text-Collagen über Karten und Pläne im Film.

Besprochen werden Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Europe, She Loves" (Standard), Jean-Marc Vallées Film "Demolition" mit Jake Gyllenhaal (Standard), der japanische Animationsfilm "Miss Hokusai" (FR, Artechock, unsere Kritik hier) und Pan Nalins "7 Göttinnen" (Artechock).
Archiv: Film

Musik

Für The Quietus porträtiert Joseph Burnett das britische Experimentalmusik-Label Folklore Tapes. In der taz erinnert sich Ulrich Gutmair an den legendären Berliner Club WMF. Dank Beyoncé, Justin Timberlake, Taylor Swift, Bruno Mars und Pharrell Williams ist Chartsmusik so gut und interessant wie selten zuvor, jubelt Julia Bähr in der FAZ.

Besprochen werden eine Einspielung der Johannes-Passion von Rene Jacobs (NZZ), ein Liederabend in Zürich mit Christian Gerhaher (NZZ), das neue Swans-Album (Spex, The Quietus, mehr dazu hier), das HipHop-Album "Testarossa" von Yoni und Geti (Welt), das Album "The Missing" von Sicker Man (taz), Neil Youngs Live-Album "Earth", für das er allerlei Tiergeräusche zwischen die Lieder gestopft hat (Pitchfork), eine Neueinspielung von Musik des jüdischen Schallplattenlabels Semer aus den 30er Jahren (Tagesspiegel) sowie neue Alben von den I Don't Cares und den Summer Cannibals (FR).
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Archiv: Musik

Bühne

Wenig positiv resümieren in der Presse Barbara Petsch, Norbert Mayer, Wilhelm Sinkovicz und Almuth Spiegler die gerade zu Ende gegangenen Wiener Festwochen unter dem Intendanten Markus Hinterhäuser.

Besprochen werden Beethovens "Fidelio" in der Inszenierung von Achim Frey bei den Wiener Festwochen (NZZ) und Christof Loys' Inszenierung von Richard Strauss' "Daphne" an der Staatsoper Hamburg (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

In der Debatte um das in Marbach weggesperrte Manuskript eines bislang unveröffentlichten Romans von Rudolf Borchardt (unsere Resümees dazu hier und hier), meldet sich in der FAZ Gerhard Schuster vom Rudolf Borchardt Archiv in Wetzlar zu Wort. Dass Kai Kauffmann von der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft die Wegschließung des Manuskripts wegen dessen angeblichen Mangels an literarischer Qualität billigt, hält er für einen "Renegatenstreich": "Die Bedenken, ob es dieser Roman mit 'Berlin Alexanderplatz' aufnehmen könne, sind eine Deutschlehrersorge. So oder so sind tausend Seiten ja keine Kleinigkeit ... Dass es bei Borchardt keine hingehudelte Zeile gibt, wird niemand bestreiten - Rudolf Alexander Schröder legte mit dem Seufzer: 'Leider kein einziges schlechtes Gedicht!' den Gedichtband von 1957 beiseite. Eine künftige Gesamtausgabe darf auf einen Text dieser Dimension keinesfalls verzichten. Und das nicht, wie man jetzt durchschmecken soll, aus Sensationsgier der Editoren am Zwischenmenschlichen, sondern aus Respekt vor der Bedeutung dieses unspaltbaren Œuvres."

Wieland Freund erinnert in der Welt an den stürmischen Gespenstersommer von 1816, in dem das weltweite Klima noch unter dem Ausbruch des Vulkan Tambora schwankte und sich eine kleine Gruppe "irre gewordener Nymphen" in der Villa Diodati bei Lord Byron und John Polidori einfanden. Man erzählte Gespenstergeschichten, die Vampirliteratur und Frankensteins Monster wurden erfunden, nicht zuletzt unter dem Eindruck Lord Byrons: "Byron lebte Betrug, seelische Folter und womöglich auch sexuelle Gewalt gegen beide Geschlechter - seine Memoiren wurden von seinem Verleger und zwei Freunden aufgrund ihres schockierenden Gehalts nach seinem frühen Tod verbrannt. Doch auch so kann man ihn sich leicht als menschliche Inkarnation eines Vampirs vorstelle."

Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Ursula Beitz die Philosophin und Frauenrechtlerin Marie de Gournay (1565-1645). Für die taz trifft sich Elise Graton mit dem haitianischen Schriftsteller Anthony Phelps, dessen Klassiker "Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?" nach über 40 Jahren nun auch auf Deutsch erscheint. In der NZZ schildert Ilma Rakusa den Tagesablauf einer Schriftstellerin.

Besprochen werden unter anderem der wiederentdeckte Kriminalroman "Strogany und die Vermissten" von Adam Kuckhoff und Peter Tarin (Jungle World), Sascha Machts "Der Krieg im Garten des Königs der Toten" (taz), Clemens J. Setz' "Till Eulenspiegel" (taz), Cheryl Della Pietras "Gonzo Girl" (SZ) und Birgit Weyhes preisgekrönter Comic "Madgermanes" über drei mosambikische Vertragsarbeiter in der DDR (SZ).
Archiv: Literatur