9punkt - Die Debattenrundschau

Coca-Cola versus Abwasser

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2016. Im Guardian bescheibt Elif Shafak die Türkei auf dem Weg in ein autokratisches Präsidialregime. Nach dem Triumph Donald Trumps als republikanischer Präsidentschaftskandidat fühlt sich die amerikanische Presse beschämt. Können denn Gender Studies unwissenschaftlich sein, wenn sie an deutschen Unviersitäten gelehrt werden?, fragt die Soziologin Katja Sabisch in der taz. Kenan Malik sucht in der New York Times die Usache für den Antisemitismus in der britischen Linken. Najem Wali besucht für die SZ Idomeni.

Politik

Die Medien werden in einem Rennen Clinton versus Trump unweigerlich Trump zuarbeiten, auch wenn sie nicht mit ihm sympathisieren, schreibt David Roberts bei Vox.com. Der Grund ist, dass das ganze politische System darauf angewiesen ist, der Dramaturgie eines Rennens von Gleichwertigen zu folgen: "Und unter all diesen Profis, all diesen Institutionen, dieses ganzen Überbaus der US-Politik, der um diese zwei ausgewogenen Seiten kreist, wird es einen übermächtigen Drang geben, diese Wahl zu normalisieren, als wäre sie Coca-Cola versus Pepsi, und nicht Coca-Cola versus Abwasser. Nach dem ersten Script weiß das politische System in den USA zu spielen, nach dem zweiten nicht."

Witzig auch dieser Tweet, den Roberts zitiert:

Recht dramatisch klingt auch Jim Rutenberg in der New York Times - Überschrift: "The Republican Horse Race Is Over, and Journalism Lost." Und erster Satz: "Wrong, wrong, wrong - to the very end, we got it wrong."

Selim Nassib, einst Libération-Korrespondent, beschreibt in der taz die Utopie des Todes und der Grausamkeit, die den "Islamischen Staat" so anziehend macht - und bewahrt doch Hoffnung: "In naher Zeit wird das Territorium des IS verschwinden, selbst wenn es anderswo Metastasen streut. Ein Teil des Sinai, eine kleine Region in Libyen, der Norden Nigerias oder Malis werden nicht ausreichen, um es zu ersetzen. Man braucht ein richtiges Land, um die Rekruten aufzunehmen, sie auszubilden und ihnen die Illusion zu geben, täglich nach anderen Gesetzen zu leben. Fällt das weg, ist die Utopie nicht mehr leibhaftig."
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Gesellschaft

Die Soziologin Katja Sabisch wendet sich in der taz gegen einen Artikel des SZ-Autors Christian Weber, der Gender-Forschung als Unsinn bezeichnete. Ihr stärkstes Argument: "Wenn Gender-Forschung unwissenschaftlich ist, warum ist sie dann an deutschen Universitäten etabliert? Gibt es etwa ein Leck in der Qualitätskontrolle?" Aber Theologie wird doch auch an Universitäten gelehrt und ist keine Wissenschaft!
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Ideen

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller, der auch gerade ein Buch zum Thema vorlegt, definiert in der FAZ, was Populismus ist: "Auch wenn der Populist noch so oft beteuert, er wolle doch nur dem Volkswillen Geltung verschaffen - FPÖ-Plakate mit dem Konterfei von Heinz-Christian Strache behaupteten: 'ER will, was WIR wollen' - eigentlich geht es dem Populisten nicht um eine Willensrepräsentation, sondern um eine moralisch aufgeladene symbolische Darstellung des authentischen Volkes."
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Europa

Najem Wali besucht für die SZ die Flüchtlingslager in Idomeni und auch die nicht minder beeindruckenden Lager der Hilfsorganisationen: "Die Menschen, die in Idomeni festsitzen und deren Zahl bei etwa 12.000 liegt, aber täglich schwankt, weil einige das Lager verlassen, während andere eintreffen - sie sind die Einzigen, die durch den Fortbestand des Lagers zu Verlierern werden. Alle anderen werden von den Flüchtlingen profitieren, die Griechen und die Mazedonier genauso wie paradoxerweise auch die Vereinten Nationen, die Menschenrechtsgruppen und Nichtregierungsorganisationen, alle - bis auf die Flüchtlinge."

Tayyip Erdogan ist auf dem besten Weg zu einem Präsidialregime, in dem nur noch er herrscht. Das gilt noch mehr seit dem Rücktritt des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu. Die "zentralen Komponenten der Demokratie - Gewaltenteilung, Herrschaft des Gesetzes, Meinungsfreiheit - sind bereits dahin", klagt im Guardian die Schrifstellerin Elif Shafak: "Es ist hart, ein Armenier in der Türkei zu sein. Oder ein Kurde, ein Alewit, ein Schwuler, ein Kriegsdienstverweigerer, ein Jude oder eine Frau, oder einer, der nicht einverstanden ist, mit dem, was im Land passiert. Wenn auf dich mehr als ein Kriterium zutrifft, ist es noch härter. Die Liste wird immer länger. Diversität wird erstickt. Redefreiheit ist aufgegeben. Eine 'Ideologie des Identischen' beherrscht das Land. Diese Ideologie ist aus türkischem Nationalismus, Islamismus und Autoritarismus geformt und mit Patriarchat und Machismo versetzt. Die politische Spannung dringt in jeden Aspekt des Alltags ein."

Kenan Malik führt den Antisemitismus in der britischen Linken auf ihren Multikulturalismus und auf Rücksichten auf die muslimische Community des Landes zurück, wie er in der New York Times schreibt: "Während Linke Ungleichheit und Unterdrückung im Namen universeller Rechte bekämpften, betonen heute viele den Multikulturalismus und feiern eine Welt, die in verschiedene Kulturen aufgeteilt wird, jeder mit ihren eigenen Ideen, Glauben und Werten. Diese Identitätspolitik stellt den Spruch Martin Luther Kings, der wollte, dass 'die Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe sondern nach ihrem Charakter' beurteilt werden, auf den Kopf. Sobald Identitätspolitik die Oberhand gewinnt, werden Menschen nach der Gruppe beurteilt, der sie angehören und nicht nach ihren Meinungen und Prinzipien."

NRW-Grüne wollen zusammen mit der SPD offenbar gegen Whistleblower vorgehen, berichten Gerhard Voogt und Christian Wiermer im Kölner Express. Es geht um Dokumente aus dem Untersuchungsausschuss zum Kölner Silvester-Mob. Der Express hatte "darüber berichtet, dass Kölner Kripo-Beamte bereits im Januar vermerkt haben, dass es am Neujahrtag den Versuch einer Landespolizeibehörde gegeben habe, den Begriff 'Vergewaltigung' aus einer internen Polizei-Meldung an das Innenministerium zu streichen - laut ihnen sogar auf 'Wunsch des Ministeriums'." Ziemlich witzig liest sich das Statement Matthi Boltes, des Grünen-Obmanns im Untersuchungsausschuss, zur Sache: "Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Wird allerdings durch gezielte Indiskretionen die Arbeitsfähigkeit eines Untersuchungsausschusses gefährdet, muss dies auch klar benannt werden."
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