Efeu - Die Kulturrundschau

Die höchste Form der Selbstverwirklichung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2016. Im Guardian glaubt Don DeLillo an die Zukunft des Romans. In Kino-Zeit ermuntert der Filmhistoriker Christoph Draxtra, auch entlegene Filme zu restaurieren. Die FAZ besucht ein kulturelles Edelsahnetörtchen in San Francisco. Der Economist erzählt die Geschichte des Klavierbauers Paolo Fazioli. Die Welt sucht die Frau hinter dem Pseudonym Elena Ferrante.

Literatur

Don De Lillo, annähernd achtzig, veröffentlicht am 19. Mai seinen neuen Roman "Zero K". Xan Brooks porträtiert den Autor im Guardian als verehrungswürdigen Doyen der amerikanischen Literatur, der seine Romane noch auf Schreibmaschine verfasst und weder E-Mail noch Mobiltelefon benutzt. Er fragt ihn auch, ob die neuen Medien das Genre des Romans fressen werden: "'Tja, das ist eine plausible Idee', sagt De Lillo mit Zweifel in der Stimme', 'aber nein, das wird nicht passieren. Die Leute werden weiter Romane schreiben. Die Form ist stark genug um zu dauern. Und es wird genug andere Leute geben, vor allem wenn sie älter werden, die finden, dass Wörter auf einer Seite - oder einem Screen - die höchste Form der Selbstverwirklichung sind. Die beste Form, die menschliche Erfahrung zu erforschen.'"

Weitere Artikel: In der Welt sucht Dirk Schümer hinter das Geheimnis der Autorin Elena Ferrante zu kommen. In der taz setzt Ulrich Gutmair die wöchentliche Lektürechronik zu Maxim Billers "Biografie" fort. Für die FAZ porträtiert Alena Wagnerová Johannes Nádherný, den verehrten Bruder der von Karl Kraus verehrten Sidonie Nádherný.

Besprochen werden u.a. Volker Hauptvogels Anarcho-Kreuzbergroman "Fleischers Blues" (taz), Alexander Ilitschewskis "Der Perser" (FR),Jesper Wung-Sungs "Opfer" (Tagesspiegel), André Hellers "Das Buch vom Süden" (SZ) und Susanne Klingensteins "Wege mit Martin Walser: Zauber und Wirklichkeit eines Schriftstellers" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Ein anregendes, aufrüttelndes Gespräch über die Fragilität alten Filmmaterials und die daraus erwachsenden Probleme für die Filmgeschichtsschreibung hat Katrin Doerksen von kino-zeit.de mit dem Filmhistoriker Christoph Draxtra geführt, der neben seiner Tätigkeiten als Filmvorführer auch alte Kopien per Hand auf Spielbarkeit hin restauriert und Festivals für unentdeckte und entlegene Filme veranstaltet. Auf die staatliche Praxis angesprochen, nur mit Preisen und besonderen Verdiensten ausgezeichnete Filme verbindlich für die Nachwelt zu erhalten, geht ihm der Hut hoch: "Es macht mich maßlos wütend, wie viel Energie darauf verwandt wird, immer gleichen Filme immer wieder zu restaurieren und zu zeigen. Dabei hat die Filmgeschichte unglaublich viel anzubieten; man versündigt sich eigentlich an ihr, wenn man ihre Vielfalt so ignoriert. Die Retrospektiven der Berlinale haben in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren so einen verengten und eingedampften Teil selbst nur des Kanons gezeigt, dass da unendlich viel Luft nach oben ist, auch ohne dass die in unseren Gewässern fischen. ... Wir brauchen einen Umgang mit Filmgeschichte ohne diesen Klüngel-Beigeschmack."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel weist Claudia Lenssen auf eine Retrospektive der iranischen Filmemacherin Rakhshan Bani-Etemad im Berliner Kino Arsenal hin. Für seine gleichnamige Verfilmung von Ralf Rothmanns Ruhrpott-Roman "Junges Licht", der eine Kindheit in den Sechzigern zwischen Unter-Tage-Werk und schlagenden Eltern rekonstruiert, musste der Autorenfilme Adolf Winkelmann den alten Pott mangels übrig gebliebener realer Industriekulissen mit erheblichem Computeraufwand wieder zum Leben erwecken, berichtet Sonja Zekri in der SZ.

Besprochen werden die Agentenserie "The Night Manager" (FAZ) und eine Filmdoku über Eva Hesse (Welt).
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Kunst


Das neue SFMOMA. Foto: Snøhetta

In San Francisco hat der große, vom Architektenbüro Snohetta entworfene Erweiterungsbau des Museum of Modern Art seine Tore geöffnet. Zumindest dem Vorhaben nach soll das Museum auch eine Art Community Center werden, berichtet Niklas Maak in der FAZ, wägt aber vorsichtig ab: Denn "einen Plan, wie das Museum wirklich zum neuen sozialen Zentrum einer gemischten Stadtgesellschaft und nicht bloß zum gentrifikationstreibenden Touristenmagneten und zum kulturellen Edelsahnetörtchen für die wohlhabenden Tech-Suburbs werden könnte, hat die Stadt nach allem, was man hört, nicht. Optimisten können in dem Neubau trotzdem ein Bekenntnis zum klassischen öffentlichen Kunstmuseum sehen, das die Schätze gemeinsamer Anstrengungen der Bürgergesellschaft vereint. Während weltweit sich immer mehr Sammler mit einem eigenen Museum verewigen wollen, konzentriert man in San Francisco alles in einem öffentlichen, für alle zugänglichen Haus."

Im Interview mit der Welt erklärt Carolyn Christov-Bakargiev, einst Kuratorin der Documenta in Kassel und der Biennalen in Sydney oder Istanbul, warum sie nach Hause zurückgekehrt ist, nach Turin, wo sie die neue Kuratorin am Castello di Rivoli ist: "Wir leben im Zeitalter der Biennalen, das ist cool. Aber mich fasziniert es, wie man sich vor diesem Hintergrund ein Museum vorstellen kann. Bei der wachsenden Mobilität und Digitalisierung, die sich auch in der Vielzahl temporärer Ausstellungen zeigt, interessiert mich, was eigentlich mit unserem materiellen Kulturerbe passiert und wie man innovativ mit Museumssammlungen umgeht."

Weiteres: Im Standard porträtiert Roman Gerold den 88-jährigen Computerkünstler Herbert W. Franke. Besprochen wird eine Hommage an den Bildhauer Carl Andre im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz).
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Musik

Der Economist erzählt die Geschichte des Paolo Fazioli, der sich anschickt, mit seiner Firma bei Venedig (in der Nähe der Wälder mit den a besten resonnierenden Hölzern), den Steinway-Flügeln Konkurrenz zu machen - etwa 150 Flügel à 200.000 Euro verkauft er im Jahr: "Stephen Carver, der Chef-Pianotechniker in der Juilliard School in New York, die mit ihren 275 Pianos der größte Steinway-Flügelbesitzer der Welt ist, wird zum natürlichen Schiedsrichter in der Debatte über Eigenschaft und Wert der Klaviere. 'Fazioli-Flügel sind sehr gut gemacht und haben eine klare, glockenähnliche Präsenz und eine gleichmäßige Klanglinie', erklärt Carver. 'Steinways klingen dunkler, manche Leute empfinden das als reichhaltiger als den Fazioli-Klang.'"

Hören Sie den Unterschied? (Uns scheinen die Höhen etwas grell.)



Das neue Album "Hopelessness" von Anohni, der Sängerin, die früher Antony Hegarty hieß, beschäftigt die Popkritik weiterhin - nicht zuletzt wegen ihrer Polit-Texte, an denen sich die Kritikermeinungen scheiden (siehe dazu auch unsere Kulturrundschau von gestern). Zu den entschiedenen Verteidigern zählt Jens Balzer in der FR, der "die masochistische Lust am Schmerz, am Aufschub und Nicht-Identischen" als Werkkonstante sieht, vor deren Hintergrund er das aktuelle Album einschätzt und auch noch dort zu goutieren weiß, wo Anohni sich die Perspektive eines afghanischen Mädchens aneignet, das schluchzend nach dem eigenen Drohnentod verlangt: "Dergestalt sind die interessantesten Stellen auf diesem Album: An ihnen gelingt es Anohni, die typische Ambivalenz ihrer Musik - den Lobpreis der Nicht-Identität, das Oszillieren der Perspektiven - in eine politische Ästhetik zu übersetzen." In The Quietus findet es Frankie Baswel "erfrischend, ein Album zu hören, dass ganz darauf eingestellt ist, sich der Komplexität und Hoffnungslosigkeit unserer Situation auf so direkte Weise zu stellen." Weitere Kritiken im Standard und in der Presse.

Weiteres: In der taz spricht Julian Weber mit Viv Albertine von den Slits, die gerade ihre Autobiografie veröffentlicht hat. Für Pitchfork spricht Devon Maloney mit James Blake über dessen neues (auf ZeitOnline besprochenes) Album. Pophistoriker Simon Reynolds freut sich auf Pitchfork über die Wiederveröffentlichung einer New-Psychedlia-Compilation aus dem Jahr 1981: "Eine intime, dicht gepackte Zeitkapsel, in der sich sonderbare Aromen solange vermischt haben, bis auch von den kleineren Kuriositäten ein wundersamer Reiz ausgeht." Lotte Thaler resümiert in der FAZ die Badenweiler Musiktage. Und Reinhard J. Brembeck hat der Hamburger Elbphilharmonie für die SZ einen Besuch abgestattet, wo man gerade dabei ist, die große Orgel zu montieren.
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Bühne


"Wallenstein", in der Inszenierung von Michael Thalheimer. Foto: Katrin Ribbe

Von der Decke hängt ein aufgeschlitztes, totes Pferd, dazu dröhnende Sounds und ringsum viel Dunkelheit: An der Berliner Schaubühne hat Michael Thalheimer einen dräuend-düsteren "Wallenstein" vor prominent durchwirktem Publikum auf die Bühne gebracht, folgt man der Kritik. Und das ausgerechnet am so frühlingshaft sonnigen Feiertag, stöhnt Ulrich Seidler in der FR, der einen Abend mit "Weimarer Klassik als komprimiertes Steh-, Brüll-, Krampf- und Dröhntheater von Deutschlands Theater-Oberfinsterling" verbrachte. Die Darsteller "nehmen ihre jeweiligen, kantig herausgeleuchteten Sprechpositionen ein, produzieren wackere Bedeutung, krampfen zusammen, schlagen an dumpfen Emotionen leck, so dass mal aus hart verzerrten, mal aus tot erschlafften Grimassen Rotz und Tränen tropfen und gegen Ende dann auch Blut aus Gurgeln platzt. ... Herrlich ist es, an einem solchen Abend das Theater zu verlassen. Man möchte an Blumen riechen, seine Glieder schütteln und schnell ein spätes Vatertagsbier zischen."

An diesem Abend gab es die "Power der Negativität", konstatiert auch Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Weiterhin gab es "Schauspieler-Schachfiguren mit Drang zur Rampe, mehr Statik als Bewegung. Worte werden herausgepresst wie im peinlichen Verhör. Lehrreich wäre Schiller mit seiner Darstellung Europas als Spielball von Warlords und dem Missbrauch der Religion. Was heute Syrien ist, waren um 1630 die deutschen Lande. Im 'Wallenstein' steckt sehr viel mehr als ein Monster, das seinen letzten Gruß entbietet."

Nur FAZlerin Irene Bazinger tritt begeistert in den lauen Frühlingsabend auf dem Lehniner Platz heraus - auch wenn sich ihre Einschätzung wie ein Gutachten liest: "Thalheimers grandiose Inszenierung nimmt Schillers strahlendes dramatisches Pathos mit rabenschwarzer Radikalität auf. Die Wucht der Aufführung speist sich unmittelbar aus der Dynamik der Blankverse und der Verve der Argumente. In ihrer wohlkalkulierten Verweigerung historischer Konkretisierung öffnet die analytische Regie den Blick auf die Wallenstein-Figur in ihrer abgründig zeitlosen Dimension."

Außerdem wurde gestern Abend in Berlin das Theatertreffen 2016 eröffnet. Die Feuilletons bringen dazu einige Sonderartikel: In der taz porträtiert Annette Walter die Regisseurin Anna-Sophie Mahler, deren in München entstandene, hier im Tagesspiegel besprochene Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" gezeigt wird. Christine Wahl spricht im Tagesspiegel mit Daniela Löffner über ihre am Deutschen Theater Berlin entstandene, heute Abend auch auf 3sat ausgestrahlte Inszenierung "Väter und Söhne" (mehr dazu hier). Außerdem spricht Wahl mit der Schauspielerin Caroline Peters, die in Simone Stones Ibsen-Inszenierung "John Gabriel Borkman" zu sehen ist. Aus dem Programm des Theatertreffens besprochen werden außerdem Karin Beiers "Schiff der Träume" (Tagesspiegel), Hans-Werner Kroesingers "Stolpersteine Staatstheater" (Tagesspiegel) und Ersan Mondtags "Tyrannis" (Tagesspiegel). Unter der Leitung von Janis El-Bira (hier sein Geleitwort) haben die Berliner Festspiele auch in diesem Jahr wieder ein Blog eingerichtet, für das sie Nachwuchs-Kulturjournalisten zum Theatertreffen eingeladen haben

Aus dem regulären Betrieb besprochen werden desweiteren der in Essen aufgeführte Abend "Real Magic" der Gruppe Forced Entertainment (DeutschlandradioKultur, FAZ) und René Polleschs "I love you, but I've chosen Entdramatisierung" (Tagesspiegel, Welt, dazu mehr im gestrigen Efeu).
Archiv: Bühne