9punkt - Die Debattenrundschau

Hundert Milliarden Metadaten-Einträge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2015. Bricht Saudi-Arabien zusammen?, fragt das Middle East Eye. Und in Slate plädiert die säkulare Muslimin Asra Q. Nomani für einen Boykott des Hadsch. In der FAZ wehren sich drei Migrationsforscher gegen die scharfen Töne Jörg Baberowskis. Spiegel Online rät, Hamed Abdel-Samad gar nicht zu ignorieren. In der NZZ warnt Manfred Schneider vor dem elektronischen Leviathan. Laut Netzpolitik ist er in Großbritannien aber mehr oder weniger verwirklicht.

Politik

Sinkende Ölreserven, steigende Bevölkerung, klimabedingte Wetterprobleme, Budgetkürzungen, Jugendarbeitslosigkeit - und damit sind die sensiblen religiösen Probleme noch gar nicht erwähnt. Nafeez Ahmed fragt sich in middleeasteye.net, ob Saudi-Arabien nicht demnächst vor dem Zusammenbruch steht: "In Irak, Syrien, Jemen, Ägypten können die Unruhen und Kriege auf zurückgehende Staatsmacht, kombiniert mit klimawandelbedingter Dürre, Niedergang der Landwirtschaft und sinkenden Ölreserven zurückgeführt werden. Aber die saudi-arabische Regierung hat beschlossen, nicht von den Nachbarn zu lernen und den Krieg in Nachbarregionen zu exportieren, um seine geopolitische Hegemonie und Öldominanz aufrechtzuerhalten."

Asra Q. Nomani, die sich selbst als säkulare muslimische Feministin indischen Ursprungs bezeichnet, schreibt in Politico.eu nach den jüngsten Massenpaniken und Staatsmordgeschichten aus Saudi-Arabien: "Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Muslime den Hadsch boykottieren sollten und dass die Welt die Regierung Saudi-Arabiens boykottieren sollte, so wie sie es mit dem Apartheid-System Südafrikas tat, bis das Königshaus seinem Volk und der Welt Demokratie, Bürgergesellschaft, Menschenrechte - insbesondere Frauenrechte - und eine friedliche und tolerante Interpretation des Islams bringt."

In der Berliner Zeitung stellt sich Götz Aly ein weiteres Mal mit Aplomb hinter Wladimir Putin: "Russland ist es wesentlich zu verdanken, wenn sich die Welt nun endlich dazu bequemen sollte, den syrischen Bürger- und Stellvertreterkrieg mit einer Kombination aus politischen und militärischen Mitteln zu beenden... Der Westen zerstörte die diktatorischen, jedoch halbwegs säkularen Ordnungen im Irak und in Libyen und erzielte trotz besserer Absichten nur ein Ergebnis: Die Einwohner dieser Länder versanken in Willkür, Schutzlosigkeit, Not und Elend, zumal Frauen und Kinder."
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Europa

Deutschlands großzügige Asylpolitik? Einen sehr wichtigen Einwand gegen Jörg Baberowskis neulich in der FAZ geäußerten scharfen Töne (unsere Resümees und die Links hier) äußern die Migrationshistoriker Jannis Panagiotidis, Frank Wolff und Patrice Poutrus ebendort: "Solange die Masse der Flüchtlinge in Südeuropa verharrte, sperrte sich die Bundesregierung gegen jede Verteilung nach Quoten. Italien, so stellte der damalige Innenminister Friedrich (CSU) klar, sei für seine Flüchtlinge selbst verantwortlich. Somit wendet sich nicht Resteuropa von der Tugendhaftigkeit eines sozialromantischen Deutschlands ab. Vielmehr kapituliert die Bundesregierung derzeit vor einem selbstgeschaffenen Problem."

In der taz betont Jasmin Kalarickal, dass in keinen anderem Land Flüchtlinge mit so offenen Armen begrüßt werden wie in Deutschland, aber auch nirgendwo so viele Asylbewerberheime angegriffen wurden: "Ein Bericht des Bundeskriminalamts kommt zu dem Schluss, dass unter den Tätern auch viele Menschen sind, die keine Anbindung an die rechte Szene haben. "Besorgte Bürger", die erstmalig eine Straftat begehen."

Und Joachim Güntner meint in der NZZ zu Ilija Trojanow, der kürzlich in der Berliner Zeitung offene Grenzen propagierte: "Keine Gemeinschaft kommt ohne Grenzen aus. Sie kann diese Grenzen verschieben, sie kann sie aber nicht einfach aufheben, weil sie damit sich selber aufhebt."

Ramón Pérez-Maura kommentiert in Politico.eu die katalonische Regionalwahl, die sich als eine Art Referendum gab, aus mehrheitsspanischer Sicht. Und das klingt nicht unbedingt freundlich: "Es ist ein bekanntes Faktum, dass die EU neue Mitglieder in der EU nur einstimmig akzeptiert. Das würde Katalonien für Jahrzehnte ausschließen."
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Religion

Über Hamed Abdel-Samad soll man am besten schweigen, fordert Daniel Bax auf Spiegel Online in performativem Widerspruch über Abdel-Samads neuestes Buch "Mohamed - Eine Abrechnung": "Die seriösen Medien, die Hamed Abdel-Samad für seine Thesen als Tabubrecher feiern, machen den gleichen Fehler, den sie schon bei Thilo Sarrazin gemacht haben. Selbst wenn sie sich vornehmen, seine Behauptungen kritisch zu diskutieren, bieten sie ihnen doch nur ein Forum." Einen Auszug aus Abdel-Samads Buch kann man bei Cicero lesen.
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Internet

Die amerikanische Debatte über Adblocker und die Netzerfahrung auf Mobilgeräten geht weiter. Gerade unabhängige Internetmedien machen sich Sorgen. Slate will die Ladezeit seiner Seiten um 75 Prozent reduzieren, schreibt Joseph Lichterman im Niemanlab, der Slate-Chef Dan Check zum Thema interviewt und zuvor erläutert, warum Internetmedien im Moment so intensiv über dieses Thema nachdenken: "Die Ladezeit ist das Herz von Facebooks Argument für Instant Articles (aber natürlich gibt es ein starkes Interesse des sozialen Netzes, dass die Nutzer mehr Zeit innerhalb von Facebook verbringen). Und vor einigen Wochen meldete Recode, dass Twitter und Google an einer Open-Source-Alternative zu Instant Articles arbeiten."
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Urheberrecht

Leander Wattig fordert im Interview mit Hanna Schönberg von buchreport.de eine Neuorganisation des Urheberrechts im Zeichen des Remixes: "Eine offene Plattformlösung würde allen Inhalte-Rechteinhabern - also Kreativen und Verlagen - helfen und jeder in der Remixkette könnte einen Anteil an den später in der Kette entstehenden Verkaufserlösen bekommen. Diese Erlöse kommen aber überhaupt nur zustande, weil die Inhalte eine stärkere Nutzung erfahren." Wattig bereitet in Berlin gerade ein Festival zum Thema Remix vor.
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Überwachung

Ganz wie bei Hobbes, schreibt der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider in einem Essay in der NZZ, begründen heute wieder Todesfurcht und Bequemlichkeit die Grundlagen unserer Gesellschaft, genauer gesagt unserer totalen Überwachungskultur: "Die von Hobbes genannten Staatsgründungsantriebe Todesfurcht und Bequemlichkeit werden heute ganz neu technisch implementiert und sozial wirksam: Die Todesfurcht hat sich in dem inzwischen fast unkontrollierbar gewordenen geheimdienstlichen Handeln eine Schutzwehr geschaffen. Die Abschöpfung nahezu aller Kommunikationsdaten der Welt, die im Verbund westlicher Geheimdienste erfolgt, wird mit der Abwehr von terroristischen Gefahren begründet. Dass es diese Gefahren gibt, steht außer Zweifel, dass ihre Abwehr indessen die zivile Ordnung der bedrohten Gesellschaften unterläuft, ist noch gefährlicher."

Nikolai Schnarrenberger resümiert in Netzpolitik.org neue Erkenntnisse von The Intercept über Überwachungsprogramme des britischen Geheimdientes GCHQ: "Das selbst gesteckte Ziel ist es, Profile über das Verhalten von jedeR InternetnutzerIn zu erstellen sowie Nutzerprofile von allen verfügbaren Webseiten weltweit anzulegen. Dafür soll die Speicherkapazität auf hundert Milliarden Metadaten-Einträge ausgebaut werden. Diese Einträge beinhalten E-Mailkorrespondenz, Skypeanrufe, Messenger-Verkehre sowie Mobilfunkdaten und Informationen aus Sozialen Netzwerken. Hinzu kommen Systeme, die verdächtige Suchanfragen bei Google und dem Kartendienst Maps registrieren."
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Medien

Vor zehn Jahren erschienen in Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen. Für die SZ trifft Silke Bigalke die Protagonisten von damals: den Initiator Flemming Rose, der noch immer von der Notwendigkeit überzeugt ist, der "Tyrannei des Schweigens" etwas entgegenzusetzen, den Zeichner Lars Refn, der nichts mehr von den zur Waffe der Hardliner gewordenen Karikaturen wissen will. Und den Sprecher der Islamischen Gemeinschaft Dänemarks, Imran Shah: "Shah betrachtet die Muslime in Dänemark trotzdem als Opfer. "Wir bereuen unsere Strategie von damals nicht", sagt er. Er bedauere zwar den Schaden, die Toten, die es bei den Protesten gab. Aber Schuld daran sei die dänische Regierung."

Der frühere Guardian-Chef Alan Rusbridger spricht im SZ-Interview mit Carsten Hueck über sein Chopin-Buch "Play it Again", über Amateure in der Musik und die Zukunft des "offenen Journalismus": "Ich würde also sagen: Fang mit dem Journalismus an, aber sei völlig frei in deinem Denken darüber, wie die Leser dir helfen können, die interessantesten und relevantesten Dinge hervorzubringen. Dann hast du sofort einen Vorteil gegenüber all den verschreckten, nicht mehr ganz so jungen Leuten, die in ihrem Newsroom sitzen und sich Sorgen machen, ob ihre Zeitung in sechs Jahren noch existieren wird."

(Via turi2) Google will nach wie vor nicht für Leistungsschutzrechte auf Snippets bezahlen, berichtet Horizont mit dpa: "Verlage könnten selbst entscheiden, ob und wie ihre Inhalte bei Google angezeigt werden, erklärte ein Sprecher des Internet-Konzerns am Montag."
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Gesellschaft

Angesichts des scheinhaften deutschen Promotionswesens wundert sich Jürgen Kaube in der FAZ nicht über Plagiatsvorwürfe gegen die Doktorarbeit Ursula von der Leyens. (Ein Trost: Immerhin braucht man hierzulande für die Reproduktion der Eliten keinen Schweinekopf!).

Shirin Sojitrawalla berichtet in der taz von einer Frankfurter Diskussion über die Zukunft der Familie als Lebensform.
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