9punkt - Die Debattenrundschau

Kammerdiener der Regierenden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2015. Slate.fr erklärt, was "Antipolitismus" ist. In Atlantic lotet Ta-Nehisi Coates die Abgründe des amerikanischen Gefängniswesens aus. In der SZ verteidigt der Politologe Peter A. Kraus die katalonischen Separatisten. Wikileaks enthüllt einen Deal zwischen Großbritannien und Saudi-Arabien, der Saudi-Arabien einen Sitz im UN-Menschenrechtsrat bescherte. Und Jeff Jarvis meint: Internetwerbung ist kaputt, die Medien - nicht die Werbeagenturen - müssen sie neu erfinden.

Ideen

Philippe Guibert beobachtet in Slate.fr die populistische Versuchung bei französischen Intellektuellen von Emmanuel Todd bis Thomas Piketty und beschreibt das Phänomen als "Antipolitismus": "Antipolitismus ist nicht Gleichgültigkeit gegenüber Politik, ganz im Gegenteil, sondern die Überzeugung, dass die politische "Klasse", das "System" nicht auf der Höhe sind und die richtigen Entscheidungen verhindern. Dieser Antipolitismus will das Personal austauschen, die Eliten revolutionieren. Das Misstrauen gilt der "Professionalisierung" der Regierenden, mit allen Partikularinteressen, die daraus erwachsen... "Für den Kammerdiener gibt es keine großen Männer" heißt der Spruch. Nun sind wir alle, durch die Medien, zu den voyeuristischen Kammerdienern der Regierenden geworden."

Ta-Nehisi Coates ist im Moment der angesagteste aller amerikanischen Intellektuellen. Gerade wurde ihm eines von 24 "Genius"-Stipendien der MacArthur Foundation gegeben (mehr hier) - so erhält er 625.000 Dollar, verteilt in Dreimonatsraten über fünf Jahre. Der Atlantic bringt in seiner Oktobernummer einen großen Auszug aus seinem Buch "The Black Family in the Age of Mass Incarceration", in dem er den düstersten Aspekt der amerikanischen Gesellschaft beleuchtet, das ausufernde Straf- und Gefängnissystem, in dem vor allem Schwarze vegetieren. Seine Forderungen klingen am Ende jedoch ein wenig kraftlos: "Eine ernsthafte Reform unserer Gefängnispolitik, die auf eine kleinere Gefängnispopulation abzielt und mehr wie Amerika aussieht, kann nicht erreicht werden, ohne die Schäden von fünfzig Jahren Justizpolitik in Augenschein zu nehmen. Darum ist es nicht möglich, unser Justizsystem zu reformieren, ohne institutionelle Strukturen, Communities und die sie betreffenden politischen Ansätze neu zu denken."
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Religion

Susanne Lenz hat ordentlich schlucken müssen, als Hamed Abdel-Samad in Neukölln seine Abrechnung mit Mohammed vorstellte. Wie sie in der Berliner Zeitung schreibt, erklärt Abdel-Samad den Religionsgründer als Narzissten mit Kontrollzwang und mangelndem Selbstwertgefühl: "Was den Umgang mit Juden angeht, vergleicht Abdel-Samad Mohammed mit Hitler. Bei beiden sei die Vernichtung der Juden Teil ihres Heilsversprechens gewesen."
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Europa

In der SZ stellt sich Peter A. Kraus, Professor für Politikwissenschaft in Augsburg, hinter die katalanische Unabhängigkeitsbewegung und gegen den Madrider Zentralstaat. Es gehe nicht um rückständigen Trachtentanz, sondern mediterranen Rock"n"Roll, behauptet er: "Dies ist keine Bewegung, die danach strebt, auf dem Gebiet der von Karl dem Großen gegründeten Spanischen Mark im 21. Jahrhundert ein ethnokulturelles Ghetto zu errichten, wie manch ein spanischer Intellektueller gegen die Causa catalana ins Feld geführt hat. Es ist eine Bewegung, die bisher in allen ihren Schritten darum bemüht war, demokratische Glaubwürdigkeit und kosmopolitische Offenheit zu vermitteln. Es ist in weiten Teilen eine Bewegung, die versucht, im realpolitischen "Europa der Staaten" eine Lücke für das "Europa der Bürger" aufzureißen."

Weiteres: In der FAZ staunt Patrick Bahners über den "Affekt gegen den Affekt" bei dem gegen die "Willkommenskultur" wetternden Jörg Baberowski. Die Welt übernimmt - selbstverständlich ohne Quellenangabe - Eva Quistorps Perlentaucher-Essay über "Deutsch als Fremdsprache".
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Politik

Offenbar gab es einen Deal zwischen Großbritannien und Saudi-Arabien - die Briten unterstützten den Eintritt Saudi-Arabiens in den UN-Menschenrechtsrat unter der Voraussetzung, dass das Königreich umgekehrt die britische Kandidatur unterstützt, berichtet Owen Bowcott im Guardian, der sich auf von Wikileaks enthüllte und bei UN Watch veröffentlichte Dokumente bezieht, und übrigens: "Riad sprach in diesem Jahr mehr als hundert Todesurteile durch Köpfen aus, mehr als der Islamische Staat, sagt man." Mehr hier.
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Internet

Internetwerbung ist kaputt, schreibt Jeff Jarvis bei Medium, "und wir Journalisten und Medien haben die Verantwortung, sie neu zu erfinden, denn Werbeleute und ihre Agenturen werden das bestimmt nicht tun, und unser Überleben hängt davon ab." Adblocker will Jarvis nicht abschaffen, sondern bessere Webeformen finden: "Wir Medien waren Komplizen und haben Werbung zugelassen, die unserem Publikum - den Leute, denen wir dienen und auf deren Vertrauen wir basieren - so auf die Nerven geht. Schande über uns." Hier alle Links zur aktuellen Debatte über Adblocker. Bei heise.de berichtet Torsten Kleinz, dass der Axel Springer Verlag seinen Prozess gegen den Werbeblocker Adblock Plus verloren hat.

Für Dirk von Gehlen ist in der SZ die Debatte um die Adblocker nur ein Teil der großen Veränderungen, die den werbefinanzierten Medien droht: "Die weitaus größere Frage lautet: Wie wird Werbung in Zukunft aussehen? Denn die großen Internetanbieter von Facebook bis Apple wollen sich nun auch an dem Geschäft der Werbeindustrie beteiligen - und zwar zu ihren Bedingungen."

Weiteres: Edward Snowden ist jetzt auch bei Twitter, melden Meedia (hier) und viele andere Medien. Und Recode meldet, dass Twitter demnächst seine Zeichenbegrenzung aufgibt.
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Kulturpolitik

Der Tagesspiegel startet eine Serie zur Frage, wie Kultur und Kulturpolitik den Flüchtlingen helfen können. Den Anfang macht Klaus-Dieter Lehmann vom Goethe-Institut: "Aufgrund der außergewöhnlichen Situation und des rasant steigenden Bedarfs an Deutschkursen erweitert das Goethe-Institut sein Angebot für Fortbildungskurse, in denen Ehrenamtlichen ein Grundlagenwissen Deutsch in der Spracharbeit mit Flüchtlingen vermittelt wird."

Annegret Erhard resümiert in der taz eine Tagung in Tutzing über den Stand der Provenienzforschung und Kooperationen zwischen Wissenschaft und Kunsthandel.

Gesellschaft

Anne-Catherine Simon fragt sich in der Presse, warum die dubiose Mafia-Vokabel "Respekt" eine so starke Konjunktur hat, dass sie sogar die "Toleranz" verdrängt: "Toleranz wurde traditionell eher "gewährt", Respekt war man schuldig. Er ist eine geistige Währung, mit der man (oft widerwillig) zahlt: Respekt wird "gezollt", eine Person "verdient" ihn ("Respekt!"). Man "schuldet" jemandem Respekt, etwas "nötigt einem Respekt ab". Oft geht Respekt mit Furcht einher, man wahrt dann einen "Respektabstand"."

In der taz berichtet Knut Henkel von der neuen Aufbruchstimmung in Guatemala, dessen Gesellschaft nach der Verurteilung des Dikatators Efraín Ríos Montt aus ihrer Apathie erwacht scheint: "Dass dies passieren konnte, ist auch ein Verdienst der Künstler Guatemalas. Es sind ihre Beiträge, die zumindest einen Teil der Jugend politisiert haben."
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Stichwörter: Guatemala, Mafia, Respekt