Efeu - Die Kulturrundschau

Diese gewisse Atmosphäre

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29.09.2015. Wie Kunst gemacht und wie Kunst zerstört wird, beobachtet die Presse bei der Biennale in Moskau. In der FAZ hört der Lyriker Dirk von Petersdorff den Theodor Storm im neuen Album von Lana del Rey. Die NZZ porträtiert den vielsprachigen Dramatiker Stefano Massini als neuen Europäer. Eine Basaltbuddha passt ausgezeichnet neben eine nackte Schöne von Cezanne, lernt die Welt im von der Heydt Museum.

Kunst

Wenig Geld und ein desolater Pavillon - schlechte Voraussetzungen für die Biennale Moskau. Aber die drei Kuratoren aus Rotterdam, Antwerpen und Wien machten das beste daraus, erzählt Sabine B. Vogel in der Presse: "So beginnt die Biennale auch nicht mit einer fertigen Ausstellung, stattdessen entstehen die Werke vor Ort. Fabrice Hyber porträtiert Besucher mit Farbe aus verdünntem Rohöl, Qiu Zhijie malt eine riesige Landschaft auf die Wand, Els Dietvorst gestaltet ihren "Totenkopf" mit einem Holzgestell, das mit Draht und Lehm überzogen wird. Ob diese Werke abschließend zerstört werden, so wie Luc Tuymans Wandmalerei, der einzige vorab vollendete Beitrag?" (Bild: Qui Zhije)


Links: Paul Cézanne, Weiblicher Akt, um 1886/1890, Von der Heydt Museum Wuppertal. Rechts: Königsmaske, sog. Batcham-Maske, Werkstatt von Bandjoun, Bamileke-Region, Kamerum, 19. Jh., Museum Rietberg Zürich

In der Welt porträtiert Tilman Krause den Sammler Eduard von der Heydt, der seine Sammlung von Klassischer Moderne, Sakralkunst, Ostasiatica und afrikanischen Masken Anfang der 50er Jahre teilte. Eine Ausstellung im von der Heydt-Museum in Wuppertal führt erstmals wieder den europäischen und außereuropäischen Teil der Sammlung - letzterer sonst im Museum Rietberg in Zürich untergebracht - zusammen: Basaltbuddhas aus dem 6. Jahrhundert, eine Königsmaske aus Kamerun oder eine Kriegerstatue aus Papua-Neuguinea "müssen sich dort die Aufmerksamkeit des Betrachters mit den Inkunabeln des Hauses, den Cézannes, Picassos, Modersohn-Beckers teilen, die von der Heydt seiner Vaterstadt zugedacht hatte. Und siehe da, sie vertragen sich aufs Beste. Sie feiern hier ein Fest des Pluralismus, ein Fest der Schönheit, die noch alle Grenzen überwunden hat."

Besprochen wird außerdem Charlemagne Palestines Schau "GesammttkkunnsttMeshuggahhLaandtttt" in der Kunsthalle Wien (Standard).
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Literatur

"Es sprechen die Ränder tief, wenn sie zu sprechen beginnen", schreibt ein beeindruckter Andreas Breitenstein über Liliana Corobcas Roman "Der erste Horizont meines Lebens". Sie beschreibt aus der Perspektive der 12-jährigen Cristina eine Szene, wie es sie in Moldawien häufig gibt: Kinder, die alleine groß werden müssen, während die Eltern im Ausland arbeiten gehen. Wie Cristina, die sich zu Hause um ihre zwei kleinen Brüder und die Tiere kümmern muss: "Liliana Corobcas Roman berichtet nicht nur mit Zärtlichkeit und Witz vom Schmerz und von der Geduld verlassener Kinder, er zeichnet mit hellwachem Realismus auch den wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Zerfall des bäuerlichen Milieus nach. Es wird viel geweint und gebangt, doch selbst wenn die Eltern da sind, löst sich nicht ein, wovon die Kinder träumen: Vater brüllt, und Mutter muss vorkochen. Kurz bleibt der Triumph, mit den abgetragenen Markenklamotten, die Mama heimgebracht hat, durchs Dorf zu stolzieren."

Weitere Artikel: In Finnland ist gerade Sofi Oksanens neuer Roman "Norma" erschienen, meldet Aldo Keel in der NZZ: "Der Roman dreht sich laut finnischen Presseberichten um Leihmutterschaft, organisierte Kriminalität, Steueroasen und die globale Handelsware Haar." Anne Burgmer unterhält sich für die FR mit David Lagercrantz über dessen Fortsetzung zu Stieg Larssons "Millennium"-Krimireihe.

Besprochen werden u.a. Salman Rushdies Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" (NZZ), Astrid Rosenfelds Roman "Zwölf Mal Juli" (NZZ), Richard Fords "Frank" (Tagesspiegel) und Stephen Kings "Finderlohn" (Berliner Zeitung).
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Bühne

In der NZZ porträtiert Barbara Villiger Heilig den Dramatiker Stefano Massini, der neben Italienisch auch Hebräisch, Arabisch, Russisch, Englisch und demnächst Deutsch spricht. Der Autor der "Lehman Trilogy" ist neuer "consulente artistico" am Piccolo Teatro di Milano und will dort mehr "Internationalisierung; mit gewissen Tendenzen in seinem Heimatland, vorwiegend den eigenen Flecken zu feiern, kann er, der sich zur "Generation Erasmus" zählt, rein gar nichts anfangen. Die Gründe dafür finden sich lange vor der Universität, wo Massini klassische Philologie studierte. Florentiner mit Jahrgang 1975 (genau: wie Matteo Renzi), kam er als Kind in eine Schulklasse mit 25 Schülern, von denen gerade einmal vier aus italienischen Familien stammten. Der Rest - zum Einzugsgebiet des peripheren Wohnquartiers gehörte Prato - waren Chinesen, Maghrebiner und bereits einige Osteuropäer."

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Astrid Kaminski Ciprian Marinescu vom Berliner HAU-Theater, der im rumänischen Temeswar das erste Performance-Festival kuratiert. Sylvia Staude unterhält sich in der FR mit Jacopo Godani, dem neuen Leiter der mittlerweile in Dresden Frankfurt Dance Company umbenanten Forsythe Company. Andreas Kurtz spricht in der Berliner Zeitung mit Ben Becker über dessen "Ich, Judas"-Projekt. Gunda Bartels plaudert im Tagesspiegel mit Rainald Grebe, dessen Stück "Westberlin" diese Woche an der Berliner Schaubühne Premiere feiert.

Besprochen werden Cornelia Crombholz" in Magdeburg aufgeführte Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Roman "Kruso" (FR), Oscar Strasnoys in der Berliner Staatsopern-Werkstatt gezeigte "Geschichte" (Tagesspiegel), Amir Reza Koohestanis in Frankfurt aufgeführtes Stück "Hearing" (SZ) und die deutsche Erstaufführung von Jennifer Haleys "Netzwelt" am Münchner Residenztheater ("ein täuschend schlichtes Kunstmärchen", schreibt Patrick Bahners in der FAZ).
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Film

Bert Rebhandl stellt im Standard eine Reihe zum Werk der österreichischen Filmemacherin Mara Mattuschka im Filmcasino Wien vor. In der Welt empfiehlt Eckhard Fuhr wärmstens die dritte Staffel der ARD-Serie "Weissensee". Der Schauspieler Rupert Everett spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über seine Rolle als George VI. in dem Film "A Royal Night", Twitter, die Ehe und seine erste Regiearbeit. In der NZZ schreibt Susanne Ostwald zum Zurich Film Festival.

Besprochen werden der neue Pixar-Film "Alles steht kopf" (FAZ), Sanna Lenkens "Stella" (SZ) und Mathias Glasners ZDF-Serie "Blochin" (Berliner Zeitung, hier alle Folgen in der Mediathek).
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Musik

Fast durchweg zufrieden ist der Lyriker Dirk von Petersdorff in der FAZ mit dem neuen Album von Lana Del Rey, auch wenn sie für seinen Geschmack diesmal ein paar Mal zu oft den sterbenden Schwan gibt. Dennoch hat ihn die Wehmut des Albums gepackt: "Diese Welt aus Westcoast-Versatzstücken ist so arrangiert, dass sie ihre Konturen verliert, der Gegenwart entrückt, dass Erde und Himmel sich annähern. Boys, Flamingos oder blue ribbons on ice - alles dient nur dem einen Zweck: diese gewisse Atmosphäre hervorzubringen, "high by the beach" zu werden, in eine Wolke aus Stimmen und Lauten zu geraten. Wie sagte Theodor Storm noch über die deutsche Westküste: "Vernehmlich werden die Stimmen, die über der Tiefe sind." Eine solche Stimme möchte Lana Del Rey offenbar werden." Thomas Hübener von der Spex sieht diese "Hohepriesterin des Sepia-Sadcore-Soul" bereits als nächste Muse David Lynchs.



Weitere Artikel: In der taz schreibt Andreas Hartmann ein Loblied auf das Neue-Musik-Ensemble Zeitkratzer, das am 30. Oktober in Berlin Kriegslieder aus dem Ersten Weltkrieg aufführen wird. Jens Balzer tummelt sich für die Berliner Zeitung auf dem Reeperbahnfestival. Iván Fischer und sein Orchester touren in Ungarn durch verlassene Synagogen, um damit die Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden in der ungarischen Provinz aufrechzuerhalten, erzählt Cathrin Kahlweit in der SZ. Josef Oehrlein schreibt in der FAZ vom rumänischen Enescu-Festival in Bukarest, das sich dank einer großzügigen Finanzspritze aus Staatsmitteln spürbar im Aufwind befindet. Alan Posener gratuliert in der Welt Jerry Lee Lewis zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert des Kaleidoscope String Quartets in Zürich (NZZ), "Exaiphnes" von Thanos Chrysakis (Skug) und das neue Album von Mercury Rev (The Quietus).
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Design

Mit einer ganzen Seite würdigt das SZ-Feuilleton das Design made in DDR: Jens Bisky preist die schlichte Funktionalität des DDR-Designs und den darin schlummernden Fortschrittsglauben: "Man schätzt solche Produkte richtig erst in einer Umwelt, der auch das Einfachste nicht selbstverständlich, sondern aufdringlich besonders sein will. Die schönsten Beispiele des DDR-Designs erinnern heute an eine Moderne, die an Wohlstand, Schönheit, Sauberkeit durch Naturbeherrschung glaubte: Nostalgie für Fortschrittsfreunde."

Laura Weißmüller spricht mit dem Sammler Günter Höhne, der ein Loblied auf die Robustheit der damaligen Produkte singt. Sollbruchstellen habe es in der Planwirtschaft nämlich keine gegeben: "Wer sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt, der stößt automatisch auf DDR-Design." Und Kathleen Hildebrand erinnert an den Designer Franz Ehrlich.
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