9punkt - Die Debattenrundschau

Hinter einem Sagen das Tun verbergen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2015. In seinem Pandaemonium-Blog verteidigt Kenan Malik die Meinungsfreiheit in Zeiten der Identitätspolitik. Die FAZ beobachtet die Eskalation im ukrainisch-russischen Kulturkampf. In der taz warnt Georg Seeßlen vor dem Realismus in der Politik. Die NZZ fürchtet Medien, die unbefugt Öffentlichkeit herstellen und Institutionen schaden. Die NYRB besucht Kuba. Slate freut sich, dass David Simon in seiner neuen HBO-Serie sozialen Wohnungsbau zu einem sexy Thema macht.

Ideen

Aus seinem Pandaemonium-Blog attackiert Kenan Malik jene falsche Progressivität, die in Zeiten der Identitätspolitik die Meinungsfreiheit immer weiter einschränken will: "Hassreden würden die Freiheit untergraben, ohne Angst zu leben. Beleidigungen schränkten die Freiheit auf eigenen Glauben und eigene Werte ein. Die freie Rede müsse deshalb besonders in diversifizierten Gesellschaften mit ihrer Vielzahl von Sichtweisen und Überzeugungen durch Regeln beschränkt werden, Zensur (und Selbstzensur) müsse die Norm werden. Tatsächlich wird Zensur inzwischen nicht nur mehr als Norm betrachtet. Für viele ist Zensur ein progressiver Akt geworden, ein Mittel, um Menschen zu schützen und die Macht herauszufordern. Einschränkungen von Hassreden, wird argumentiert, schützen diejenigen, die Rassismus, Homophobie und Misogynie ausgesetzt sind. Einschränkungen verletzender Rede schütze die Würde machtloser Gruppen. Der Gebrauch von trigger warnings schütze die emotional Verletzlichen. Und so weiter."

Außerdem: Barbara Möller denkt in der Welt über die Sterblichkeit von Idolen nach.
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Politik

Für ein an Paranoia grenzendes Grundübel der Politik hält Georg Seeßlen in der taz den allenthalben so gern beschworenen Realismus in der Politik, das sich Abfinden mit den Gegebenheiten: "Der "realistische" Sozialdemokrat versucht den "Konservativen" an antisozialer, nationalistischer und undemokratischer Praxis zu übertreffen. Allgemeiner: Der realistische Berufspolitiker ist gleichsam strukturell der Mensch, der das Gegenteil von dem macht, was er sagt. Weil das Tun einer anderen Form des Realistischen entspricht als das Sagen. Es ist realistisch, hinter einem Sagen das Tun zu verbergen. Es ist, nur zum Beispiel, rea­lis­tisch, das Volk als dumm, träge und gewalttätig anzusehen." Wie weit einen das Unrealistische bringt, will Seeßlen aber auch nicht sagen.

Gestern wurde auf Kuba wieder die amerikanische Flagge über der Botschaft gehisst, im Blog der NYRB begrüßt Esther Allen sehr die Möglichkeit, eingefahrene Sichtweisen revidieren zu können: "Es gibt zwei Seiten unseres vereinfachten Kuba-Bildes: Dass nur wir Amerikaner es retten können oder dass nur wir es, allein schon durch unsere Anwesenheit, zwangsläufig zerstören werden, einschließlich all der Dinge, die wir so attraktiv finden. Zumindest von den Kubanern, mit denen ich gesprochen habe, wird keine der beiden Sichtweisen geteilt."

Ebenfalls im Blog der NYRB erkennt der Reiseschriftsteller Pico Iyer ausgerechnet zwischen Las Vegas und Pjöngjang, diesen beiden Kapitalen der systemischen Extreme, im frappierende Ähnlichkeiten: "Beide Städte entspringen einem Denken aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das sah, wie Macht und Profit mit dem Bau von Massenfantasien aus dem Nichts geschaffen werden können."
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Europa

In der FAZ berichtet Kerstin Holm, dass die russischen Behörden die Arbeiten der britischen Historiker John Keegan und Anthony Beevor als "faschistisch" einstufen. Unglücklich ist sie aber auch mit der Schwarzen Liste, auf welche die Ukraine 38 russische Autoren gesetzt hat, darunter Alexander Dugin und Eduard Limonow. "Unterdessen leiden viele Ukrainer schon unter dem Verbot russischer Kinofilme und Seifenopern. Unter den Bann fällt alle von Russen seit Beginn des Ukraine-Konflikts produzierte Kinoware, außerdem Filme, die russische Staatssicherheitskräfte in positivem Licht zeigen, etwa die beliebten russischen Polizeikomödien. Ukrainische Fernsehmanager zerbrechen sich die Köpfe, mit welchem medialen Billigfutter sie deren tiefe Lebenswahrheit ersetzen können."

Im FAZ-Feuilleton verteidigt der CDU-Politiker Norbert Röttgen die Hilfen für Griechenland. Der Euro sei nicht unzerstörbar, aber unumkehrbar.

Im Tagesspiegel erinnert Nicole Hegener daran, dass morgen der Palio von Siena stattfindet, das gefährlichste, aber spektakulärste Pferderennen der Welt. Aber aufgepasst: "Der schweißtreibende Wettstreit dauert nur 90 Sekunden, für diese kurze rauschhafte Spannung lebt Siena das ganze Jahr." Hier das Spektakel im Livestream.
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Internet

Zur heute in Heidelberg beginnenden Open-Source-Konferenz DebConf 15 lässt sich Svenja Bergt von Allison Randal in der taz noch einmal die Vorzüge der Bewegung erklären: "Einhörner sind sehr selten und die Leute glauben, sie existierten gar nicht. Und bei Open-Source-Software denken viele Leute: Das funktioniert doch gar nicht, wie soll man damit Geld verdienen? Aber wenn sie erst einmal den richtigen Weg gefunden haben, sie zu nutzen oder zu entwickeln, dann stellt sich heraus, dass sie extrem wertvoll ist."
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Stichwörter: Open Source

Geschichte

In der NZZ erklärt die Japanologin Daniela Tan, warum Japan sich seit 1945 so schwer mit dem Eingeständnis einer Kriegsschuld tut: Es liegt an der Rolle des Tenno. Alan Posener besucht für die Welt deutsche Soldatenfriedhöfe in Belgien.
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Religion

In Rom wurde ein Platz nach Martin Luther benannt, meldet Joachim Frank in der FR. In Bayern gedenkt man heute unterdessen Mariä Himmelfahrt: Somit gibt es keine SZ.
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Stichwörter: Martin Luther

Medien

In der NZZ findet Bernd Noack das Blog netzpolitik.org zwar ganz honorig, aber dass die Blogger mit Journalisten gleichgestellt werden wollen, findet er abwegig: "Wenn einer Zeitung brisantes Material angeboten wird, dann durchläuft das in der Regel die unterschiedlichsten Instanzen, bis es zu einer Veröffentlichung kommt. Eine verantwortungsvolle Redaktion wird auf eine Publikation verzichten, wenn sich absehen lässt, dass eine Weiterverbreitung strafrechtliche Konsequenzen haben oder vielleicht sogar bestimmten Personen oder Institutionen schaden könnte. Wenn ein eifriger Blogger, der sich - möglicherweise auch im Edward-Snowden-Sog - öffentlich als unabhängig präsentiert und anbietet, das gleiche Material in die Hände bekommt, dann wird er vielleicht seine große Chance wittern. Er kann darauf hoffen, dass sein Blog sofort in aller Munde sein wird." Zeitungen ist dieser Gedanke selbstverständlich ganz unbekannt.

In Slate schwärmt Willa Paskin von David Simons neuer HBO-Serie "Show Me a Hero", in der es um - ja! - sozialen Wohnungsbau geht, genauer gesagt um die diskrimierende Wohnungsbaupolitik in Yonkers, New York: "Taking wonky, dry, slow, intractable, expansive, and important social issues - in other words, subjects that seem innately anathema to television - and making them sexy, or at least dramatic, is David Simon"s preferred mode."
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