9punkt - Die Debattenrundschau

rladadmrbabw

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2015. In Le Monde sucht Alain Badiou das Glück jenseits von Horaz und Pascal Bruckner. Politico.eu graust's vor dem in Großbritannien drohenden und von Jeremy Corbyn herbeigeführten Triumph des Neoliberalismus. Die FAZ setzt ihre Kampagne gegen die "selbsternannte" Öffentlichkeit fort. Die Welt schildert den "Krieg" David Camerons gegen die BBC. Die NZZ sucht Alternativen zu London.

Ideen

In einem Gespräch mit Nicolas Truong von Le Monde versucht der leninistische Philosoph Alain Badiou zu erklären, was Glück ist. Ganz gewiss nicht das "Carpe diem" des Horaz. "Das ist nicht gerade sensationell. Es liegt in diesen antiken Weisheiten ein tiefer Egoismus... Der "realistische" Philosoph soll also sagen "Verzichten wir auf jede Perspektive der Veränderung der Welt, richten wir uns ein"? Oder in der Version, die Pascal Bruckner von diesem halsstarrigen Konservatismus verbreitet: "Der westliche Lebensstil ist nicht verhandelbar"? Damit finde ich mich nicht ab. Ich will etwas anderes."
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Europa

David Patrikarakos von Politico.eu kann es kaum fassen, dass der Superlinke Jeremy Corbyn für die Labour-Führung favorisiert wird. Corbyns Hamas- und Putin-Sympathie kann er noch verstehen (weil die Linke immer gern mit solchen Figuren kungelte): "Was so unerklärlich und unentschuldbar ist, wie selbstzerstörerisch die Unterstützung der Linken für Corbyn wirkt. Denn eins ist klar: Eine Stimme für Corbyn ist eine Stimme für mehr Austerität, mehr "Nullstundenverträge" und mehr "Neoliberalismus" (dies halbverstandene, aber so omnipräsente Schreckgespent aller Corbynisten) - aus dem einfachen Grund, weil eine Wahl Corbyns Wahlniederlage und eine Fortsetzung der Tory-Regierung bedeutet."

In der taz plädiert Bernhard Clasen im Ukraine-Konflikt für kleine Lösungen. Er empfiehlt eine Lösung wie in der Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan, wo der Krieg mit Aserbaidschan seit zwanzig Jahren ungelöst, aber eingefroren ist.
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Kulturpolitik

Im FR-Interview mit Arno Widmann erklärt Gereon Sievernich, Direktor des Berliner Martin-Gropius-Baus, sein einfaches, aber schlagendes Konzept: "Wir fügen die Welt, die draußen auseinanderfliegt und die sonst streng geteilt in Spartenmuseen ausgestellt wird, hier wieder zusammen. Ich meine, wir sind eine Art virtuelles Universalmuseum... Nichts, was menschliche Kreativität betrifft, ist mir fremd. Das wird eine sehr beeindruckende Ausstellung werden. Sie führt zurück an die Anfänge menschlicher Kunstausübung. Ich kann hier im Gropius-Bau zehntausend Jahre menschlicher Schöpferkraft zeigen. Wunderbar! Ein herrlicher Job!"
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Gesellschaft

Inzwischen werden Luxuswohnungen in London bis zu vier Etagen in die Tiefe gebaut, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ, solch absurde Ausmaße nimmt der Zuzug der internationalen Plutokratie in die Stadt an: "Nicht nur der Mittelstand und Einwohner mit geringem Einkommen, auch junge oder wenige verdienende Kreative werden an die Ränder und in die Vororte gedrängt. Wo gestern noch Hipster-Central war, ist heute der Jagdgrund der reichen "Yummy Mummies" und ihrer Familien. Küstenstädte wie Brighton - längst etabliert - und Southend entwickeln sich mittlerweile zu Alternativen für Kunstschaffende, die sich London nicht mehr leisten können oder wollen. Andere Orte am Meer wurden zum "dumping ground of the poor", zur Müllhalde für die Armen, die dort billig unterkommen... Die Stadt wird, wie der Spectator befürchtet, zu einem "Monaco ohne Sonne"."
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Stichwörter: London, Jugendbewegung

Internet

Große Websites wie The Verge schaffen ihre Kommentarthreads ab oder schränken sie ein. Einer der Gründe für das andauernde Problem mit der Qualität von Kommentaren ist laut Jessamyn West in Medium: "Die Arbeit von Moderatoren ist fast unsichtbar, wenn sie sie gut machen. Für ein unsichtbares Produkt bezahlt zu werden, ist nicht gerade Teil einer Start-Up-Ökonomie. Mit begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen, erreicht man mehr mit seinem Geld, wenn man Dinge tut, die Geld bringen und sichtbar sind. Alle menschlich vermittelten Interventionen - Hilfe, Moderation, Missbrauchsbekämpfung - bringen keine Skaleneffekte."
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Stichwörter: Internet-Kommentare

Politik

Lawrence Lessig, einer der Miterfinder der Creative-Commons-Bewegung und heute eher Streiter gegen Lobbyismus in der US-Politik tritt als Präsidentschaftskandidat bei den Vorwahlen in den USA an, berichtet Peter Mühlbauer bei Telepolis: "Dass Lessig bei den Demokraten antritt ist keine Selbstverständlichkeit: Früher war er bei den Republikanern aktiv - und auch danach legte er immer wieder dar, dass Politiker der Demokratischen Partei, die traditionelle enge Verbindungen zur Unterhaltungsindustrie pflegt, in höherem Ausmaß für Immaterialgüterrechtsverschärfungen verantwortlich waren als Republikaner."
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Medien

Eckart Lohse setzt die FAZ-Kampagne gegen die Internetöffentlichkeit (unsere Resümees) fort und warnt vor Bloggern, die durch Veröffentlichung von Namen Agenten der Regierung gefährden könnten: "Bis vor wenigen Jahren hatten nur etablierte Medien und ausgebildete Journalisten überhaupt die technischen Möglichkeiten, solche Informationen zu verbreiten, indem sie sie druckten oder sendeten. Seriöse Medien würden sich im genannten Fall dagegen entscheiden." (Und hätten uns Edward Snowden erspart, wie?)

Im Interview mit der Berliner Zeitung zeigt sich der Medienberater Till Fischer nicht sonderlich beeindruckt vom gern proklamierten Erfolg der E-Paper, auch wenn die Zahlen tatsächlich steigen: "Derzeit machen E-Paper etwa fünf Prozent aller verkauften Zeitungsexemplare aus. Unklar ist auch, wie viele davon reine E-Paper sind, da das E-Paper oft in Kombination mit dem regulären Zeitungsabo vertrieben wird. Man darf auch nicht vergessen, dass Verlage ihre E-Paper-Angebote subventioniert haben, indem sie das Abo mit einem Tablet angeboten haben."

Immer auf der Höhe der Zeit, weiß Stephan Porombka im Freitag, dass "Lol" total out ist, eigentlich von vorgestern, so lacht kein Mensch mehr "im Netz": "Wenn lol aber nicht mehr geht, was geht dann? Auf jeden Fall sollte man nicht ausweichen auf rofl (rolling on the floor laughing), auf lmao (laughing my arse off) oder pmsl (pissing myself laughing). Auch deutsche Versionen wie mmvlidh (mache mir vor Lachen in die Hose) oder rladadmrbabw (rolle lachend auf den abgezogenen Dielen meiner riesigen Berliner Altbauwohnung) werden längst nicht mehr benutzt. Wer das schreibt, wird ausgelacht. Und zwar nicht mit lol, sondern mit haha."

"David Cameron erklärt der BBC den Krieg", schreibt Eva Ladipo in der Welt und schickt dafür den Kulturminister John Whittingdale vor, der den Etat der Anstalt schon mal um 885 Millionen Pfund gekürzt hat: "Nach der Vorstellung des neuen Kulturministers soll sich die öffentlich-rechtliche Anstalt auf das beschränken, was werbefinanzierte Privatsender nicht leisten können: Informationen, Nachrichten, Nischenprogramme. Teure Unterhaltungsprogramme soll die BBC der kommerziellen Konkurrenz überlassen. Teure Stars ebenfalls."

Thomas Steinfeld berichtet in der SZ von mühsamen Reformen beim italienischen Staatssender RAI.
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